Montag, 22. Juni 2009

Ben Kiernan: Erde und Blut. Völkermord und Vernichtung von der Antike bis heute.



Die 19jährige Neda stirbt offenbar durch einen Scharfschützen inmitten einer Demonstration in Teheran

13-21°C tr

- Weltgeschichte des Massenmords: Tödliche Konstanten, Das politische Buch, Neue Zürcher Zeitung, 13. Juni 2009
Ben Kiernan über den Völkermord in der Weltgeschichte und seine wiederkehrenden Motive
Thomas Speckmann

Genozid und Massenmord sind Begriffe der Moderne. Aber die Tat als solche ist so alt wie die Menschheit. «Am Anfang der Welt war nur Mord und Totschlag», schrieb schon 1559 der portugiesische Jesuit Manuel da Nóbrega. Seine Behauptung stützen heutige Prähistoriker, die vermuten, dass die Vorfahren des neuzeitlichen Menschen in Europa die Neandertaler ausgerottet haben. Archäologische Befunde deuten auf die Möglichkeit hin, dass auch in der Steinzeit lokale Gemeinschaften von rivalisierenden Gruppen regelrecht vernichtet worden sind.
So deponierten «Jäger und Sammler» vor über fünftausend Jahren in einer Region des heutigen Deutschland die Schädel von vierunddreissig Männern, Frauen und Kindern sorgfältig arrangiert in einer Höhle. Archäologen fanden diese Trophäen in Gruppen angeordnet. Die meisten wiesen Spuren von mehrfachen Hieben mit Steinäxten auf. Auch der Ackerbau ab der Jungsteinzeit zivilisierte den Krieg nicht. Im Gegenteil: Überschüsse an Nahrungsmitteln ermöglichten erst eine systematische Kriegführung. Forschungen der letzten Jahrzehnte nähren den Verdacht, dass die gut versorgten Ackerbaugesellschaften noch stärker als die prähistorischen Jäger zum Mittel des Massenmords gegriffen haben.

Ben Kiernan, aus Australien stammender, renommierter Historiker, hat einen grossen Wurf über Völkermord in der Weltgeschichte vorgelegt, der alles hat, was ein Standardwerk braucht. Der Gründungsdirektor des «Genocide Studies»-Programms der Yale University arbeitet systematisch die wiederkehrenden Muster und Motive heraus, die in allen Fällen zu beobachten sind: Rassismus und religiöse Vorurteile, die Verklärung der Vergangenheit, Expansionsbestrebungen und nicht zuletzt eine Idealisierung der Beziehung zum Boden, der einer bestimmten Gruppe exklusiv gehören soll. So sieht selbst zu Beginn des 21. Jahrhunderts ein «postmoderner», kommerziell-terroristischer Akteur wie al-Kaida seine Mission darin, «antike» Kämpfe in einem zeitgenössischen Kontext weiterzuführen: Ein ethnisch reines, agrarisches Utopia soll auf den Gräbern der Opfer der Kriege von ehedem errichtet werden.

Kiernan schildert, wie die frühneuzeitliche Wiederentdeckung der Vernichtung Karthagos durch Rom wiederholt der Anlass zu Vergleichen mit dem Schicksal der eingeborenen Opfer der kolonialen Eroberungen war. In Irland und Mexiko stellten Beobachter sogar die Hypothese auf, die unglücklichen Eingeborenen seien die Nachfahren der aus ihrer Heimat vertriebenen überlebenden Karthager. Und 1692 verfolgte die englische Krone in den schottischen Highlands gegenüber dem MacDonald-Clan eine Politik mit dem Ziel, ihm das Schicksal Karthagos zu bereiten. Auch Adolf Hitler bezeichnete die römische Geschichte als «die beste Lehrmeisterin» und den Untergang Karthagos als «die schreckliche Darstellung einer (. . .) langsamen selbstverschuldeten Hinrichtung eines Volkes».

