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Montag, 3. Mai 2021

Was denn nun?

Was bei Mitterauer (“Warum Europa?) ein Unterpfand des europäischen Entwicklungserfolgs ist, erscheint bei Bartlett als ein ökologisches Problem: DIE VERGETREIDUNG der Landwirtschaft. Gut, das Roggenbrot ernährte verläßlich mehr Menschen. Aber die schönen Bäume waren weg! Die hatte der böhmische König als höchste Zierde Böhmens in den höchsten Tönen gelobt. Der König jagte gern, da waren ihm die Felder ein Ärgernis. Jedesmal, wenn er sie mit seinen hundert Jagdkumpanen kaputtritt, schrieen und klagten die albernen Bauern. Und Hunger brauchte er nicht zu leiden, seine Vasallen und deren Bauern lieferten reichlich, und dazu kam noch das Wildbret aus seiner Lieblingsbeschäftigung. Und wie war das mit der Verzwergung? Diese “Getreidemonokultur” machte die kleinen Leute noch kleiner! 

“Ebenso hat man eine merkliche Verringerung der durchschnittlichen Körpergröße der Bevölkerung um etwa 5 cm zwischen dem frühen und dem späten Mittelalter als Folge veränderter Ernährungsgewohnheiten deuten wollen, resultierend aus der Forcierung von Ackerbau und Getreidewirtschaft. Beim Ackerbau werden mehr Kalorien pro Hektar Land erzeugt als bei der Weidewirtschaft oder bei Jägern und Sammlern, und deshalb läßt sich mit Ackerbau eine größere Bevölkerung ernähren; doch ist diese Bevölkerung oft nicht besonders gesund oder auch körperlich nicht sehr stark entwickelt, und die Abhängigkeit von einer einzigen Nahrungsquelle kann sogar gefährliche Ausmaße annehmen.”*

Da haben wir’s. 

Ich denke, das ist Obelix aus tiefstem Herzen geschrieben, er ist ja selbst ein Paradebeispiel für Wildschweinbraten ohne Brot und 10 cm größer. 

  

*Bartlett, “Die Geburt Europas aus dem Geist der Gewalt”, S. 192


Samstag, 20. März 2021

Haushaltsgemeinschaften oder Abstammungsverband? Das ist die Frage!

 “Die Grundform europäischer Familienverfassung ist nicht der Abstammungsverband, sondern die Hausgemeinschaft. Die Mitglieder dieser Hausgemeinschaft müssen untereinander nicht notwendig durch Abstammung oder Heirat verwandt sein. Das macht dieses System so flexibel und an veränderte Verhältnisse anpassungsfähig. Es waren vor allem Bedürfnisse der Arbeitsorganisation, die in der europäischen Geschichte zu spezialisierten Formen von Haus- und Haushaltsgemeinschaften geführt haben - in der Landwirtschaft, im gewerblich-industriellen Bereich. … Und auch über den Rahmen der Hausgemeinschaft hinaus haben die gelockerten Abstammungsbeziehungen es möglich gemacht, starke Sozialbeziehungen zu nicht verwandten Personen aufzubauen.” (Mitterauer, Warum Europa? S. 107)

Das ist ein Punkt, der sonst kaum angesprochen wird, aber bis heute eine große Rolle spielt. Kann man die römischen Mit-Kaiser hier einordnen? Nur teilweise, soweit sie nicht Söhne waren wie bei Marc Aurel, mit dem Beinamen “Philosoph auf dem Kaiserthron”. Marc Aurel erkannte die Nichtsnutzigkeit seines Sohnes Commodus, machte ihn aber trotzdem zum Mit-Kaiser und Nachfolger. Außerhalb des Abstammungsprinzips konnte er nicht denken. Später, im west- und im ostfränkischen Bereich - beide christianisiert, beide mit der gleichen Agrarverfassung und mit Lehnswesen - entwickelte sich die politische Herrschaft und die politische Landesgliederung sehr unterschiedlich. In Frankreich entstand eine zentralistische absolute Monarchie, in Deutschland ein tausendgliedriges dezentrales Wahlkönigtum. Einzelne Elemente wie das Lehnswesen und die damit verbundene Hausgemeinschaft haben ihre Wirkungsgrenzen. 


Sonntag, 14. März 2021

Ehe so oder so?

Man erinnert sich an Odysseus und Penelope, Helena und Paris, Daphnis und Chloe - deswegen sieht Mitterauer immer auch zurecht die antiken Grundlagen für die europäische Entwicklung der gattenzentrierten Ehe. Die nordischen Verhältnisse beachtet er weniger, aber es ist durchaus bemerkenswert, was Tacitus in der GERMANIA schreibt:

“Die Morgengabe bringt nicht das Weib dem Manne, sondern dem Weibe der Mann. Bei der Ueberreichung finden sich Eltern und Verwandte ein und mustern die Geschenke. Geschenke – aber nicht weibliche Luxusdinge oder Schmucksachen für die Neuvermählte, sondern Rinder und ein gezäumtes Roß und ein Schild mit Schwert und Speer. Gegen diese Gaben wird die Frau dem Manne zutheil, dem sie selbst ihrerseits einige Waffen zubringt. Diese Dinge gelten als das festeste Band, als das heilige Geheimniß, als die Schirmgötter der Ehe. Das Weib soll nicht wähnen, daß sie außerhalb der männlichen Gedankenwelt, außerhalb der kriegerischen Ereignisse stehe. Darum wird sie schon auf der Schwelle des Ehestands belehrt, daß sie eintritt als Genossin von Mühsal und Gefahr, im Frieden und im Kriege mit dem Manne zu dulden und zu wagen. Also verkünden ihr die gejochten Rinder, das gezäumte Roß, die dargebrachten Wagen; so muß sie leben, so muß sie sterben; was sie heut empfängt, das soll sie unentweiht und in Ehren dereinst ihren Söhnen übergeben, von diesen sollen es ihre Schwiegertöchter entgegennehmen, ihre Enkel es erben.”

