Samstag, 25. April 2009

Nichts Genaues weiß man nicht



Kann Theorie so schön sein? Pollocks Beitrag zur Systemtheorie? Man beachte den Beobachter!

- Luhmannia: „ Von Emergenz zu reden, deutet eher die
Verlegenheit an: Nichts Genaues weiß man nicht.“
So ist es,
es könnte sogar noch schlimmer kommen: „Alles Stroh“, meinte Albert zuletzt; davor kann nur der frühe Krebstod sicher bewahren.-
Bei Alzheimer-Patienten ist es in der Tat so, daß die Hirnrinde schrumpft und die Reichweite der Zusammenschaltungen drastisch zurückgeht.
(Ich darf hier einmal auf das segensreiche Wirken der Neurowissenschaftlichen Gesellschaft hinweisen sowie auf das sehr schöne LEXIKON DER NEUROWISSENSCHAFT im Spektrum-Verlag.)

„ was es für die Naturwissenschaften bedeutet, wenn man sie als Sinnunternehmen versteht. Eine solche Aussage ist aus der Systemtheorie heraus schnell formuliert, aber welche Konsequenzen dies für diese Wissenschaften hat, wenn sie sich auf diese Weise irritieren lassen, fände ich spannend. Vielleicht war dies eine Sollbruchstelle zwischen Maturana und Varela. Ich könnte mir gut einen Diskurs mit Quantenphysikern vorstellen, meine erste Erfahrung war allerdings nicht fruchtbar, der Kollege konnte mit meiner Frage nach Sinn nicht viel anfangen.“ (Hafen)
Diese Erfahrung kann ich nur bestätigen!
Ja, die Naturwissenschaft kommt gut ohne Luhmann aus. Die Naturwissenschaftler vertrauen auf ihre spezifisch-empirisch-nachstellbare Beobachtung.
Man sollte sie zur Belehrung in Monty-Pythons Film schicken:
"There is everything in this movie, everything that fits / from the meaning of life in the universe to girls with great big tits." So fängt Eric Idles Prolog zu dem Monty-Python-Film "Der Sinn des Lebens" an.“
Danach sollten sie in Klausur DIE WISSENSCHAFT DER GESELLSCHAFT lesen. Ob sie danach noch arbeitsfähig sein werden?

- Geschichte: "Die Geschichte rät ab.

Mit dem Brief von Golo Mann und den darin enthaltenen Reflexionen über das Lernen aus der Geschichte hat die Frankfurter Allgemeine Zeitung (Ausgabe vom 7. März) ein interessantes Dokument zu einem unverändert aktuellen Thema vorgelegt. Begründen doch im Irak-Konflikt sowohl Befürworter als auch Gegner eines Militärschlags ihre jeweilige Position mit der Notwendigkeit, aus der Geschichte zu lernen. Auch Manns Schreiben läßt keine eindeutigen Schlüsse zu. Seine Feststellung, daß die Amerikaner "immer wieder großen Blödsinn" machen, scheint der einen Seite recht zu geben - seine Würdigung von Henry Kissinger, der bekanntlich der jetzigen Regierung nahesteht, als "bei weitem beste(n amerikanischen) Außenminister", der anderen Seite. Soll man nun aus diesem Beispiel folgern, daß man aus der Geschichte jede beliebige Lehre ziehen kann? Mir erscheint in diesem Zusammenhang eine Fußnote in José Ortega y Gassets "Der Aufstand der Massen" bedeutsam, "daß es geboten ist, von der Vergangenheit, wenn auch keine positive Führung, so doch gewisse negative Ratschläge anzunehmen. Die Vergangenheit kann uns nicht sagen, was wir tun, wohl aber, was wir lassen müssen." Demnach müßte die historische Erfahrung für die politischen Entscheidungsträger genau das sein, was das berühmte "Daimonion" für den antiken Weisen Sokrates war: eine warnende Instanz, die nicht zu einem Tun aufruft, sondern vielmehr dazu anhält, unverantwortbares Handeln zu unterlassen.
Im Lichte dieser Überlegungen läßt sich daher auch in der Irak-Frage nicht die Anwendung militärischer Mittel, sondern nur ein Verzicht auf diese mit dem Argument "Lehre aus der Geschichte" legitimieren."
Dr. Peter Moser, Salzburg, LB FAZ 25.3.03

