Donnerstag, 25. August 2022

FAUST wird aussortiert in deutschen Landen

 Das Kanonlesen in der Schule hat seine sehr problematischen Seiten, bei Goethes FAUST jedoch noch am wenigsten. Da wird ein kultureller Fundus geboten in solcher Reichhaltigkeit und Dichte, daß nichts anderes auch nur in die Nähe kommt, wiewohl Lessing, Schiller, Fontane und andere auch etwas bieten. Kein Stoff erreicht jeden Schüler, in keinem Fach, damit muß man leben. 

Man freut sich, wenn ein zeitgenössischer Autor aus dem FAUST zitiert:

“der neue Trieb erwacht, Ich eile fort, ihr ew’ges Licht zu  trinken, vor mir den Tag und hinter mir die Nacht, den Himmel über mir und unter mir die Wellen.”

Sarrazin, Thilo. Die Vernunft und ihre Feinde (S.89).(Ende Osterspaziergang im FAUST) 

Angesprochen ist die Verlockung, zu neuem Wissen zu gelangen, eingekleidet in die Licht-Metapher der Sonne.

Im Leistungskurs Deutsch sollte der FAUST seinen festen Platz behalten. Zumindest in den noch ernstzunehmenden Gymnasien.


Montag, 15. August 2022

Sanktionen und die Erfahrungen damit

 Diese Art der Sanktionspolitik war und ist undurchdacht; die Grünen wollen sie, weil sie das Erdgas loswerden wollen und zudem aus Empörung gegenüber Moskau, SPD und CDU sind gespalten, eine Mehrheit in Brüssel verfolgt den Hintergedanken der Schwächung Deutschlands, und die Türkei und die griechischen Reeder streben gute Geschäfte an. Gasprom hat im 1. Halbjahr 22 mehr verdient. 

Wer an Sanktionen denkt, muß im Hinterkopf behalten, daß sie noch nie eine Diktatur zum Einlenken gebracht haben, denn die herrschenden Eliten sind von ihnen kaum betroffen. 

Sonntag, 7. August 2022

Idylle und Geschichte

 Theodor Storm (1817-1888):

Abseits


Es ist so still; die Heide liegt

Im warmen Mittagssonnenstrahle,

Ein rosenroter Schimmer fliegt

Um ihre alten Gräbermale;

Die Kräuter blühn; der Heideduft

Steigt in die blaue Sommerluft.


Laufkäfer hasten durchs Gesträuch

In ihren goldnen Panzerröckchen,

Die Bienen hängen Zweig um Zweig

Sich an der Edelheide Glöckchen;

Die Vögel schwirren aus dem Kraut -

Die Luft ist voller Lerchenlaut.


Ein halb verfallen niedrig Haus

Steht einsam hier und sonnbeschienen;

Der Kätner lehnt zur Tür hinaus,

Behaglich blinzelnd nach den Bienen;

Sein Junge auf dem Stein davor

Schnitzt Pfeifen sich aus Kälberrohr.


Kaum zittert durch die Mittagsruh

Ein Schlag der Dorfuhr, der entfernten;

Dem Alten fällt die Wimper zu,

Er träumt von seinen Honigernten.

- Kein Klang der aufgeregten Zeit

Drang noch in diese Einsamkeit.


Wir können uns das vorstellen, in der Lüneburger Heide, in der Teltower Heide, am Niederrhein, auf der Schwäbischen Alb - vor gut hundert Jahren, ohne Autoverkehr, ohne Touristen. Es war ein anderes Leben. In manchem ruhiger und besser, in vielem schlechter. Wie’s so geht. Die Menschen machen ihre Geschichte nicht selbst, die Geschichte ereignet sich, sie erzeugt sich aus zahllosen Einzelwillen und noch mehr Zufällen und Dummheiten.


Überraschung: Jetstream hat sich über Nordatlantik beschleunigt - Klimas...

Der warme Humboldt-Strom strömt weiter aus der Karibik und bricht nicht zusammen, die Höhenwinde erlahmen auch nicht, sie haben sogar auf 210km/h zugenommen, die Kernkraft winkt mit gigantischer Energiedichte und neuen Reaktortypen* - ziemlich beste Nachrichten eigentlich! 

*Ruprecht/Lüdecke, Kernenergie, Weg in die Zukunft


Mittwoch, 3. August 2022

100 Jahre Kuhn, PARADIGMENWECHSEL

Thomas S. Kuhn, 1922 Cincinnati-1996 Princeton, war von Hause aus Physiker und wandte sich dann der Wissenschaftsgeschichte der Naturwissenschaften zu. Wissenschaft wachse nicht in einem rationalen Prozeß, war seine Entdeckung, sondern evolutiv, wobei den wissenschaftlichen Gemeinschaften selbst eine große, eigene Bedeutung zukomme. 

Und der Wahrheitsbegriff wurde ihm problematisch. 

“Vielleicht gibt es eine andere Möglichkeit, den Begriff der “Wahrheit” für die Anwendung auf ganze Theorien zu retten, dieser aber dürfte kaum ausreichen. Meines Erachtens gibt es keine von Theorien unabhängige Möglichkeit, Ausdrücke wie “wirklich vorhanden” zu rekonstruieren. Die Vorstellung von einer Übereinstimmung zwischen der Ontologie einer Theorie und ihrem “realen” Gegenstück in der Natur scheint mir jetzt prinzipiell trügerisch zu sein.”*

Mit ein wenig anderen Worten liest man das in Luhmanns “Wissenschaft der Gesellschaft” auch, allerdings dezidierter. 


*Kuhn, Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, 1962, Uni Chicago, stw S. 218