Sonntag, 10. Januar 2010

Orientalist Tilman Nagel, Helmut Schmidt im Gespräch



Sieht doch recht nett aus, der verhinderte nigerianische Flugzeugmassenmörder von Detroit

- Scharia-Gericht in Nord-Nigeria in der Provinz Bauchi hat sechs Personen zum Tod durch Steinigung verurteilt und bei 46 weiteren Amputationen angeordnet. Lagos, Reuters/FAZ 15.2.09

- Orientalist Tilman Nagel im Doppelkopf-Gespräch auf hr2 : " Die Mutter Mohammeds kehrte nach der Zeugung zu ihrem Stamm zurück, wie das üblich war. ... Daß sogar Allah und die Engel ihn verehren ... durchdrungen von der Idee, daß die ganze Welt islamisch werden muß ... Fliegen ganz in das Wasser, ein Flügel sei positiv, einer negativ ... Erde um die Sonne, Mufti in Saudi-Arabien ... islamisches Überlegenheitsgefühl ... Frau Schimmel hat immer sehr schwärmerische Vorlesungen gehalten ... sehr gerne in Kairo und Syrien. " hr2 Doppelkopf 8.1.

- Helmut Schmidt im NZZ-Interview auf 3sat: Er ist immer noch ein guter Darsteller seiner selbst, mit 91, inzwischen im Rollstuhl, aber immer noch starker Raucher, der im Gespräch raucht und hustet. Er ist ein lebendes Beispiel dafür, daß auch Intelligenz und Alter gegenüber den Leidenschaften und Süchten das Nachsehen haben können. Er spricht eindringlich und mit wohlgesetzten Pausen, begleitet von strengem Blickkontakt. Konzentriert auf die großen Fragen, die zu bedenken immer lohnt, hört man ihm gern zu. Die deutsche Nation läßt er reichlich früh im Mittelalter beginnen, ohne den Begriff selbst zu befragen. Mitglied im Deutschen Reich waren auch nichtdeutsche Fürsten, und die Konkurrenz zwischen Berlin und Wien machten es zu einem merkwürdigen und ohnmächtigen Gebilde, das Napoleon ohne große Mühe beendete. Auch sehr undifferenziert seine Sicht auf den Islam, ohne dessen zahlreiche Variationen und die traditionelle Feindschaft zwischen Sunniten und Schiiten zu beachten. Sein Freund Sadat hat ihn seinerzeit ein wenig über den Koran aufgeklärt, er selbst scheint seitdem keinen Blick in denselben geworfen zu haben. Sehr wahrscheinlich leitet sich der Monotheismus vom Sonnenkult Echnatons her und war schon damals gegenüber den anderen Gottheiten des Alten Reiches gewaltstiftend. Eine weltweite Gleichberechtigung der Religionen wünscht sich Schmidt; auf die Verfolgung der Bahai in Persien, die Diskriminierung aller nichtmohammedanischen Religionen in der islamischen Welt kam er dabei nicht zu sprechen. Hätte er nicht, alterskühn, den Monotheismus als prinzipiell kriegstreibend überhaupt in Frage stellen können? Das alte Ägypten wurde von den mohammedanischen Eroberern kulturell völlig ausgelöscht, und auch der jüdische und der christliche Monotheismus waren gewaltbereit und intolerant, letztere haben sich allerdings gewandelt, beide haben einen zivilisierenden und wohlstandsfördernden Weg beschritten. Der Polytheismus, etwa in der griechischen Antike, hat die 'natürliche' menschliche Gewaltbereitschaft nicht zusätzlich gestärkt. Zweifellos recht hat er mit dem explosionsartigen Wachstum der Bevölkerung in den Entwicklungsländern als einem der größten Weltprobleme.

Samstag, 9. Januar 2010

Friedrich Ebert, Wilhelm Marx, Gasphantasien, Schneeflöckchen




Scheuen den Schneefall nicht: Ringeltauben in der Esche

Wilhelm Marx, zweimaliger Kanzler der Weimarer Republik


- Schneeflöckchen: " Jedes Jahr dasselbe Theater ...
...ein paar Schneeflocken mehr als im Sommer üblich und schon haben wir eine mittelmäßige Katastrophe. Endlich verstehe ich, wie Polit- und Medienbetrieb funktionieren. Ich verstehe aber nicht, warum zB in Stuttgart der Schnee in den Haupt-Straßen der Innenstadt nicht geräumt wird und wieso trotz eindeutiger Schnee-Wettervorhersage über mehrere Tage jetzt das Streu-Salz knapp wird." Michael Meier, faz.net 8.1.

