Samstag, 1. Juli 2017

Glückwunsch, alter Knabe!





Foto: Lichtenberg vor der alten Uni-Bibliothek in Göttingen.



“Die Welt ist immer in ihren Urteilen zu gütig oder unbillig.” Georg Christoph Lichtenberg (1.7.1742-1799), Sudelbücher, Heft F, 284

Ja, das sollte man früh begreifen, und daß dem kaum oder gar nicht abzuhelfen ist. Bei allem Urteilen spielt das Gefühl eine Rolle und verändert das Vorzeichen der Wahrnehmung. Auch im Urteil über das eigene Selbst. Daher sind die Schuldtrompeter - religiös oder nicht - stets abzuweisen, wie Religionen generell.
Von Descartes stammt der Satz “Ich denke, also bin ich”; er war ein tumber Tor in Sachen Psychologie und Anthropologie, wie die meisten Philosophen. Der Neurologe Antonio Damasio benannte daher eines seiner Bücher “Descartes Irrtum” (1994). Sein Buch von 1999 trägt den Titel “Ich fühle, also bin ich”, darin findet sich: “Mehr noch, ich denke, daß die Mechanismen, die der Emotion zugrunde liegen, kein Bewußtsein verlangen, selbst wenn sie sich manchmal seiner doch bedienen: Sie können die Kaskade von Prozessen, die zum emotionalen Ausdruck führen, in Gang setzen, ohne sich des emotionalen Auslösers bewußt zu sein, von den Zwischenschritten ganz zu schweigen. Tatsächlich kann ein Gefühl im begrenzten Zeitausschnitt des Hier und Jetzt auftreten, ohne daß der Organismus tatsächlich etwas von seinem Vorkommen weiß.” (A.a.O., S. 58)
Urteile über Menschen haftet daher stets Unsicherheit an, zumal eine Vielzahl von Perspektiven auf ein und denselben Menschen möglich ist. Auch die Wissenschaftler sind fühlende Menschen, und im Bereich der Geistes- und Sozialwissenschaften - den Weichwissenschaften - finden sich viele Irrungen und Wirrungen verschlungen mit emotionalen Lagen. Besonders ragt da die 68er Studentenbewegung hervor, die sich aus pubertärem Antrieb sich auf Marx, Engels, Lenin, Stalin und Mao stürzte.
Aber auch in den Naturwissenschaften gibt es die “Fakten” nicht frei Haus geliefert. Die Forschungsgegenstände der Naturwissenschaften lassen zwar mehr Distanz zu, weil Menschen nur sekundär berührt sind. Aber das wohlige Gefühl, den eigenen Interessen zu dienen, führt zur Herdenbildung um wechselnde Paradigmen und um die Paradigmen-Häuptlinge. Wie Aerosole an einen Nukleus lagern sich die interessierten Forscher an und bilden Machtkartelle, die konkurrierende Paradigmen niedermachen.
In diesem Zusammenhang führte der Soziologe Armin Nassehi in einem Vortrag vor der Rektorenkonferenz aus:
Deshalb muss man das Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft auch auf diesem komplexen Niveau diskutieren und nicht etwa als Wissenschaftskitsch, wie man ihn letztens auf dem science march lesen konnte: Dort wurde plakatiert, zu Fakten gebe es keine Alternative – was für ein Unsinn. Was Wissenschaft vorführt, sind nicht alternativlose Fakten, sondern alternative Aussagen über jene Fakten, die Wissenschaft stets nur durch die Brille ihrer Theorien, Methoden und Verfahren sehen kann. Selbst der radikalste erkenntnistheoretische Realismus braucht Methoden!”
Armin Nassehi, Zu Fakten gibt es oft eine Alternative. Von den Wissenschaften erwartet die Gesellschaft unumstößliche Wahrheiten. Diese Hoffnung muss enttäuscht werden. FAZ 28.6.17

So ähnlich hätte das Lichtenberg auch gesagt.


















Freitag, 30. Juni 2017

Bruch Double Concerto for violin and viola in E minor I. Andante con moto

Analysieren, statt phantasieren


These 10: "Dumm und übel handeln diejenigen Priester, die Sterbenden kirchenrechtliche Bußstrafen für das Fegfeuer vorbehalten."
(DLF)

Die Schamlosigkeit des Klerus gegenüber Sterbenden war grenzenlos. Ihnen wurden Erbschaften abgepreßt, die die katholischen Gangster zu großen Landbesitzern und reichen Funktionären machten. Natürlich gab und gibt es kein Fegefeuer. Auch hier zeigt sich Luther als Depp. Besonders, wenn man ihn mit einem ernsthaften, analytisch denkenden Autor vergleicht.

