10° s
- Doch weil schon Ablaßhandelspriester
Von Ängsten gründlich profitierten
Sind wir vorsorglich auf der Hut:
Was gut sich gibt, ist längst nicht gut.
- 01.12.07 Das allmähliche Verschwinden des deutschen Konservatismus. Nach zwei Jahren großer Koalition ist die CDU eine recht sozialdemokratische Partei.
Berlin, 30. November/Rechts und links lassen sich heute in Deutschland nicht immer auseinanderhalten. Während bei den Grünen selbst ein linker Landesverband wie Berlin die Idee eines Grundeinkommens aus Steuermitteln als zu kostspielig verwirft, fordert der CDU-Politiker Dieter Althaus genau dies. Der thüringische Ministerpräsident ..." NZZ
- Das Bild der Wirtschaft in deutschen Schulbüchern BRAUNSCHWEIG, 22. Juni. Werden deutsche Schüler geprägt von Schulbüchern, die freies Unternehmertum, Risikobereitschaft und Wettbewerb verdammen? Zwei Untersuchungen seit Jahresbeginn deuten darauf hin. weiter
F.A.Z.22. Juni 2008
- "Wenn man man freundlich zu ihnen ist, werden sie gleich doppelt so mutig, kommen sie nicht anders an Nahrung, wenden sie Gewalt an ..." Sazuze über Wildschweine
- "Unausrottbar. Nicht nur Zeitungen, sondern auch Fachzeitschriften warten gern mit Neuigkeiten auf. Wenn daher, wie in der vergangenen Woche geschehen, das Wissenschaftsjournal "Nature" berichtet, wissenschaftliches Fehlverhalten komme viel häufiger vor als vermutet, darf man einen gewissen Neuigkeitswert veranschlagen. In der Tat werden aufregende Ergebnisse vorgestellt. Sie beruhen auf einer Umfrage unter rund zweitausend Wissenschaftlern in den Vereinigten Staaten. Neun Prozent der Befragten gaben an, Zeugen wissenschaftlichen Fehlverhaltens geworden zu sein. Beispiele dafür sind das Schönen von Ergebnissen, etwa durch Wegretuschieren unliebsamer Bande auf Chromatogrammen, und das Vervielfältigen von Daten durch unterschiedliche Beschriftung. Viele Schlampereien, Schummeleien und Betrügereien werden offenbar vertuscht. Insgesamt fällt ein tiefschwarzer Schatten auf die glänzende Forschungslandschaft, und es wäre naiv zu glauben, in anderen Ländern gehe es ehrlicher zu. So weit die Botschaft - aber was ist an ihr neu? Im Grunde nichts, und gerade das ist die Nachricht. "Wissenschaftler betrügen häufiger als vermutet" hieß ein Artikel, der vor vierzehn Jahren hier auf Natur und Wissenschaft erschienen ist. Die Selbstreinigungskräfte konnten anscheinend nicht genügend mobilisiert werden. Somit verflüchtigt sich zusehends jene Aura der absoluten Seriosität, in die sich viele Wissenschaftler allzu gern hüllen. Ihr Ethos wird immer öfter als Mythos empfunden. Trotzdem muss man den Leiter des Biologiepraktikums nicht gleich ächten, weil er seinen erschöpften Studenten nach Stunden des Experimentierens empfiehlt, einen absurden Messwert zu verwerfen. Er legt zwar so den Keim für kleine Laborgaunereien, aber wo Menschen agieren, ist wenig Platz für übermenschliche Tugenden. Fehlverhalten ist unausrottbar, auch in der Wissenschaft. Nur überhandnehmen darf es nicht. R.W.
Text: F.A.Z., 25.06.2008, Nr. 146 / Seite N1
- "Maxdata. Ein Computerhändler erliegt dem Wettbewerb. Einst einer der größten PC-Hersteller Deutschlands, hat Maxdata am Mittwoch Insolvenzantrag gestellt. Für viele Beobachter kommt dies nicht überraschend, litt das Unternehmen doch schon seit langer Zeit unter schrumpfenden Umsätzen und schrieb rote Zahlen. ..." 25.6.
- Kein Fußballer: Karl Landsteiner (* 14. Juni 1868 in Baden bei Wien; † 26. Juni 1943 in New York) war ein österreichischer Pathologe und Serologe, der 1901 das AB0-System der Blutgruppen entdeckte, wofür er erst 1930 den Nobelpreis für Medizin erhielt. 1921 führten ihn weitere Arbeiten zur Prägung des Begriffs Hapten; 1940 entdeckte er außerdem mit Alexander Solomon Wiener den Rhesusfaktor. (Wiki.)
Donnerstag, 26. Juni 2008
Mittwoch, 25. Juni 2008
Familie, Japan, FARM DER TIERE
- "Kinderland abgebrannt
Michael Winterhoff stellt der Familie eine düstere Zukunftsprognose aus
... Die Kinder des einundzwanzigsten Jahrhunderts sind demnach narzisstisch gestört, nicht mehr lern- und leistungsbereit und agierten rein lustorientiert. Über die Ansätze dieser alten Zöpfe lässt sich natürlich immer trefflich streiten. Die Erziehungswissenschaft tut dies seit jeher, und verlässlich ist dabei allein der Wandel: von der autoritären zur antiautoritären Erziehung, vom Frontalunterricht zur Gruppenarbeit, vom Zwang hin zur Freiheit. Auf die Ächtung der Erziehung folgt dann wieder der Ruf nach Ordnung, eben das Lob der Disziplin.
Jetzt ist es also Michael Winterhoff, der es mit seinen Überlegungen, warum sich unsere Kinder zu "Monstern" entwickeln, "vor denen wir im Alltag immer häufiger mit einer großen Fassungslosigkeit stehen", in die Bestsellerlisten geschafft hat. Winterhoff sieht Deutschland im "Höllenritt" auf eine Katastrophe zusteuern. Mit Übertreibungen solcher Art will der Autor offenbar Aufmerksamkeit erregen, doch lenkt er damit vor allem von einigen seiner durchaus bedenkenswerten Thesen ab.
