Mittwoch, 15. Dezember 2021
Gottfried Benn
"Wie an dem Tag, der dich der Welt verliehen,
Die Sonne stand zum Gruße der Planeten,
Bist alsobald und fort und fort gediehen
Nach dem Gesetz, wonach du angetreten.
So mußt du sein, dir kannst du nicht entfliehen,
So sagten schon Sibyllen, so Propheten;
Und keine Zeit und keine Macht zerstückelt
Geprägte Form, die lebend sich entwickelt."
Goethe, Urworte orphisch, Dämon
Das ist nicht astrologisch gemeint, die Planeten kann man heute genetisch deuten. Dem Einfluß deines Genoms, dem Bündel deiner Veranlagungen kannst du nicht entfliehen, wäre die moderne Version dieses Textes. Das gilt im Positiven wie im Negativen, ob im Sport, in der Malerei, in der Sprachbegabung, bei der Mathematik und überall sonst. Gleichwohl gibt es Beeinflussungen von innen wie von außen, wenn es auch nicht den freien Willen gibt, der ohne Vorbedingungen frei wählen könnte. Wie weit ungünstige Anlagen zu kanalisieren sind, wird von Fall zu Fall unterschiedlich sein, aber wünschbar ist es jedenfalls. Dem eigenen Affen stets Zucker zu geben, empfiehlt sich nicht. Die Pflege der immer gleichen Gedanken und Empfindungen wird mit einem Verlust an Offenheit bezahlt, an Einengung der Wahrnehmungen.
Das zeigt sich vielfach. Bei Gottfried Benn in besonderer Weise. Wo sich bei Goethe ein weites Panorama entfaltet, schrumpft bei Benn alles zu seinem Lebenstopos Verfall und Tod. Jedes Gedicht endet sehr ähnlich, wie etwa in “Gladiolen”:
“Hier ist kein Ausweg:
Da sein - fallen -”
Hat man eines gelesen, kennt man alle, auch wenn sie eine große - und in kleinen Dosen - sehr reizvolle Variationenkette ergeben.
Erstaunlich ist, daß sich der familiäre Ausgangspunkt bei Benn so überaus positiv darstellt: eine behütete und naturnahe Kindheit auf dem Land, geistige und sprachliche Anregung in der angesehenen Pastorenfamilie, das Ausbleiben von persönlichen Katastrophen in Jugend und Studium. Trotzdem entwickelt er eine negative Sicht von Mensch und Welt, die er zeitlebens hingebungsvoll ausbaut. Er entfloh sich nicht und seiner depressiven Lebensstimmung. Man kann sich wundern, daß er es mit sich aushielt.
Montag, 13. Dezember 2021
Götz Ruprecht - Kernenergie des 21. Jahrhunderts – Die Dual Fluid Techno...
Sonntag, 12. Dezember 2021
Augen auf und rational reicht nicht
Nach Agrippa und Pyrrhon
Samstag, 11. Dezember 2021
Vom Mythos zum Logos - und zurück?
Ungewissheit und Eitelkeit aller Künste und Wissenschaften - auch wie selbige dem menschlichen Geschlecht mehr schädlich als nützlich sind.
von Nettesheim, Agrippa. Ungewissheit und Eitelkeit aller Künste und Wissenschaften. Jazzybee Verlag. Kindle-Version.
Agrippa unterstellt in seinem bekannten Buche "Von der Ungewißheit und Eitelkeit des menschlichen Wissens" der seinerzeitigen, weitgehend abergläubischen und scholastischen Wissenschaft, daß alles Wissen eitel sei, und daß die Gelehrsamkeit leicht zur Narrheit führe und daß es nichts Verderblicheres gebe, als einen eitlen Gelehrten.
Die Wissenschaften haben eine lange, krude Geschichte, stets neigten Wissenschaftler dazu, sich zu überschätzen. Kritik an der Erkenntnisgewißheit übten seit der Antike helle Köpfe immer wieder, was die wissenschaftliche Entwicklung auf vielfältige Weise befruchtete.
Agrippa, der eigentlich Heinrich Cornelius hieß und 1486 in Köln geboren wurde, entlieh seinen Gelehrtennamen möglicherweise bei dem antiken Skeptiker Agrippa, der um die Zeit Senecas lebte (1. Jh.). Von ihm ist nicht viel bekannt, Sextus Empiricus (160-210) berichtet von ihm; Sextus selbst bezieht sich auf den Skeptiker Pyrrhon von Elis (ca. 360-270).
Mit dem Beginn von systematischer Wissenschaft - charakterisiert als Entwicklung vom Mythos zum Logos - entsteht auch die grundsätzliche Frage nach der Gültigkeit von Wissenschaft.
Eine ewige Frage, die allein vor neuem Aberglauben und Überschätzung von Expertentum bewahren kann.