Sonntag, 5. April 2015

Der Primat, der spazieren geht

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Stimmt, im Tale grünet Hoffnungsglück

Vor dem Tor


Vom Eise befreit sind Strom und Bäche
Durch des Frühlings holden, belebenden Blick,
Im Tale grünet Hoffnungsglück;
Der alte Winter, in seiner Schwäche,
Zog sich in rauhe Berge zurück.
Von dort her sendet er, fliehend, nur
Ohnmächtige Schauer körnigen Eises
In Streifen über die grünende Flur.
Aber die Sonne duldet kein Weißes,
Überall regt sich Bildung und Streben,
Alles will sie mit Farben beleben;
Doch an Blumen fehlts im Revier,
Sie nimmt geputzte Menschen dafür.
Kehre dich um, von diesen Höhen
Nach der Stadt zurück zu sehen!
Aus dem hohlen finstern Tor
Dringt ein buntes Gewimmel hervor.
Jeder sonnt sich heute so gern.
Sie feiern die Auferstehung des Herrn,
Denn sie sind selber auferstanden:
Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern,
Aus Handwerks- und Gewerbesbanden,
Aus dem Druck von Giebeln und Dächern,
Aus der Straßen quetschender Enge,
Aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht
Sind sie alle ans Licht gebracht.
Sieh nur, sieh! wie behend sich die Menge
Durch die Gärten und Felder zerschlägt,
Wie der Fluß in Breit und Länge
So manchen lustigen Nachen bewegt,
Und, bis zum Sinken überladen,
Entfernt sich dieser letzte Kahn.
Selbst von des Berges fernen Pfaden
Blinken uns farbige Kleider an.
Ich höre schon des Dorfs Getümmel,
Hier ist des Volkes wahrer Himmel,
Zufrieden jauchzet groß und klein:
Hier bin ich Mensch, hier darf ichs sein!
Goethe, Faust I, Osterspaziergang


Trefflich, der Alte! Wenn man sich dazu vergegenwärtigt, daß die Goethezeit in das Ende der Kleinen Eiszeit fällt, daß die Winter strenger waren und es keine Zentralheizungen gab, und keine Steinkohle für den Kachel- oder Eisenofen, die Essensvorräte oft schon weitgehend oder ganz erschöpft waren, so daß gehungert werden mußte und Bucheckern gesammelt wurden - dann kann man die Freude der Menschen bei dem bereits hohen Sonnenstand Anfang April intensiv nachempfinden.





























Samstag, 4. April 2015

Gefühlskälte läßt sich schon früh beobachten






Graphik: http://www.verhaltenswissenschaft.de/Psychologie/Personlichkeit/Gesamtsysteme/gesamtsysteme.htm


Nachdem jetzt alle Hinweise im Fall des Germanwings-Unglücks auf den Copiloten als Täter deuten - gegenteilige Hinweise sind bisher nicht publiziert worden - stellt sich die schwierige Frage:
Hätte man die fliegende Bombe Lubitz vor der Explosion erkennen können?

Ich vermute, daß empirische Psychologen wie Hans Jürgen Eysenck Hinweise auf Psychotizismus bei Lubitz gefunden hätten. Nur diese Persönlichkeitsdimension läßt gewalttätiges Verhalten zu. 
Im Wikip.-Eintrag heißt es dazu:

Psychotizismus ist eine von drei unabhängigen Persönlichkeitseigenschaften im P-E-N-Modell des Persönlichkeitspsychologen Hans Jürgen Eysenck, neben Extraversion undNeurotizismus. Die Dimension sollte ursprünglich abgeschwächte Merkmale derSchizophrenie und anderer psychotischer Störungen bei gesunden Menschen erfassen. Ein Zusammenhang konnte jedoch nicht empirisch bestätigt werden. Zum „Psychotizismus“ gehörende Merkmale sind Aggressivität, Gefühlskälte, Egozentrik, Impulsivität, Kreativitätund Antisozialität. Grundlage dieser Persönlichkeitsdimension ist auch die Annahme eines Kontinuums zwischen gesund und psychotisch. Demzufolge würden hoch psychotische Personen den einen Extrempol bilden und in Persönlichkeitstests entsprechend die höchsten Psychotizismuswerte erzielen. Der andere Extrempol wird als Realismus oder Impulskontrolle bezeichnet. Personen aus diesem Bereich verhalten sich realistisch und angepasst und würden voraussichtlich in Tests die niedrigsten Psychotizismuswerte erzielen. Psychotizismus konnte sich aufgrund seiner unscharfen Definitionen nicht durchsetzen und wird daher in der heutigen Persönlichkeitspsychologie nicht mehr genutzt.“