In der wesentlich früher auftretenden Metapher eines Gartens Eden, ob als unberührte ethnische Domäne, unbewohntes pastorales Idyll oder überlegene Agrarwirtschaft, macht Kiernan eine weitere Konstante im Muster der Motive für Massenmorde aus. Jene Metapher bot sich einer Reihe von Tätern an, von den spanischen Kolonisatoren der Neuen Welt und ihren englischen Zeitgenossen über die Nationalsozialisten bis zu al-Kaida. Der Mythos eines – vermeintlich – unberührten, unbewohnten Landes spielte jeweils eine Schlüsselrolle bei der Vertreibung und Vernichtung seiner bisherigen Bewohner. Dies galt auch für die Fixierung der neuzeitlichen Siedler auf die Kultivierung des Landes und ihre Neigung, es im Ganzen in Besitz zu nehmen, ohne den einheimischen Menschen ein eigenes Territorium zuzugestehen.

Reinheitswahn
Trotz der globalen Urbanisierung im 20. Jahrhundert hielt der «Musterbauer» Einzug ins ideologische Arsenal der Massenmörder: Die Nationalsozialisten benutzten 1943 den Begriff «vorbildliche Bauern», um die deutschen Siedler in den südrussischen Steppen aufzuwerten, und beförderten sogar Deutsche aus Ostafrika als «überlegene» Bauern in einen «Musterbezirk», den sie von Polen annektiert hatten. 1976 siedelten die Roten Khmer, deren Schreckensherrschaft Kiernan bereits in mehreren Studien beschrieben hat, «Musterbauern» aus der Südwestzone Kambodschas in den weniger loyalen, unterbevölkerten Nordwesten um. Vier Jahre später begann Indonesiens Militärregime, «Musterbauern» von Bali in das besetzte Osttimor zu schicken. Und ab 1983 richtete die mörderische Diktatur in Guatemala «Musterdörfer» für ihr genehme überlebende Ackerbauern ein. Für die eigenen Musterbauern gebrauchte schliesslich Rwandas Habyarimana-Regime den Begriff «fortschrittliche Bauern».

Auch der islamistische Terrorismus der Gegenwart basiert nach Kiernans luzider Genozid-Analyse auf jahrhundertealten Gewaltmotiven. Obsessive Vorstellungen von Reinheit und Verschmutzung verstärken seit je den Rassismus, der einem Völkermord Vorschub leistet. Viele Täter bedienen sich biologischer Metaphern, um Massaker zu rechtfertigen. 1641, während der irischen Rebellion, begründete der englische Kommandeur Sir Charles Coote seinen Befehl, nicht nur irische Frauen und Männer, sondern auch Kinder von über neun Zoll Körpergrösse zu töten, mit der Redensart «Töte die Nissen, und du hast keine Läuse». Im 19. Jahrhundert kam diese Parole im australischen Busch und im nordamerikanischen Westen erneut auf, als gängiger Aufruf zum Töten von Aborigines und Indianern. Auch die Nationalsozialisten verglichen ihre jüdischen Opfer mit «Läusen»; und al-Kaida bezeichnet die Schiiten als einen «Krankheitsherd».

Kiernan ermahnt uns, die Diagnose der wiederkehrenden Ursachen und Symptome von Massenverbrechen als notwendige Voraussetzung für Heilung und Prävention zu begreifen. Das Fundament dazu hat er mit seiner aufsehenerregenden Studie gelegt, die den historischen Vergleich ohne Scheuklappen wagt.

Ben Kiernan: Erde und Blut. Völkermord und Vernichtung von der Antike bis heute. Aus dem Englischen von Udo Rennert. Deutsche Verlagsanstalt, München 2009. 911 S., Fr. 84.90.

- Teheran: Das klerikalfaschistische Regime läßt offenbar von versteckten Scharfschützen auf Demonstranten schießen, das scheinen Amateurvideos zu belegen, eines zeigt z.B., wie eine junge Frau auf dem Pflaster stirbt.