- Gasphantasien: „Möge das Gas in die Spielstuben eurer Kinder schleichen. Mögen sie langsam umsinken, die Püppchen. Ich wünsche der Frau des Kirchenrats und des Chefredakteurs und der Mutter des Bildhauers und der Schwester des Bankiers, daß sie einen bitteren, qualvollen Tod finden, alle zusammen. Weil sie es so wollen, ohne es zu wollen.“
Kurt Tucholsky, Werke Bd. 5, (Dänische Felder, Weltbühne 1927)

Wen mag der am 9. Januar 1890 geborene Tucho. 1925 gewählt haben? Den zweimaligen Kanzler Wilhelm Marx, den Reichspräsidentenkandidaten des "Volksblocks"? Den 78jährigen Kandidaten des "Reichsblocks" Hindenburg bestimmt nicht. Aber sehr wahrscheinlich den Zählkandidaten Thälmann, den die KPD boshaft gegen die Republik aufstellte. Hätten die Kommunisten darauf verzichtet, hätte der Zentrumspolitiker Marx eine Stimmenmehrheit erreichen können. Er war ein Republikaner, Hindenburg ein Monarchist, der das Amt gar nicht anstrebte und mehrmals die Kandidatur abgelehnt hatte. Er ließ sich umstimmen, um die Zerrissenheit der politischen Verhältnisse zu überbrücken, und er hat als Reichspräsident loyal zur Weimarer Verfassung gestanden. Marx war aber ein Politiker, der vielleicht die immer schlimmer werdende Endphase der Republik besser gemeistert hätte. Niemand weiß das, aber er hätte sicher die besseren Berater zur Seite gehabt als der alte Militär, der u.a. seinem Sohn zuviel Vertrauen schenkte.- Zurück zu Tucho. . Golo Mann charakterisiert ihn so: " Die hellsichtige Bosheit, mit der Kurt Tucholsky die Republik verspottete, alle ihre Lahmheiten und Falschheiten, erinnerte von ferne an Heinrich Heine. Von Witz und Haß des großen Dichters war ein Stück in ihm, nur leider wenig von seiner Liebe. Die radikale Literatur konnte kritisieren, verhöhnen, demaskieren, und erwarb sich eine leichte, für die Gediegenheit des eigenen Charakters noch nichts beweisende Überlegenheit damit. Sie war ihr Handwerk gewöhnt von Kaisers Zeiten her und setzte es fort unter der Republik, die es an Zielscheiben für ihren Hohn auch nicht fehlen ließ. Was half es?" (Golo Mann, Dt. Geschichte, S. 727) Es half leider nichts, es war destruktive Selbstbefriedigung, die die Zerrissenheit der politischen Landschaft beförderte - und die Dynamik solcher vorbürgerkriegsähnlichen Zustände kann niemand kalkulieren. Die Größe des stets bis zur Selbstverleugnung um Konstruktivität bemühten Friedrich Ebert, dessen viel zu früher Tod die Neuwahl des Reichspräsidenten erst nötig gemacht hatte, erscheint neben solchen "ungebundenen Linksliteraten" (G. Mann) umso imposanter.

Freitag, 8. Januar 2010

Medien und Inhalte, Abitur ist nicht gleich Abitur



-5 bis -3°C, die Aussicht bleibt weiß

- Medien und Inhalte: " Es hatte die Würkung, die gemeiniglich gute Bücher haben. Es machte die Einfältigen einfältiger, die Klugen klüger und die übrigen Tausende blieben unverändert. " Lichtenberg, Sudelbücher Heft E 128
Schirrmacher hat mal wieder ein wichtiges Faß aufgemacht, wie er sicher meint, er fragt danach, wie das Internet unser Denken verändert habe. Mit Lichtenbergs Ausspruch könnte es sein Bewenden haben, aber das Weltnetz verdient doch ein besonderes Lob: Es erspart uns viele Wege und viele Kosten und läßt uns überall ein, wo wir sonst nie hinkämen; in Bücher, für die uns der Gang zu Buchhandlung und Bibliothek sonst zu aufwendig wäre, zu Satellitenaufnahmen, die uns sonst verschlossen blieben, Verschwörungstheorien, die unbekannt geblieben wären, die aber gut den fragilen mentalen Status der Gattung veranschaulichen, etc. Die Liste ist fast endlos. Und natürlich sind die Kommunikationsmöglichkeiten ins Grenzenlose gestiegen. Ein wunderbares Medium!