Tatsächlich verzeichnet die Bundeskonferenz für Erziehungsberatung seit ein paarJahren einen Anstieg der Anfragen, dreißig Prozent aller Kinder und Jugendlichen befinden sich heute in Behandlung von Ergotherapeuten, Logopäden und Psychotherapeuten, und ein Viertel aller Schulabgänger hat Schwierigkeiten während der Ausbildung. Anders als früher, so Winterhoffs Resümee nach dreißig Jahren psychiatrischer Praxiserfahrung, könnten viele Kinder heute nicht mehr richtig sprechen, sich nicht mehr konzentrieren, seien motorisch unterentwickelt und unfähig zu Freundschaft: "Jeder Zugang zu ihnen scheint unmöglich geworden zu sein, sie terrorisieren ihre Umwelt mit einem inakzeptablen Verhalten und sind gegen Steuerungsversuche von außen absolut immun." Ihr Sozial- und Leistungsverhalten sei viel schlechter als das vergleichbarer Altersgruppen vor fünfzehn Jahren. Und während die Öffentlichkeit verhaltensauffällige Kinder allzu oft in verwahrlosten Verhältnissen verortet, begegnet Winterhoff in seiner Sprechstunde immer häufiger Kindern aus sogenannten intakten Familien, deren Eltern sich besonders liebevoll um den Nachwuchs bemühen.
Gerade darin liegt für den Autor ein großes Problem, das er auf dem Feld der Tiefenpsychologie und der Psychiatrie diskutiert: Nicht die Kinder sind demnach krank und müssen therapiert werden; vielmehr sind es die Eltern, deren beziehungsgestörtes Verhalten dazu führe, dass Kinder oftmals psychisch unterentwickelt sind. "Die heutige Misere ist deshalb keine Bildungsmisere, sondern eine Beziehungsmisere", glaubt der Kinderarzt. Weil Kinder heute nicht mehr geführt, in ihrem Verhalten gespiegelt und also geschützt, sondern durch Kumpelei der Erwachsenen um ihre Entwicklung gebracht würden: Eltern machten sich Kinder als kleine Erwachsene ebenbürtig und überforderten sie damit restlos. Eltern verwechselten Geborgenheit mit Grenzenlosigkeit und wollten in einer Gesellschaft, die Bedürfnisse nach Anerkennung und Ordnung kaum erfüllt, die innere Leere mit der Liebe ihrer Kinder kompensieren. Dass die Kinder zum Partner erhoben werden und als Zuwendungslieferant herhalten müssen, stellt für Winterhoff einen emotionalen Missbrauch an Kindern dar auf den Stufen der Partnerschaft, Projektion und Symbiose. Er fordert, Kinder wieder als Kinder wahrzunehmen, was freilich schon Rousseau nicht anders empfahl.
Dass der Autor die gesellschaftliche Fehlentwicklung unserer Tage mit den Erziehungskonzepten der siebziger und achtziger Jahre begründet, die ihre Hauptaufgabe im Schleifen des Autoritätsbegiffs sahen, verwundert nicht. Er propagiert ein Erziehen im Sinne von Leiten und Führen, weil er es für die Psyche der Kinder als hochproblematisch ansieht, ihnen nahezu unbegrenzte Selbstverwirklichung zuzugestehen. Das aber tun ihm zufolge heute alle, die die kindliche Entwicklung beeinflussen können, neben Eltern also auch Erzieher, Lehrer, Großeltern und Therapeuten. Mit ihrer Wellness-Pädagogik - Liebe statt Grenzen, Argumente statt Vorschriften - brächten sie die unglücklichen kleinen Despoten erst hervor: Die Kindergärten praktizierten statt Regeln und verlässlichen Strukturen offene Konzepte, die Grundschulen freien Unterrichtsbeginn und selbständiges Lernen. Was eigentlich dazu gedacht sei, den Kindern den Druck zu nehmen, führe in Wahrheit zu Überforderung, "weil die Kinder keinerlei Orientierung im schulischen Alltag geboten bekommen".
Winterhoff gilt der Harmoniedrang als eines der Hauptprobleme moderner Erziehung. Und in einem scheinen die Pädagogen sich einig: Der Wandel der Beziehungen und des Familienlebens, das Schwinden traditioneller Werte sowie Fernsehen und Internet haben Erziehung schwieriger und anstrengender gemacht. Auf die Veränderungen der modernen Kindheit hat die Erziehungswissenschaft bislang kaum Antworten gefunden.
Kinderland ist also abgebrannt? Michael Winterhoffs Pamphlet, angereichert mit bestürzenden Fallbeispielen und Szenen aus dem Kinderalltag, scheint keinen anderen Schluss zuzulassen. Dennoch möchte man dem Autor entgegenhalten, dass Eltern besser sind als ihr Ruf. Die allermeisten nehmen das Projekt Erziehung sicherlich ernst und nähern sich diesem mit Menschenverstand und Intuition, wissend um das hierarchische Generationsverhältnis. Ein gewisser Grad an Verunsicherung lässt sich wohl nicht leugnen. Viele Eltern, bombardiert von Expertenratschlägen, wissen oft eher, was sie nicht wollen: Weder die autoritäre Strenge ihrer Großeltern noch die nachfolgenden Konzepte, als Eltern sich von ihren Kindern Stefan und Ulrike nennen ließen.
Eltern sind nie perfekt. Jede Familie ist eine Welt für sich, in der gesamtgesellschaftliche Thesen oft nicht greifen. Deshalb führt es auch nicht sonderlich weit, den "Erziehungsnotstand" allein den Siebzigern und Achtzigern in die Schuhe zu schieben, wie der Autor es tut. Es hat sich schließlich gezeigt, dass aus den Kinderladen-Kindern keineswegs nur Schulversager hervorgegangen sind, sondern ebenso wissbegierige, tolerante und kommunikative Menschen wie zuvor - und sei es aus Protest gegen die Eltern. Sandra Kegel
Michael Winterhoff: "Warum unsere Kinder Tyrannen werden". Oder: Die Abschaffung der Kindheit. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2008.
