Donnerstag, 1. April 2021
Klimaschau #24: Sahara-Solarfarmen verursachen Dürren im Amazonas-Regenwald
Panzerreiter und Reichskirchensystem
Remota itaque justitia quid sunt regna nisi magna latrocinia. Was sind also Königreiche außer große Räuberbanden, wenn die Gerechtigkeit fehlt? Augustinus, Gottesstaat, IV, 4
“Europa hat den Staat erfunden. Der Staat ist keine ‘anthropologische Notwendigkeit’ (Ulrich Scheuner), er ist weder ‘uranfänglich’ (F.C. Dahlmann), noch ist ‘Der Staat an und für sich das sittliche Ganze, die Verwirklichung der Freiheit’ und damit das Ziel der Weltgeschichte (Hegel). Die politische Anthropologie hat so viele ‘Gesellschaften ohne Staat’ ausfindig gemacht, und der weltweite ‘Export’ des europäischen Staates durch den Kolonialismus hat so problematische Ergebnisse gezeitigt, daß dieser Staat inzwischen als weltgeschichtliche Ausnahme und nicht mehr als Regel gilt. … Das Problem liegt also nicht darin, warum so viele Gemeinwesen weltweit undemokratisch, gewalttätig und parasitär waren und sind, sondern warum die europäischen, die von Haus aus auch nicht anders aussahen, erstaunlicherweise Demokratie, Konsensfähigkeit und Gemeinwohldenken entwickelt haben.” (Wolfgang Reinhard, Geschichte der Staatsgewalt, S. 15)
Michael Mittauer sieht einen frühen Faktor im Reichskirchensystem, in dem Lehen an Bischöfe und Äbte vergeben wurden. “In der Geschichte des Lehenswesens wird vielfach zu wenig bedacht, daß die militärische Vormachtstellung der karolingischen und später der deutschen Könige in Europa weitgehend auf dem Aufgebot der kirchlichen Vasallen beruhte, das zeitweise bis zu zwei Drittel oder gar drei Viertel des Heeres ausmachte. Ohne diese Indienstnahme der Reichskirche wäre der Aufbau von Panzerreiterheeren in einem solchen Umfang nicht möglich gewesen. In Byzanz gab es keine vergleichbare Möglichkeit des Zugriffs auf Ressourcen der Kirche für militärische Zwecke. Im Frankenreich setzt diese Inanspruchnahme des Kirchenguts schon mit den so genannten ‘Säkularisationen’ Karl Martells ein.” (Mitterauer, Warum Europa? S. 121)
Mittwoch, 31. März 2021
Descartes 31.3.1596-1650
Dienstag, 30. März 2021
Kaspar und der WDR
“Schon mit meinem ersten Satz bin ich in die Falle gegangen.”
So Handkes Kaspar am Ende des Stücks. Es bezieht sich auf das zunächst sprachlose Findelkind Kaspar Hauser (1812-1833).
Handke blendet die Bereicherung durch den Spracherwerb völlig aus und zeigt an seinem Kaspar, wie der Mensch durch Sprache zum willenlosen Untertanen gemacht wird.
Richtig daran ist, daß mit der Sprache auch Traditionen und Weltbilder vermittelt werden. Die politische Einflußnahme durch die politische Sprache und die Bewußtseinsindustrie der Massenmedien stellt ein Grundproblem der Gesellschaft dar, das heute so gigantisch ist wie die umgeschlagenen Milliardensummen.
Der Fürstbischof von Köln war vor 500 Jahren eine mächtige Figur in Stadt und Reich, aber gegen den Kölner WDR heute nimmt er sich vergleichsweise schwach und unbedeutend aus. Der WDR und die hundert anderen Massenmedien und Vormünder senden von morgens bis abends eine endlose Kette von Einreden und Einflüsterungen. Eine gewaltige Macht mit ständigem Zugang zu den Köpfen der Bürger. Und wahrlich wahlentscheidend, weswegen die Politiker meist nur noch Mitspieler sind im massenmedialpolitischen Komplex.
Wir sehen heute das Stück “Die Bewußtseinsindustrie wäscht das Gehirn so sauber und auf so unterhaltsame Weise wie nie”.
Montag, 29. März 2021
Ein Kuß in Ehren
“Die aus der Sphäre des Hauses stammende Bindung zwischen Herr und Vasall war eine Verpflichtung auf Gegenseitigkeit. Deutlich kommt das in den Ritualen zum Ausdruck, durch die eine solche Beziehung begründet wurde. In einer klassischen Formulierung hat sie Marc Bloch in seiner ‘Feudalgesellschaft’ nachgezeichnet. ‘Zwei Männer stehen sich von Angesicht zu Angesicht gegenüber; der eine, der dienen will, der andere, der willens ist oder hofft, als Herr anerkannt zu werden. Der erste faltet seine Hände zusammen und legt sie so verbunden in die Hände des zweiten: ein klares Symbol der Unterwerfung, dessen Sinn manchmal noch durch Niederknien hervorgehoben worden ist. Gleichzeitig spricht die Person mit den dargebotenen Händen einige kurze Worte, mit denen sie anerkennt, der >Mann< ihres Gegenüber zu sein. Dann küssen sich der Herr und der Untergebene auf den Mund - als Symbol der Übereinstimmung und der Freundschaft. So sahen die Gesten aus, die dazu dienten, eines der stärksten Bande zu knüpfen, die das Feudalzeitalter kannte.’ Es ist der Akt der vasallitischen Kommendation, den Bloch hier schildert.”*
Andere Zeiten, andere Rituale. Was heute recht fremd anmutet, stand damals in einem anderen Kontext. Verglichen mit den orientalischen Ritualen wie der Proskynese, dem mehrmaligen Niederwerfen, mutet es jedoch fast kollegial an.
*(Mitterauer, Warum Europa? S. 136f.)