- Rechtsreligion Islam: - Islam live: " Säureattentat. Auge um Auge. Ameneh Bahrami wurde Opfer eines Säureattentats, weil sie einen Heiratsantrag abgelehnt hatte. Ihr Gesicht wurde von der Säure zerfressen. Sie ist seitdem blind. Nun will sie dem Mann, der ihr das antat, das Augenlicht nehmen. ... 'Nach der Scharia sind zwei Augen einer Frau nur eins eines Mannes wert.' ... noch 20.000 € dazubezahlen müsse, wenn sie auch das zweite Auge wolle. ... " FAZ 5.3.09

Sonntag, 21. Juni 2009

Sommeranfang? Technik: McCormick




Cyrus McCormick

Kühl oder warm, der Weißklee hat seinen Charme

Sommeranfang kalendarisch: 13° um 12° Sch; wahrscheinlich muß die Masse der mündigen Bürger anfrieren, ehe sie den Physikerblödsinn einer Klimaerwärmung durch CO2 als solchen erkennt.

- Die Technik vor allem und der Wettbewerb haben den europäischen/neueuropäischen-amerikanischen Wohlstand geschaffen, wobei der asketische Calvinismus noch eine gewisse Rolle spielt, wie man an den recht verschiedenen Entwicklungen Nord- und Südamerikas ablesen kann (das wohlhabende Südamerika ließ nur katholische Einwanderung zu, der bitterarme Norden wurde von Protestanten besiedelt : " Cyrus McCormick erhält das Patent für eine Mähmaschine: 21. Juni 1834
Das Mähen von Gras und Getreide war früher eine der anstrengendsten Arbeiten in der Landwirtschaft. Deshalb waren die amerikanischen Farmer begeistert, als der Erfinder Cyrus McCormick ihnen 1831 seinen „Virginia-Reaper“ vorstellte, eine Mähmaschine, die bereits mit Fingern und einem Sägemesser ausgestattet war.Nach weiteren Verbesserungen ließ sich Cyrus McCormick seinen „Virginia-Reaper“ 1834 patentieren.
Für die Bauern bedeutete die von Pferden gezogene Mähmaschine eine gewaltige Arbeitserleichterung. Und der amerikanische Außenminister William H. Seward sagte damals, dass sich wegen der Erfindung des „Virginia-Reepers“ die Linie der Zivilisation pro Jahr dreißig Meilen westwärts bewegt.
Heute haben Mähmaschinen Arbeitsbreiten von bis zu 14 Metern und Arbeitsgeschwindigkeiten von 15 bis 20 Stundenkilometer." Zz McCormick engagierte sich aktiv in der presbyterianische Kirche und gründete das McCormick Theological Seminary in Chicago.
- - Was dagegen hat die Philosophische Fakultät zu Europa beigetragen? In der Zeit McCormicks zum Beispiel den Historismus, die Einsicht in die zeitlich Bedingtheit der Dinge, der Geschichte, der Völker. Fichte zum Beispiel schwafelte vom deutschen Wesen, anderswo war es die Grande Nation und flugs stand man in den Schützengräben. McCormick hatte nur drei Jahre eine Grundschule besucht, daher brachte er es nie zu den Schwafelleistungen eines Fichte und anderer in Europa (in China und Japan, überall gab es Vergleichbares).

- Süddeutsche und WDR, das paßt wie Habermas zu Adorno: wie SZ-Leyendecker "Wirtschaftsinteressen"sagt, so Habermas "Spätkapitalismus". Sie leben ja auch auf die gleiche Weise: der eine steuerfinanziert, der andere nährt sich von Zwangsgebühren, der dritte wird von den beiden anderen getragen: die Süddeutsche ist das Zentralorgan der Frankfurter Oberschwätzer.

