Dienstag, 27. April 2021

Wärme bringt das Mittelalter auf Trab

Mittelalterliche Warmzeit, Vergetreidung der Landwirtschaft mit Roggen und Hafer, die längere Haltbarkeit des Roggenbrotes, die Dreifelderwirtschaft, der schwere Räderpflug, die steigende Abwehrkraft gegen Wikinger, gegen Reiterhorden aus dem Osten und gegen die arabischen Invasoren - all das führte im Verlauf des Mittelalters zu einem Bevölkerungswachstum. Für England, wo die Zahlen durch das Domesday Book von 1086 und die Kopfsteuerlisten von 1377 annäherungsweise berechenbarer sind, könnte die Bevölkerungszahl vor der Pest bis zu 6,6 Mio. betragen, ausgehend von bis zu 2,1 Mio. im Jahr 1086. Die Pest verursachte den Tod von bis zu 50% der Engländer. 

Die vermehrten Stadtgründungen und Stadtausweitungen überall im Frankenreich reflektieren ebenfalls eine Zunahme der Bevölkerung.

Montag, 26. April 2021

Wer waren eigentlich die FRANKEN?

Der Bezeichnungsumfang war nicht eindeutig, ebensowenig wie der der SACHSEN. Ethnisch homogene Gebiete mit einer klaren Identität gab es höchstens bei den Römern im Imperium Romanum. Tacitus nannte alle Stämme östlich des Rheins GERMANEN. Das waren Chamaven, Chattuarier, Brukterer, Ampsivarier, Usipeter, Tubanten, Chasuarier u.a.m. Mit den Saliern vom Niederrhein bildeten sie einen lockeren Stammesverbund. Die Salier wurden Verbündete Roms und siedelten im heutigen Nordfrankreich. Für sie kam die Bezeichnung FRANKEN (FREIE) auf, der aber zunächst beschränkt war. Die Normannen, die später aus dem Norden die Bretagne und die Normandie eroberten, wurden erst später FRANKEN genannt, speziell aus der Ferne. “Die Muslime verwendeten diesen Begriff so umfassend, daß König Sigurd I. von Norwegen, als er 1110 ins Heilige Land kam, als ‘Frankenkönig’ beschrieben werden konnte. Die Kreuzfahrer wußten, daß sie allgemein Franken genannt wurden: ‘Die Barbaren sind es gewohnt, alle Abendländer so (Franken) zu nennen’, schrieb Ekkehard von Aura … Noch wesentlich später, im 13. Jahrhundert, herrschte genau dieser generalisierende Sprachgebrauch vor: ‘Alle Menschen, die jenseits des Meeres leben, nennen alle Christen ‘Franken’ und benutzen also den Namen im erweiterten Sinn’, schrieb der Dominikanermönch Simon von Saint-Quentin über die Mongolen. Und genau diesen ‘erweiterten Sinn’ übernahmen die westlichen Kreuzfahrer auf dem ersten Kreuzzug bereitwillig als Selbstbezeichnung.”*


*Bartlett, “Die Geburt Europas aus dem Geist der Gewalt”, S. 130f.  


Sonntag, 25. April 2021

Lehenswesen und Sozialgeschichte

 “Die christliche Konzeption einer über die Blutsverwandtschaft hinausgehenden Bruderbeziehung hatte ihre generelle Wurzel in der allgemeinen Gotteskindschaft der Christen, ihre spezielle im Brudermodell der Klostergemeinschaft. Das ursprünglich religiös begründete Bruderschaftswesen hat in der europäischen Sozialgeschichte enorme Bedeutung gewonnen. Zünfte, Vereine, genossenschaftliche Organisationsformen aller Art gehen auf dieses quasiverwandschaftliche Modell der Bruderschaft zurück. Auch durch Sozialformen dieser Art wurden Familien in ihren Funktionen entlastet - im Bereich der sozialen Sicherheit etwa schon im Mittelalter durch die sogenannten ‘Bruderladen’. Daß sich Europa zu einer ‘horizontalen Gesellschaft’ entwickelt hat, ist wesentlich auf den Einfluß solcher genossenschaftlicher Sozialformen zurückzuführen. Als eine für die europäische Gesellschaftsentwicklung besonders wichtige quasiverwandtschaftliche Beziehung auf der Basis der Abhängigkeit sei die Lehensbindung genannt. Ihre hausrechtliche Komponente steht außer Zweifel. Daß Zusammenhänge mit geistlicher Verwandtschaft durch Patenschaft bestehen, wird durch allfällige Strukturanalogien nahegelegt.”*

Mittauer schürzt hier mit einer gewissen Plausibilität die ganz großen Knoten. Die Interdependenz ist dabei zu beachten. Der Lehnsherr bleibt der Herr, aber die Bauern besitzen bei Tüchtigkeit die Aussicht auf eine freie Bauernstelle. Der untüchtige Bauer verbleibt in Abhängigkeit und Fürsorge der Herrenfamilie. 