- "Prof. Dr. Werner Abelshauser hinterfragt in seiner Publikation für das ROMAN HERZOG INSTITUT unter dem Titel "Des Kaisers neue Kleider?" kritisch die Geschichte der Sozialen Marktwirtschaft.
Die Soziale Marktwirtschaft ist gegenwärtig einer Zerreißprobe ausgesetzt. Einerseits ist sie als Konzept so attraktiv, dass sich nahezu alle wirtschaftspolitischen Akteure in unserem Lande zu ihr bekennen. Andererseits sinkt ihr Ansehen bei den Bürgern seit geraumer Zeit dramatisch, sodass nur noch jeder dritte Deutsche vorbehaltlos hinter ihr steht. Gleichzeitig muss das Modell der Ordnungspolitik vor dem Hintergrund der globalen Finanzmarktkrise wachsenden Ansprüchen gerecht werden, die gerade von ihr einen Lösungsansatz erwarten.
Umso dringender ist es, nach dem Zustand der Sozialen Marktwirtschaft zu fragen, wie er heute ihre Möglichkeiten und Grenzen bestimmt. Nur eine klare Diagnose kann zu einer Therapie führen, die ihr Ansehen stärkt und ihre Wirksamkeit verbessert. In dieser Publikation nimmt sich Prof. Dr. Werner Abelshauser der historischen Perspektive der Sozialen
Marktwirtschaft an." www.romanherzoginstitut.de/

Freitag, 24. April 2009

Der Sinn des Lebens, Nietzsches Nächster




- Nietzsches 2. Buch der Morgenröthe:


118. Was ist denn der Nächste! Was begreifen wir denn von
unserem Nächsten, als seine Grenzen, ich meine, Das, womit er
sich auf und an uns gleichsam einzeichnet und eindrückt? Wir
begreifen Nichts von ihm, als die Veränderungen an uns,
deren Ursache er ist, - unser Wissen von ihm gleicht einem hohlen
geformten Raume. Wir legen ihm die Empfindungen bei,
die seine Handlungen in uns her vorrufen, und geben ihm so eine
falsche umgekehrte Positivi tät. Wir bilden ihn nach
unserer Kenntnis von uns, zu einem Satelliten unseres eigenen Systems:
und wenn er uns leuchtet oder sich verfinstert,
und wir von Beidem die letzte Ursache sind, - so glauben wir doch das
Gegenteil! Welt der Phantome, in der wir leben!
Verkehrte, umgestülpte, leere, und doch voll und gerade geträumte
Welt!

- Da war noch was: "Drei Nobelpreisträger im F.A.Z.-Gespräch
„Deutschland tut noch nicht genug“