- Die Arbeit tun die anderen: "Die Leistungen der Gründergeneration
In dem Leitartikel "Der Hysterikerstreit" von Majid Sattar (F.A.Z. vom 10. Juni) kann man meiner Meinung nach mehreres kritisch in Frage stellen. Ich möchte mich aber darauf beschränken, nachdrücklich zu widersprechen, wenn er schreibt: "Die junge Bundesrepublik hatte gewiss viele Verdienste, die die Studenten seinerzeit nicht sehen wollten. Und die junge Bundesrepublik hatte gewiss viele Versäumnisse, die das damalige Establishment nicht eingestehen wollte."
Damit entsteht der Eindruck, als hätten sich Verdienste und Versäumnisse die Waage gehalten. Das wäre eine grobe Ungerechtigkeit gegenüber den deutschen Patrioten, die von 1949 bis 1968 für den Aufbau und Ausbau unseres freiheitlich-demokratischen Rechtsstaats gearbeitet haben.
Zu ihren Verdiensten gehören so großartige Leistungen wie das deutsche Wirtschaftswunder auf den Trümmern unseres kriegszerstörten Landes, die Integration von acht Millionen Heimatvertriebenen und umfangreiche Maßnahmen zur Wiedergutmachung nationalsozialistischen Unrechts; weitere historische Leistungen waren die Wiederherstellung unseres internationalen Ansehens und insbesondere die gleichberechtigte Mitwirkung bei der Gründung der Europäischen Gemeinschaften. Es würde mich interessieren, welche demgegenüber auch nur annähernd ins Gewicht fallenden Versäumnisse Sattar der "jungen Bundesrepublik" vorwirft.
DR. JOACHIM GRAF SCHIRNDING, BONN, LB 18.6.09

Samstag, 20. Juni 2009

Gespenster im deutschen Wald


Liliencron

15°C um 15h

- Noch immer erwartet:
Schöne Junitage

Mitternacht, die Gärten lauschen,
Flüsterwort und Liebeskuß,
Bis der letzte Klang verklungen,
Weil nun alles schlafen muß -
Flußüberwärts singt eine Nachtigall.

Sonnengrüner Rosengarten,
Sonnenweiße Stromesflut,
Sonnenstiller Morgenfriede,
Der auf Baum und Beeten ruht -
Flußüberwärts singt eine Nachtigall.
(...)
Detlev von Liliencron (1844-1909)

- Kleine Eiszeit in Bamberg: Am 27.2.1784 gab die Seesbrücke den Eismassen auf der Regnitz nach. Friedrich Rübner hielt das Eisunglück im Bild fest. (FAZ 18.6.09)

