Sonntag, 4. Oktober 2020

Stephen Covey, Amy Winehouse und Janis

 


Am 4.10.1970 krepierte mit 27 Jahren ziemlich erbärmlich Janis Joplin an ihrer Drogensucht. Das war nicht erfolgreich, das war nicht effektiv. Höchstens effektiv ruinös. Das Wort “effektiv” schillert allerdings etwas zweifelhaft, ein Leben sollte gelingen, aber kaum “effektiv” sein. Das Wort spielt ins Organisatorische, und ja, Organisiertheit gehört auch zur Lebenskunst. Am Rande, würde ich sagen. Nicht zu sehr. Daran fehlte es der begabten Sängerin Joplin, sie ruinierte sich durch völlige Desorganisiertheit. Wie wäre es gewesen, hätte es etwas bewirkt, wenn sie einen Vortrag von Stephen Covey gehört hätte, zum Beispiel “Die 7 Eigenschaften hocheffektiver Menschen”? 

Sie hätte wohl schon beim Wort “hocheffektiv” abgeschaltet, oder hätte dem Covey ein “Geht mich nichts an!” zugerufen, wenn nicht ein “Du häßlicher weißer alter Mann! Du Phrasendrescher des Establishments! Du Plastiknazi!” 

Sehr wahrscheinlich. Kommunikationsabbruch. Joplin hätte weiter mit viel Gefühl gesungen und sich um den Verstand gesoffen. 

Das erinnert an Babrios’ und Lafontaines Fabel

Die Grille und die Ameise

Die Grille musizierte

Die ganze Sommerzeit –

Und kam in Not und Leid,

Als nun der Nord regierte.

Sie hatte nicht ein Stückchen

Von Würmchen oder Mückchen,

Und Hunger klagend ging sie hin

Zur Ameis, ihrer Nachbarin,

Und bat sie voller Sorgen,

Ihr etwas Korn zu borgen.

»Mir bangt um meine Existenz,«

So sprach sie; »kommt der neue Lenz,

Dann zahl ich alles dir zurück

Und füge noch ein gutes Stück

Als Zinsen bei.« Die Ameis leiht

Nicht gern; sie liebt die Sparsamkeit.

Sie sagte zu der Borgerin:

»Wie brachtest du den Sommer hin?«

»Ich habe Tag und Nacht

Mit Singen mich ergötzt.«

»Du hast Musik gemacht?

Wie hübsch! So tanze jetzt!«

 

Helmut Arntzen hat die Fabel in unseren Tagen weitergeführt:

„Was Singen und Arbeiten betrifft, so habe ich schon deiner Mutter gute Ratschläge gegeben, sagte die Ameise zur Grille im Oktober. 

Ich weiß, zirpte die, aber Ratschläge für Ameisen“. 

Und ebenso gibt Covey die Ratschläge für disponierte “Ameisen”, nicht aber für versoffene Sängerinnen. Die Meister der Appelle funken auf anderen Kommunikations-Kanälen als die Desorganisierten. Nun sind Appelle nichts Falsches, sie können Impulse setzen für die, die schon die entsprechende Frequenz eingestellt haben. Aber die “Grillen” erreichen sie nicht. Die hören lieber auf den katholischen Böll und seine “Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral”, in der ein fauler Fischer vergeblich zum protestantischen Fleiß aufgefordert wird.

So geht’s mit den Appellen, sie bewirken wenig oder nichts.     











Samstag, 3. Oktober 2020

Schelling, die Metaphysik, Staat und Volk

 

















Schelling, Friedrich Wilhelm Joseph: Ueber das Wesen deutscher Wissenschaft. Fragment. 


“Der Deutsche zeigt seine angeborene Treue selbst im Verkehrten, es nicht verlassend, sondern ausbildend bis zur vollkommenen Erscheinung der Nichtigkeit. Die Ausartung alles Hohen und Erhabenen, die Erlöschung desselben bis auf den Begriff selbst in weltlichen Geschäften und Dingen ist ein Beweis mehr von seiner Consequenz. Daher haben hier verderbliche Grundsätze auch weit verderblicher eingewirkt und in der That die ganze Masse der Nation verkehrt, wie ein wenig Sauerteig eine ganze Masse säuert. Was man auch sagen möge, alles Hohe und Große in der Welt ist durch etwas geworden, das wir im allgemeinsten Sinne Metaphysik nennen können. Metaphysik ist, was Staaten organisch schafft und eine Menschenmenge Eines Herzens und Sinns, d. h. ein Volk, werden läßt. Metaphysik ist, wodurch der Künstler und der Dichter ewige Urbilder lebendig empfindend sinnlich wiedergibt. Diese innere Metaphysik, welche den Staatsmann, den Helden, die Heroen des Glaubens und der Wissenschaft gleichermaßen inspirirt, ist etwas, das von den sogenannten Theorien, wodurch Gutmüthige sich täuschen ließen, und von der flachen Empirie, welche den Gegensatz von jenen ausmacht, gleich weit abstößt.

Alle Metaphysik, sie äußere sich nun speculativ oder praktisch, beruht aus dem Talent, ein Vieles unmittelbar in Einem und hinwiederum Eines in Vielem begreifen zu können, mit Einem Wort auf dem Sinn für Totalität. …” (http://www.zbk-online.de/texte/A0028.htm)


Ja, Schelling (1775-1854) stammte aus dem protestantischen Pfarrhaus und war Stubengenosse Hegels und Hölderlins im Tübinger Stift. Da liegt die Metaphysik in der Luft als ein ganz besonderer Duft. Und als Napoleon Europa mit Krieg überzog, machte er sich so seine Gedanken zum Charakter der Deutschen. Und “Metaphysik ist, was Staaten organisch schafft”, meint er. Seltsam mutet das an. Napoleon entfesselt in Frankreich ganz unmetaphysisch den übersteigerten Nationalismus und erobert damit die Nachbarländer - Ägypten noch dazu -, macht sich damit zum Großfranzosen, zum Gröfranz und Gröfaz, bewundert bis heute in Frankreich - und Schelling sieht die Metaphysik am Werke bei der Bildung von Staat und Volk.