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Sonntag, 24. Juli 2022

Mal so erzählt


“Die schöne Johanna war die Base der drei Schwestern, und ich setzte mich gern zu ihr. Sie wußte die schönsten Sagen, und wenn sie mit der weißen Hand zum Fenster hinauszeigte, nach den Bergen, wo alles passiert war, was sie erzählte, so wurde mir ordentlich verzaubert zumute, die alten Ritter stiegen sichtbar aus den Burgruinen und zerhackten sich die eisernen Kleider, die Lore-Ley stand wieder auf der Bergesspitze und sang hinab ihr süß verderbliches Lied, und der Rhein rauschte so vernünftig, beruhigend und doch zugleich neckend schauerlich – und die schöne Johanne sah mich an so seltsam, so heimlich, so rätselhaft traulich, als gehörte sie selbst zu den Märchen, wovon sie eben erzählte.”

(Heine, Heinrich. Ideen. Das Buch Le Grand (S.18). Kindle-Version.)

 

Heine erzählt von einer Erzählsituation, und dies kann wieder mit dem Erzählen von Rheinsagen kombiniert werden, und so fort. Die Familie, die zusammen kifft, bleibt zusammen, behauptete seinerzeit Jerry Rubin; das wissen wir inzwischen besser. 

Die Familie, in der erzählt wird, bleibt zusammen, könnte man in Analogie behaupten, und das könnte etwas größere Wahrscheinlichkeit beanspruchen. Die Erzählung transportiert nicht nur Inhalte - etwa, was die Lorelei so trieb - sondern auch die Umstände der Erzählsituation, sie stößt die verbale Interaktion der Anwesenden an und knüpft und festigt Beziehungen. Das leistet das Fernsehen nicht, insbesondere präsentiert es fertige Bilder, die in der Erzählsituation von den Zuhörern selbst entworfen werden, dadurch ist die Vorstellungskraft stark angeregt. 


Samstag, 17. Februar 2018

Die ewige europäische Utopie



“In einer höheren Phase der kommunistischen Gesellschaft, nachdem die knechtende Unterordnung der Individuen unter die Teilung der Arbeit, damit auch der Gegensatz geistiger und körperlicher Arbeit verschwunden ist; nachdem die Arbeit nicht nur Mittel zum Leben, sondern selbst das erste Lebensbedürfnis geworden; nachdem mit der allseitigen Entwicklung der Individuen auch ihre Produktivkräfte gewachsen und alle Springquellen des genossenschaftlichen Reichtums voller fließen - erst dann kann der enge bürgerliche Rechtshorizont ganz überschritten werden und die Gesellschaft auf ihre Fahne schreiben: Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!” (Marx, Kritik des Gothaer Programms, 1875)

Diese Perspektive - auf den ersten Blick faszinierend wie sie ist - war grundlegend für alle Parteiungen von 1968.

Es ist die Verheißung paradiesischer Zustände, Heine hat es in “Deutschland” so formuliert:

“Ein neues Lied, ein besseres Lied,

O Freunde, will ich euch dichten!

Wir wollen hier auf Erden schon

Das Himmelreich errichten.

Wir wollen auf Erden glücklich sein,

Und wollen nicht mehr darben;

Verschlemmen soll nicht der faule Bauch,

Was fleißige Hände erwarben.

Es wächst hienieden Brot genug

Für alle Menschenkinder,

Auch Rosen und Myrten, Schönheit und Lust,

Und Zuckererbsen nicht minder.

Ja, Zuckererbsen für jedermann,

Sobald die Schoten platzen!

Den Himmel überlassen wir

Den Engeln und den Spatzen.”

Das ist ebenfalls zum Allgemeingut aller Linken geworden, vor und nach 68.

Auch Schillers “Ode an die Freude” kann man in dieser Richtung lesen: in der Freude werden “alle Menschen Brüder”.

Das sind unvergängliche Denk- und Fühlblasen, die intelligente und friedlich gesinnte Menschen bewegen. Sie spielen auch hinüber in die rechte Sphäre der Kommunität, der Gemeinschaft, der Volksgemeinschaft. Ein Buch wie Sebastian Jungers “Tribe: On Homecoming and Belonging” berührt diesen Komplex. Die Gesellschaft vermag nicht die enge Verbundenheit einer positiven Gemeinschaft zu bieten, sie gewährt Freiheiten, die Gemeinschaft dagegen bindet, im negativen Fall ist es eine Sklaven- oder Untertanengemeinschaft, geführt von einem herrschsüchtigen Häuptling, die keine individuellen Freiheiten zuläßt. Als Prototyp in dieser Hinsicht erscheint Sparta, es war so kommunistisch wie es zugleich faschistisch war. Platon hat dem die theoretische Reflektion verliehen in seinem Buch “Der Staat” (“Politeia”).