191 S., geb., 17,95 [Euro]. Text: F.A.Z., 20.06.2008, Nr. 142 / Seite 43
- Sandra Kegel sollte einmal eine längere Studienreise nach Japan unternehmen, um zum Beispiel im Vergleich herauszufinden, wie ungepflegt, wie faul, wie unverschämt, wie undiszipliniert und wie ungebildet größere Teile der deutschen Jugend sind. : " Japan - Klassenziel Baseball-Olymp.
Baseball ist für Japans Jugend zum Kult geworden. Dieser Sport bietet ihnen die Gelegenheit, eherne japanische Tugenden wie hartes Arbeiten, Hingabe, Aufopferung, Selbstlosigkeit und sportliche Fairness unter Beweis zu stellen. Jährlich findet im Koshien-Stadion von Osaka ein landesweit beachtetes Baseball-Turnier statt, an dem nahezu 4.000 Schulmannschaften teilnehmen.
Die 49 besten tragen letztendlich die nationale Meisterschaft untereinander aus. Es geht dabei um nicht weniger als das Erreichen des Finales, eine Art Baseball-Olymp, die den Teilnehmern außer Ruhm und Ehre für ihre Equipe nicht zuletzt auch eine der begehrten Profi-Angebote einzubringen verspricht. Für viele tausend japanische Teenager, ihre Familien und Lehrer sowie für Millionen Zuschauer ist Baseball japanische Tugend in Reinkultur." (Usa, 2006,) ARTE F Regie: Kenneth Eng
- George Orwell (1903-50), beinahe hätte er keine Gelegenheit mehr gefunden, seine großartige FARM DER TIERE zu schreiben: "... Spanienkrieg.
1937 nimmt Orwell auf Seiten der (als trotzkistisch geltenden) POUM (Partido Obrero de Unificacion Marxista, Arbeiterpartei der Marxistischen Einheit) am spanischen Bürgerkrieg teil und wird dabei schwer verwundet (Halsdurchschuss). Der Verfolgung durch moskautreue Kommunisten entzieht er sich, indem er Spanien wenig später verlässt. Viele seiner ehemaligen Kameraden wurden eingesperrt und vermutlich nie wieder in die Freiheit entlassen. Das Buch Mein Katalonien (engl.: Homage to Catalonia) ist ein Erfahrungsbericht und eine Analyse des spanischen Bürgerkriegs, des damaligen politischen Geschehens und der Rolle der Medien. ..." (Wiki.)
Michael Winterhoff stellt der Familie eine düstere Zukunftsprognose aus
... Die Kinder des einundzwanzigsten Jahrhunderts sind demnach narzisstisch gestört, nicht mehr lern- und leistungsbereit und agierten rein lustorientiert. Über die Ansätze dieser alten Zöpfe lässt sich natürlich immer trefflich streiten. Die Erziehungswissenschaft tut dies seit jeher, und verlässlich ist dabei allein der Wandel: von der autoritären zur antiautoritären Erziehung, vom Frontalunterricht zur Gruppenarbeit, vom Zwang hin zur Freiheit. Auf die Ächtung der Erziehung folgt dann wieder der Ruf nach Ordnung, eben das Lob der Disziplin.
Jetzt ist es also Michael Winterhoff, der es mit seinen Überlegungen, warum sich unsere Kinder zu "Monstern" entwickeln, "vor denen wir im Alltag immer häufiger mit einer großen Fassungslosigkeit stehen", in die Bestsellerlisten geschafft hat. Winterhoff sieht Deutschland im "Höllenritt" auf eine Katastrophe zusteuern. Mit Übertreibungen solcher Art will der Autor offenbar Aufmerksamkeit erregen, doch lenkt er damit vor allem von einigen seiner durchaus bedenkenswerten Thesen ab.
Tatsächlich verzeichnet die Bundeskonferenz für Erziehungsberatung seit ein paarJahren einen Anstieg der Anfragen, dreißig Prozent aller Kinder und Jugendlichen befinden sich heute in Behandlung von Ergotherapeuten, Logopäden und Psychotherapeuten, und ein Viertel aller Schulabgänger hat Schwierigkeiten während der Ausbildung. Anders als früher, so Winterhoffs Resümee nach dreißig Jahren psychiatrischer Praxiserfahrung, könnten viele Kinder heute nicht mehr richtig sprechen, sich nicht mehr konzentrieren, seien motorisch unterentwickelt und unfähig zu Freundschaft: "Jeder Zugang zu ihnen scheint unmöglich geworden zu sein, sie terrorisieren ihre Umwelt mit einem inakzeptablen Verhalten und sind gegen Steuerungsversuche von außen absolut immun." Ihr Sozial- und Leistungsverhalten sei viel schlechter als das vergleichbarer Altersgruppen vor fünfzehn Jahren. Und während die Öffentlichkeit verhaltensauffällige Kinder allzu oft in verwahrlosten Verhältnissen verortet, begegnet Winterhoff in seiner Sprechstunde immer häufiger Kindern aus sogenannten intakten Familien, deren Eltern sich besonders liebevoll um den Nachwuchs bemühen.
