Donnerstag, 31. Juli 2008

Kreditkrise, Clement, Sozialneid

- "26.07.08 Globalisierte Finanzmärkte mildern die Folgen der Kreditkrise
Die derzeitige Krise an den Finanzmärkten scheint jenen Kommentatoren recht zu geben, die eine stärkere Regulierung internationaler Kapitalflüsse fordern. Sie schürt darüber hinaus ein in weiten Teilen der Öffentlichkeit vorhandenes Misstrauen gegenüber exotisch anmutenden Finanzprodukten von Investmentbankern, die sich in ...
NZZ Neue Zürcher Zeitung

- DIE MOTTENKISTENPARTEI : "Warum gnädiger mit Wienand? Zu "Clement vor Schiedskommission" (F.A.Z. vom 14. Juli): Es kann einer Partei nicht verdacht werden, dass sie sich von Mitgliedern trennt oder sie maßregelt, die eine eigene Meinung nicht nur - haben, sondern sie auch noch äußern, und damit den Interessen der Partei oder ihrem Ansehen schaden. Dies wird auch Clement einsehen müssen. Niemand kann der SPD in Nordrhein-Westfalen vorwerfen, an das Verhalten ihrer Mitglieder einen kleinlichen Maßstab anzulegen. So konnte ihr verdientes Mitglied Karl Wienand auch nach seiner rechtskräftigen Verurteilung - wegen Spionage für die DDR - zu einer mehrjährigen Freiheitsstrafe im Jahr 1996 im Schoße der Partei bleiben. Der Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, Struck, setzte sich (erfolgreich) für Wienands Begnadigung ein.
Das Fest zu Wienands 75. Geburtstag im Jahr 2001 wurde durch die Anwesenheit des Altkanzlers Helmut Schmidt und weiterer prominenter Genossen verschönt. Wienand wäre womöglich auch heute noch unangefochten Mitglied der SPD in Nordrhein Westfalen, hätte er nicht nach Bekanntwerden seiner Verwicklung in den Kölner Müllskandal im Jahr 2002 - wohl voreilig - seinen Parteiaustritt erklärt.

MANFRED AMEND, PORTO VALTRAVAGLIA, ITALIEN
Text: F.A.Z., 29.07.2008, Nr. 175 / Seite 7 , Leserbrief


- Sozialneid, ein bewährter politischer Angelhaken
Zum Beitrag von Philip Plickert "Der verschleppte Staatsbankrott" (F.A.Z. vom 16. Juli): Die DDR war bankrott; die letzten Jahre waren Konkursverschleppung, bei der selbst Franz Josef Strauß aus Mitleid oder politischem Kalkül wegen der unübersehbaren Folgen mit einem Milliardenkredit Hilfe geleistet hat. Die Politiker der DDR durften oder konnten es nicht einsehen, wahrscheinlich auch aus Angst vor den Konsequenzen. Vor kurzem hat eine ostdeutsche Fernsehanstalt anlässlich einer Talkshow ihre Zuschauer befragt: 82 Prozent waren der Meinung, die DDR sei sozialer gewesen, als die Bundesrepublik es ist. Auch junge Studio-Zuschauer, die die DDR nicht bewusst am eigenen Leibe erfahren haben können, waren dieser Meinung. Sozial ist offenbar, wenn alle das Gleiche haben, sei es auch gar nichts. Hat einer mehr, weil er einen größeren volkswirtschaftlichen Beitrag leistet oder gar reich ist, dann gilt das als unsozial.
Dass die Bundesrepublik die Schulden, allemal die Rentenschulden der DDR begleicht, das übernommene Volksvermögen bei weitem keine Deckung dafür bringt, ist verfrühstückt und vergessen. DDR-Romantik und Kapitalismuskritik werden von Leuten gepredigt, die es besser wissen. Bei ökonomisch einigermaßen abgefederter Existenz verklärt man die DDR-Vergangenheit, verdrängt die Wahrheit und fordert mehr.
Der Partei "Die Linke", die aus kluger Berechnung ihr Programm nicht offenbart, gefällt diese Stimmung, und sie fischt erfolgreich im Trüben; begleitet von Linken in anderen Parteien, die auch das Thema Sozialneid als politischen Angelhaken für sich entdeckt haben. Man kann nur den Kopf schütteln und muss starke Nerven haben, dieses Schauspiel zu ertragen. Wie lange diese Republik dies wohl durchhält?
Dr. jur. Johannes Peter Müller-Dott, Frankfurt am Main
Text: F.A.Z., 29.07.2008, Nr. 175 / Seite 7, Leserbrief

Heinz Hug, Die Angsttrompeter

Die Angsttrompeter
Dioxin im Frühstücksei, Pestizide überall und trotzdem leben wir immer länger. Von Heinz Hug, Verlag Signum, München, 360 Seiten, 22,90 Euro.