- " Schule. Abitur ist nicht gleich Abitur
Deutliche Bewertungsunterschiede zwischen den Ländern ziehen die Aussagefähigkeit der Abiturnoten für die Zulassung zum Studium in Zweifel. In einem Vergleichstest lagen Abiturienten in Hamburg weit hinter denen aus Baden-Württemberg. ..." FAZ 7.1. / " Ihre Noten und Ihre Praktika interessieren uns nicht!
Wer an der Zeppelin University in Friedrichshafen studieren will, muss selbst jemand sein und eine bewusste Entscheidung getroffen haben ...
Das wünschten sich die meisten staatlichen Hochschulen auch: ihre Studenten in allen Fächern selbst aussuchen zu können. Einige haben es in ..." FAZ 7.1.10
/// Als ob das nicht jeder seit jeher wußte! Nur ein Zentralabitur könnte eine gewisse Vergleichbarkeit erbringen. Allerdings hat das den großen Nachteil, daß der Einfluß der Schulbürokratie wüchse. Bereits Seneca beklagte, daß die Schulen lebensfremdes Wissen vermitteln : " Nicht für das Leben, für die Schule lernen wir! " (Briefe an Lucilius Buch XVII, Brief 106, 12) Den Schulplunder, das tote Katalogwissen gilt es zurückzudrängen durch konkurrierende private Schulprojekte. Und private Hochschulprojekte wie die Zeppelin University, die ein Verhaltensbeurteilungsprogramm einsetzt, das sehr viel aussagekräftiger ist als es untransparente Noten sein könnten. Das alles Beurteilen seine Grenzen besitzt, was sowohl an den Beobachtern liegt als auch an den Probandentypen (Extrovertierte agieren und lernen anders als Introvertierte, s. Eysenck u.a.), muß immer mitgedacht werden.

- Menschiks Kalendarium 7.1.10: Zwei eindringliche Datenbilder: die in Hiroshima 12jährig an Leukämie verstorbene Sadako Sasaki und die Schädel der kambodschanischen Todesfelder. Im Zentrum leider der langlebige Diktator Castro, der durch Sozialismus und Verfolgung Kuba ruinierte. Die Schädel der Todesfelder sind erschütternd gezeichnet; der Krebstod eines jungen Mädchens berührt auch, wird aber graphisch nur durch das Faltkranich-Motiv umgesetzt. Es wird vermutet, daß die Leukämie der japanischen Schülerin durch den Atombombenabwurf verursacht wurde, was die Tragik des Abwurfs enthüllen würde. Nach den langen, verlustreichen und überaus grausamen Kämpfen im Pazifik, bei denen die japanische Armee kein sinnloses Opfer scheute, griffen die USA zur Atomwaffe, die den Krieg schlagartig beendete, aber auch viele Zivilisten tötete. Das ist klassische Tragik: es gab keine Lösung ohne Opfer. Truman war in der Pflicht für amerikanische Leben, der japanische Militarismus lehnte jede Kapitulation ab (noch weit über das Kriegsende hinaus gab es japanische Soldaten auf den Pazifikinseln, die nicht aufgaben).