24. April 2009 Schlechte Zeiten, gute Seiten? Robert F. Engle III bekam den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften im Jahr 2003 zugesprochen, Edmund S. Phelps 2006 und Eric S. Maskin 2007. Ein Gespräch mit den drei Wissenschaftlern über den Weg zur wirtschaftlichen Genesung.
Haben wir den schlimmsten Teil der Krise überstanden, oder sollten wir uns auf noch Schlimmeres gefasst machen?
Robert F. Engle III: Ich hoffe, dass der schlimmste Teil hinter uns liegt, und ich glaube auch, dass er hinter uns liegt. Denn durch die einschneidenden Veränderungen des Finanzsystems und die innovativen Eingriffe der Notenbank hat es eine substantielle Verlagerung des Risikos vom privaten Sektor auf den öffentlichen gegeben, und diese Verlagerung hat den Banken erlaubt, wieder aktiv zu werden. Die Folge ist, dass sich der Rest der Wirtschaft, wie ich meine, auf dem Weg der Genesung befindet.
Eric S. Maskin: In vielen Ländern, auch in den Vereinigten Staaten, setzt sich der Verfall der Wirtschaft fort. Das Schlimmste liegt deshalb immer noch nicht hinter uns. Wie viel schlimmer es wird, ist nur schwer vorauszusagen.
Edmund S. Phelps: Die Krise scheint in ihren Ausmaßen zu schrumpfen. Aber wir brauchen im Finanzsektor noch einen starken Schub, um zu einem normalen Grad der ökonomischen Aktivität zurückzukehren. Dazu muss, wie ich meine, der Finanzsektor von Grund auf neu gestaltet werden.
Sind Politiker und Ökonomen überhaupt noch in der Lage, eine Krise einzudämmen oder gar zu überwinden, die immer mehr eine eigene Dynamik zu entwickeln scheint?
Phelps: Ich liebe es, mich mit deutschen Journalisten zu unterhalten! Sie sind so pessimistisch! Das muss wohl mit der deutschen Seele zusammenhängen. Aber auch mir macht es Sorgen, dass vor allem der amerikanischen Wirtschaft schwere Zeiten bevorstehen könnten, und zwar, weil die Verbraucher herausgefunden haben, wie man Geld spart. Es wird für die amerikanische Industrie nicht leicht sein, von den Märkten zu Hause auf die überseeischen zu wechseln. Das wird ein hartes Stück Arbeit. Wir sind da ganz dem Finanzsektor ausgeliefert, der es fertigbringen muss, Investitionsaktivitäten zu finanzieren, wenn wir die gewohnte Dimension des Wohlstands wieder erreichen wollen.
Engle: Ich glaube an die Möglichkeit der Politik, die Krise zu überwinden. Die Regierung ist jetzt ein weiterer ökonomischer Player, und sie hat eine Position eingenommen, die sich dahin gehend auswirkt, dass jeder sein Verhalten ändern muss.
Maskin: Ja, es sollte möglich sein, durch Reparatur des Bankensystems und Stimulierung der Makroökonomie die Folgen der Rezession rückgängig zu machen oder zumindest zu entschärfen.
Ist Präsident Obama mit seiner Wirtschaftspolitik auf dem richtigen Weg?
Engle: Im Großen und Ganzen ja.
Maskin: Ja, er ist auf dem richtigen Weg, wenn auch seine Maßnahmen noch nicht weit genug gehen.
Phelps: Ich habe den Eindruck, dass es in der Regierung Tendenzen gibt, die wirtschaftliche Erholung als ein mechanisches Problem aufzufassen, also als Aufgabe, die Verbraucher- und Investitionsnachfrage anzuheizen. Diese Sachen sind aber nicht leicht unter Kontrolle zu bringen. Die Regierung neigt dazu zu vergessen, wie ungeheuer wichtig Innovation ist, um Arbeitsplätze und Investitionsmöglichkeiten zu schaffen und Wachstum zu erzielen. Das beunruhigt mich etwas.
Fehlt etwas in Obamas Rettungspaket? Was würden Sie ihm raten?
Engle: Sein Finanzprogramm funktioniert ziemlich gut. Ich fürchte allerdings, dass die Initiative zu öffentlich-privaten Partnerschaften nicht besonders erfolgreich sein könnte. Wir kennen noch nicht die Ergebnisse dieser Stresstests. Ich bin da nicht sehr optimistisch. Bevor wir’s aber nicht ausprobiert haben, werden wir auch nicht wissen, ob es funktioniert.
Maskin: Das Bankensystem noch mehr reparieren, die Wirtschaft noch mehr stimulieren.