Ich erinnere mich, wie engagiert die ‘rote Gräfin’ Dönhoff seinerzeit letzteres betonte und den Familiencharakter der ostpreußischen Gutsherrschaften hervorhob. Nach der Bauernbefreiung strebten viele in die Städte, wo sie aber dieser grundherrlichen Fürsorge verlustig gingen und zu eigenverantwortlicher Lebensführung oftmals nicht in der Lage waren. Der Sozialstaat kann nur unzureichend die persönliche Beziehung, Lenkung und Hilfe ersetzen. Gerade bei mental schwachen Menschen. Das spiegelt sich in der modernen Verwahrlosung in labilen Familien, in Scheidungsraten und serieller Polygamie, in Drogenmilieus.  


*Mitterauer, Warum Europa? S. 108      

Samstag, 24. April 2021

Anna sieht das wie Usama

 “Die keltische Rasse ist … unabhängig, sie sucht keinen Rat und zieht nie geordnet oder nach den Regeln der Kriegskunst zu Felde, doch wann immer es zur Schlacht oder zum Krieg kommt, verspüren sie in ihren Herzen einen unbezähmbaren Drang und lassen sich nicht mehr zurückhalten. Nicht nur die einfachen Soldaten, sondern auch ihre Führer werfen sich unwiederstehlich ins Getümmel inmitten der feindlichen Reihen. … Das lateinische Volk ist äußerst habgierig, doch wenn sie sich vorgenommen haben, ein Land anzugreifen, sind sie zügellos und kennen keine Vernunft.”* 

So die byzantinische Kaisertochter und frühe Historikerin Anna Komnene. Und einen syrischen Kommentator zitiert Bartlett ebenfalls, den muslimischen Emir Usama ibn Munqid, der die Franken charakterisiert als “Bestien, die sich auszeichnen durch Mut und Tapferkeit im Kampf, aber durch nichts weiter.” 

Geschichtsschreibung ist auch heute nicht objektiv, wenn sich allerdings zwei sehr unterschiedliche Kommentatoren recht ähnlich äußern, dann dürften sie ein Stück Wirklichkeit beschreiben. Die fränkischen Kreuzfahrer, die Anna Komnene auch fälschlich Kelten nennt, waren sehr kriegerisch. Und dies war tatsächlich auch ihr Selbstbild, die Adelskrieger sahen sich als unwiderstehliche Kämpfer, “denen Gott den Sieg zum Lehen gegeben hat”. 


*Bartlett, “Die Geburt Europas aus dem Geist der Gewalt”, S. 114f.  


Freitag, 23. April 2021

Sklavennahme in Nordengland? Sklavennahme in Pommern?


“Die Männer wurden alle getötet, die Mädchen und Witwen nackt und mit Stricken gefesselt nach Schottland getrieben, wo das Joch der Sklaverei auf sie wartete. … Es waren die ‘Pikten’, also die eingeborenen Schotten, denen die Chronisten in erster Linie die Brutalität ihrer Sklavenjagd vorwarfen. … Pikten und Männern aus Galloway, zu deren Spezialitäten es gehörte, Babys mit dem Kopf gegen Türpfosten zu schleudern …”.*


Die schottischen Invasionen dauerten im 12. Jahrhundert noch an, aber die neue fränkische Militärtechnik bereitete der schottischen Sklavenjagd auf verschiedene Weise ein Ende. Neben den Panzerreitern, gegen die die ungeharnischten Pikten nicht bestehen konnten, war es der örtliche Burgenbau, wie er überall im fränkischen Europa stattfand. Und die neuen Fernwaffen, besonders die durchschlagsstarke und präzise Armbrust, die sowohl im Feld und auch von den Burgmauern herab eingesetzt wurde. Überall, wo Normannen (alias Franken) und Anglonormannen Krieg führten. Und dann auch der missionarische Deutsche Militärorden im Osten antrat, im Baltikum. 


*Bartlett, “Die Geburt Europas aus dem Geist der Gewalt”, S. 102