- Aussichten auf den Naturschutz
Gespenster im deutschen Wald
17. Juni 2009 Zum Thema Naturschutz gibt es, was die Details angeht, viele Meinungen, seine Notwendigkeit dürfte aber niemand abstreiten. Dabei liegt in den Begriffen Natur und Schutz ein unüberwindlicher Antagonismus. In der Natur gibt es keine Konstanten, vielmehr ist der Wandel ihre wesentliche Eigenschaft. Das Nachhaltigkeitsprinzip als Schlagwort der Naturschutzdebatten geht am Kern der Problematik vorbei, meint der Pflanzenökologe und Geobotaniker Hansjörg Küster: Es gebe keine "Normalzustände" des Klimas oder des Waldes, folglich werden Versuche, Stabilitäten herzustellen, zu einem Kampf gegen Windmühlen. Naturschutz leidet nach Ansicht Küsters zum einen an seiner Bezeichnung: Der Begriff Naturschutz führe zu grundlegenden Missverständnissen - als müsse da etwas in ewig unveränderter Form erhalten werden. Der andere große Mangel liege in einer fehlenden gemeinsamen Wissensbasis; man wisse im Grunde zu wenig über die Situation, von der alle reden.
Die Bewahrung liegt dem Menschen indes im Blut. Die erste Bevölkerungsexplosion der Menschheit verdankt sich dem Anbau von Kulturpflanzen und den Anfängen der Agrarlandschaft. Was den Menschen auszeichnet, ist die Überwindung der Wachstumsgrenzen, er schlägt Perioden der Stabilität in den unaufhaltsamen Wandel der Natur. Die Zivilisation wird das Erfolgsmodell, und sie ist, wie Hansjörg Küster so bestechend kurz wie konzise ausführt, eine Geschichte der Landschaft (Hansjörg Küster: "Schöne Aussichten". Kleine Geschichte der Landschaft. Verlag C.H. Beck, München 2009. 127 S., br., 7 Abb., 12,- [Euro]). Die Landschaft beschreibt Küster als ein in Jahrtausenden gewachsenes und weiter wachsendes Geschichtsbuch. In ihr verbinden sich historische, kulturelle und naturwissenschaftliche Perspektiven, kommen auch individuelle und kollektive Erinnerungsbilder ins Spiel.
In der Landschaft zu lesen schult eine Erkenntnisfähigkeit, die Zusammenhänge von einem erhöhten Blick aus gewinnt, der Distanz und Empfindung miteinander verbindet. Mit Petrarcas berühmter Besteigung des Mont Ventoux lässt Küster das Nachdenken über die Landschaft beginnen. Alles, was der Mensch in seiner Umgebung wahrnimmt und in einen Zusammenhang stellt, ist Landschaft. Diese Einsicht spiegelt sich im Kleinen auch in der Konzeption von Gärten wider, wo Terrassen, Torbögen und Hügel für veränderte Aussichten sorgen.
Hier werden Elemente der Natur und Elemente der Kultur in einer Zusammenschau sichtbar. Küsters Landschaftsgeschichte enthält so ganz nebenbei auch eine Wissenschaftskritik. Heute läge der Schwerpunkt zu Unrecht auf naturwissenschaftlichen Methoden. Eine adäquate Betrachtung des Phänomens Landschaft verlangt aber auch nach geisteswissenschaftlich geprägter Analyse, denn es ist maßgeblich von kulturellen Faktoren bestimmt.
Küster nimmt dabei vor allem Metaphern in den Blick, wie die der "guten alten Zeit", die es zu bewahren gilt. Das nostalgische Urbild des wilden deutschen Waldes wird zum Paradebeispiel für eine fehlgeleitete Überlieferung. Die vorgebliche Wildnis des Waldes war mitnichten der Urzustand der Landschaft. Seine Ausbreitung wurde vielmehr erst mit der Industrialisierung und den technischen Mitteln zur Aufforstung möglich. Nun will man den wilden Wald vor eben jener Industrie bewahren, die ihm erst das Wachsen ermöglicht hatte. Der Ökologe führt vor, wie leicht aus solch einer Fehlinterpretation der Zusammenhänge eine ideologische Figur werden kann. Die Erhabenheit der Wildnis wurde den Nationalsozialisten zum schützenswerten Gut, genauso wie die "deutsche Landschaft".
Wenn persönliche und subjektive Landschaftserlebnisse als Naturschutz dargestellt werden, ist dies eine nicht zu unterschätzende Gefahr. Genau das macht ihn nach Küster interessant für totalitäres Denken. Der Naturschutz in seiner heutigen Form als Paradigma der Nachhaltigkeit habe seine Prägung nicht zuletzt im Dritten Reich erhalten. Bereits um 1900 wurde er als Ziel formuliert, bei dem es nicht um die Bewahrung dessen ging, was Natur eigentlich auszeichnet, nämlich Dynamik, sondern um die Schönheit von Landschaft, die sich nicht wandeln sollte.
Der Naturschutz war in seinen Ursprüngen ein rein kulturelles Anliegen, ohne jeglichen wissenschaftlichen Anspruch. Heute ist der einzige Konsens unter Naturschützern die Opposition gegen kommerzielle Ausbeutung. Die Zusammenhänge - zum Beispiel von Industrie und Natur - werden immer noch nicht hinreichend berücksichtigt. Küsters "Kleine Geschichte der Landschaft" ist eine lesenswerte Streitschrift für eine dringend notwendige Reformierung des Ökologieverständnisses, nicht nur für Experten, sondern für jeden, der um sich herum in die Landschaft schaut. GESINE HINDEMITH, FAZ 18.6.09