Für die moderne Gesellschaft bleibt die geringe Bindekraft ein Problem, das durch das Eindringen von analphabetischen Hilfsarbeitern und Kriminellen ins Unerträgliche gesteigert wird.

Die Dialektik von kleiner Gemeinschaft und großer Gesellschaft findet in Schopenhauers Parabel einen zeitlosen Ausdruck:

Arthur Schopenhauer
Die Stachelschweine
Eine Gesellschaft Stachelschweine drängte sich an einem kalten Wintertage recht nah zusammen, um sich durch die gegenseitige Wärme vor dem Erfrieren zu schützen. Jedoch bald empfanden sie die gegenseitigen Stacheln, welches sie dann wieder von einander entfernte. Wann nun das Bedürfnis der Erwärmung sie wieder näher zusammenbrachte, wiederholte sich jenes zweite Übel, so daß sie zwischen beiden Leiden hin und her geworfen wurden, bis sie eine mäßige Entfernung voneinander herausgefunden hatten, in der sie es am besten aushalten konnten.

So treibt das Bedürfnis der Gesellschaft, aus der Leere und Monotonie des eigenen Innern entsprungen, die Menschen zueinander; aber ihre vielen widerwärtigen Eigenschaften und unerträglichen Fehler stoßen sie wieder voneinander ab. Die mittlere Entfernung, die sie endlich herausfinden, und bei welcher ein Beisammensein bestehen kann, ist die Höflichkeit und feine Sitte. Dem, der sich nicht in dieser Entfernung hält, ruft man in England zu: keep your distance! - Vermöge derselben wird zwar das Bedürfnis gegenseitiger Erwärmung nur unvollkommen befriedigt, dafür aber der Stich der Stacheln nicht empfunden.



Wer jedoch viel eigene, innere Wärme hat, bleibt lieber aus der Gesellschaft weg, um keine Beschwerde zu geben, noch zu empfangen.






















Dienstag, 2. August 2016

Wissenschaft ist Wissenschaft, Dichtung ist Dichtung







Man sieht, Heinrich Heine hat auch Unsinniges geschrieben. (Kitschagitprop, aus dem Gedicht "Enfant perdu") .



Besser ist das:

Epilog
Unser Grab erwärmt der Ruhm.
Torenworte! Narrentum!
Eine beßre Wärme gibt
Eine Kuhmagd, die verliebt
Uns mit dicken Lippen küßt
Und beträchtlich riecht nach Mist.
Gleichfalls eine beßre Wärme
Wärmt dem Menschen die Gedärme,
Wenn er Glühwein trinkt und Punsch
Oder Grog nach Herzenswunsch
In den niedrigsten Spelunken,
Unter Dieben und Halunken,
Die dem Galgen sind entlaufen,
Aber leben, atmen, schnaufen,
Und beneidenswerter sind,
Als der Thetis großes Kind -
Der Pelide sprach mit Recht:
Leben wie der ärmste Knecht
In der Oberwelt ist besser,
Als am stygischen Gewässer
Schattenführer sein, ein Heros,
Den besungen selbst Homeros.


(Heine vergißt hier zu erwähnen, daß der Pelide, also Achill, ein ziemlich übler Schlächter war.)


Aber für eine Uni noch passender ist doch dies:


> Zu fragmentarisch ist Welt und Leben!
Ich will mich zum deutschen Professor begeben.
Der weiß das Leben zusammenzusetzen,
Und er macht ein verständlich System daraus;
mit seinen Nachtmützen und Schlafrockfetzen
Stopft er die Lücken des Weltenbaus. <


(Auch wenn Heine hier nur der Philosophische Fakultät auf den Hut haut.)


Diese häßliche Platte oben verdankt sich der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Gesellschaft. Die war früher weitgehend personell identisch mit der Heinrich-Heine-Initiative von Otto Schönfeldt, einem DKP-U-Boot. Die Initiative verlangte die Benennung der Uni D'dorf nach Heinrich Heine. Weil Heine auch ein Linksradikaler war, und sich damit linke Politik verbinden ließ.


