Mittwoch, 15. Juli 2020

Missionsjournalismus


In “Politik der Gesellschaft”, geht Luhmann ein auf die “politische Presse, … die ihre Meldungen gezielt auswählt (oder zurechtphrasiert oder unterdrückt), um politische Effekte zu erreichen; und auch eine Presse, die mit der Nutzung dieser Möglichkeiten drohen kann, um etwas anderes als dies zu erreichen. Aber in solchen Fällen agiert die Presse selbst politisch, also im politischen System.” (PdG, S. 311)
So kann man es sehen. Bleibt u.a. noch die Klärung der Frage, wie sie Roland Tichy Norbert Bolz stellte, der so antwortete: „Die extreme Konformität in den Redaktionen der meisten Medien kann ich mir nur noch mit der sehr ähnlichen Sozialisation der Journalisten dort erklären“.
Zur Konformität in der NewYorkTimes hat gerade die Redakteurin Bari Weiss ihren Kündigungsbrief geschrieben. 
https://www.welt.de/debatte/kommentare/plus211637681/Bari-Weiss-Die-Wahrheit-steht-bei-der-New-York-Times-vorher-schon-fest.html  























Ein Werk des jungen Chopin, gespielt von einem ganz alten Meister. /// Frédéric Chopin - Piano Concerto No. 2. II Larghetto | Arthur Rubinstein...

Dienstag, 14. Juli 2020

Luhmann, Die Realität der Massenmedien und die Eigenrealität


“Das vielleicht wichtigste Ergebnis dieser Überlegungen ist, daß die Massenmedien zwar die Realität, aber eine nicht konsenspflichtige Realität erzeugen. Sie lassen die Illusion einer kognitiv zugänglichen Realität unangetastet. Zwar hat der ‘radikale Konstruktivismus’ recht mit der These, daß kein kognitives System, mag es als Bewußtsein oder als Kommunikationssystem operieren, seine Umwelt operativ erreichen kann. … Zugleich gilt aber auch, daß kein kognitives System auf Realitätsannahmen verzichten kann. … Die Vorstellung von Realität sichert durch ihre eigene Ambivalenz die Autopoiesis kognitiver Operationen. Es mag sich um eine Illusion handeln oder um das ‘Realitätsprinzip’ im Sinne der Psychiatrie. Wichtig bleibt, daß das System in seinen kognitiven Operationen nicht ständig, sondern nur ausnahmsweise genötigt ist, zwischen der Umwelt, wie sie wirklich ist, und der Umwelt, wie es sie sieht, zu unterscheiden. … Die Unterscheidung einer nicht konsenspflichtigen, individuell anschneidbaren Welt könnte nun eine dritte Lösung für dieses Problem sein, und genau das scheint die Lösung zu sein, die die Massenmedien anbieten und verbreiten. Man muß nur die eigene Art der Einstellung auf Realität akzeptieren - und unterscheiden können. Man muß sich nur davor bewahren, sie für allgemeingültig, für die Realität schlechthin zu halten.” (Luhmann, Die Realität der Massenmedien, S. 71f.

Muß man wissen. Und dann kann man ja noch Norbert Bolz für die Nahaufnahme lesen. 














Ceux qui veillent la nuit

Montag, 13. Juli 2020

“So I have heard, and do in part believe it.” Horatio


Im Text “Realität der Massenmedien” vernachlässigt Luhmann einen Bereich der Massenmedien, den Lenin mit “Agitator, Propagandist und Organisator” der Presse zugewiesen hat. Diese Funktionsweise spielte keimhaft schon in der Reformation eine große Rolle, die dann in der Französischen Revolution politisch wirksam wurde (“Les Revolutions de Paris”, “Journal des hommes libres”, “Moniteure patriotique”, “Publiciste Parisien”, “L’ami du peuple” etc.). Deutsche Presseorgane wie die heute noch existenten Zeitungen wie der “Trierische Volksfreund” und die “Volksstimme” sahen sich in dieser Tradition. Und natürlich Röhls und Meinhofs “konkret” mit ihrer Ausstrahlung auf zahlreiche Medien. Auf der anderen Seite befinden sich Missionsblätter wie die “Kreuzzeitung”, die “National-Zeitung” und die winzige “Junge Freiheit”. Wenn Luhmann von Manipulation spricht, scheint er auf einzelne Fälle der Art “Kummer” und “Relotius” zu zielen, nicht auf die Missionsmedien. “Die Politik profitiert von ‘Erwähnungen’ in den Medien und findet sich durch sie zugleich irritiert”, heißt es auf S. 50f. Das ist sehr reduziert und zurückhaltend formuliert und trifft nicht recht die robusten Meinungsmachermedien, die die 4. Gewalt ausmachen. ”Propaganda-Journalismus” ist insofern keine “externe Manipulation”. Wenn auch noch nach fünf Monaten morgens in den DLF-Nachrichten die neuen Sars2-Zahlen verlesen werden, so kann man das nicht im Neuigkeitsgebot verbuchen, sondern nur der Absicht verpflichtet sehen, die Verfügbarkeitskaskade (Kahneman) zu stärken. Oder zu schubsen. (Nudging, Sunstein)

“So I have heard, and do in part believe it.” Horatios Diktum gilt stets und immer.