Gerade darin liegt für den Autor ein großes Problem, das er auf dem Feld der Tiefenpsychologie und der Psychiatrie diskutiert: Nicht die Kinder sind demnach krank und müssen therapiert werden; vielmehr sind es die Eltern, deren beziehungsgestörtes Verhalten dazu führe, dass Kinder oftmals psychisch unterentwickelt sind. "Die heutige Misere ist deshalb keine Bildungsmisere, sondern eine Beziehungsmisere", glaubt der Kinderarzt. Weil Kinder heute nicht mehr geführt, in ihrem Verhalten gespiegelt und also geschützt, sondern durch Kumpelei der Erwachsenen um ihre Entwicklung gebracht würden: Eltern machten sich Kinder als kleine Erwachsene ebenbürtig und überforderten sie damit restlos. Eltern verwechselten Geborgenheit mit Grenzenlosigkeit und wollten in einer Gesellschaft, die Bedürfnisse nach Anerkennung und Ordnung kaum erfüllt, die innere Leere mit der Liebe ihrer Kinder kompensieren. Dass die Kinder zum Partner erhoben werden und als Zuwendungslieferant herhalten müssen, stellt für Winterhoff einen emotionalen Missbrauch an Kindern dar auf den Stufen der Partnerschaft, Projektion und Symbiose. Er fordert, Kinder wieder als Kinder wahrzunehmen, was freilich schon Rousseau nicht anders empfahl.
Dass der Autor die gesellschaftliche Fehlentwicklung unserer Tage mit den Erziehungskonzepten der siebziger und achtziger Jahre begründet, die ihre Hauptaufgabe im Schleifen des Autoritätsbegiffs sahen, verwundert nicht. Er propagiert ein Erziehen im Sinne von Leiten und Führen, weil er es für die Psyche der Kinder als hochproblematisch ansieht, ihnen nahezu unbegrenzte Selbstverwirklichung zuzugestehen. Das aber tun ihm zufolge heute alle, die die kindliche Entwicklung beeinflussen können, neben Eltern also auch Erzieher, Lehrer, Großeltern und Therapeuten. Mit ihrer Wellness-Pädagogik - Liebe statt Grenzen, Argumente statt Vorschriften - brächten sie die unglücklichen kleinen Despoten erst hervor: Die Kindergärten praktizierten statt Regeln und verlässlichen Strukturen offene Konzepte, die Grundschulen freien Unterrichtsbeginn und selbständiges Lernen. Was eigentlich dazu gedacht sei, den Kindern den Druck zu nehmen, führe in Wahrheit zu Überforderung, "weil die Kinder keinerlei Orientierung im schulischen Alltag geboten bekommen".
Winterhoff gilt der Harmoniedrang als eines der Hauptprobleme moderner Erziehung. Und in einem scheinen die Pädagogen sich einig: Der Wandel der Beziehungen und des Familienlebens, das Schwinden traditioneller Werte sowie Fernsehen und Internet haben Erziehung schwieriger und anstrengender gemacht. Auf die Veränderungen der modernen Kindheit hat die Erziehungswissenschaft bislang kaum Antworten gefunden.
Kinderland ist also abgebrannt? Michael Winterhoffs Pamphlet, angereichert mit bestürzenden Fallbeispielen und Szenen aus dem Kinderalltag, scheint keinen anderen Schluss zuzulassen. Dennoch möchte man dem Autor entgegenhalten, dass Eltern besser sind als ihr Ruf. Die allermeisten nehmen das Projekt Erziehung sicherlich ernst und nähern sich diesem mit Menschenverstand und Intuition, wissend um das hierarchische Generationsverhältnis. Ein gewisser Grad an Verunsicherung lässt sich wohl nicht leugnen. Viele Eltern, bombardiert von Expertenratschlägen, wissen oft eher, was sie nicht wollen: Weder die autoritäre Strenge ihrer Großeltern noch die nachfolgenden Konzepte, als Eltern sich von ihren Kindern Stefan und Ulrike nennen ließen.
Eltern sind nie perfekt. Jede Familie ist eine Welt für sich, in der gesamtgesellschaftliche Thesen oft nicht greifen. Deshalb führt es auch nicht sonderlich weit, den "Erziehungsnotstand" allein den Siebzigern und Achtzigern in die Schuhe zu schieben, wie der Autor es tut. Es hat sich schließlich gezeigt, dass aus den Kinderladen-Kindern keineswegs nur Schulversager hervorgegangen sind, sondern ebenso wissbegierige, tolerante und kommunikative Menschen wie zuvor - und sei es aus Protest gegen die Eltern. Sandra Kegel
Michael Winterhoff: "Warum unsere Kinder Tyrannen werden". Oder: Die Abschaffung der Kindheit. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2008.
191 S., geb., 17,95 [Euro]. Text: F.A.Z., 20.06.2008, Nr. 142 / Seite 43
- Sandra Kegel sollte einmal eine längere Studienreise nach Japan unternehmen, um zum Beispiel im Vergleich herauszufinden, wie ungepflegt, wie faul, wie unverschämt, wie undiszipliniert und wie ungebildet größere Teile der deutschen Jugend sind. : " Japan - Klassenziel Baseball-Olymp.
Baseball ist für Japans Jugend zum Kult geworden. Dieser Sport bietet ihnen die Gelegenheit, eherne japanische Tugenden wie hartes Arbeiten, Hingabe, Aufopferung, Selbstlosigkeit und sportliche Fairness unter Beweis zu stellen. Jährlich findet im Koshien-Stadion von Osaka ein landesweit beachtetes Baseball-Turnier statt, an dem nahezu 4.000 Schulmannschaften teilnehmen.
Die 49 besten tragen letztendlich die nationale Meisterschaft untereinander aus. Es geht dabei um nicht weniger als das Erreichen des Finales, eine Art Baseball-Olymp, die den Teilnehmern außer Ruhm und Ehre für ihre Equipe nicht zuletzt auch eine der begehrten Profi-Angebote einzubringen verspricht. Für viele tausend japanische Teenager, ihre Familien und Lehrer sowie für Millionen Zuschauer ist Baseball japanische Tugend in Reinkultur." (Usa, 2006,) ARTE F Regie: Kenneth Eng
- George Orwell (1903-50), beinahe hätte er keine Gelegenheit mehr gefunden, seine großartige FARM DER TIERE zu schreiben: "... Spanienkrieg.