Donnerstag, 7. Januar 2010

Testosterongeschichten, Afghanistan-Diskussion



Waldblick auf Odenthal

- Testosterongeschichten. Der Filmemacher Wicki berichtete aus seiner Kinderzeit, er habe eines Tages mit einem Hämmerchen die Scheiben des Wohnzimmerschranks seiner Tante eingeschlagen. Ein 15 Jahre alter, bereits vorher auffälliger Junge schlägt die neun Jahre alte Kassandra nieder und wirft sie in einen Kanalschacht, den er mit einem schweren Deckel verschließt. Schumacher kehrt in die Formel 1 zurück, weil es ihm zuhause zu langweilig ist. In Nordwestpakistan nimmt die Polizei fünf junge Amerikaner auf dem Weg zu Al Kaida fest. Ganz großer Kick: die im Afghanistan der Taliban terroristisch ausgebildeten Mohammed Atta-Leute fliegen mit voll besetzten Großflugzeugen in die Hochhaus-Türme des WTC.- Man muß wohl darauf dringen, daß die männliche Gewaltlust unter strikter Kontrolle bleibt. Wickis Vater ohrfeigte den Jungen, die Tante sagte ihm: der Berni darf das. Daraus lassen sich auch einige erziehungswissenschaftliche Rückschlüsse ziehen, zusätzlich zur Lektüre von Bernhard Hassenstein (Verhaltensbiologie des Kindes).

- Afghanistan-Diskussion auf faz.net: Meine Beispiele der Frauenknechtung zielen auf Herrn Tod., der das Phänomen des Islamismus nicht begreift, obwohl ihm Bassam Tibi u.a. dazu viel Literatur in die Hand gegeben haben. Frauen massakrieren die Taliban nebenbei. Mehr Spaß haben sie, wenn sie aus ihren Trainingslagern Massenmörder losschicken können, die ihnen Bilder einstürzender Hochhäuser liefern. Des Gewaltexports wegen ist die Nato in Afghanistan. Dabei geht es nicht nur um die Taliban selbst, sondern ebenso um die Gewaltabenteurer, die sie anlocken und ausbilden. Und die auch die Seiten wechseln, wenn Hekmatyar das Kriegsglück verläßt oder Dostum mehr Gewalt bietet. Das Gebilde Afghanistan ist eine frühmittelalterlich segregierte Gesellschaft aus vielen Volksgruppen, Stämmen und Clans, die stets nach eigenen Interessen handelten und stets Krieg gegeneinander führten, unterbrochen nur von kriegslosen Zeiten, die manchmal 2 Jahre, manchmal 20 Jahre dauerten. Stabilität gab es nur vorübergehend bis zum nächsten Putsch, meist mit Ermordung des Emirs, Königs etc. Der Genosse Nadschibullah aus dem Moskauer Exil hatte nie die geringste Chance auf eine längere Herrschaft, er stand bei allen Mudschahedin-Gruppen, die sich gegenseitig bekriegten, ganz oben auf der Todesliste. Er wurde aber gegen Konkurrenzgruppen benutzt, um sie zu schwächen und um dann selbst gegen den geschwächten Nadschibullah zu siegen.