(Tacitus, Die Germania.)


Tacitus war jedoch selbst nicht in Germania, sondern schöpft aus Quellen wie Caesar und Titus Livius. 

Dennoch kann diese Darstellung mit erklären, warum zwar das orientalische Christentum mit Paulus und Thomas die asiatische Vorstellung von dem Weib als “verfehltem Mann” (Thomas von Aquin) transportiert, aber diese nicht umfänglich dem Norden überstülpen kann. Mit Tacitus lassen sich viele okzidentale Erscheinungen gut vereinbaren, seien es die Kaiserinnen wie Theophanu oder die Witwe Loretta von Salm, die den aggressiven Erzbischof von Trier gefangensetzt. (Fischer-Fabian, Die Deutschen im späten Mittelalter, S. 219ff.) Auch das merkwürdige Phänomen des Minnesangs sei erwähnt.  

Mitterauer betont die große Bedeutung der christlichen Konsensehe und die Parallelisierung der Verwandschaftsbedeutung beider Ehepartner, sieht aber auch, daß im Osten “trotz Christianisierung patrilineare Traditionen der vorchristlichen Zeit vielfach weiterhin wirksam” blieben.* Das dürfte auch für die Vergleichsräume China und islamische Länder gelten, sie “erweisen sich im historischen Rückblick  als stark abstammungsorientierte Kulturen - den jeweiligen Wurzeln nach wohl aus sehr unterschiedlichen Gründen. Der Effekt ist aber weitgehend derselbe. Patrilineare Strukturen bedeuten für die Ordnung der Familie starke Bindungen - insbesondere die Notwendigkeit, die männliche Linie fortzusetzen.”*   (Mitterauer, Warum Europa? S. 103)

Montag, 8. März 2021

Byzanz, Kern- und Randeuropa

 “Zwar setzt Byzanz bruchlos die spätantike Tradition der Sklaverei fort, zu einer Ansiedlung als “servi casati” mit selbständiger Bauernwirtschaft kommt es hier aber auf dieser Grundlage nicht.”

Das ist bedeutsam, erstens, weil sich daraus ergibt, daß das Christentum, hier die orthodoxe Kirche, nicht automatisch die Sklaverei abschafft; und zweitens, daß dieser Sklavenstatus des Sklaven ohne eigenes Haus und eigener Versorgung auch den Status stabilisiert. Der Weg in die Lockerung, wie er sich in der fränkischen zweigeteilten Grundherrschaft ergibt, unterbleibt. Pflugdienste werden in der traditionellen byzantinischen Landwirtschaft nicht gebraucht, eine Vergetreidung findet nicht statt.  

Dergestalt bildet sich ein fränkisches bzw. fränkisch beeinflußtes Kerneuropa und ein Randeuropa, das Irland, Wales, Schottland, Osteuropa östlich der Linie Petersburg/Triest, den ganzen Balkan, das ehemalige byzantinische Süditalien sowie das ehemalig maurische Südspanien beinhaltet. “Im Anschluß an abweichende Traditionen der Agrarverfassung hat sich in vielen Regionen ‘Randeuropas’ die politische, wirtschaftliche und soziale Entwicklung anders gestaltet.”

(Mitterauer, Warum Europa? S. 63-66)


Dienstag, 2. März 2021

Schluß mit dem Brei!

“Die Wassermühle als zentrale Einrichtung lokaler ländlicher Regionen verweist auf eine soziale Rahmenbedingung der frühmittelalterlichen Agrarrevolution, nämlich die Villikation, die in Herrenland und Bauernland zweigeteilte Grundherrschaft. Die Verbreitung der Wassermühle im Frankenreich erfolgte primär durch weltliche und geistliche Grundherren - vor allem den König und seine Amtsträger auf den einzelnen Königshöfen sowie den Klöstern in den Mittelpunkten ihrer Grundherrschaften.” (Mitterauer, Warum Europa? S. 23)

Das helle Weizenbrot aus dem Mittelmeerraum genoß bei den gehobenen Herrschaften großes Ansehen, das dunkle Roggenbrot war den Unedlen vorgehalten. Beide Nacktgetreide verlangten aber das Mahlen, dann das Backen. Mühle und Backofen waren teure Investitionen und insofern vorwiegend nur vom Adel finanzierbar. Um die Standorte herum siedelten alle, die ihren Getreidebrei satt hatten, der natürlich sehr einfach zu bereiten war. Im Wort ‘Villikation’ steckt das französische Wort ‘village’, das ins Englische übernommen wurde.