Wenn ein Buch schon nach zwei Jahren eine Neuauflage erlebt, hat der Autor ins Schwarze getroffen. Wer ein Buch der ersten Auflage ergattern konnte, wird das bestätigen. Mit Hohn und Spott zieht der Autor über Öko- und Klimawahn her und belegt das auch noch mit Zahlen, die dem ökobewussten, obrigkeitsgläubigen Bundesbürger die Schamröte ins Gesicht treiben. Das Buch beginnt mit dem Hexenwahn des Mittelalters, dessen Ablasshandel in der heutigen Klimapolitik eine direkte Parallele hat. Wo gab es das schon einmal, dass eine übermächtige Politbürokratur Strafsteuern für Oberklasseautos verhängt und Politiker wie wohlsituierte Gutmenschen aus "ökologischer" Verblendung die Vernichtung der eigenen Energiewirtschaft fordern? Dass Politiker nicht mehr in der Lage sind, Schwindel und Realität zu unterscheiden? Wer wissen will, wie es dazu kam, findet in diesem Buch die Antwort. Dass Heinz Hug promovierter Chemiker und Chemiedozent ist, soll nur am Rande vermerkt werden. Er hat mit Abstand das beste Buch geschrieben, das uns einen unbestechlichen Spiegel vorhält. Trotzdem wird der Leser aus dem Lachen nicht herauskommen, wenn er Hugs Praxisbeispiele liest. (CB.)
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.07.2008

Mittwoch, 30. Juli 2008

Kernfusion, Wahrheit und Inquisition


Todestag des Priesters und Inquisitors Konrad von Marburg 30. Juli 1233 oder : die schlimme und anmaßende Erfindung von WAHRHEIT

Bewältigte Kernfusion
KERNFUSION: Ein Film aus dem Jahr 2100

In der Sonne verschmelzen Wasserstoffatome bei einer Temperatur von 15 Millionen Grad unter hohem Druck zu Heliumatomen. Bei dem Prozess werden riesige Energiemengen frei. Seit ungefähr einem halben Jahrhundert versuchen die Wissenschaftler, diese Kernfusion gleichsam im Labor zu bändigen. Ziel sollen große Kraftwerke sein, in denen mit Hilfe der Verschmelzung von Atomkernen viel Strom erzeugt werden kann. In Cadarache (Südfrankreich) entsteht derzeit die internationale Fusionsanlage Iter, die vermutlich der letzte Schritt vor dem Bau eines Demonstrationskraftwerks sein wird. Wohl aus diesem Anlass hat die europäische Fusionsagentur Efda ("European Fusion Development Agreement") das Max-Planck-Institut für Plasmaphysik in Garching beauftragt, für das Internet den Film "Energie der Zukunft. Fusion 2100" herauszugeben, der jetzt fertiggestellt ist. Auf der Internetseite www.ipp.mpg.de lässt sich der von Naumann Film in München produzierte Streifen, der neun Minuten lang läuft, abrufen. Er behandelt die Kernfusion mit ihren Grundlagen und den langen Weg zur Anwendung als Gesprächsstoff zwischen Lehrer und Schülern in einem futuristisch anmutenden Klassenzimmer des Jahres 2100. Rückschauend aus einer Zeit, in der die Kernfusion längst in allen Facetten beherrscht wird, erfährt man, welche Schwierigkeiten es bereitete, die Eigenschaften des Plasmas zu verstehen, und warum in den Fusionsplasmen auf der Erde sogar Temperaturen von hundert Millionen Grad erzeugt werden müssen. Als beispielhaft werden die Fusionsanlagen Asdex in Garching und Jet - Europas Fusionsanlage - in Culham (England) angeführt, die wie der geplante Iter zum sogenannten Tokamak-Typ gehören. F.A.Z.


