Mittwoch, 19. Mai 2010

Zivilcourage: Joachim Starbatty; Schicksalsgemeinschaft? Smart: 100 km an einem Stück





Joachim Starbatty (Foto: Christoph Wagener / Wiki.)




- Gratulation: Joachim Starbatty 70 Jahre
Joachim Starbatty und drei weitere Professoren haben am Freitag in Karlsruhe ihre Verfassungsklage gegen die Griechenlandsubvention eingereicht. Wir sind gespannt.
" Alle Bedenken, die wir damals geäußert haben, sind voll bestätigt worden: Wenn man ungleiche Wirtschaften in einer Währung zusammenpreßt, muß es irgendwann platzen", so Starbatty. Er war Assistent Müller-Armacks, der wiederum als Staatssekretär Erhard zuarbeitete. Müller-Armack gilt als Namensgeber für die "Soziale Marktwirtschaft"; er und Erhard verstanden darunter keine Sozialarbeiterwirtschaft, sondern die Wettbewerbswirtschaft, die so produktiv sei, wenn man sie nicht behindere, daß sie "Wohlstand für alle" (so Erhards Buchtitel) schaffe, darin liege das soziale Element.

- Schicksalsgemeinschaft? Merkel: „Die Währungsunion ist eine Schicksalsgemeinschaft. Es geht um nicht mehr und nicht weniger als um die Bewahrung der europäischen Idee“. Das sind klirrende Albernheiten. Die Währungsunion ist eine Vertragsgemeinschaft, keine Ehe. Und selbst Ehegemeinschaften werden zu 30% wieder aufgelöst. Europa ist größer als die Währungsunion, schon deswegen geht es nicht um die Bewahrung der europäischen Idee. Die besteht darin, in Europa keine Kriege mehr zu führen und die Grenzen durchlässig zu machen für den freien Austausch und die freie Bewegung der Bürger. Merkel meint offenbar die Zentralisierung nach Brüsseler Art. Sie hat eben nur die Macht im Kopf.

- Heute spricht die SPD (-2,6%) in Düsseldorf mit den Linksextremisten: Wenn jemand in die Jauchegrube steigt, dann beschmutzt er sich. Das gilt auch für politische Jauchegruben, für Mauermördernachfolgeparteien und DKP-Reste-Sammelstellen. Der SPD-Vorsitzende Schumacher hat seinerzeit Gespräche mit den "rotlackierten Nazis", wie er sie nannte, abgelehnt.

- Aktionismus: Sofortiges Verbot von Leerverkäufen von Finanzwerten und Staatsanleihen von Euro-Ländern durch die Bundesregierung; BaFin (Bundesagentur für Finanzaufsicht) verbietet ungedeckte Leerverkäufe.
Das kann man machen, aber das richtet wenig aus, es suggeriert Handeln, hat aber fast nur symbolische Bedeutung. Das ist Bafin-Chef Sanios Feld; er schläft lange und macht dann großes Theater, um sein Aufsichtsversagen zu verbergen, dann klingt es wie Donnerhall: „Angriffskrieg der Spekulanten auf den Euro“. Zu dieser Zeit bewegte sich das Volumen der Geschäfte gleichbleibend um die 8 Mrd. (s. "Kaum Belege für Sanios Thesen", "Der Mann mit dem Django-Image", FAZ 7.5.10).

- Sehr Smart, tolles Ding: fährt maximal 100 km, lädt dann 8 Stunden mit 20kWh Ladeverlusten (E-Smart) und kostet zwischen 18.000 und 50.000 Euro (Fiat 500). "Ja, was kosten sie denn?" FAZ 18.5.10

Dienstag, 18. Mai 2010

Monjou, Japans schneller Brüter, läuft wieder; Ursuppe, Leben und Gleichgewicht





- Monjou (s. Bild), Japans schneller Brüter, läuft wieder (schnelle Brüter erzeugen mehr spaltbares Material, als sie selbst verbrauchen). 14 neue Reaktoren sollen gebaut werden, um Japans Energieabhängigkeit vom Ausland zu mindern. Außerdem will Japan Kerntechnik exportieren.
(Vgl. japanmarkt.de/index.php/tag/schneller-bruter/)

- Rußland baut das erste Kernkraftwerk der Türkei - 4 Reaktoren mit 4800 Megawatt bis 2017. (NZZ 15.5.)

- Eu-Komm.präsi. Barroso aus aus dem schuldenseligen Portugal verlangt eine EU-Wirtschaftsregierung - er meint damit, daß die Netto-Zahler zukünftig gezwungen werden können, mehr an die Netto-Bezieher wie Portugal zu überweisen.