Die Kritik findet die Definition zu ungenau und zu schwierig in der Handhabung. Das ist aber ein Problem aller Testkonstruktionen. Und ihrer Interpretationen. Man darf nicht die Ergebnisgenauigkeit simpler physikalischer Messungen erwarten. Und bei besonders verantwortungsvollen Tätigkeiten müssen auch geringste Zweifel zur Ablehnung des Bewerbers führen. Im Falle Lubitz scheint es sogar sehr einfach zu sein: Da die idiotisch langen Schulzeiten und die permissive Spaßschule die Persönlichkeitsreifung stark behindern und verzögern - über die 30 Jahre hinaus - darf es keine Piloten unter 30 geben. Bei Unverheirateten ohne Kinder wären die 40 abzuwarten. Dazu kämen dann Tests, die besonders auf psychotizistische Merkmale hin konstruiert sind, die neurologische Mechanismen nutzen, wie das Lügendetektoren tun, und die durch das übliche Testtraining nicht zu umgehen sind. 
Eltern und Großeltern dürfen sich die Frage ihrer indirekten, zulassenden Verantwortlichkeit in besonderer Schärfe stellen, denn sie verfügen über die Ergebnisse eines sehr langen Beobachtungszeitraums. Die Eltern sind allerdings nicht verantwortlich für das Verhalten des Sohnes. Das ist nur er selbst. Als Naturwissenschaftler (Ingenieur, Kinderarzt) sind sie vermutlich auch besonders schlechte psychologische Beobachter gewesen. Und zudem in Persönlichkeitspsychologie strohdumm. Aber wenn ihnen im Nachhinein aus dem Leben des Sohnes einiges auffällt, dann sollten sie es zumindest der Psychologie mitteilen. Der ernsthaften, der empirischen Psychologie. Nicht den freudianischen Psychos. 
       

EYSENCK (Ed.), HANDBOOK OF ABNORMAL PSYCHOLOGY, London 1968













Freitag, 3. April 2015

Du denkst, du schiebst, doch du wirst geschoben




Ansicht Straßburgs 1644 von Matthaeus Merian.

Meister Ekkehart war 10 Jahre hier, später kam Calvin und vor allem Martin Bucer, der Reformator des Elsaß; Straßburg schloß sich früh der Reformation an. Aber dann kam der schlimme Louis.


(Bild: Jonathan M./Wiki.)


“Deutschland? Aber wo liegt es? Ich weiß das Land nicht zu finden,
wo das gelehrte beginnt, hört das politische auf.” (Das deutsche Reich, Xenien von Schiller&Goethe)
So verhält es sich allerdings überall. Zu verschieden sind die Menschen, die es in die Politik und in die Wissenschaft zieht, und man kann noch andere Bereiche in die Betrachtung einzubeziehen mit dem gleichen Ergebnis.
Und unmittelbar anschließend findet sich die Xenie “Deutscher Nationalcharakter”:
Zur Nation euch zu bilden, ihr hoffet es, Deutsche, vergebens;
Bildet, ihr könnt es, dafür freier zu Menschen euch aus.”

Auch das ist den meisten weder Ziel noch Möglichkeit. Und Staatsziel ist in der Regel das Gegenteil, nämlich die Ruhigstellung und die Unterwerfung. Nur dort, wo ein Partikularherrscher sich größere Landesteile oder gar das ganze Land unterwerfen konnte, fand auch eine frühe Entwicklung zur Nation statt. Trübe Dialektik.
Wie aber sollten die 1000 deutschen Länder zu einer Nation werden? Wie sollte der starke konfessionelle und kulturelle Gegensatz der beiden führenden deutschen Länder, Preußen und Österreich, wie gefordert, in ein Deutschland münden? Das wußte niemand und blieb lange ein frommer Wunsch. Ganz unfromm vollzog sich dann aber die kleindeutsche Lösung unter der Führung Bismarcks, der sich als Preuße verstand und der nationalen Überschwang bekämpfte.
Seltsame Reichsgründung 1871! Die Kriegserklärung Napoleon III. einte die vielen Germanies, und die nationale Stimmung holte sich - Bismarck war dagegen - Elsaß-Lothringen zurück, das Ludwig IV. erobert hatte. Und von Paris stark ‘französisiert’ wurde, so daß die Elsässer zwar gegen Paris, aber noch mehr gegen die deutsche Oberhoheit waren. Sie waren Franzosen geworden und Paris baute diesen Kriegsverlust zu einem großen Symboltheater und zu einem neuen Kriegsgrund aus.
So ereignet sich Geschichte. In einer Platitüde formulierte Marx, daß die Menschen ihre Geschichte selber machten, aber nicht unter selbstgewählten Bedingungen. Aber viel eher gleicht der Geschichtsprozeß einem Hauen, Stechen und Stolpern mit ungewissem Ausgang und Christopher Clarks Buchtitel “Die Schlafwandler” gibt den Moment des unbewußten Agierens gut wieder. Noch besser aber trifft Max Webers Diktum zu:
"Es ist durchaus wahr und eine ... Grundtatsache aller Geschichte, daß das schließliche Resultat politischen Handelns oft: nein, geradezu regelmäßig, in völlig unadäquatem, oft in geradezu paradoxem Verhältnis zu seinem ursprünglichen Sinn steht."
(Max Weber, 'Politik als Beruf', Reclamausg. S. 64f. )