Freitag, 19. Juni 2009

Fragen der Kernenergie, Iran

- "Akademie aktuell
Öffentliche Veranstaltung "Fragen der Kernenergie"
am Freitag, 19. Juni 2009, 15.00 Uhr
Vor nahezu zehn Jahren vereinbarten die Bundesregierung und die Energieversorgungsunternehmen die „geordnete Beendigung der Nutzung der Kernenergie“. Heute müssen wir ernüchtert feststellen, dass die damals von manchen an den „Atomausstieg“ geknüpfte Hoffnung, möglichst viele andere Länder könnten dem Beispiel Deutschlands folgen und durch ähnliche Ausstiegsbeschlüsse das Risiko durch Kernkraftwerke verringern, sich nicht erfüllt hat. Vielmehr forcieren heute zahlreiche Länder Europas und der Welt den Ausbau ihrer nuklearen Kapazitäten, um ihre Versorgung mit elektrischer Energie dauerhaft zu sichern. Andere, die früher Ausstiegsbeschlüsse gefasst hatten, haben diese bereits wieder rückgängig gemacht oder sind dabei, dies zu tun.

Seit der ersten Konferenz „Atoms for Peace“ in Genf 1955 und der kurz danach erfolgten Gründung der internationalen Atomenergiekommission hat sich die deutsche Kerntechnik als außerordentlich sichere und zuverlässige Energiequelle erwiesen und somit zur Entspannung der Energie- und Umweltproblematik beigetragen. Nur durch weitere technische Entwicklung sicherer Kernreaktoren und neuer Entsorgungskonzepte für radioaktive Abfälle kann mittel- und langfristig die Sicherheit dieser Technik und damit ihre Akzeptanz in der Bevölkerung gewährleistet werden.

In dieser Veranstaltung sollen die wirtschaftlichen und technischen Aspekte einer zukunftsorientierten Kerntechnik beleuchtet werden. Die Akademie hofft, damit zur Versachlichung der Diskussion über die Kernenergie beitragen zu können.

Vorträge:

"Ist die Energieversorgung ohne Kernenergie sinnvoll?"
Professor Dr. Carl Christian von Weizsäcker, Bonn

"Neue Entwicklungen auf dem Gebiet der Reaktorsicherheit"
Professor Dr. Kurt Kugeler, Aachen/Jülich
Professor Dr. Hans J. Allelein, Aachen/Jülich

"Moderne Methoden zur Behandlung der radioaktiven Abfälle"
Professor Dr. Reinhard Odoj, Aachen/Jülich

Zusammenfassung
Professor Dr. Karl Friedrich Knoche, Aachen

- " Wer in Iran das Sagen hat
Vom Obersten Geistlichen Führer bis zur Theologenschule in Qom / Von Wolfgang Günter Lerch
15. Juni 2009 -Oberster geistlicher Führer: Die höchste Autorität im System der Islamischen Republik Iran ist der Oberste Geistliche Führer oder Revolutionsführer (rahbar-e enghelab). Gegenwärtig ist dies Ajatollah Ali Chamenei, der demnächst 70 Jahre alt wird. Sein Amt repräsentiert das wichtigste Prinzip des von Ajatollah Chomeini geschaffenen "Gottesstaates": die Herrschaft des obersten Religionsgelehrten (welajat-e faghih). Dies von Chomeini im irakischen Exil ausgearbeitete Prinzip ist, wie das gesamte Staatsmodell einer "islamischen Republik", einmalig in der Geschichte des seit mehr als fünfhundert Jahren schiitischen Iran. Der Oberste Geistliche Führer bestimmt die "Richtlinien der Politik" und ist Oberbefehlshaber sowohl der Armee als auch der Revolutionsgardisten (Pasdaran).