Text: F.A.Z., 30.07.2008, Nr. 176 / Seite N2

Erbschaftsteuer: Würth, Schwan, Südafrika, Gedächtnis



18-27° schwül, tr
SAP gute Zahlen; WTI 121,34

- " Ein Schraubenhändler und die Erbschaftsteuer. Herr Würth ist verreist. Der Schraubenmilliardär Reinhold Würth aus Künzelsau droht wegen der hohen Erbschaftsteuer mit Abwanderung. In Baden-Württemberg geht die Furcht um, er könnte mit seinen Auswanderungsabsichten Rache an Finanzbehörden und Justiz üben, die ihn zum vorbestraften Steuersünder gestempelt haben. ... " FAZ.NET Wirtschaft29. Juli 2008

- " Schwans Wünsche. Die Politik solle künftig „einen größeren Bereich wirtschaftlicher Aktivitäten“ steuernd beeinflussen, fordert Gesine Schwan. Dabei gibt es genügend Beispiele für die Arbeitsplätze vernichtenden Wirkungen staatlicher Interventionen in das Marktgeschehen. Deutschland braucht nicht mehr, sondern weniger Staat in der Wirtschaft. ... " FAZ.NET Wirtschaft29. Juli 2008

- ' Landreform in Südafrika : „Das riecht nach Zimbabwe“ . Die Landreform gehört zu den wichtigsten Reformprojekten in Südafrika. Aber auch vierzehn Jahre nach dem Ende der Apartheid fällt die Bilanz enttäuschend aus. Viele Höfe in schwarzem Besitz produzieren nichts mehr. ... Was Geschichten wie die des Rothmans-Hofes indes so dramatisch machen, ist die Tatsache, dass rund um Brits die Lebensmittel für die Großstädte Pretoria und Johannesburg produziert werden. Die Bakwena aber lassen das Land, das sie bereits zurückerhalten haben, verfallen. Auf den Farmen wächst Unkraut statt Tomaten und Salat. Es ist bewässertes Land darunter, doch die Bewässerungsmaschinen sind gefleddert. Die neuen Landbesitzer haben die Wellblechdächer der Farmhäuser abmontiert und sich daraus Hütten gebaut, in denen sie jetzt leben. „Wenn die Leute das Land wenigstens bearbeiten würden“, sagt Rothmans und bemüht seinen Vorarbeiter als Kronzeugen. Der sagt, er sei Angehöriger des Bakwena-Stammes, aber für den Stamm arbeiten wolle er auf keinen Fall. „Mann, da würde ich glatt verhungern“, sagt er. Alleine rund um Brits geht der landwirtschaftliche Ausfall inzwischen in die Milliarden Rand. So wie in Brits ist es mittlerweile überall. ...' FAZ.NET Politik29. Juli 2008 LB dazu: " Der sicherlich sehr interessante Artikel lässt so einiges vermissen ...
Seit 1991 sind in Südafrika tausende weiße Farmer (Männer, Frauen und deren Kinder) teilweise bestialisch ermordet worden, um den „freiwilligen“ Verkauf von Farmen „zu befördern“. Ich will damit nicht sagen, dass solches die offizielle oder inoffizielle Politik der dortigen Regierung wäre, aber Fakt ist, dass es heute einer der gefährlichsten Berufe weltweit ist, dort weißer, Bauer zu sein. Ein schwarzer Rassismus und unvorstellbare Gewalt nehmen dabei überall im Lande in einem Umfang zu, über den man in westlichen Medien nichts hört, weil es wohl nicht opportun ist, der so gepriesenen Regenbogennation den Nimbus des „Aufbruchs in Afrikas“ zu nehmen. Im ANC, so befürchte ich, ist es nur noch Mandela, der Kraft seiner Autorität die Gemüter beruhigt und zur Vernunft bringt. Sollte er die Augen schließen … und Südafrika auch noch die Fußball-WM vermasseln, werden die Schuldigen schnell gefunden werden: Die Weißen. Dann allerdings riecht es eher nach Ruanda, denn nach Simbabwe. Namibia wird indes in den Strudel mit hineingezogen werden. Die dortige SWAPO-Regierung hat ja auch gerade das Chinesische Waffenschiff für Mugabe in Walfisbay entladen und die Kalaschnikows nach Harare fliegen lassen. TIA (this is Afrika) Sönke Peters - "vor Kurzem hieß es noch,dass eur.Importzölle und eur.Agrarexporte die afr.Landwirtschaft zerstörten.Diese Behauptung war falsch:Seit dem Abkommen von Lome kann Afrika zollfrei nach Europa exportieren und auf meinen Fahrradreisen durch Afrika habe ich nie eur.landw.Produkte auf den Märkten gesehen.Die beiden Afrikaartikel legen nahe,dass eine afr.Mentalität die Ursache der Misere ist.So sehen es einige afrikanische Intellektuelle in der Tat. ... " gerwig kansteiner

- Nicht vergessen : " Zwei Seepferdchen für unser Gedächtnis. Beim Aufbau von Erinnerungen spielt der Hippocampus in unserem Gehirn ein wichtige Rolle. Er scheint ein Flaschenhals für die entsprechende Verarbeitung neuer Erlebnisse und möglicherweise auch für das Abrufen alter Erinnerungen. Wie das genau funktioniert, möchten die Neurowissenschaftler herausfinden. ... " FAZ.NET Feuilleton30. Juli 2008 // Exzellent!
Ein selten klarer Artikel, der auch die Doppelbildung des Hippocampus erklärt. Meisterlich ausgewogen in Überblick und Detailangaben.

