Samstag, 15. Januar 2022

Gibt es das Christentum?

Eine Schlacht im Bürgerkrieg (312, Constantin/Maxentius) stand am Anfang, ein Zufall gesellte sich zum vorhergehenden, so, wie die Geschichte sich eben ereignet. Das Christentum war zu Constantins Zeiten ein anderes als heute und wandelte sich und spaltete sich weiterhin. 1053 vollzog sich die Trennung von katholischer und orthodoxer Kirche, das große Schisma. In der Reformation des 16. Jahrhunderts trennten sich wiederum die protestantischen Sekten von den römischen Katholiken.

Alle drei großen Parteiungen existieren bis heute und daher muß man konstatieren, daß es das Christentum nicht gibt, wohl aber verschiedene Christentümer mit ihrer eigenen Geschichte. Die sich auch wieder wandelbar darstellt. Während die EKD zu großen Teilen eine Sozialsekte im Niedergang geworden ist, trifft das auf die nordamerikanischen Protestanten nicht zu, und auch nicht auf die orthodoxen Ostkirchen. Rom hat mit dem derzeitigen Franziskus Kurs auf die Sozialsekte genommen.

Wenn man den Judaismus dazunimmt als die eigentliche Ursprungsreligion, so fällt auf, daß offenbar die Betonung oder gar Überbetonung des Neuen Testaments den Weg zur Sozialsekte öffnet, oder, andersherum betrachtet, scheint es wesentlich das Alte Testament zu sein, das vor den Verblendungen des Neuen Testaments bewahrt.

Montag, 10. Januar 2022

Annette von Droste-Hülshoff in 3 Minuten

Ein schönes kleines Porträt der Droste (10.1.1797-27.5.1848). Eine Geburt im Winter und noch 2 Monate zu früh war eine schwere Hypothek, die Geburt im Sommer war weit ungefährlicher für Kinder. Nur eine starke Physis konnte diese ungünstigen frühen Umstände als frühgeborenes Kind überleben. Die niedrige Lebenserwartung dieser Zeit resultierte aus der hohen Kindersterblichkeit. Wer Kindheit und Jugend überlebte, hatte die Chance, ein höheres Alter zu erreichen. Die Droste wurde etwa so alt wie ihr Zeitgenosse Heinrich Heine (1797-1856), in dessen Schatten sie zeitlebens stand. Zu unrecht.

Freitag, 7. Januar 2022

Kommunikation, Abteilung Zeigeverhalten

Studie zu 375 acht Wochen alten Welpen (Emily Brae, Uni Arizona Tucson)

The researchers engaged the puppies in four different tasks. In one task, an experimenter hid a treat beneath one of two overturned cups and pointed to it to see if the puppy could follow the gesture. To ensure that the pups weren't just following their noses, a treat was also taped to the inside of both cups. In another version of the task, puppies watched as the researchers placed a yellow block next to the correct cup, instead of pointing, to indicate where the puppy should look for the food.

The other two tasks were designed to observe puppies' propensity to look at human faces. In one task, the researchers spoke to the puppies in "dog-directed speech," reciting a script in the sort of high-pitched voice people sometimes use when talking to a baby. They then measured how long the puppy held a gaze with the human. In the final task – a so-called "unsolvable task" – researchers sealed a treat inside a closed container and presented it to the puppy, then measured how often the puppy looked to the human for help opening the container.” (https://news.arizona.edu/story/puppies-are-wired-communicate-people-study-shows)

Schon kleine Welpen können kommunizieren - sogar über die Gattungsgrenzen hinaus. Menschlichem Zeigeverhalten können sie folgen, diese Fähigkeit muß also angeboren sein, denn sie haben es nicht gelernt, es ist stammesgeschichtlich kodiert, denn alle Welpen (Rhodesian Ridgeback) zeigen dieses kommunikative Verhalten.

Luhmann wäre also zu ergänzen, wenn er schreibt:

“Daß Bewußtseinssysteme füreinander wechselseitig unzugänglich sind, weil sie operativ geschlossen operieren, erklärt zwar den Bedarf an Kommunikation, antwortet aber nicht auf die Frage, wie Kommunikation angesichts eines solchen ‘Unterbaus’ möglich ist.” (Luh., Kunst d. Gesellschaft, S. 25)

Hunde und Menschen haben gemeinsame Vorfahren und besitzen daher gemeinsame Gene, die zu sozialem Verhalten, hier Kommunikation, disponieren. Obwohl eine gemeinsame Sprache fehlt, kann menschliches Zeigeverhalten von den jungen Hunden verstanden werden. Der ‘Unterbau’ gründet also auf gemeinsamer, stammesgeschichtlicher Genetik.


Wahrnehmung

 “Ausgeschlossen ist damit die Auffassung, daß Nervensysteme wahrnehmen können. Daß sie leben und funktionieren müssen, soll das Bewußtsein wahrnehmen können, und daß es strukturelle Kopplungen zwischen Nervensystem und Bewußtseinssystem gibt, soll damit natürlich nicht bestritten werden. … Aber jede systemtheoretische Analyse muß dem Unterschied der Operationsweisen der beiden Systemarten Rechnung tragen und folglich von verschiedenen Systemen ausgehen.” 

Wenn vorne elektromagnetische Strahlung auf die Netzhaut trifft und umgewandelt wird in elektrische Impulse im Sehnerv, die verarbeitet und weitergeleitet werden zur Videorinde hinten, wo Semantik ins Spiel kommt, also Wahrnehmung produziert wird, dann geschieht Ungeklärtes. “Die Neuromagie, die das zustande bringt, ist unbekannt.”

Luhmann, Kunst der Gesellschaft, S. 17f.


Montag, 3. Januar 2022

E.O. Wilson verstorben

Seit etwa 100 Millionen Jahren gibt es die Ameisen, also weitaus länger als den Menschen. Ihr Inzucht-Sozial-Modell war und ist erfolgreich, doch weit weniger als das sehr diverse des Menschen. Vielfalt funktioniert, so lange sie nicht durch Ideologien und Moral unterspült wird. Da die Ameisen keine großen und elaborierten  Gehirne entwickelten, unterblieb auch die Hervorbringung einer Welt der Kultur, die die soziale Evolution des Menschen drastisch beschleunigte, bis heute. In SOZIOBIOLOGIE versuchte Wilson, Sozialverhalten artübergreifend zu erklären, ein anregender Versuch, den er 1998 grandios mit DIE EINHEIT DES WISSENS weiterführte. 

E.O. Wilson verstarb Weihnachten 2021 im stattlichen Alter von 92 Jahren.