Mittwoch, 24. Februar 2021

Hallo Peter!

 Unter den Intellektuellen des Mittelalters fallen zwei Gestalten auf, die zueinander in einem Lehrer- Schülerverhältnis standen: Peter der Pilger und Roger Bacon (1220-92).

Der Schüler würdigt seinen Lehrer mit einer Lobrede:

“Er ist mit der Naturwissenschaft durch Experimente und mit den Medikamenten und der Alchemie und mit allen Dingen im Himmel und unter dem Himmel vertraut, und er würde sich schämen, wenn irgend ein Laie, eine alte Frau oder ein Bauer oder ein Soldat irgend etwas über den Boden wissen würden, von dem er keine Kenntnis hat. Er weiß Bescheid über das Gießen der Metalle und die Bearbeitung von Gold, Silber und anderen Metallen und alle Mineralien; er weiß alles über den soldatischen Beruf, über Waffen und Jagd; er hat den Ackerbau, die Landvermessung und die Landbearbeitung untersucht; er hat sich außerdem mit den Zaubereien weiser Frauen, mit ihrem Wahrsagen und ihren Zaubersprüchen sowie mit denen der Zauberer, mit den Kniffen und Blendwerken der Gaukler beschäftigt. Ehren und Belohnungen aber verachtet er, da sie ihn von seinen großartigen experimentellen Arbeiten abhalten würden.” (J.D. Bernal, Die Wissenschaft in der Geschichte, S. 235)


Das klingt nach einem, der nicht die Engel auf der Nadelspitze zählen, sondern nach einem, der das Ganze erfassen will, dem es um universales Wissen geht. Diesen Typus gab es in der Antike nicht, den Griechen ging es mehr um die Theorie, Technik und Handwerk waren minder bewertet. Die sklavenhaltenden Römer übernahmen die griechische Kultur, entwickelten aber Handwerk und Technik, vor allem Kriegstechnik. Die wurde für ihre endlosen Eroberungen und Kriege in erster Linie gebraucht. Wissenserwerb als solcher wird zwar schon in der aristotelischen Schule, dem Lykeion, gepflegt, auch im Museion von Alexandria, aber erst die Aufklärung institutionalisiert ihn. Peter der Pilger und Roger Bacon können als zukunftsweisende Figuren angesehen werden, die in ihrer Orientierung die innovative Entwicklung in der Praxis ihrer Zeit reflektieren: experimentieren statt sinnieren. Was leistet der schwere Wendepflug, wer zieht ihn, was brauchen die Zugtiere, funktioniert die Dreifelderwirtschaft, das sind einige Fragen der Zeit.  


Montag, 22. Februar 2021

Wenig Ertrag

 “Roger Bacon (1220-1292) gab ein Vermögen für wissenschaftliche Forschung aus und wurde trotz des päpstlichen Segens für seine Bemühungen ins Gefängnis gesperrt. Peter der Pilger war ein Bahnbrecher bei der experimentellen Untersuchung des Magnetismus, worüber er einen kurzen Brief veröffentlichte. … (1269, Petrus Peregrinus de Maricourt, Lehrer Bacons, WD)

Die gesamten Errungenschaften des Mittelalters auf dem Gebiet der Naturwissenschaften bestehen in einigen wenigen Bemerkungen des Albertus Magnus über Naturgeschichte und Mineralien, in einer bedeutenden Abhandlung von Kaiser Friedrich II. über Jagdvögel, in einigen Verbesserungen der Optik von Alhazen durch Dietrich von Freiburg und Witelo, einschließlich einer Beschreibung des Regenbogens, die erst von Newton verbessert werden sollte, und in einigen nicht sehr originellen kritischen Betrachtungen von Buridan und Oresme zur aristotelischen Theorie der Bewegung.”

J.D. Bernal, Die Wissenschaft in der Geschichte, S. 229


Sonntag, 21. Februar 2021

Seneca und die Zeit

Das erste Heft von “Aufklärung und Kritik” in 2021 widmet sich Seneca. Das kann ich nur loben, grundierte doch die STOA das europäische Denken.