Phelps: Es gibt da ein großes Loch im Regierungsprogramm. Kein amerikanischer Ökonom hat bisher verstanden, in welch erstaunlichem Ausmaß der Staat alles subventioniert, was nur vorstellbar ist: vom Import- und Exporthandel über die Landwirtschaft und den Eigenheimbau bis zu winzigen Unternehmen, bei denen es keinerlei Innovation gibt. Nicht subventioniert aber wurden die Wirtschaft im Allgemeinen und langfristige Investitionen im Besonderen, will heißen: Investitionen, für die der Innovationsprozess maßgeblich ist.
Ihr Kollege Paul Krugman ist einer der schärfsten Kritiker der europäischen Krisenmaßnahmen. Tun die Europäer und unter ihnen insbesondere die Deutschen genug, um die Krise in den Griff zu kriegen?
Engle: Ich glaube nicht, dass sie genug tun. Die Welt hat mehrere Billionen Dollar an Vermögen verloren, zum Teil durch Ereignisse an der Börse und auf dem Immobilienmarkt. Rund um die Welt haben sich darum Verbraucher und Investoren zurückgezogen. Es ist also nur sinnvoll, wenn Regierungen nun gegensteuern. Dass Deutschland nicht willens ist, dies zu tun, bedeutet wohl, dass Ihr Land hofft, der Rest der Welt werde die Nachfrage nach deutschen Exporten genug stimulieren. Dabei entstand ein Teil des Problems ja gerade dadurch, dass die Exportländer für ein großes Ungleichgewicht sorgten. Sie sollten jetzt auch einen Beitrag zur Gesundung der Weltwirtschaft leisten. Deutschland sollte die inländische Nachfrage stimulieren. Wer sonst sollte es tun? Ich kann mir nicht recht erklären, warum Deutschland sich derart dagegenstemmt.
Maskin: Ich stimme Paul Krugman in dieser Hinsicht zu. In Europa, insbesondere in Frankreich und Deutschland, muss viel mehr getan werden, um den Verbrauch zu stimulieren.
Phelps: Ich habe einiges Verständnis für die Betrachtungsweise, dass die Amerikaner an dieser Misere schuld seien und sich und die Welt nun auch daraus befreien sollten. Es ist begreiflich, wenn deutsche Steuerzahler gegen die Vorstellung rebellieren, Deutschland habe die Verpflichtung, den Verbrauch anzukurbeln. Aber andererseits sollte die deutsche Regierung darauf vorbereitet sein, im Falle einer substantiellen Verschlechterung der Lage zusätzliche Maßnahmen zu ergreifen. Wie die aussehen sollten, vermag ich auch nicht zu sagen. In seinem eigenen Interesse müsste Deutschland sie jedoch jederzeit ergreifen können. Im Übrigen schätze ich das Wort „Stimulus“ nicht. Es könnte uns glauben machen, dass jede gute Maßnahme notwendigerweise stimuliert. Darüber wird, wie ich bereits ausgeführt habe, allzu leicht die Bedeutsamkeit von Innovationen vergessen.
Könnte die Krise schließlich auch ihre guten Seiten haben?
Engle: Ja, das halte ich für möglich. Der Bankensektor wird verbessert, und es wird stärkere regulatorische Kooperationsmaßnahmen als in der Vergangenheit geben. Wir brauchen eine kooperative, aber starke globale Initiative, und wie ich meine, haben die Deutschen dabei eine wichtige Rolle zu spielen. Sie sollten sie jetzt auch übernehmen.
Maskin: Öffentliche Investitionen werden seit langem dringend benötigt. Nun können sie in den Vereinigten Staaten und anderswo endlich vorgenommen werden. Ohne die Krise wäre das wahrscheinlich nicht geschehen.
Phelps: Ich wollte zunächst nein sagen, aber das kann ich dann doch nicht, wenn ich meinem amerikanischen Optimismus gerecht werden will. Seit mindestens einem Jahrzehnt hat der Finanzsektor meiner Meinung nach dem Wirtschaftssektor immer schlechtere Dienste geleistet. Die Obsession mit Default Swaps und Proprietary Trading, also mit Derivaten aller Art, war fast geschmacklos – als ob darüber vergessen worden wäre, Unternehmen Kredite zu gewähren. Das musste sich ändern, und eine solche Veränderung war schwer herbeizuführen, solange der Finanzsektor Riesengewinne machte und Washington zu riesigen Steuereinnahmen verhalf. Jetzt sollte die Reform leichter durchzusetzen sein.
Robert F. Engle III, Jahrgang 1942, lehrt an der Stern School of Business der New York University. Eric S. Maskin, Jahrgang 1950, ist der Albert O. Hirschman Professor of Social Science am Institute for Advanced Study in Princeton. Edmund S. Phelps, Jahrgang 1933, lehrt an der Columbia University und leitet dort auch das Center on Capitalism and Society.
Die Fragen stellte Jordan Mejias.