1937 nimmt Orwell auf Seiten der (als trotzkistisch geltenden) POUM (Partido Obrero de Unificacion Marxista, Arbeiterpartei der Marxistischen Einheit) am spanischen Bürgerkrieg teil und wird dabei schwer verwundet (Halsdurchschuss). Der Verfolgung durch moskautreue Kommunisten entzieht er sich, indem er Spanien wenig später verlässt. Viele seiner ehemaligen Kameraden wurden eingesperrt und vermutlich nie wieder in die Freiheit entlassen. Das Buch Mein Katalonien (engl.: Homage to Catalonia) ist ein Erfahrungsbericht und eine Analyse des spanischen Bürgerkriegs, des damaligen politischen Geschehens und der Rolle der Medien. ..." (Wiki.)
Dienstag, 24. Juni 2008
Naimi
Der Gastgeber von Dschidda
Ali al Naimi ist der wichtigste Ölminister in der Geschichte Saudi-Arabiens
Für die Energiewirtschaft ist der kleine drahtige Mann das, was der Vorsitzende der amerikanischen Notenbank für die Finanzmärkte ist: Das Wort von jedem der beiden hat mehr Gewicht als das von allen anderen Wirtschaftslenkern. Ali al Naimi ist sich dieser großen Verantwortung bewusst, und aufgrund seines Umgangs mit dieser Last wurde er zum wichtigsten saudischen Ölminister überhaupt. Die Legende Zaki Yamani ist neben dem Talent Naimis längst verblasst. Bei jedem Wort muss er die Reaktionen von Tokio bis New York antizipieren, und er weiß, was er zu sagen hat, damit sich die Märkte so verhalten, wie er es sich wünscht.
Als er 1995 Ölminister wurde, war die Opec von fiebrigen Krisen geschüttelt. Keiner der Mitglieder des Kartells hielt sich an die Förderquoten, Politik war den Mitgliedsstaaten wichtiger als Sachkenntnis. Da machte Naimi sein Gesellenstück. Er disziplinierte die Opec und schloss kategorisch aus, Öl je wieder als Waffe einzusetzen. Dann purzelte nach der Asienkrise der Ölpreis unter 10 Dollar. Naimi schuf bei Verbrauchern wie Produzenten nun die Einsicht, dass ein Ölpreis zwischen 22 und 28 Dollar allen nutze. Viele Jahre gelang ihm die Stabilisierung innerhalb dieses Preisbands, beispielsweise mit Hilfe des von ihm eingefädelten Dialogs zwischen Verbrauchern und Produzenten. Stabilisierung des Markts lautet bis heute sein Ceterum censeo, und bei jeder Krise gab er bekannt, dass Saudi-Arabien seine Ölförderung zur Stabilisierung des Ölpreises ausweite.
Nun erwartet die Welt von ihm weit mehr als ein Meisterstück: eine Senkung des Ölpreises auf ein Niveau, das der Weltwirtschaft nicht schadet. Das kann auch er nicht leisten. Bei der Konferenz von Dschidda aber wollte er Optimismus verbreiten. Eher enttäuscht hatten die Teilnehmer auf die Rede von König Abdullah reagiert, der sich nicht auf Zahlen festlegen lassen wollte. Der Psychologe Naimi griff ein und lieferte Zahlen. Saudi-Arabien baue seine Förderkapazitäten bis Anfang 2010 mit Investitionen in fünf Ölfelder um 2,5 Millionen Fass am Tag aus, verkündete er. Da bis zu jenem Termin die Produktion in einigen Feldern aber nachlassen wird, steigt die Förderkapazität nur von 11,3 Millionen auf 12,5 Millionen Barrel. Aktuell produziert die Aramco 9,5 Millionen Barrel. Als Ölminister ist Naimi auch ihr Vorstandvorsitzender.
Wer ihm begegnet, der legt Dünkel ab. Naimi wurde 1935, als noch kein Öl sprudelte, im Osten Saudi-Arabiens als Sohn einer einfachen schiitischen Hirtenfamilie geboren. Arbeit fand der Hirtensohn bei der neu gegründeten "Arabian American Oil Company" (Aramco), die erst amerikanischen Ölmultis gehörte und später nationalisiert wurde. Naimi verdiente mit zwölf Jahren als Laufbursche sein erstes Geld und servierte den Managern mit dem texanischen Akzent Tee und Kaffee. Rasch lernte er Englisch und begriff die Gesetze des Ölgeschäfts. Aramco schickte den cleveren Jungen zum Studium erst nach Beirut, dann nach Pennsylvania und schließlich an die Eliteuniversität Stanford, wo er Geologie studierte. Zurück bei Aramco, erschloss er von 1963 an Ölfelder, aus denen noch heute Erdöl sprudelt.
Naimi war einer der am besten ausgebildeten Saudis seiner Generation. Er stieg auf, wurde 1984 erst Präsident von Aramco und 1988 ihr Vorstandsvorsitzender, sieben Jahre später Ölminister. Immer wieder hieß es, als das dienstältestes Kabinettsmitglied, das nicht zur königlichen Familie gehört, solle er ausgetauscht werden. Einen Besseren als ihn hat Saudi-Arabien aber nicht. In einer unruhigen Region ist Naimi der stabile Anker geworden. Stets lächelt er freundlich zu dem, was er sagt. Noch bevor der nur 1,58 Meter große, aber drahtige Naimi tagsüber und bei den Verhandlungen nachts zum Energiepolitiker und Diplomaten wird, absolviert er trotz seiner 73 Jahre jeden Morgen seinen Jogginglauf. Einsam ist der umworbene und genau beobachtete Hirtensohn auch in diesen frühen Morgenstunden nie.