Hier ein paar Zitate von ihm:


“ Auch dem Hin- und Herrennen muß man Einhalt tun, welches einem großen Teile der Menschen eigen ist, die Häuser, Theater und Marktplätze durchstreifen. Sie bieten sich zu Geschäften für andere an und sehen aus wie Leute, die immer etwas tun wollen. … Nicht Tätigkeitstrieb, sondern falsche Vorstellungen von den Dingen sind es, die sie in Unruhe und Unverstand umhertreiben; denn auch sie regen sich nicht ohne Hoffnung auf irgend einen Erfolg; aber es treibt sie nur ein Scheinbild irgend einer Sache, dessen Nichtigkeit ihre befangene Seele sie nicht erkennen läßt.”

(Seneca, Von der Gemütsruhe, 12. Kap.)   

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„Nicht für das Leben, sondern für die Schule lernen wir.“ (Moralische Briefe an Lucilius (Epistulae morales ad Lucilium), Buch XVII, Brief 106, 12)


"Selbst wenn noch eine lange Lebensdauer übrigbliebe,

müßte man sie sparsam aufteilen, damit sie für

notwendige Dinge ausreiche: Doch welch ein Wahnsinn

ist es nun, Überflüssiges zu lernen bei diesem großen

Zeitmangel! Leb wohl!" (Seneca, 49. Brief an Lucilius)


"Zeit, die nicht einmal für notwendige Dinge

ausreichen kann ... Vale" Seneca, a.a.O.


"Es ist nicht wenig Zeit, die wir haben, sondern es ist viel Zeit, die wir nicht nutzen."   










Samstag, 20. Februar 2021

Nach ihm 2000 Jahre Wiederkäuen

 Da hat er sich aber verbrannt!

“Aristoteles übernahm die ihm willkommene Legende, wonach der Salamander unbeschadet durchs Feuer laufen könne. Damit schien ihm erwiesen, daß das Element Feuer dem Leben nicht feindlich gesinnt sei.” ( J.M. Zemb, Aristoteles in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, 1961, S. 86)  Aristoteles war eine dubiose Figur, besser wäre es gewesen, die Vergangenheit hätte ihn verschluckt; das hätte schon den Kommentatoren im Mittelalter den Boden weggezogen.

Freitag, 19. Februar 2021

Der König aus dem 'Midi'

Vier französische Herrscher wird das breite Publikum kennen: de Gaulle, Napoleon, Ludwig XIV. und Heinrich IV. Der beliebteste dieser Auswahl ist zweifellos Heinrich, in beiden Ländern. Das liegt auch an Heinrich Mann, der sich in Henri Quatre verliebte und ihm zwei Romanbiographien widmete, die es jedoch historisch nicht so genau nehmen, man kennt das von Heinrich Mann. 

Henri Quatre schillert in der Geschichte wie kaum ein anderer, und keiner hat öfter die Konfessionen gewechselt. Paris ist eine Messe wert, eine katholische Messe, wohlgemerkt, soll er geäußert haben, und bestieg auf diese saloppe Weise den französischen Königsthron. Weswegen er auch als “Hugenotte auf Frankreichs Thron” (Taillandier) bezeichnet wird. Calvinistisch erzogen war der Südfranzose wohl auch mehr Protestant als Katholik, aber es lag offenbar in seiner an Theologie nicht übermäßig interessierten Persönlichkeit, daß er beides gut verbinden konnte, was auch - neben der Drohung der Hugenotten, den Bürgerkrieg weiterzuführen - 1598 zum Toleranzedikt von Nantes führte. Philipp II., dem spanischen Herrscher aus dem Hause Habsburg, konnte das wenig gefallen. “Als der Jülich-Klevische Erbstreit ausbrach, beschloß Heinrich, zugunsten der protestantischen Ansprüche einzugreifen, ja, man schrieb ihm die ehrgeizige Absicht zu, sich an die Spitze aller protestantischen Mächte zu stellen, um so dem katholischen Habsburg den Rest zu geben.” (Sieburg, Franz. Geschichte, S. 71) 

So führte Henri Quatre die vorgefundene Außenpolitik gegen das deutsche Reich fort, wärend er innenpolitisch das Land konsolidierte. Der fanatische Wirrkopf Ravaillac fand das zu wenig katholisch und erstach 1610 den saloppen König.