Dienstag, 29. Juli 2008

Zwangsheirat, Etzioni: Traditionsgesellschaften


Der tägliche ergiebige Schauer läßt den Boden nicht abtrocknen.

18-25° Sch

- Necla Kelek: ' Muslimische Zwangsheirat. Freiheit jenseits der Gesetze? Hand in Hand gegen Zwangsheirat? Die islamische Community gerät nicht nur in dieser Frage, sondern auch bei sogenannten Ehrenmorden, Gewalt in der Ehe und der Erziehung durch die öffentliche Meinung unter Legitimationsdruck. Niemand nimmt ihren gebetsmühlenartig wiederholten Spruch „Das hat mit dem Islam nichts zu tun“ mehr ernst. Nun versucht der Vordenker eines „europäischen Islams“, Tariq Ramadan, die Sache für die Muslime zu wenden. Gemeinsam mit Rotterdamer Islamvereinen, dem Berliner, der Muslimbruderschaft nahen Verein „Inssan“ und mit der Unterstützung des Berliner Integrationsbeauftragten Günter Piening fördert er die Initiative „Hand in Hand gegen Zwangsheirat“. ... Lob der Großfamilie:
Interessant ist, wie Ramadan und seine Anhänger Familie definieren. Gemeint ist nicht eine Kernfamilie aus Mutter, Vater und Kindern, sondern die Großfamilie, der Stamm. So wird aus der Gemeinschaft der Muslime, der Umma, eine Familienkultur. In der Handreichung liest sich das so: „In einer Familienkultur ist die Familie wichtiger als das Individuum. Die Familie verhält sich als Einheit, um als Ganzes von den anderen Familien des sozialen Umfelds als voll- und gleichwertig anerkannt zu werden (...) Jedes Individuum hat im Interesse der Familie zu handeln.“ Und wenn nicht, so wird die Ehre der Familie verletzt: „In der Gruppe ist Ehre ein gemeinschaftlicher Besitz, für den alle Familienmitglieder Verantwortung tragen, ungeachtet der Hierarchieart in der Familie.“
Ramadan und seine Schüler versuchen, die Grundrechte und Werte der europäischen Zivilgesellschaft umzudeuten. Sie sprechen dem Einzelnen das Selbstbestimmungsrecht ab, definieren den Menschen als Sozialwesen und nicht als Individuum, befürworten das System der „Schamgesellschaft“ mit einem fatalen Ehrbegriff. Nirgendwo in dem Büchlein wird dem Einzelnen das Recht eingeräumt, selbst zu entscheiden, ob er überhaupt heiraten will. „Die Familie bildet den Kern der islamischen Gesellschaft, und die Ehe ist im Islam die einzige gestattete Weise, Familien zu gründen.“ Seine eigene Sexualität zu leben ist nicht statthaft. ' FAZ 29.7. //
Kelek verdient nicht nur Respekt für Ihre mutige Arbeit, fast muß man auch besorgen, daß ein zorniger frommer junger Mann im Sinne des Ramadan-Bruders Hani aktiv wird: " ... Hani Ramadan wurde schon 1997 von den Franzosen mit einem Einreiseverbot belegt. Er ist Lehrer in Genf, wo er das Islamische Zentrum leitet. Vor zwei Jahren hat Hani Ramadan in "Le Monde" das Steinigen von Ehebrecherinnen als "Reinigung" der Sünderinnen gerechtfertigt. Zögerlich ging "Frère Tariq" auf Distanz. Die jüngsten Veröffentlichungen weisen nach, daß das "Duett der Doppelzüngigen" keine Erfindung von Rassisten ist. Auch Tariq denkt insgeheim weitgehend so, wie sich Hani in der Öffentlichkeit äußert. ..."
MUSLIMISCHE BRÜDER: TARIQ UND HANI RAMADAN IM GEGENWIND, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.11.2004 . Die Betrauung Keleks mit der Leitung des Instituts für Türkeistudien wäre für die deutsche und die türkische Seite ein großer Gewinn.

