Mittwoch, 5. August 2015

Hilfe zur Affektkontrolle - mbG (mit beschränkter Geltung)


Theodor Fontane

1819-1898

Überlaß es der Zeit

Erscheint dir etwas unerhört,
Bist du tiefsten Herzens empört,
Bäume nicht auf, versuchs nicht mit Streit,
Berühr es nicht, überlaß es der Zeit.
Am ersten Tage wirst du feige dich schelten,
Am zweiten läßt du dein Schweigen schon gelten,
Am dritten hast du's überwunden;
Alles ist wichtig nur auf Stunden,
Ärger ist Zehrer und Lebensvergifter,
Zeit ist Balsam und Friedensstifter.













Montag, 3. August 2015

Elias und die Affekte











Norbert Elias starb am 1.8.1990 in Amsterdam, geboren wurde er 1897 in Breslau.  

Die neomarxistisch-freudianischen Juden waren Mode: Horkheimer und Adorno. Sie intrigierten gegen alles, was nicht in ihre Schublade paßte. Elias zum Beispiel. Das ging lange gut, aber, anders als der von Adorno diskriminierte Golo Mann, war Elias ebenfalls jüdischer Herkunft. Und auf dieser Schiene kam er spät, sehr spät doch noch zur Geltung.
Elias’ Ausgangspunkt ist die „Struktur menschlicher Affekte und ihrer Kontrollen“, er beobachtet in der Geschichte Westeuropas, besonders Frankreichs, „daß der Standard und die Muster der Affektkontrollen in Gesellschaften auf verschiedenen Stufen der Entwicklung und selbst in verschiedenen Schichten der gleichen Gesellschaft verschieden sein können.“ (Elias, Zivilisation, 1969, Einleitung)
Er liefert damit einen Schlüssel zu der Frage, warum Frankreich - obwohl katholisch und die Protestanten seinerzeit verfolgend und austreibend - trotzdem heute zu den wirtschaftlich und zivilisatorisch arrivierten Staaten gehört. (Noch. Der Abwärtstrend ist seit Jahrzehnten unverkennbar.) Die Affektkontrolle erfolgt in Frankreich im recht strengen und wettbewerblich verfaßten Schulsystem von der ecole maternelle bis zu den ecoles nationales superieures, deren Absolventen die Eliten bilden. Dieses System trägt immer noch, doch sind wissenschaftliche Spitzenleistungen seit den Curies und Pasteurs rar geworden. Desgleichen fehlen heute auch die Renaults und Michelins, die Gründung von bedeutenden Unternehmen in Zukunftsfeldern findet nicht mehr statt.






Sonntag, 2. August 2015

Das macht Unterschied








Acemoglu/Robinson, Warum Nationen scheitern, S. 145





Die Leibeigenschaft fesselt einen Großteil der Bevölkerung an Erben, das blockiert die Arbeitskraft einer Gesellschaft doppelt: einmal die Leibeigenen, die sich nicht frei bewegen und entfalten können entsprechend ihrer Begabung, und zusätzlich die Gesellschaft, die durch Grundeigentümer mit ihrer lähmenden, rückwärtsgewandten Erbeneinstellung belastet wird. Daher findet sich bei Acemoglu zurecht eine Karte der Leibeigenschaft in Europa um 1800. Die Einteilung ist aber sehr grob und etwas irreführend geraten. Zunächst dadurch, daß eine moderne Karte benutzt wird.
Griechenland und die Balkanstaaten sind Teile des Osmanischen Reiches und sind deswegen in ihrer Entwicklung extrem behindert, weswegen der Aussage zur Leibeigenschaft keine größere Bedeutung zukommt.
Polen gibt es nach den Teilungen zu dieser Zeit als Staat nicht, für die polnisch besiedelten Gebiete besitzt die Form der Leibeigenschaft allerdings größere Wichtigkeit.
Am drückendsten ist sie im Osten, weniger im Süden und noch weniger im Westen. 1772 verkündet Friedrich II. nämlich für Westpreußen die Bauernbefreiung. Auf den polnischen Adel brauchte er nämlich keine Rücksicht zu nehmen. Die Beschulung in polnischer Sprache im preußischen Teil setzt zudem ganz andere Entwicklungsakzente als die schärfste Leibeigenschaft im russischen Teil ohne Alphabetisierung.
Deutschland wiederum besteht im Jahre 1789 aus 1789 Territorial-Herrschaften - einige wenige, wie Preußen, sind Mittelmächte, die meisten sind so groß wie ein kleines Dorf. In den verschiedenen deutschen Ländern herrschten unterschiedliche Formen der Leibeigenschaft, und sie werden stückweise bis 1807 abgebaut. Auch durch die Aufnahme von hochqualifizierten französischen Calvinisten vor allem in Preußen, die zwar im katholischen Frankreich keine Leibeigenen, aber doch Verfolgte gewesen waren, was weit bedeutsamer ist als eine Erbuntertänigkeit. Für Frankreich war das eine bedeutende wirtschaftliche und kulturelle Schwächung, für Preußen aber (und Baden) eine Stärkung des Arbeitsmarkts und eine Schwächung der Leibeigenschaft, deren Abschaffung Friedrich II. bereits früh angedacht hatte.

Samstag, 1. August 2015

Moore, Mitgründer von Greenpeace, hat die Sache mit dem Kohlendioxid verstanden! /// The Truth about CO2

Extraktive und inklusive Institutionen







Sehr lesenswert! Acemoglu und sein Ko-Autor Robinson geben einen breiten und vergleichenden Überblick über die Entwicklung verschiedener Länder und ihre Entwicklungsfaktoren. Weitgehend sehr überzeugend, doch bleiben ein paar Fragen offen; man muß weiterlesen bei Max Weber und Norbert Elias. (U.a.) 


Als positives Beispiel gilt Acemoglu Brasilien und Lulas Rolle als Gewerkschaftsführer, Parteigründer und Staatschef. Seine Rolle ist positiver zu bewerten als die Rolle der Kirchners in Argentinien. Aber der Umstand, daß er seine Sekretärin zu seiner Nachfolgerin gemacht hat, die länger zurückreichende Korruptionsaffäre um Petrobras und die jetzige brasilianische Wirtschaftskrise relativieren Lulas Rolle und sein Beispiel für den Aufbau inklusiver Institutionen. 

Den Fall Paraguay reflektiert Acemoglu leider gar nicht, mutmaßlich deshalb, weil dieses Land nicht in seine Theorie paßt, daß nämlich allein der Institutionenbau (Eigentumsrechte, Rechtsstaat, Schulen, Infrastruktur, Parlamentarismus) über Wachstum und Wohlstand entscheidet. Die Träger positiver Entwicklung sind in Paraguay die spät aus den USA eingewanderten Mennoniten, die ganz Paraguay Wachstums- und Wohlstandsimpulse geben.