Lukrez beleuchtet die Kausalität:
I. Lehrsatz. Nichts wird aus Nichts
Nichts kann je aus dem Nichts entstehn durch göttliche Schöpfung.
Denn nur darum beherrschet die Furcht die Sterblichen alle,
Weil sie am Himmel und hier auf Erden gar vieles geschehen
Sehen, von dem sie den Grund durchaus nicht zu fassen vermögen.
Darum schreiben sie solches Geschehn wohl der göttlichen Macht zu.
Haben wir also gesehen, daß nichts aus dem Nichts wird geschaffen,
Dann wird richtiger auch die Folgerung draus sich ergeben,
Woraus füglich ein jegliches Ding zu entstehen im Stand ist
Und wie alles sich bildet auch ohne die Hilfe der Götter.
Gäb' es Entstehung aus Nichts, dann könnt' aus allem ja alles
Ohne weitres entstehen und nichts bedürfte des Samens.
So könnt' erstlich der Mensch aus dem Meer auftauchen, der Fische
Schuppiges Volk aus der Erde, die Vögel dem Himmel entfliegen,
Herdengetier und anderes Vieh wie die wilden Geschöpfe
Füllten beliebig entstanden das Fruchtland an wie das Ödland.
Auch auf den Bäumen erwüchsen nicht immer dieselbigen Früchte,
Sondern das änderte sich, kurz, alles erzeugte da alles.
Hätte fürwahr nicht jegliches Ding ureigene Keime,
Wie nur könnte für alles ein sicherer Ursprung bestehen?
Doch weil jegliches jetzt aus bestimmten Samen sich bildet,
Tritt es nur dort an den Tag und dringt zu den Räumen des Lichtes,
Wo sich der Mutterstoff und die Urelemente befinden.
Dadurch wird es unmöglich, daß alles aus allem entstehe,
Weil in besonderen Stoffen tut jedes gesondert die Kraft ruht.
Weshalb sehen wir ferner im Lenze die Rosen erblühen,
Sommerhitze das Korn und den Herbst die Trauben uns spenden?
Doch wohl, weil zu der richtigen Zeit sich die Samen der Dinge
Gatten und alles, was dann aus ihnen sich bildet, zu Tag tritt,
Wenn auch die Witterung hilft und die lebenspendende Erde
Sicher das zarte Gewächs in die Räume des Lichtes emporführt.
Kämen aus Nichts sie hervor, dann würden sie plötzlich entstehen
Ohne bestimmten Termin auch in anderen Zeiten des Jahres.
Denn dann gäb' es ja keine befruchtenden Urelemente,
Welche mißgünstige Zeit an der Zeugung könnte verhindern.
Auch für das Wachstum wären befruchtende Zeiten nicht nötig,
Wenn aus dem Nichts hervor die Dinge zu wachsen vermöchten.
Denn dann würden sofort aus Säuglingen Jünglinge werden
Und mit urplötzlichem Schuß entwüchsen die Bäume dem Boden.
Aber dergleichen entsteht doch nicht: man sieht es ja deutlich;
Wie es sich schickt, wächst jedes gemach aus besonderem Keime.
Und so wahrt es die eigene Art auch im weiteren Wachsen.
Also man sieht: aus besonderem Stoff mehrt jedes und nährt sich.
Hierzu kommt, daß ohne geregelten Regen im Jahre
Keinerlei labende Frucht uns die Erde vermöchte zu spenden;
Fehlt dann das Futter, so könnten natürlich hinfort die Geschöpfe
Weder die Art fortpflanzen noch selbst ihr Leben nur fristen.
Drum ist's glaublicher, daß gar vielerlei Stoffelemente
Vielerlei Dingen gemeinsam sind, wie die Lettern den Wörtern,
Als daß irgendein Wesen der Urelemente beraubt sei.[34]
Schließlich warum hat Mutter Natur nicht Riesen erschaffen,
Die wohl über das Meer mit den Füßen zu schreiten vermöchten,
Die mit den riesigen Händen die mächtigen Berge zerspellten
Und jahrhundertelang ihr leibliches Leben erstreckten,
Läge nicht für die Entstehung der Wesen jedwedem bestimmter
Urstoff vor, aus dem sich ergibt, was wirklich entstehn kann?
Also: Nichts entsteht aus dem Nichts. Dies ist nicht zu leugnen.
Denn es bedarf doch des Samens ein jegliches Ding zur Entstehung,
Wenn es hervorgehn soll in des Luftreichs dünne Gefilde.
Endlich sehen wir doch, wie bebautes Gelände den Vorzug
Hat vor dem wüsten und bessere Frucht dort erntet der Pflüger.
Siehe, der Erdenschoß birgt offenbar Urelemente,
Die wir zum Licht befördern, so oft wir die fruchtbaren Schollen
Wenden und pflügend die Schar den Boden der Erde durchfurchet.
Wären sie nicht, dann wären umsonst all' unsere Mühen;
Denn dann sähe man alles von selbst viel besser gedeihen.