-Staatspräsident: Das Staatsoberhaupt Irans wird vom Volk für eine Periode von vier Jahren gewählt. Seine Macht ist dadurch gestärkt worden, dass man im Jahre 1989, nach dem Tod Ajatollah Chomeinis, das Amt des Ministerpräsidenten (nachost-e wazir - Premierminister) abschaffte und dessen Kompetenzen dem Staatspräsidenten zuschlug. Als Kandidat kann nur antreten, wen der Expertenrat für würdig befindet. Dieses Mal standen vier Kandidaten von ursprünglich mehr als vierhundert Bewerbern zur Wahl. Die vom Präsidenten vorgeschlagenen Minister müssen vom Parlament bestätigt werden.

-Expertenrat: Diese Organisation umfasst 86 Mitglieder aus dem schiitischen "Klerus" und wird alle acht Jahre vom Volk gewählt. Zur Wahl stehen freilich nur Kandidaten, die zuvor der fast noch einflussreichere Wächterrat zur Wahl gewissermaßen "freigegeben" hat. Der Expertenrat wählt den Obersten Geistlichen Führer oder Revolutionsführer, und zwar auf Lebenszeit. Gegenwärtiger Vorsitzender des Expertenrats ist Hodschatoleslam Ali Akbar Haschemi-Rafsandschani, der frühere Staatspräsident Irans, der vielen als pragmatisch eingestellter Politiker gilt. Rafsandschani gehört zudem einer der reichsten Händlerfamilien des Landes an und ist, wie andere Mullahs auch, eng mit diesen einflussreichen Basaris verbunden.

-Wächterrat: Der Wächterrat besteht aus sechs weltlichen Juristen und aus sechs Sakraljuristen (fuqaha), Kennern des islamischen Rechts, besonders der Dschaafari-Rechtsschule, die für die Zwölferschiiten verbindlich ist. Sie gilt als fünfte orthodoxe Rechtsschule des Islams. Seine Mitglieder werden vom Obersten Geistlichen Führer ernannt. Der Wächterrat überprüft die vom Parlament beschlossenen Gesetze oder eingebrachten Gesetzesvorlagen auf ihre Vereinbarkeit mit der Verfassung, also mit dem islamischen Recht. Da der Wächterrat auch die zur Parlamentswahl zugelassenen Kandidaten "siebt", ist er eine der mächtigsten Institutionen der Islamischen Republik.

-Parlament: Das Parlament (Madschles) umfasst insgesamt 290 Abgeordnete und wird vom Volk gewählt. Der Wächterrat trifft jedoch eine ihm genehme Vorauswahl unter den bisweilen mehr als 3000 Kandidaten. Die Legislaturperiode dauert vier Jahre. Die dort vertretenen "Parteien" sind eigentlich mehr "Richtungen" oder "Strömungen" politisch-religiöser Observanz innerhalb des Establishments. Ein Schlichtungsrat kann tätig werden, wenn es zu Diskussionen zwischen dem Parlament und dem Wächterrat kommt. Die ethnischen Minderheiten und die Frauen werden im Parlament durch einen Proporz berücksichtigt. Sprecher des Parlaments ist Ali Laridschani, der früher als Nationaler Sicherheitsberater mit dem Westen im Atomstreit verhandelte, bevor Präsident Ahmadineschad seinen Gefolgsmann Dschalili damit betraute.

-Pasdaran: Die Revolutionsgarden (sepah-e pasdaran) sind - im Unterschied zur regulären Armee - ein originäres Geschöpf der Islamischen Republik. Sie können als besonders regimetreu angesehen werden. Ihre Feuertaufe erhielten sie zwischen 1980 und 1988, also während des acht Jahre währenden, verlustreichen Krieges mit dem Irak, in dem sie die Elitetruppe stellten und teilweise einen hohen Blutzoll entrichteten. Viele Jahre lang war Mohsen Rezai Befehlshaber der Pasdaran; jetzt gehörte er zu den vier Präsidentenkandidaten, die sich zur Wahl stellten. Gegenwärtig wird diese "Prätorianergarde", auf deren Loyalität sich die Führung auch im Falle innerer Unruhen voll verlassen kann, von Mohammd Ali Dschafari geführt.