RAINER HERMANN
Text: F.A.Z., 24.06.2008, Nr. 145 / Seite 18
Ali al Naimi ist der wichtigste Ölminister in der Geschichte Saudi-Arabiens
Für die Energiewirtschaft ist der kleine drahtige Mann das, was der Vorsitzende der amerikanischen Notenbank für die Finanzmärkte ist: Das Wort von jedem der beiden hat mehr Gewicht als das von allen anderen Wirtschaftslenkern. Ali al Naimi ist sich dieser großen Verantwortung bewusst, und aufgrund seines Umgangs mit dieser Last wurde er zum wichtigsten saudischen Ölminister überhaupt. Die Legende Zaki Yamani ist neben dem Talent Naimis längst verblasst. Bei jedem Wort muss er die Reaktionen von Tokio bis New York antizipieren, und er weiß, was er zu sagen hat, damit sich die Märkte so verhalten, wie er es sich wünscht.
Als er 1995 Ölminister wurde, war die Opec von fiebrigen Krisen geschüttelt. Keiner der Mitglieder des Kartells hielt sich an die Förderquoten, Politik war den Mitgliedsstaaten wichtiger als Sachkenntnis. Da machte Naimi sein Gesellenstück. Er disziplinierte die Opec und schloss kategorisch aus, Öl je wieder als Waffe einzusetzen. Dann purzelte nach der Asienkrise der Ölpreis unter 10 Dollar. Naimi schuf bei Verbrauchern wie Produzenten nun die Einsicht, dass ein Ölpreis zwischen 22 und 28 Dollar allen nutze. Viele Jahre gelang ihm die Stabilisierung innerhalb dieses Preisbands, beispielsweise mit Hilfe des von ihm eingefädelten Dialogs zwischen Verbrauchern und Produzenten. Stabilisierung des Markts lautet bis heute sein Ceterum censeo, und bei jeder Krise gab er bekannt, dass Saudi-Arabien seine Ölförderung zur Stabilisierung des Ölpreises ausweite.
Nun erwartet die Welt von ihm weit mehr als ein Meisterstück: eine Senkung des Ölpreises auf ein Niveau, das der Weltwirtschaft nicht schadet. Das kann auch er nicht leisten. Bei der Konferenz von Dschidda aber wollte er Optimismus verbreiten. Eher enttäuscht hatten die Teilnehmer auf die Rede von König Abdullah reagiert, der sich nicht auf Zahlen festlegen lassen wollte. Der Psychologe Naimi griff ein und lieferte Zahlen. Saudi-Arabien baue seine Förderkapazitäten bis Anfang 2010 mit Investitionen in fünf Ölfelder um 2,5 Millionen Fass am Tag aus, verkündete er. Da bis zu jenem Termin die Produktion in einigen Feldern aber nachlassen wird, steigt die Förderkapazität nur von 11,3 Millionen auf 12,5 Millionen Barrel. Aktuell produziert die Aramco 9,5 Millionen Barrel. Als Ölminister ist Naimi auch ihr Vorstandvorsitzender.
Wer ihm begegnet, der legt Dünkel ab. Naimi wurde 1935, als noch kein Öl sprudelte, im Osten Saudi-Arabiens als Sohn einer einfachen schiitischen Hirtenfamilie geboren. Arbeit fand der Hirtensohn bei der neu gegründeten "Arabian American Oil Company" (Aramco), die erst amerikanischen Ölmultis gehörte und später nationalisiert wurde. Naimi verdiente mit zwölf Jahren als Laufbursche sein erstes Geld und servierte den Managern mit dem texanischen Akzent Tee und Kaffee. Rasch lernte er Englisch und begriff die Gesetze des Ölgeschäfts. Aramco schickte den cleveren Jungen zum Studium erst nach Beirut, dann nach Pennsylvania und schließlich an die Eliteuniversität Stanford, wo er Geologie studierte. Zurück bei Aramco, erschloss er von 1963 an Ölfelder, aus denen noch heute Erdöl sprudelt.
Naimi war einer der am besten ausgebildeten Saudis seiner Generation. Er stieg auf, wurde 1984 erst Präsident von Aramco und 1988 ihr Vorstandsvorsitzender, sieben Jahre später Ölminister. Immer wieder hieß es, als das dienstältestes Kabinettsmitglied, das nicht zur königlichen Familie gehört, solle er ausgetauscht werden. Einen Besseren als ihn hat Saudi-Arabien aber nicht. In einer unruhigen Region ist Naimi der stabile Anker geworden. Stets lächelt er freundlich zu dem, was er sagt. Noch bevor der nur 1,58 Meter große, aber drahtige Naimi tagsüber und bei den Verhandlungen nachts zum Energiepolitiker und Diplomaten wird, absolviert er trotz seiner 73 Jahre jeden Morgen seinen Jogginglauf. Einsam ist der umworbene und genau beobachtete Hirtensohn auch in diesen frühen Morgenstunden nie.
RAINER HERMANN
Text: F.A.Z., 24.06.2008, Nr. 145 / Seite 18
Zimbabwe, Berlin-Blockade, Arbeitsklima, La Bruyère

13°-24°, s; die Kirschen sind reif, auf der Terrasse liegen viele, sauber abgenagte Kerne: das revierbesitzende Amselhähnchen holt sich die Kirschen, fliegt zum Giebel und nagt dort das Fruchtfleisch ab ohne jeden Rückstand. Mehr Schwalben dieses Jahr trotz kalten Frühjahrs.
- "UN-Sicherheitsrat verurteilt Gewalt in Zimbabwe. ... Die 15 im UN-Sicherheitsrat vertretenen Staaten verabschiedeten die Erklärung erst nach stundenlangem harten Ringen. ... ". Südafrika, Rotchina und Rußland verhinderten einen Entwurf, in dem Mugabe als Verantwortlicher benannt wurde. Tsvangirai sucht Schutz in niederländischer Botschaft.
- Übrigens: Kambrischen Explosion retour: 99% ( 9 9 % ! ) aller Arten starben aus. (arte Evolution 4/05)
- Lange Verwandtschaft: Die Übertragung des Mausaugengens auf Fruchtfliegen läßt dort Fruchtfliegenaugen entstehen (Walter Gehring, Zürich/Basel)
- 24. Juni 1948 Beginn der Berlin-Blockade durch Stalin
- Prima: " Arbeitsklima: Frei, reich, zufrieden . Die Deutschen fühlen sich an ihren Arbeitsplätzen wohl: Der in einer repräsentativen Umfrage vom Unternehmen Job AG und TNS Emnid ermittelte ... " 21.6.