- Filmtip: "There is everything in this movie, everything that fits / from the meaning of life in the universe to girls with great big tits." So fängt Eric Idles Prolog zu dem Monty-Python-Film "Der Sinn des Lebens" an.

- Interessant, daß derselbe Wein an verschiedenen Tagen unterschiedlich mundet.

Donnerstag, 23. April 2009

Politikerkompetenz, SINN



Blaues Blümchen, wie heißt du?

- "Giftige" Wertpapiere: Eine ganze Reihe von Volkswirten verwendet inzwischen diesen blödsinnigen Ausdruck, der Wertpapiere mit Gift vergleicht. Es handelt sich aber um Wertpapiere, die derzeit keinen oder nur einen geringen Marktwert haben, weil sie schwer zu bewerten sind. Eventuell muß man die Endfälligkeit abwarten, dann werden sie von den Emittenden eingelöst - oder auch nicht, wenn die Ausgabestellen insolvent sein sollten.

- Schwan-Kandidatin hetzt: hätte gerne Unruhen für ihre Wahl

- Politikerkompetenz nach Adenauer und Erhard: "Die Märchen über das große Industrieland DDR .
Zu "Als Kohl im Führerhäuschen saß" (F.A.Z., "Politische Bücher" vom 18. April): In seiner Rezension des Buchs "Die Bonner Republik 1949-1998" von Heribert Schwan und Rolf Steininger erwähnt Rainer Blasius die Antwort Helmut Kohls zur Deutschland-Politik 1983 im Zusammenhang mit dem Milliardenkredit an die DDR: ". . . Wie sehr die DDR am Ende war, wusste niemand, denn wir alle lebten ja unter dem Einfluss einer unentwegt marschierenden Propagandaglocke, wonach die DDR das zehntgrößte Industrieland der Welt war."
Schlimmer konnte sich ein Bundeskanzler nicht blamieren, der mit dieser Äußerung zeigt, wie weit er von den tatsächlichen Verhältnissen drüben entfernt war - im Gegensatz zu jedem Bundesbürger, der seine Besuchsmöglichkeiten regelmäßig wahrnahm. Für die von der Rheinschiene stammenden Kohl und Schäuble waren die Gebiete jenseits der Elbe ein fernes Land, von dem sie nicht die geringste Ahnung hatten. Dieser Verdacht drängt sich einem insbesondere aufgrund der kapitalen Fehler der Regierung nach der Wiedervereinigung auf. Hinzu kommt, dass Kohl es sträflich unterließ, die seit der Brandt/Scheel-Regierung im Zuge des "Wandels durch Annäherung" völlig eingestellten, äußerst zuverlässigen Forschungsberichte über die Entwicklungen in der DDR wieder aufleben zu lassen.
Bis zur Regierung Kiesinger wurden auf allen Gebieten der Wirtschaft, des Sozialen, der Medizin, der Arbeitswelt, der Landwirtschaft, des Schul- und Hochschulwesens, des Handels und so weiter alljährlich Forschungsberichte der dafür zuständigen westdeutschen Institute und Universitäten veröffentlicht, die man über die Bonner Ministerien kostenlos beziehen konnte. Jeder, der es wollte, konnte sich also tiefgreifend über das Geschehen in der DDR informieren.
Wenn ein früherer Bundeskanzler auch heute noch zugibt, dem von den Kommunisten verbreiteten Märchen von der zehntgrößten Industrienation der Welt aufgesessen zu sein, so zeigt das ein hohes Maß an Naivität, das Gott sei Dank Hunderttausende bundesdeutscher Besucher der DDR nicht mit ihm teilen, weil sie schon damals die erbärmlichen Verhältnisse auf allen Gebieten würdigen konnten und es deshalb besser wussten. Die eigene Bevölkerung hatte für die Lobpreisungen der Politbürokraten und ZK-Größen ohnehin nur Hohn und Spott übrig."
Joachim Kadow, Bensheim-Auerbach, F.A.Z., 23.04.2009, Nr. 94 / Seite 35 // Man muß allerdings hinzufügen: Kleingeistige, aber eloquente Westentaschenpolitiker wie Brandt und Schmidt haben diese Desinformationen in großem Stil mit der SPD-Presse verbreitet.

- Stimmenkauf: "Der Wähler und die Abwrack-Bestechung .
Zur Wirtschaftsglosse "Der Abwrack-Irrsinn" (F.A.Z. vom 9. April): Den volkswirtschaftlichen Unsinn der Abwrack-Prämie hat Holger Appel klar und deutlich beschrieben. Was aber bei all den Kommentaren bisher nicht behandelt wurde, ist die Frage, ob es sich hier nicht langsam um strafbare Handlungen der verantwortlichen Politiker handelt. In Frage kommt aktive Bestechung, der die Politiker sonst so gern bei Managern nachgehen, die zur Erlangung von Aufträgen und zur Beschäftigungssicherung ihrer Firmen zweifellos gelegentlich die Grenzen des Zulässigen überschreiten. Die Politiker der großen Koalition versuchen hier wieder einmal, diesmal sogar mit direkten Zahlungen, die Wähler zu bestechen, um ihre Wiederwahl in lukrative Ämter zu erreichen. Dass hier noch keine Staatsanwaltschaft tätig geworden ist, hängt wohl mit deren Weisungsabhängigkeit zusammen. Dass die Bestochenen offensichtlich nicht merken, dass sie mit ihrem eigenen Geld, nämlich ihren künftigen Schulden, bestochen werden, ist ein erschütternder Hinweis auf die politische Reife eines Großteils unserer Wähler.
Dr. Claus Helbig, München F.A.Z., 23.04.2009, Nr. 94 / Seite 35

- SINN : „Bewusstsein kann also
wohl kaum als Zusammenschaltungsereignis von Molekülen verstanden werden,
dadurch entstehen nur Molekülkomplexe, aber kein Sinn. An der Vermeidung der
Sinnfrage krankt m.E. die ganze neurobiologische Debatte.“
... da haben Sie natürlich recht. Und bestimmt läßt sich auch noch nicht klären, wie der Sinn emergiert, und möglicherweise sind unsere Hirne für solche Aufgaben auch grundsätzlich nicht geeignet, sowenig, wie Katzenhirne für Schrödingers Katze Sinn haben.
Allerdings ging es mir um das gleichzeitige, zusammengeschaltete, flüchtige elektrochemische Ereignis der feuernden Neuronen in verschiedenen Bereichen des Gehirns (nicht um Molekülkonfigurationen), in dessen spezifisch erzeugtem Muster der Zusammenschaltung offenbar, in einer anderen Dimension, Sinn erzeugt wird. Die Art der Zusammenschaltung entscheidet über den Sinn / Unsinn.
Dafür muß man sich nicht interessieren, weil die beiden Seiten des Geschehens so völlig verschieden sind. Das Interesse dafür könnte sich dem Bedürfnis nach einer SINNBREMSE verdanken, weil Sinnschöpfung leicht einem dschungelhaften Wachstum anheimfällt und sich solipsistisch selbstreferentiell unendlich reproduziert und vom Hölzchen auf das Stöckchen kommt und so Erkenntnis verstellt. Sinn könnte das Schattenphänomen, das Abfallprodukt des starken Kausalitätserkenntnisdrangs des homo sapiens irrationalis sein.
In der geschichtlichen Betrachtung hat noch jede Irrationalität ihre steigernden Anschlüsse erzeugt bis zu einem Waterloo. Das dann neue / alte / neualte Paradigmen stimuliert.
Wenn die Kausalitätsvermutungen nicht einem strengen, empirischen Verfahren unterworfen werden, versinnen sie sich leicht ins Grenzenlose.
Ein weites Feld.