Mittwoch, 6. Januar 2010

Islamistische Paschtunen, Afghanischer Bürgerkrieg 1989-1996-2002



Winterlicher Wasserweg - an der Dhünn


- ISLAMismus im paschtunischen Pakistan

Verprügelt, verschleppt, vergewaltigt
Es nur ein Kindergeburtstag, zu dem die christliche Familie eingeladen hatte. Doch eine Gruppe wütender bärtiger Männer stürmte vor wenigen Wochen das Haus unweit der Universität von Peshawar. Sie prügelten auf die Gäste ein, zwangen 17 von ihnen in ihre Fahrzeuge und rasten in Richtung Khyber-Pass davon. Einen halben Tag später kamen sie wieder frei. Dabei hatten sie noch Glück: Als ein "Missverständnis" bedauerte die Islamistengruppe Lashkar-e-Islam die Entführung; man habe geglaubt, es habe sich um eine "vulgäre" Veranstaltung von Muslimen gehandelt. Stammesführer und die Regierung in Islamabad hatten sich für die Freilassung der Christen eingesetzt.
In der pakistanischen Northwest Frontier Province (NWFP) unweit der Grenze zu Afghanistan führen sich die militanten Muslime wie die wahren Herrscher auf. Auch mit einer weiteren Militäroffensive gelingt es der pakistanischen Regierung nicht, sie in die Schranken zu weisen. In Peshawar trifft der Zorn radikaler Muslime die dort lebenden mehr als 300 christlichen Familien genauso wie Sikhs und säkulare Muslime, deren Frauen sich nicht verschleiern oder gern DVDs kaufen.
Aber auch aus vielen anderen Teilen der Islamischen Republik Pakistan, wo die Bevölkerung zu 96 Prozent aus Muslimen besteht, werden Übergriffe gemeldet: Im Juni auf Hindus aus der Hafenstadt Karachi und zuvor auf mehrere Christen in der Provinz Punjab. In Faisalabad vertrieben Sunniten vor kurzem mehr als 20 Studenten, die der Ahmadiyya-Minderheit angehören, von der medizinischen Hochschule; dieser vom offiziellen Islam ausgegrenzten muslimischen Gruppe gehören zwischen zwei und vier Millionen Menschen an. Die größten Verluste mussten in den vergangenen Jahren jedoch die Schiiten hinnehmen. Sie stellen zwischen zehn und zwanzig Prozent der Bevölkerung. Sunnitische Terroristen griffen sie immer wieder während des Aschura-Fests an. Hindus und Christen klagen zudem darüber, dass sie oft mit brutaler Gewalt gezwungen würden, zum Islam überzutreten: Allein in Sindh berichten Hindu-Organisationen, dass jedes Jahr 15 bis 20 Familien gezwungen würden zu konvertieren - oft aus einer finanziellen Notlage heraus, weil sie hoch verschuldet sind.
Zu sexueller Gewalt kommt es, wenn Mädchen und Frauen zum Übertritt zum Islam gezwungen werden. "Die Jüngsten sind 13 Jahre alt, sie werden entführt, oft vergewaltigt und gezwungen, zum Islam zu konvertieren. Dann werden sie verheiratet", berichtet Joseph Francis, der Gründer der pakistanischen Menschenrechtsorganisation Claas. In einem geheimen Schutzhaus in Lahore versuchen er und seine Mitarbeiter besonders christlichen Mädchen und Frauen zu helfen. "Christen sind die wichtigsten Ziele der Fundamentalisten und der religiösen Parteien", beobachtet Francis, der selbst Christ ist. Ihre Lage habe sich in den vergangenen Jahren weiter verschlechtert. Seit den Terroranschlägen vom "11. September" bekomme die kleine christliche Minderheit die tiefe Abneigung der meisten Pakistaner gegen Amerika zu spüren. Kurz nach den Attentaten hatten amerikanisch geführte Truppen im Nachbarland Afghanistan die Taliban vertrieben; eng arbeitet Washington mit dem pakistanischen Präsidenten Musharraf zusammen. Die Christen sehen viele Pakistaner als die Vorhut des Westens. Aber es kam auch schon zu Angriffen auf sie, wenn Israel gegen Palästinenser vorging oder Mohammed-Karikaturen in Dänemark erschienen.
Bei ihren Angriffen auf Nichtmuslime fühlen sich radikale Muslime noch durch das pakistanische Recht gerechtfertigt. "Wer durch geschriebene oder gesprochene Worte, durch sichtbare Zeichen, eine mittelbare oder unmittelbare Unterstellung, versteckte Anspielung oder Andeutung den geheiligten Namen des heiligen Propheten Mohammed besudelt, ist mit dem Tod oder einer lebenslangen Freiheitsstrafe sowie gegebenenfalls auch durch Verhängung einer Geldbuße zu bestrafen", steht im pakistanischen Blasphemiegesetz. Seit das Gesetz 1986 in Kraft trat, seien mehr als 900 Pakistaner wegen Gotteslästerung angeklagt worden, darunter deutlich mehr Christen, als es ihrem Bevölkerungsanteil von rund zwei Prozent entspreche, heißt es bei der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte in Frankfurt: Obwohl bisher kein Todesurteil vollstreckt worden sei, hätten militante Islamisten mindestens 25 Personen gezielt getötet. Es kam schon vor, dass Mithäftlinge und Gefängniswärter wegen Blasphemievorwürfen Angeklagte umbrachten.
Oft wagen Sicherheitskräfte nicht einzugreifen, und Anwälte wie Richter fürchten selbst Repressionen. Das zeigt zum Beispiel das Schicksal des Christen Younis Masih: Er hatte 2005 in Lahore Muslime, die ein religiöses Fest feierten, zu später Stunde gebeten, leiser zu singen, weil seine Familie um einen Verwandten trauerte. Am nächsten Tag wurde er von einer Gruppe Muslimen überfallen und so lange geschlagen, bis die Angreifer glaubten, er sei tot. Als er die Täter anzeigte, beschuldigten diese ihn, den Propheten Mohammed beleidigt zu haben. Ein Gericht schenkte diesem Vorwurf Glauben und verurteilte ihn zum Tod; dazu zu einer Geldstrafe von mehr als 1000 Euro. Nach Angaben von Amnesty International wurde er seitdem mehrfach im Gefängnis zusammengeschlagen, sein Anwalt überlebte nur knapp einen Anschlag.
Immer wieder sind die Blasphemievorwürfe und die vagen Formulierungen des Paragraphen jedoch nur ein Vorwand für weltliche Motive. Sie würden vorgeschoben, um religiöse Minderheiten zu drangsalieren und politisch zu verfolgen, berichtet etwa Amnesty International. In Chack Chattah in der Provinz Punjab lehnte etwa Ende 2007 der Arzt Robin Sardar Bahin den Wunsch eines Schuhhändlers ab, vor dem von ihm geleiteten Krankenhaus einen Verkaufsstand einzurichten. Dieser warf dem christlichen Leiter der Klinik daraufhin vor, den Propheten Mohammed beleidigt zu haben. Der Arzt ist nach Angaben der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte weiter in Haft.
Die neue Regierung unter Ministerpräsident Gilani hat wie zuvor schon Präsident Musharraf zwar versprochen, mehr für die Minderheiten zu tun, aber es ist kaum etwas geschehen. "Stattdessen verhandelt die Regierung mit Fanatikern, die Christen und andere angreifen", beklagt Menschenrechtler Francis. Erst vor wenigen Tagen schlossen die regionalen Behörden eine Art Stillhalteabkommen mit der Islamistengruppe Lashkar-e-Islam, die im Juni die Christen entführt hatte. In der pakistanischen Presse wurde danach darüber diskutiert, wohin sich das Land entwickelt hat - zum Unguten, wie etwa der Leitartikler in der Tageszeitung "The News" schreibt: "Wenn in Pakistan die dynamische Gesellschaft wieder entstehen soll, die hier einst existierte und in der alle religiösen Gruppen ihre Rolle spielen können, muss die Regierung alles tun, um die diskriminierenden Gesetze zu beseitigen, und Nichtmuslime zu wirklich gleichberechtigten Staatsbürgern machen."
Faz 25. Juli 2008
/// Wie hier im paschtunischen Pakistan geht es auch in Afghanistan zu. Zu Zeiten der Taliban-Diktatur war das aber sehr viel schlimmer, die Taliban führten einen täglichen mörderischen Krieg gegen die Zivilbevölkerung und bildeten in militärischen Trainingslagern Kämpfer für den weltweiten "Heiligen Krieg" aus, siehe New Yorker Anschlag 2001.