Lukrez, „Über die Natur der Dinge.“ S. 33ff.



















Telemann Fantasie in D for solo viola da gamba - Jonathan Dunford

Donnerstag, 29. Juni 2017

Biologisches und chronologisches Alter können stark differieren


Die Frage nach dem Lebensalter – Rechtsmedizinische Forschung zum Thema Lebensaltersschätzung, Prof.’ in Dr. med. Stefanie Ritz-Timme, Düsseldorf
Vortragsinhaltsangabe:
"Das deutsche Rechtssystem stellt in einer Vielzahl von Regelwerken auf das Erreichen eines bestimmten Lebensalters ab. Beispiele sind die Strafmündigkeit junger Straftäter, der Bezug von Altersrente oder die Bewertung pornographischen Materials als „Kinderpornographie“. Zudem spielt das Lebensalter eine wichtige Rolle bei der Identifikation unbekannter Verstorbener und damit bei der Aufklärung von Tötungsdelikten. Die Schätzung des Lebensalters ist eine Herausforderung, weil der Alternsprozess komplex ist und durch viele Faktoren beeinflusst wird, was große Differenzen zwischen biologischem und chronologischem Lebensalter bedingen kann. Morphologische Verfahren zur Altersschätzung liefern in der Altersspanne von Wachstum und Entwicklung, also bis etwa zum 20. Lebensjahr, meist ausreichend gute Ergebnisse. Allerdings können bei Lebenden aus rechtlichen und ethischen Gründen nicht alle Verfahren in jeder Situation eingesetzt werden. Im Erwachsenenalter sind die Ergebnisse morphologischer Verfahren meist enttäuschend. Neue Möglichkeiten eröffnen „molekulare Verfahren“ zur Lebensaltersschätzung. Der menschliche Körper besitzt Moleküle, die altersabhängige Veränderungen zeigen. Dazu gehören langlebige Eiweiße, in denen es u.a. zu einer Akkumulation von D-Asparaginsäure kommen kann. Die daraus abgeleitete Methode zur Lebensaltersschätzung ist eines der präzisesten Verfahren zur Altersschätzung im Erwachsenenalter überhaupt. Nachteil des Verfahrens ist seine begrenzte Anwendbarkeit an Lebenden. Diesbezüglich gibt ein weiterer molekularer Ansatz Anlass zu Hoffnung, in dessen Fokus die Frage der Nutzbarkeit der DNA-Methylierung zur Altersschätzung steht. Forschung zum Thema Lebensaltersschätzung war noch nie so wichtig wie heute – in Zeiten globaler Migration und Flucht, in denen viele Menschen in Europa tatsächlich oder angeblich nicht wissen, wie alt sie sind. Das Ergebnis der Schätzung ihres Alters ist oft weichenstellend für ihren weiteren Lebensweg.”

Die jungen Sozialeindringlinge geben immer ein geringeres Alter an, wie im Fall des afghanischen Serientäters  Hussein K.: “Neuigkeiten im Mordfall Maria L.: In dem Ermittlungsverfahren wegen Verdachts des Mordes gegen den angeblich 17-jährigen Hussein K. liegen der Staatsanwaltschaft die beauftragten medizinischen Gutachten zur Altersfeststellung des Tatverdächtigen vor. "Die medizinischen Gutachten legen nahe, dass der Beschuldigte zur Tatzeit bereits Erwachsener (mindestens 22 Jahre) war", meldet die Staatsanwaltschaft am Mittwochvormittag. Die Ermittlungen - auch zur Altersfeststellung - seien jedoch noch nicht abgeschlossen.” (Badische Zeitung, 29.6.17)
Hier besteht also ein dringendes Bedürfnis nach einer präzisen Altersbestimmung.
Auch die frühere Erschleichung der Rente spielt eine zunehmende Rolle.
Biologisches und chronologisches Alter können stark auseinanderfallen. Im Fall einer Leichenidentifizierung ergab die Obduktion ein biologisches Alter von ca. 30 Jahren; das molekulare Verfahren ergab jedoch ein chronologisches Alter von ca. 50 Jahren - erst dadurch konnte die ermordete Frau identifiziert werden.


http://www.badische-zeitung.de/freiburg/mordfall-maria-hussein-k-ist-laut-gutachten-mindestens-22-jahre-alt--133811662.html