- " ... Man begegnet dem Wesen Mensch in zwei Geschlechterabteilungen und drei Ständen, aber in unzähligen Ausformungen der Eitelkeit. Denn was bei den Vögeln Brutinstinkt, Balzgehabe und Futterneid ist, das findet sich beim Menschen in der gleichen, wenn auch «höher» entwickelten Form von Eifersucht, Eitelkeit und Gier. Zudem: Die jeweilige Ausformung dieser drei Grundelemente kann je nach Aufenthaltsort, sozialem Stand und Alter der Probanden variieren. Und dass die Grossen am meisten gefährdet sind, im Kleinen steckenzubleiben, gehört zur paradoxen Chemie dieses homo vanus vanus, dem erst Carl von Linné – und noch dazu aus rein taxonomischen Gründen – 1753 den Ehrentitel sapiens sapiens verleihen wird. ... " Die unverbesserlichen Menschen, La Bruyères «Caractères» – ein immer aktuelles Brevier 21. Juni 2008, Neue Zürcher Zeitung
- 21.06.08 " In der Marktwirtschaft ist Ungleichheit nicht unsozial. Allenthalben wird in Deutschland in diesen Wochen mit Symposien und Festakten der Geburtsstunde der Sozialen Marktwirtschaft gedacht. Gemeint ist damit der 20. Juni 1948, als die Währungsreform den Deutschen in den Besatzungszonen der Westalliierten nicht nur die Einführung der D-Mark brachte, sondern - was vergessen geht oder verdrängt ... " NZZ Neue Zürcher Zeitung
- "Die legal ausgeplünderte Minderheit
Zum Leitartikel "In Lafontaines Zauberwelt" (F.A.Z. vom 13. Juni) drängt sich natürlich die Frage auf, wie begegnen die übrigen Parteien diesem ..." 21.6.08 FAZ
Montag, 23. Juni 2008
Herzog fordert geringere Steuern
Altbundespräsident Herzog fordert geringere Steuern
Vor 60 Jahren wurde in Deutschland die Soziale Marktwirtschaft eingeführt. Gelegenheit für Politiker, Wissenschaftler und Unternehmer, auf einer Tagung an der Universität in Jena viel Lob zu äußern - aber auch Sorge über ihre Ausgestaltung in der Zukunft.
ppl. JENA, 22. Juni. Altbundespräsident Roman Herzog hat zu einer Erneuerung der Sozialen Marktwirtschaft aufgerufen. "Soziale Marktwirtschaft ist etwas anderes als Sozialstaat", sagte er in seiner Rede zu einem Festakt am Freitagabend anlässlich des 60. Jahrestages der Wirtschafts- und Währungsreform von 1948. Herzog kritisierte, dass der Staat durch zu hohe Abzüge es vielen Menschen erschwere, ein ausreichendes Nettoeinkommen zu erzielen. "Ich bin für Steuererleichterungen gerade für die unteren Einkommensschichten", sagte er.
Weiter mahnte Herzog, es müsse ein Konsens gefunden werden, wie hoch die Staatsquote sein dürfe. Er selbst nannte eine Staatsquote von gut 40 Prozent als mögliches Ziel. Sämtliche Staatsausgaben müssten auf Einsparpotentiale durchforstet werden. Zugleich warnte Herzog vor einer "reinen Marktwirtschaft". "Die Debatte um eine Rückkehr zur Marktwirtschaft ohne sozialen Ausgleich ist nicht nur gefährlich, sondern auch töricht." Allerdings sei man von einer reinen Marktwirtschaft weit entfernt. Er verstehe es nicht, wie man angesichts der vielen Sozialleistungen von einer "kaltherzigen Gesellschaft" sprechen könne.
In den Reden zum Festakt und auf einem vorangegangenen Symposion von mehreren hundert Wissenschaftlern und Unternehmern klang viel Lob und Stolz über die Erfolge der Sozialen Marktwirtschaft an. Vielfach wurde aber auch die Sorge geäußert, dass sich die deutsche Wirtschaftsordnung vom ursprünglichen Konzept des ehemaligen Wirtschaftsministers und Bundeskanzlers Ludwig Erhard (CDU) über die Jahre zu weit entfernt habe. Man brauche eine "klare Absage an einen Versorgungsstaat", sagte der thüringische Ministerpräsident Dieter Althaus (CDU). Bei der großen Rentenreform von 1957 wäre es besser gewesen, bei der Kapitaldeckung zu bleiben, statt auf das Umlageprinzip umzustellen. Der Sozialstaat müsse zwar existentielle Not verhindern, es müsse aber eine Rückverlagerung von Verantwortung auf die unteren Ebenen wie die Familie und die Gemeinden geben, forderte Althaus. Als wichtigste Aufgabe nannte er verstärkte Anstrengungen für die Bildung.
Auch der Sekretär der Deutschen Bischofskonferenz, Hans Langendörfer, erteilte einem Versorgungsstaat eine Absage. Die Grundprinzipien der katholischen Soziallehre von Personalität, Solidarität und Subsidiarität sprächen gegen einen alimentierenden Staat. Die Soziale Marktwirtschaft, die den Menschen Raum zur wirtschaftlichen Entfaltung lasse, sei die richtige Ordnung auch nach Ansicht der Kirche.