- Afghanischer Bürgerkrieg 1989-1996-2002
"Ende und Folgen des Konflikts:
Die Folgen des Bürgerkrieges waren über eine Million Tote und ein nicht enden wollender Flüchtlingsstrom, der bis zum heutigen Zeitpunkt 2002 anhält. Damit war dies einer der blutigsten Bürgerkriege der Welt. Ein Ende war aufgrund der äußeren Interessen nicht abzusehen, im Gegenteil, die Instabilität der gesamten Region hatte sogar noch weiter zugenommen und das Risiko zusätzlicher Konflikte stieg.
Eine weitere Folge waren die ständigen Menschenrechtsverletzungen im großen Stil. Die Frauen waren durch Gesetze der Taliban völlig entrechtet. Berufsausübung und Schulbesuch waren verboten, völlige Verschleierung und Ausgang nur in männlicher Begleitung waren vorgeschrieben. Da Männer nach den Gesetzen der Taliban weibliche Körper nicht ansehen durften, konnten Frauen in Krankenhäusern mit ausschließlich männlichem Personal nicht behandelt und auch nicht entbunden werden. Den Männern wurde bei Gefängnisstrafe befohlen, sich lange Bärte wachsen zu lassen. Tanz und Musik waren verboten. Hungertod aufgrund der Erwerbslosigkeit oder Tod durch ausbleibende ärztliche Hilfe waren die Folgen.
Nach jahrelangem Krieg lag Afghanistan dann wirtschaftlich völlig am Boden. Straßen und Produktionsstätten, Schulen und Krankenhäuser, Dörfer und Städte waren zerstört.
Die unterschiedlichen Auffasssungen für ein geordnetes Zusammenleben, die unter dem Taliban-Regime und vor allem durch das Taliban-Regime ins Extreme auseinanderdrifteten, führten dazu, dass eine selbstständige Konfliktbeilegung der Afghanen nicht möglich war. Durch den Amerikanisch-Afghanischen Konflikt wurde aber das Taliban-Regime gestürtzt und eine langsame Normalisierung der Lebenslage in Afghanistan setzt nun im Jahre 2002 ein. " ( sibilla-egen-schule.de/konflikt/afghanis/afghan1.htm )