Heute heißt die Uni D'dorf tatsächlich nach Heinrich Heine, ich kann es nur bedauern, weil Dichtung und Wissenschaft nichts miteinander zu tun haben, und auch, weil Heine in wissenschaftlicher Hinsicht ein dämlicher Maulheld war, der von wissenschaftlichem Arbeiten keinerlei Vorstellung
besaß. Seine oft brillanten Gedichte kamen gut ohne aus. Zum Beispiel:


Mythologie.


Ja, Europa ist erlegen –
Wer kann Ochsen widerstehen?
Wir verzeihen auch Danäen –
Sie erlag dem goldnen Regen!


Semele ließ sich verführen –
Denn sie dachte: eine Wolke,
Ideale Himmelswolke,
Kann uns nicht kompromittiren.


Aber tief muß uns empören
Was wir von der Leda lesen –
Welche Gans bist du gewesen,
Daß ein Schwan dich konnt’ bethören!


Für eine wissenschaftliche Hochschule wäre die Bennennung nach einem Wissenschaftler sinnvoll und vorbildlich. Oder einer Wissenschaftlerin: die Botanikerin und Genetikerin Emmy Stein wäre eine gute Wahl gewesen für die junge Universität Düsseldorf, die 1907 als Medizinische Akademie begann. Emmy Stein wurde 1879 in Düsseldorf geboren.
Na ja, immerhin ist Heinrich Heine ein insgesamt attraktiver Name.






Dienstag, 8. November 2011

"Und als ich die deutsche Sprache vernahm"





Zeitstufen der Ausbreitung der neuhochdeutschen Schriftsprache
Folie: Werner Besch



Und als ich die deutsche Sprache vernahm,
Da ward mir seltsam zu Mute;
Ich meinte nicht anders, als ob das Herz
Recht angenehm verblute.

So Heinrich Heine eingangs seines DEUTSCHLAND - EIN WINTERMÄRCHEN. Dieses Deutsch von 1844 verstehen auch heute noch die meisten Deutschen. Der Anfang des Grimmelshausen-Romans SIMPLICISSIMUS von 1668 wird aber vielen schon etwas unverständlich sein:

"Es eröffnet sich zu dieser unserer Zeit (von welcher man glaubet, daß es die letzte sei) unter geringen Leuten eine Sucht, in deren die Patienten, wann sie daran krank liegen und so viel zusammengeraspelt und erschachert haben, daß sie neben ein paar Hellern im Beutel ein närrisches Kleid auf die neue Mode mit tausenderlei seidenen Bändern antragen können oder sonst etwan durch Glücksfall mannhaft und bekannt worden, gleich rittermäßige Herren und adlige Personen von uraltem Geschlecht sein wollen …" (vgl. Blog v. 19.10.11)

Reinhard Kaiser übertrug daher den Barocktext für Eichborns "Andere Bibliothek" neu in "zeitgemäßes Deutsch".
Ob denn eine Vollübersetzung nach rund 300 Jahren nötig gewesen sei, fragte Werner Besch in seinem Akademie-Vortrag am 19.10.11 ("Grimmelshausens 'S.' - das zweite Leben eines Klassikers").
Die Frage blieb zur Hälfte offen, aber Besch verdeutlichte, daß Grimmelshausen ein Oberdeutsch schrieb, als das schon Platz machte für das Obersächsische, das sich zur deutschen Hochsprache entwickelte, nicht zuletzt durch das Massenmedium "Luther-Bibel".