Mittwoch, 22. April 2009

Wohlstandsrisiko SPD, Oracle/SUN, Bechtolsheim



Hatte keine Lust, in München ordentlich nach Plan Physik zu studieren: Bechtolsheim oder die perverse Lust auf Mikroelektronik

- "Wohlstandsrisiko SPD. Von Heike Göbel
20. April 2009 Die Debatte über das Wahlprogramm der SPD konzentriert sich verständlicherweise zunächst auf die berechenbaren Angebote, und damit auf die Steuerpolitik. Hier haben die Sozialdemokraten klare Festlegungen zu den Steuersätzen – niedriger unten, höher oben – und einem ergänzenden Steuerbonus von 300 Euro getroffen. Auch eine Börsenumsatzsteuer ist angekündigt: Sie wird von einem Umsatz von 1000 Euro an jeden Kauf und Verkauf von Wertpapieren belasten, mit Steuersätzen von einem halben und 1,5 Prozent. In dieser Steuerpolitik drückt sich der Wille der SPD aus, ein unmissverständliches Signal für mehr Umverteilung von oben nach unten zu setzen. Den Schaden, den die daraus sprechende Leistungsfeindlichkeit anrichten könnte, hält die Partei für nebensächlich. Die „Krise“ dient der Rechtfertigung einer Steuerwende, mit der die Partei ihrem Ziel „Wohlstand für alle auf hohem Niveau“ Glaubwürdigkeit verleihen will.
Dass sich hoher Wohlstand nicht allein aus Umverteilung erreichen lässt, verschweigen die Genossen lieber. Das Bemühen um andere Quellen wird im Programm nicht sichtbar. Um Wohlstand zu fördern, müsste die SPD bereit sein, sich die Wirtschaft zum Partner statt zum Gegner zu machen. Sie müsste bereit sein, dem Gewinn und dem Streben danach Gutes abzugewinnen und es zu fördern. Und sie müsste darauf hinarbeiten, das Mehr an Bildung, das sie richtigerweise in Aussicht stellt, nicht länger einseitig als staatliche Aufgabe zu begreifen. Ein Bildungssystem als öffentliches Gut, von dem jedermann nach Lust und Laune von der Wiege bis zur Bahre kostenlos und ohne Pflichten Gebrauch machen kann, ist auf immense Ressourcenverschwendung angelegt – und damit unbezahlbar. ..." FAZ 21.4.

- Oracle will SUN übernehmen, nachdem die Gespräche zwischen SUN und IBM gescheitert sind. Damit verliert ein Internetgründungsunternehmen (Stanford University Network) der ersten Stunde nach mehreren Verlustjahren seine Selbständigkeit.

- Wohlstandsgenerator, sozusagen von der deutschen Universitätsbürokratie vertrieben: Andreas von Bechtolsheim (* 1955 am Ammersee) ist ein deutscher, im Silicon Valley (USA) lebender, Informatiker und Unternehmer. Er war 1982 einer von vier Gründern von Sun Microsystems und 1998 einer der ersten Investoren bei Google. Nach dem Abitur begann Bechtolsheim mit Unterstützung der Studienstiftung des deutschen Volkes ein Studium der Elektrotechnik mit Schwerpunkt Datenverarbeitung an der Technischen Universität München. Dort konnte er sich aber nicht entfalten (!) und wechselte in die USA.

- Von der Base zum Funktionsbegriff: Vielleicht sollte man anmerken, daß LEBEN mit Basen und Nukleinsäuren handelt, BEWUßTSEIN auf Basis der Vernetzung von Proteinkonfigurationen vielleicht ein Zusammenschaltungsereignis darstellt. Metaphorisches und Metonymisches scheint es nur im Bewußtseinskode zu geben, dort wird keine OH-Gruppe an- oder abgehängt, sondern wohl nach einer bildhaften, zumindest deiktischen Logik verfahren. Begriffe könnten als Kondensat von Deixis und Bild verstanden werden. Die Eingängigkeit der Metapher verdankt sich der Kraft des Bildes, die Abstraktionsarbeit führt zum Begriff, der nie ganz vom Bild loskommt. Das schafft erst der Funktionsbegriff, weswegen er es immer schwer haben wird.

