Dienstag, 6. September 2016
Das Gehirn weist verschiedene Teile auf mit unterschiedlicher genetischer Festlegung
Manche Menschen sollen ja mit dem Bauch denken, aber Ort und Organ des Denkens ist in der Hirnforschung das Gehirn. Auf der Suche nach dem Beitrag der Genetik bei der Intelligenz haben Paul Thompson u.a. in Kalifornien eineiige und zweieiige Zwillinge in die Röhre geschoben und Unterschiede bei den beiden Gruppen gefunden: das Frontalhirn für Kurzzeitgedächtnis und Handlungskontrolle unterscheidet sich bei den eineiigen Zwillingen weniger als bei den zweieiigen, worauf sie die Vermutung stützen, daß die Erblichkeit hier höher ausfällt als beim Scheitellappen, in dem Langzeitgedächtnis und Abstraktionsvermögen angesiedelt sind und wo größere Unterschiede gefunden wurden. Dies betrifft auch den Hippocampus im Zwischenhirn, der weitgehend entscheidet, was in das Langzeitgedächtnis gelangt.
Diese Teile des Gehirns sind also dem Lernen zugänglicher und veränderbarer durch Schule und Umweltangebote, während das Frontalhirn stärker genetisch festgelegt ist.
(Vgl. Stern/Neubauer, Intelligenz, S. 169ff.)
(Foto: Gehirn von der Seite, links=vorn; Wikip.)
Montag, 5. September 2016
Zumindest weiß man, daß die Gene zuerst da sind
Wie autonom entwickelt sich die Intelligenz? Wie weit sind die Gene auf Signale der Umwelt angewiesen, um angeschaltet zu werden? Das ist in der Tat eine zentrale Frage. Daher schreibt Stern:
“Nur wenn bestimmte Umweltbedingungen gegeben sind, können sich die genetischen Anlagen eines Menschen entwickeln. … Die Frage, ob ein Merkmal durch Gene oder Umwelt verursacht wurde, ist ganz offensichtlich nicht sinnvoll gestellt. Vielmehr muß man fragen: lagen Umweltbedingungen vor, die zu einer Genexpression führten?” (Stern, Intelligenz, S. 107)
Dies im einzelnen zu klären, ist natürlich nicht möglich. Große Komplexe lassen sich allerdings in den Umrissen erkennen. In einer Umwelt, in der es keine Schriftsprache gibt, entwickelt sich keine Lese- und Schreibfähigkeit. Diese entwickelt sich zudem in einem Zeitfenster. Luther wurde mit 4 Jahren in die Lateinschule geschickt. Wenn er da etwas gelernt hat, dann war er ein Frühentwickler. Bei den meisten Kindern ist die geforderte Hirnreifung für Lesen und Schreiben erst mit etwa 6 Jahren vorhanden. Das ist dominant genetisch gesteuert. Erfolgt in diesem Alter kein Angebot, bleibt der Mensch ein Analphabet. Im Erwachsenenalter bereitet die Alphabetisierung große Mühe. Das Angebot durch die Schule kann aber auf steinigen Boden fallen, wie die ziemlich große Zahl von etwa 7,7 Millionen an funktionellen Analphabeten im Deutschland einer ausgedehnten Schulpflicht zeigt. Die genetische Ausstattung reicht für ein normales Lernen nicht aus.
Stern: “Denn von den Genen hängt es ab, ob und wie auf bestimmte Umweltangebote reagiert wird.” (Ebd.)
Sonntag, 4. September 2016
Die Zahl der Gewinnlose läßt sich erhöhen
Zitat: Stern, Intelligenz, S. 106
“Bei den
Nachkommen von Bach paarten sich also ideale Gene (bzw. Allele) mit optimaler
Förderung”, schreibt Stern. Bei den Genen hat sie vollkommen recht,
musikalischer Genius verdankt sich allein - zu 100% - der Vererbung. Bei der
zweiten Behauptung, der “optimalen Förderung, liegt sie mutmaßlich falsch.
Eltern sind meist schlechte Didaktiker. Sie bieten aber Anregung, Gelegenheit
und Freiraum zur Entwicklung. Die Bachsöhne hatten im Vater und der Mutter
musikalische Vorbilder, aber kaum “optimale” Förderer. Erstens war die Didaktik
noch nicht entdeckt, zweitens waren nichtadelige Eltern im 17. und 18.
Jahrhundert mit den Alltagsanforderungen vollkommen in Anspruch genommen, so
daß wenig Zeit für die einzelnen Kinder blieb. Johann Sebastian hatte mit 2 Frauen
20 Kinder und war als Virtuose, Lehrer, Chorleiter und Komponist sehr
beschäftigt. Die Mütter Maria Barbara und Anna Magdalena mit ihren 7 und 13
Kindern waren es noch viel mehr. Stern phantasiert, wenn sie da von “optimaler
Förderung” spricht.
Aus eigener
Erfahrung kann ich beisteuern, daß aus meiner als eher “normal” eingeschätzten
musikalischen Begabung trotz des Vorbildes eines musizierenden Vaters und
dessen undidaktischem Unterricht nichts weiter wurde; meine Begabung drängte zu
Sprache und Wissenschaft, wofür es aber familiär kein Vorbild und keine
Förderung gab, doch diese Begabung setzte sich qua genetischer “Lotterie”
durch.
Warum hat Stern sich nicht Gelehrtenfamilien
wie die Bernoullis angesehen? Über sehr lange Zeit haben sie – vermutlich durch
eine an Intelligenz orientierte Heiratspolitik - die “Gewinnlose” in ihrer
“Genlotterie” vermehrt und die Zahl der “Nieten” verringert. Offenbar hat das
gut funktioniert vom 17. Jh. bis in die Gegenwart.
Bernoullis: Wikip.
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