- Etzioni : "Weniger ist mehr. Weil die Sicherheit des Westens auch am Hindukusch verteidigt wird, fehlt es gerade in Deutschland nicht an Appellen, Afghanistan mit noch mehr Geld wirtschaftlich und sozial auf die Beine zu helfen. Doch die Aussichten, dass eine Gesellschaft wie die Afghanistans innerhalb weniger Jahre aus dem Mittelalter in das 21. Jahrhundert katapultiert werden kann, sind gering. Ein Essay über Moral und Hypermoral.

... Doch trotz einer unter aufgeklärten Menschen weitverbreiteten Auffassung, dass Terrorismus mit Armut verknüpft und deshalb Entwicklung das beste Gegenmittel sei, beweist auch die jüngste Geschichte, dass beide nicht viel miteinander zu tun haben. ... Die Wortführer des Wiederaufbaus verschließen sich auch den schmerzhaften Lektionen, die die Geschichte der westlichen Entwicklungshilfe bereithält. Im Jahr 2006 zeigte ein ausführlicher Bericht über die vielen Milliarden Dollar, die von der Weltbank seit Mitte der neunziger Jahre für wirtschaftliche Entwicklung ausgegeben worden waren, dass sich das Pro-Kopf-Einkommen - einer der wichtigsten Entwicklungsindikatoren - trotz größter Bemühungen der Bank in vielen Ländern nicht erhöht hatte. In 14 von 25 Ländern, die in dem Bericht erfasst wurden, war das Pro-Kopf-Einkommen Anfang 2000 gleich oder niedriger als Mitte der neunziger Jahre. Darüber hinaus hatten sich jene Länder (besonders in Afrika), die die meiste Unterstützung erhielten, am wenigsten entwickelt, während die Länder, die nur geringe Unterstützung erhielten (besonders China, Singapur, Südkorea und Taiwan), sehr rasch vorankamen. Anderen Kritikern gilt Entwicklungshilfe als ein "vergiftetes Geschenk", da es die Abhängigkeit von ausländischen Mächten fördert, die einheimischen Bemühungen untergräbt und denjenigen am meisten nützt, die gut Anträge schreiben und Mitarbeitern von Stiftungen und Hilfsorganisationen charmieren können. ... Man kann einwenden, dass Reformen wie diese in anderen Ländern, einschließlich des Westens, Erfolg hatten. Tatsächlich könnten Sozialwissenschaftler den Entwicklungsländern einen großen Dienst erweisen, wenn sie eine gründliche Untersuchung darüber anstellten, wie Korruption und Misswirtschaft in jenen Ländern zurückgestutzt wurden, denen es gelang, diese Schwächen in den Griff zu bekommen. Eine solche Studie würde wahrscheinlich zu dem Ergebnis kommen, dass dieser Prozess Jahrzehnte, wenn nicht gar Generationen dauerte und mit einem beträchtlichen Wandel des Bildungswesens und der gesellschaftlichen Kräfte (etwa der Entstehung einer größeren Mittelschicht) einherging. Diese Veränderungen können nicht überstürzt werden und müssen weitgehend von innen heraus erfolgen.
Dasselbe gilt für die meisten anderen Erscheinungsformen in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Verhaltensweisen und Werte gelten seit Jahrhunderten und sind in der Tradition tief verwurzelt. Sie zu verändern ist ein langsamer und schwieriger Prozess, der in der Regel nicht von außen aufgezwungen, geschweige denn beschleunigt werden kann. ... Kultur ist ebenfalls ein Hauptgrund, der die erstaunlichen Unterschiede in der Überwindung sogenannter Unterentwicklung erklärt, besonders zwischen den südasiatischen "Tigern", die wenig Hilfe erhielten, und den afrikanischen und arabischen Staaten, in die viele Gelder geflossen sind. Ich vertrete ausdrücklich nicht die These, dass sich Letztere aufgrund genetisch bedingter Faktoren nicht weiterentwickeln könnten. Aber es ist offensichtlich, dass ihre Kulturen auf anderen Werten beruhen und sich vor allem auf traditionell-religiöse, lokale und stammesbedingte Bindungen stützen. Diese Kulturen können sich verändern, aber nur langsam, und der Wandel kann nicht von Außenstehenden beschleunigt werden. Das alles vorausgesetzt, muss man damit rechnen, dass der Wiederaufbau in Ländern wie Afghanistan sehr langsam vorangehen und allen Beteiligten sehr viel abverlangen wird. ..." F.A.Z.27. Juli 2008 // Allerdings gilt, daß Städte eine eigene Entwicklungsdynamik haben. Kabul und Kairo waren Berlin in den zwanziger Jahren sehr viel ähnlicher, als das 2001 der Fall ist.