- Zeichenrätsel: 'Wenn man aber sagt: „Wie soll ich wissen, was er meint,
ich sehe ja nur seine Zeichen“, so sage ich: „Wie soll er
wissen, was er meint, er hat ja auch nur seine Zeichen.“ '
(Ludwig Wittgenstein, PU 504)

8-15°C, kalter Ostwind

Dienstag, 21. April 2009

Max Weber, Wirtschaftswissenschaft, Strafrecht




Der junge Weber 1894

Maiwetter! Bis 18°C. Den vielen Birkenpollen kann man fast schaufeln (bestimmt wegen des Waldsterbens und der Klimaerwärmung). Erste flügge Amsel, die Mücken stechen wieder.

- Max Weber: 21. April 1864-1920: Einer der beiden nennenswerten deutschen Soziologen (der andere heißt Luhmann): Lesen! Als Einstieg vielleicht der Vortrag POLITIK ALS BERUF .

- H.-U. Wehler fordert im Focus 14/09 S. 38: "Wenn die Verantwortlichen für das Bankendesaster nicht zur Rechenschaft gezogen werden, ist das nicht mehr vermittelbar": Meint er wohl die Hypothekennehmer, die ihre Hypotheken nicht mehr bedient haben? Liest der Mann überhaupt den Wirtschaftsteil?

- "Die trostlose Wirtschaftswissenschaft ... Je raffinierter die Formeln wurden (der Autor erinnert sich an eine Formel zur Beschreibung des Gleichgewichts auf dem Arbeitsmarkt des indischen Gliedstaats Uttar Pradesh, die eine ganze Seite füllte), desto mehr ging der zugrundeliegende ökonomische Sachverhalt verloren: Je genauer die Ergebnisse wurden, desto irrelevanter wurden sie zugleich. Die als unexakt angesehene Sprache erlaubt zudem, wie der Kölner Ökonom Hans Willgerodt schreibt, viele realistische Assoziationen über menschliches Verhalten, die in mathematischen Formeln fehlen und durch nackte, manchmal nur behauptete Exaktheit ersetzt werden. In der modernen Finanztheorie wird besonders viel gerechnet, aber übersehen, wie sehr diese Rechnungen auf Annahmen basieren, die vielleicht in ihrer Vereinfachung und im Durchschnitt stimmen mögen, aber oft nicht im konkreten Einzelfall. ... Technokratie ohne Sinn:
Der gegenwärtigen Wirtschaftskrise zugrunde liegt, viertens, auch eine Tendenz, die Ökonomie rein technokratisch zu betreiben. Dieses Verständnis geht fast immer einher mit einem falschen Glauben an permanent effiziente Märkte. Daraus kann sich ein ähnlich mechanistisches Denken entwickeln wie bei jenen, die die Wirtschaft mit einer Maschine verwechseln. Wer hingegen in der «österreichischen» Tradition steht, versteht Märkte als Entdeckungsverfahren. Sie sind dynamisch, evolutiv, nie im Gleichgewicht, permanent am Korrigieren früherer Fehler – also unberechenbar. Und gerade nicht die angeblichen Marktideologen, sondern vielmehr die ökonomischen Technokraten, die an wertfreie Objektivität glauben und die Wirtschaftswissenschaften als blutleeres Instrument verstehen, haben nie die Sinnfrage gestellt und sich um viele Gefahren und Nebenwirkungen ihres Tuns foutiert. Demgegenüber geht es dem auf einen schlanken, aber starken Staat setzenden Ordoliberalismus seit je um Werte, um die Verwirklichung einer menschengerechten, freiheitlichen Ordnung.
Die Krise der Wirtschaft ist deshalb auch die Krise einer zu eng verstandenen, zu sehr einem naturwissenschaftlichen Ideal nacheifernden, stark angelsächsisch geprägten neoklassischen Ökonomie. Zugleich hat sie einige Stärken sowohl der «österreichischen» Schule als auch des Ordoliberalismus wieder in den Vordergrund gerückt. Es würde nicht überraschen, wenn ein integraleres wirtschaftliches Denken, wie es diesen freiheitlichen Strömungen eigen ist, auch an den Universitäten in Zukunft wieder mehr Anerkennung fände. Sinnvoll wäre es in jedem Fall." NZZ 11.4.09 GS
Die Marktwirtschaft ist so ungeheuer produktiv, daß nicht nur die die durchschnittliche Sozialhilfeempfängerfamilie fünf Funktelefone besitzt, sondern auch viel Anlage- und Buchgeld entsteht, ebenfalls durch den Staat, der die Geldmenge wohlfahrtlich gestimmt aufbläht und die Zinsen unter den Stiefel tritt, so daß die Anleger Neue Anlagebereiche suchen müssen. Da sollten dann die Fondsmanager gut rechnen können, aber das reicht nicht, die persönliche Verantwortung muß den Kopf nüchtern halten. Daran hat es den Rechenkünstlern gefehlt, daran wird es ihnen immer fehlen, weil sie an Formeln und Modelle glauben, und die Subalternen diese Formeln und Modelle gar nicht mehr richtig begreifen, sondern nur noch anwenden in innigem Wunderglauben. Sie nehmen den Markt dann gar nicht mehr ernst, sie verhalten sich stattdessen in der Alltagsroutine wie mechanische Rechenknechte. Da hilft nur Zurückhaltung bei anmaßender Mathematik und die Rückbesinnung auf das Ornungsdenken von Mises und Hayek, Röpke und Erhard, Schüller und Vanberg.