Der Präsident des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts, Thomas Straubhaar, lobte die "unvorstellbaren Erfolge nach der Wiedervereinigung", die einzigartig seien in der Menschheitsgeschichte. Trotz mancher wirtschaftspolitischer Fehler habe es ein "Wirtschaftswunder 2.0" gegeben. Deutschland, sagte der Schweizer Straubhaar, sei ein "normales", selbstbewusstes Land geworden. Zugleich gebe es aber auch viel Verunsicherung über die Folgen der Globalisierung, und noch immer wirke die Teilung in wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht nach. Für die Zukunft sagte Straubhaar einen beschleunigten Strukturwandel des Landes voraus. Die Gesellschaft werde in zwanzig Jahren von stärkeren Unterschieden zwischen Alt und Jung, Gesunden und Kranken, Reichen und Armen sowie Ausländern und Deutschen geprägt sein. Man werde lernen müssen, mit dieser Vielfalt zu leben, sagte Straubhaar, der ein "Ende der Konsensgesellschaft" prophezeite. Der Staat solle nicht helfen, existierende Besitzstände zu sichern, sondern die Veränderung aktiv fördern. Wichtig sei es, eine "durchlässige Gesellschaft" zu haben sowie mehr Teilhabe durch größere Bildungs- und Aufstiegschancen. Den Schlüssel zur Lösung der Integrationsprobleme sieht Straubhaar in einem funktionsfähigen Arbeitsmarkt."
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Text: F.A.Z., 23.06.2008, Nr. 144 / Seite 14
Vor 60 Jahren wurde in Deutschland die Soziale Marktwirtschaft eingeführt. Gelegenheit für Politiker, Wissenschaftler und Unternehmer, auf einer Tagung an der Universität in Jena viel Lob zu äußern - aber auch Sorge über ihre Ausgestaltung in der Zukunft.
ppl. JENA, 22. Juni. Altbundespräsident Roman Herzog hat zu einer Erneuerung der Sozialen Marktwirtschaft aufgerufen. "Soziale Marktwirtschaft ist etwas anderes als Sozialstaat", sagte er in seiner Rede zu einem Festakt am Freitagabend anlässlich des 60. Jahrestages der Wirtschafts- und Währungsreform von 1948. Herzog kritisierte, dass der Staat durch zu hohe Abzüge es vielen Menschen erschwere, ein ausreichendes Nettoeinkommen zu erzielen. "Ich bin für Steuererleichterungen gerade für die unteren Einkommensschichten", sagte er.
Weiter mahnte Herzog, es müsse ein Konsens gefunden werden, wie hoch die Staatsquote sein dürfe. Er selbst nannte eine Staatsquote von gut 40 Prozent als mögliches Ziel. Sämtliche Staatsausgaben müssten auf Einsparpotentiale durchforstet werden. Zugleich warnte Herzog vor einer "reinen Marktwirtschaft". "Die Debatte um eine Rückkehr zur Marktwirtschaft ohne sozialen Ausgleich ist nicht nur gefährlich, sondern auch töricht." Allerdings sei man von einer reinen Marktwirtschaft weit entfernt. Er verstehe es nicht, wie man angesichts der vielen Sozialleistungen von einer "kaltherzigen Gesellschaft" sprechen könne.
In den Reden zum Festakt und auf einem vorangegangenen Symposion von mehreren hundert Wissenschaftlern und Unternehmern klang viel Lob und Stolz über die Erfolge der Sozialen Marktwirtschaft an. Vielfach wurde aber auch die Sorge geäußert, dass sich die deutsche Wirtschaftsordnung vom ursprünglichen Konzept des ehemaligen Wirtschaftsministers und Bundeskanzlers Ludwig Erhard (CDU) über die Jahre zu weit entfernt habe. Man brauche eine "klare Absage an einen Versorgungsstaat", sagte der thüringische Ministerpräsident Dieter Althaus (CDU). Bei der großen Rentenreform von 1957 wäre es besser gewesen, bei der Kapitaldeckung zu bleiben, statt auf das Umlageprinzip umzustellen. Der Sozialstaat müsse zwar existentielle Not verhindern, es müsse aber eine Rückverlagerung von Verantwortung auf die unteren Ebenen wie die Familie und die Gemeinden geben, forderte Althaus. Als wichtigste Aufgabe nannte er verstärkte Anstrengungen für die Bildung.
Auch der Sekretär der Deutschen Bischofskonferenz, Hans Langendörfer, erteilte einem Versorgungsstaat eine Absage. Die Grundprinzipien der katholischen Soziallehre von Personalität, Solidarität und Subsidiarität sprächen gegen einen alimentierenden Staat. Die Soziale Marktwirtschaft, die den Menschen Raum zur wirtschaftlichen Entfaltung lasse, sei die richtige Ordnung auch nach Ansicht der Kirche.
Der Präsident des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts, Thomas Straubhaar, lobte die "unvorstellbaren Erfolge nach der Wiedervereinigung", die einzigartig seien in der Menschheitsgeschichte. Trotz mancher wirtschaftspolitischer Fehler habe es ein "Wirtschaftswunder 2.0" gegeben. Deutschland, sagte der Schweizer Straubhaar, sei ein "normales", selbstbewusstes Land geworden. Zugleich gebe es aber auch viel Verunsicherung über die Folgen der Globalisierung, und noch immer wirke die Teilung in wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht nach. Für die Zukunft sagte Straubhaar einen beschleunigten Strukturwandel des Landes voraus. Die Gesellschaft werde in zwanzig Jahren von stärkeren Unterschieden zwischen Alt und Jung, Gesunden und Kranken, Reichen und Armen sowie Ausländern und Deutschen geprägt sein. Man werde lernen müssen, mit dieser Vielfalt zu leben, sagte Straubhaar, der ein "Ende der Konsensgesellschaft" prophezeite. Der Staat solle nicht helfen, existierende Besitzstände zu sichern, sondern die Veränderung aktiv fördern. Wichtig sei es, eine "durchlässige Gesellschaft" zu haben sowie mehr Teilhabe durch größere Bildungs- und Aufstiegschancen. Den Schlüssel zur Lösung der Integrationsprobleme sieht Straubhaar in einem funktionsfähigen Arbeitsmarkt."
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Text: F.A.Z., 23.06.2008, Nr. 144 / Seite 14
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