-Basidsch: Die Basidschi sind ein Produkt des Krieges mit dem Irak. Sie bildeten damals eine Art leichtbewaffneten Volkssturms, der als "Armee der Freiwilligen" an den Kämpfen teilnahm. Er umfasste fast alle Schichten der männlichen Bevölkerung, von Kindern und Jugendlichen bis zu Greisen, die während iranischer Offensiven - zum Beispiel im Südirak im Gebiet von al Fao - in die Minenfelder geschickt wurden, bevor reguläre Einheiten nachstießen. Insbesondere die fromme Provinzbevölkerung stellte einen hohen Anteil an dieser Truppe. Auch heute kann das Regime auf diese "Freiwilligen" zurückgreifen, wenn es nötig ist.

-Die Armee: Die Armee Irans hat mit der vorrevolutionären Armee des Schahs, die von Amerika ausgerüstet und durch amerikanische Berater geführt worden war, nach mehr als dreißig Jahren nichts mehr zu tun. Doch obwohl sie sich im Kampf mit dem Irak gut geschlagen hat, genießt sie innerhalb der Führung noch immer weniger Vertrauen als die Pasdaran. Im Falle innerer und äußerer Bedrohung kann ein Nationaler Sicherheitsrat zusammengerufen werden, der aus den Spitzen der Armee, der Pasdaran, der Justiz, des Parlaments und Vertretern des Obersten geistlichen Führers besteht.

-Theologenschule von Qom: Die wichtigsten theologischen Bildungsstätten der Schiiten liegen eigentlich im Irak, in Nadschaf und Kerbela. Doch mit Chomeinis Revolution hat die südlich von Teheran gelegene Stadt Qom (auch Ghom geschrieben) enorm an Bedeutung gewonnen. Neben dem ostiranischen Maschhad, wo der achte schiitische Imam Reza (Ali al Rida) begraben liegt, ist Qom die wichtigste Pilgerstätte auf iranischem Boden. Im Schatten der Grabmoschee von Fateme-je masumeh ("Fatima der Sündenreinen"), der Schwester des Imam Reza, hat sich die Theologenschule von Qom in den zurückliegenden Jahrzehnten zu einer der wichtigsten Ausbildungsstätten für schiitische Religionsgelehrte entwickelt - geradezu in Konkurrenz mit Nadschaf. An beiden Stätten hat Chomeini studiert und gelehrt." FAZ 16.6.09

Donnerstag, 18. Juni 2009

Unguter Name: Habermas



14-20°C, es darf noch etwas wärmer werden

- "Zur Abwehr der Systemkrise lenken spätkapitalistische Gesellschaften alle sozialintegrativen Kräfte auf den Ort des strukturell wahrscheinlichsten Konfliktes, um ihn desto wirksamer latent zu halten; zugleich befriedigen sie damit politische Forderungen der reformistischen Arbeiterparteien." J. Habermas, Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus, 1973, S. 57

- Der Name klingt ungut in meinen Ohren, er wird dem Hörer und Leser heute pausenlos aufgedrängt, da will ich ihn doch erwähnen, der Klarheit halber: Habermas hat mir ein Leid's getan, er gehörte zu den Verführern meiner Jugend, ich habe sein Geifern gegen die Notstandsgesetze, seine alberne Agitation gegen das, was er in seiner ideologischen Verblendung für "Spätkapitalismus" hielt, dieses ganze Gesumse bis hin zum "Verfassungspatriotismus" habe ich als dummer junger Arbeiter, dann als Student mit kleinen Studentenkenntnissen, das habe ich ernst genommen und dann auch noch sein queres Kauderwelsch bewundert. Ich habe es überwunden, man muß nicht so kleingeistig bleiben, wie es der junge Kopf kaum anders sein kann. Oh Luhmann, warum habe ich dich nicht früher ernsthaft studiert.