- "Strafrecht: Milde führt zu mehr Kriminalität. Von Philip Plickert FAZ 26.3.09
Das Strafrecht wirkt nicht mehr abschreckend, weil immer mehr Straftäter in Deutschland ohne gerichtliche Verurteilung davonkommen. Zu diesem Ergebnis kommt eine statistische Untersuchung der Wirkung der Strafrechtsreform von 1969, die Hannes Spengler, Professor für Quantitative Methoden und Volkswirtschaftslehre an der Fachhochschule Mainz, und der Ökonom und Kriminologe Horst Entorf von der Frankfurter Goethe-Universität vorgelegt haben. Die Studie ist jüngst vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung veröffentlicht worden. Ihr Tenor ist, dass zu milde Strafverfolgung mitverantwortlich ist für steigende Kriminalität.
Besonders die Zahl der Gewaltdelikte hat stark zugenommen: Sie hat sich seit den sechziger Jahren bis zum Jahr 2007 von rund 80 auf 272 Fälle je 100000 Einwohner mehr als verdreifacht, wobei vor allem Raub und Körperverletzungen zugenommen haben. Die Zahl der Diebstähle liegt mit 3107 Fällen je 100000 Einwohner zwar unter dem Rekord in den frühen neunziger Jahren, aber fast doppelt so hoch wie in den sechziger Jahren.
Erhebliche regionale Unterschiede
Zugleich ist der Anteil der gerichtlich verurteilten Straftäter stark gesunken, seit 1981 von 64 auf 43 Prozent. Immer mehr Verfahren, vor allem bei leichten und mittleren Delikten, werden eingestellt - mit oder ohne Auflagen - oder außergerichtlich geregelt. Bei schweren Diebstählen landen nur noch 35 Prozent der Tatverdächtigen vor Gericht, bei Körperverletzungen nur noch 30 Prozent. Die Entscheidung, ob ein Verfahren eingestellt wird, treffen meist die Staatsanwaltschaften. Dabei gibt es nach der Studie regional erhebliche Unterschiede: Die norddeutschen Bundesländer wie Schleswig-Holstein, Niedersachsen oder Bremen stehen für eine weiche Haltung in der Strafverfolgung; Bayern und Baden-Württemberg hingegen blieben auch nach der Reform bei einer harten Linie. Die Aufklärungs- und Verurteilungsquoten sind dort erheblich höher. ..." //
Den Autoren der Studie ist zu danken, ebenso dem Berichterstatter darüber. Die Strafseite erscheint angemessen behandelt, die Resozialisierung weniger. Konrad Lorenz weist darauf hin, daß Strafe wirksam ist bei unerwünschtem Verhalten, nicht jedoch bei der Herbeiführung positiven Verhaltens. Der Straftäter lernt durch die Strafe und wird abgeschreckt. Er braucht aber zusätzlich das Lernen und Einüben positiven Verhaltens durch Belohnung. Dazu Hans J. Eysenck: " Es gibt ... eine hervorzuhebende Entwicklung, nämlich die praktische Anwendung der hier besprochenen Theorien zum Zweck der Prophylaxe und Rehabilitation. Meine ursprüngliche Annahme, dass sowohl Neurose als auch Kriminalität als konditionierende Prinzipien verstanden werden können – wobei Neurotiker Angst- und Furchtreaktionen auf früher neutrale Situationen zu rasch und zu stark konditionieren, während Kriminelle nicht hinreichend die sozial adäquaten Reaktionen zu konditionieren vermögen ...“. ( H.J. Eysenck, Kriminalität und Persönlichkeit, Vorwort S. 12f., Wien 1976 ) Eysenck schlägt für die Haft ein belohnendes Lernsystem vor, das er bereits in einigen US-Haftanstalten als ein Token-System erfolgreich arbeiten sah. Hier sollten Spengler und Entorf weiter forschen, denn nicht nur unterscheiden sich die US-Einzelstaaten recht stark voneinander, auch bei den Counties verhält es sich ähnlich, wie wir von Sheriff Joe Arpaios Maricopa County-Jail wissen (www.mcso.org/).