- Lit.: Mostafa Danesch, Die Leiden Afghanistans
Rez. FAZ 21. Februar 2003 , Mostafa Danesch: Wer Allahs Wort mißbraucht. Krisenherd islamische Welt. Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 2002. 317 Seiten, 21,90 [Euro].

- Neue Chance für die Zivilisation
Max Weber, der bedeutende Soziologe, formuliert es sehr prägnant in seinem Vortrag 'Politik als Beruf': "Es ist durchaus wahr und eine ... Grundtatsache aller Geschichte, daß das schließliche Resultat politischen Handelns oft: nein, geradezu regelmäßig, in völlig unadäquatem, oft in geradezu paradoxem Verhältnis zu seinem ursprünglichen Sinn steht." (S. 64f.)- Das gilt stets und überall. Was beim Schachspiel gelingt, ist bei politischem Handeln schwer kalkulierbar. In den zwanziger Jahren blühte Kabul, die deutsche Schule wurde gegründet und erwarb sich einen guten Ruf, der, verbunden mit akademischem Austausch, bis heute nachwirkt. 1996, nach so vielen Putschen, dem sowjetischen Einmarsch und dem alles verheerenden Bürgerkrieg, war Kabul nicht mehr wiederzuerkennen. Die Reislamisierung durch einander in Fanatismus überbietende Gruppen, die sich in mörderische Banden verwandelten und die alles zerschossen und zerbombten, brachte Afghanistan zurück in die Steinzeit. Seit dem Eingreifen der Nato hat sich das Blatt zum Besseren gewendet, die Zivilisation eine neue Chance bekommen. Die Regierung des Genossen Nadschibullah war, man muß angesichts der späteren Bürgerkriegsgreuel sagen: leider, nicht stabil; Nadschibullah wurde gräßlich gemetzelt, seine Leiche verstümmelt und in den Wind gehängt. Das hatte viel mit ausländischer Beeinflussung zu tun, noch mehr aber mit autochthoner Grausamkeit. Auch die Hekmatyar-Banden hätten siegen können. Eine Befriedung des geschundenen Afghanistans ist sehr schwierig, ohne entschlossenen, massiven Einsatz von Waffen aber völlig ausgeschlossen. Nicht nur Hekmatyar wartet auf einen neuen Bürgerkrieg. Komm. auf faz.net
(Todenhöfer)

- Wir reden mal drüber: Alles wäre doch so einfach gewesen: Bevor die Mudschaheddin-Gruppen sich im mehrjährigen Bürgerkrieg 1989-1996 gegenseitig massakrierten und das Land in Schutt und Asche legten, hätte man doch Habermas in das zerstörte Kabul schicken können. Der hätte die sieben verfeindeten Milizen an einen Tisch gesetzt und ihnen seine Diskursethik vorgestellt, praktische Übungen mit Rollenspiel eingeschlossen. Alles wäre gut geworden: die Milizen hätten Habermas ihre MPs in die Hand gedrückt und wären arbeiten gegangen, kein Mitglied eines anderen Stammes wäre mehr erschossen, kein Schiit mehr geköpft, keine Frau mehr gesteinigt worden. Heute ist es ja noch einfacher geworden, weil nur noch die Taliban da sind. Und Habermas könnte Todenhöfer mitnehmen. Komm. auf faz.net (Todenhöfer)