Mittwoch, 18. Februar 2009

Hysterische Gesellschaft

STRIZZ, Reiche, FAZ


- " Essay von Matthias Horx : Die Hysterische Gesellschaft
Warum unsere apokalyptische Weinerlichkeit alles andere als harmlos ist
Die Welt ist schlecht, und sie wird täglich immer schlechter. Man muss nur morgens die Zeitung aufschlagen oder das Radio andrehen, Kollegen fragen oder die Hundertschaften von „Experten“, die das wachsende Elend, die ständig steigenden Gefahren für Leib, Leben, Seele, Menschheit verwalten. Die düsteren Herren, die uns von jedem Bildschirm aus tief in die Augen sehen. Es wird übel enden! Nehmen wir die jüngste Angstparole des medialen Alarmismus: VERARMUNG. „Immer mehr Menschen sind arm!“ – „Immer mehr Kinder sind arm“ -„Die Mittelschicht bröckelt“ -„ANGRIFF AUF DEN WOHLSTAND!!!“ Mitten im Wohlstand machen wir uns vor lauter Wohlstandsangst in die Hose. Und alle klatschen frenetisch Beifall.
Die EU definiert Armut nach einer Prozentsatz-Regel: Wer unter 60 Prozent des statistisch mittleren Nettoeinkommens verdient, ist arm. Bei Singles sind dies 781 Euro verfügbares Nettoeinkommen. Wenn der generelle Wohlstand steigt, wie er es auch bei uns tut (die Globalisierung hilft dabei kräftig mit), entstehen automatisch immer mehr Arme, per definitionem. In der Tat spreizen sich Einkommen in der globalisierten Ökonomie etwas mehr auf. Erstens wird der ökonomische Wirkradius der Qualifizierten größer. Wer früher als Angestellter sein Gehalt nur nach nationalen Marktmaßstäben erhielt, ist nun bisweilen ein Global Player. Das erklärt die enormen Zuwächse bei den höheren Einkommen. Probleme mit ihrem sozialen Fortkommen und ihrem Status bekommen diejenigen, deren unqualifizierte Arbeit plötzlich auf dem Weltmarkt Konkurrenz erfährt. Die Wissens-ökonomie, in die unsere Wirtschaft langsam hineinmutiert, verlangt nach anderen kognitiven und kommunikativen Fähigkeiten. Dies ist, vor allem, eine Frage des Bildungssystems – und seiner Veränderung.
Wir müssen DAS GANZE BILD begreifen, wenn wir tatsächlich etwas verändern wollen. Aber wollen wir das eigentlich? „Letztlich wollen wir nicht wissen, ob Erkenntnisse wahr sind, sondern wohin sie gehören.“ So schrieb der im letzten Jahr gestorbene Meister-Melancholiker und Soziologe Karl Otto Hondrich.
Als unsere Urvorfahren im Überlebenskampf der Urzeit von Primaten zu Menschen wurden, entwickelten sie ein vielfach nützliches Alarm-system. Im limbischen System entstand ein effektiver Flucht-Kampf-Mechanismus, mit dessen Hilfe wir in kurzer Zeit große körperliche und geistige Energien zu mobilisieren vermögen. Achtung, Säbelzahntiger! Später entwickelte die menschliche Kultur Sprache, Emotion, soziales Verhalten als Erweiterung dieses Vorwarnsystems. So konnten Höhlen befestigt, Waffen erfunden, Kleidung hergestellt werden. Die kognitive Fähigkeit des Menschen, „in die Zukunft zu schauen“, erzeugte schließlich Zivilisation, Technologie und den modernen Menschen. Unsere anthropologische Fähigkeit, Gefahren schon zu orten, wenn sie sich erst ankündigen, hatte allerdings einen Preis. Sie machte uns empfindlich für Übertreibungen – und für falsche Alarme. ..." Focus 28/08

- Madonna mit 242 Mio. $ Umsätzen.

- " Akribisch . Arbeiter-Historiker: Zum Tode von Helmut Hirsch. Helmut Hirschs Vater besaß vor dem Zweiten Weltkrieg in Wuppertal das führende deutsche Damenputzgeschäft, zu dessen Kundinnen auch Else Lasker- ..." 27.1.09 // Als Ex-Metallarbeiter darf ich vielleicht anmerken: Damenputzgeschäft, Arbeiter-Historiker, das paßt. Ich lernte Helm. Hi. in der Heinrich-Heine-Initiative von Otto Schönfeldt und Manfred Windfuhr kennen, einem DKP-U-Boot, 1974 etwa. Die Initiative verlangte die Benennung der Uni D'dorf nach Heinrich Heine (weil Heine ein Linksradikaler war). Heute heißt die Uni D'dorf nach Heinrich Heine, ich kann es nur bedauern, weil Dichtung und Wissenschaft nichts miteinander zu tun haben, und auch, weil Heine in wissenschaftlicher Hinsicht ein dämlicher Maulheld war, der von wissenschaftlichem Arbeiten keinerlei Vorstellung besaß. Seine oft brillanten Gedichte kamen gut ohne aus. So wie Wissenschaft sehr gut ohne Lyrik auskommt.- Hirsch: akribisch? Nein, parteiisch. Der sozialistische DamenputzVater hatte ihm ein Bild August Bebels ins Kinderzimmer gehängt, dieser Nasenring zog ihn durchs Leben.