Und dennoch gibt es Grundzüge, die im Hintergrund dauerhaft wirksam sind. Die Nation als große Kommunikations- und Kultureinheit gehört dazu. Dahinter will niemand zurück. Darüberhinaus führen nur die zwei sehr verschiedenen Wege, die die Schweiz und die USA beschritten haben. Die Euro-Zone befindet sich auf dem Holzweg.


















Donnerstag, 2. April 2015

Hätte er doch die Monarchie abgeschafft!














Wilhelm II. verkörpert, wie heute Prinz Charles, daß das monarchische Prinzip ein ziemlich untaugliches ist: eine genetische Lotterie bekommt politischen Einfluß in die Wiege gelegt

Bismarck war geistreich, Friedrich Wilhelm IV. ebenfalls, so kam der Junker vom Lande als Günstling des Königs nach Berlin, wurde Diplomat, dann preußischer Ministerpräsident, dann Reichskanzler. 27 Jahre gestaltete er preußisch-deutsche Politik mit einem König, Wilhelm I., dem Nachfolger Friedrich Wilhelms IV., der ihn nicht mochte, aber brauchte, und dem er sich unterwarf, auch bei der ungeliebten Reichsgründung 1871, da mußte sich Wilhelm I. sogar gegen seine Überzeugung die Kaiserkrone aufsetzen lassen. Dieses konträre Tandem machte es lange miteinander, Wilhelm wurde, kaum glaublich, 91 Jahre alt, Bismarck immerhin 83 und mußte von Wilhelm II. aus dem Amt entlassen werden, von allein ging er nicht. Der Kaiser konnte ihn rauswerfen, weil Bismarck der Monarchie eine starke, antiparlamentarische Macht erhalten hatte, aus monarchischer Überzeugung und zum eigenen Nutzen. Vielleicht war dieser Antiparlamentarismus das folgenreichste Erbe der Bismarckzeit, weil dadurch die Entwicklung von Parteien und politischen Führern behindert wurde. Auch ein Bismarck hätte an die Zeit nach Bismarck denken müssen.


Wer aber heute die Parteiführer Merkel, Gabriel, Hofreiter, Lindner und Gysi sieht, mag auch auf den Gedanken verfallen, daß Parlamentarismus ins Alberne abgleiten kann. Da waren Bebel, Bennigsen und Windthorst andere Formate.





Mittwoch, 1. April 2015

Nach den preußischen Reformen



Er war kein Aprilscherz, der am 1.4.1815 in Schönhausen geboren wurde: Bismarck. Im Zeitalter der Kabinettspolitik in Europa. Im Deutschen Reich mit rund 1000 reichsunmittelbaren Herrschaften. Bedroht vor allem von Frankreich, das ganz Deutschland besetzt hatte und bis Moskau marschiert war. Waterloo, Napoleon endgültig besiegt, Frankreich ausgeblutet, Wiener Kongreß, Metternich’sche Restauration, Deutschland nur noch gut 300 Stätlein, davon nur Preußen und Österreich von Statur, aber in ständiger Rivalität. Und zerrissen auch konfessionell. Paris hatte den Hochadel unterworfen und die Protestanten ausgerottet oder vertrieben. Und damit ein zentralisiertes Eintopfland hervorgebracht. Österreich verfuhr ähnlich und war die deutsche Vormacht.  
Wie sollte die Politik in Preußen in einer solchen bedrohten Mittellage bei solcher Zersplitterung aussehen? 

Diese Frage besitzt keine schlüssige Antwort.