- Subventionen verzerren den Wettbewerb, alle gehören um den gleichen Prozentsatz gekürzt. Subventionen für unzuverlässige Energieerzeugung, für die parallel Kraftwerke im Bereitschaftslauf vorgehalten werden müssen, gehören vollständig eingestellt. Sämtliche Behörden können unter Sparvorbehalt gestellt werden, mit Ausnahme der staatlichen Kernaufgabe innere Sicherheit, Prestigebauten wie ein zusätzliches neues Museum in Essen oder eine zusätzliche neue Hyper-Philharmonie in Hamburg sollten völlig gestrichen werden, etc. pp.
So lange Politiker noch einen Euro Steuergeld in der Tasche haben, verplempern sie ihn gern für Prestigeprojekte, vgl. auch das Traumtanzforschungszentrum caesar in Bonn. Da hilft nur strengste Steuerdiät.

- Schöne Nachricht: GM schreibt wieder einen Quartalsgewinn von knapp 900 Mio. USD

- Abermals ein Giftgasanschlag auf eine Mädchenschule bei Kundus im Norden Afghanistans. Einige Mädchen in kritischem Zustand. Anfang Mai wurden in Kabul 7 Schülerinnen, 1 Lehrer und der Hausmeister mit Gas vergiftet. (FAZ 12.5.10)

- " Evolution
Ein Wechselbad in der Ursuppe
Wie hatten sich die ersten Moleküle in der Ursuppe gefunden? Vielleicht lag es am „Badewasser“. Münchner Biophysiker haben im Labor gezeigt, dass man mit einem Temperaturgefälle Moleküle aufkonzentrieren kann. ... '"Egal wo der Ursprung lag, wichtig ist, dass Nichtgleichgewichtsbedingungen bestanden." ' FAZ 12.5.10
/// Nur im Tode ist alles im Gleichgewicht und alles gerecht.

Montag, 17. Mai 2010

Familie in Rußland und Deutschland, Einsparpotential an Lebenszeit und Mitteln: Bildung





Sieht aus wie 20°C - es sind aber nur 5-14°C .
Komm, lieber Mai, komm doch noch!







- Familie in Rußland und Deutschland, russische Klavierlehrerin emigrierte nach Deutschland:

" Vermisst hat sie dabei die ohnehin geringe Freizeit, die ihr meistens nur abends für eine Stunde blieb, an die sie sich mit der Zeit aber gewöhnte. "Viele Kinder sehen ihre Eltern nur abends nach der Schule, gegen 19 Uhr. Die Kinder in Russland wurden eigentlich nur für Aufgaben des Staates und für die Schule erzogen", sagt sie. Die Lehrer kümmerten sich meistens mehr um die Kinder als die Eltern selbst. Im Alter von einem Jahr besuchen die meisten Kinder sogar schon den Kindergarten. In Deutschland hat Olga Maier eine viel intensivere Beziehung zwischen Eltern und Kindern erlebt als in Russland. "Die Kinder gehören hier in Deutschland ihren Eltern und nicht nur der Schule." In Russland legte auch Olga Maier mehr Wert auf ihre Arbeit als auf ihre Familie. "Mein Beruf stand in Russland im Vordergrund. Doch als ich nach Deutschland gekommen bin, habe ich erst erkannt, dass die Familie immer an erster Stelle im Leben stehen sollte."

Lina-Maria Wichmann Albertus-Magnus-Gymnasium, Friesoythe / FAZ 12.5.10


- Großes Einsparpotential an Lebenszeit und Mitteln: Die Bildung, ja, aber was ist sie? Aus schulischer Erfahrung als Schüler und Lehrer weiß ich, daß die "Bildung" eine nebelhafte Vorstellung ist aus klassischer Freiherr-von-Humboldt-Zeit (Modell Adels-Erbe, der sich die Zeit vertreiben muß.). Die "Bildungsanstalt" Schule macht, mit Lichtenberg zu sprechen, die Klugen klüger (aber nicht in allen Fächern), die Einfältigen fauler (in fast allen Fächern), und die meisten bleiben völlig unverändert.

-: Wenn der Tag mit der bedeutenden Mitteilung beginnt, daß ein BLACK-SABBATH-Musikant in L.A. gestorben sei, derjenige, der ... etc. pp., dann hört man offenbar die WDR5-Nachrichten, ein Sender, der sich mit "die Vordenker" etikettiert und gerne über "Bildung" schwafelt.

- Die Mittagsnachrichten beginnen mit der längeren Meldung, daß ein deutscher Fußballspieler verletzt sei und nicht zur WM fahren könne - kein Zweifel, bei D handelt es sich um eine Kulturnation.

- Einsparpotential UN: Gaddafis Brutaldiktatur Libyen wurde auf Vorschlag der Afrika-Gruppe in den UN-Menschenrechtsrat gewählt.

- Die freie Gesellschaft und ihre kunstidiotischen Zumutungen: der Serienfrauenmörder Unterweger als Protagonist in der Pariser Garnier-Oper.

- Klasse Kunst oder eher würmlich?: Erwin Wurms "House Attack" (flickr.com/)

- Der Mann ist Kunsthistoriker, Kunstgeschichtsdirektor und Professor, sollte über "Hans Schwippert und die Architektur des Wiederaufbaus", redete aber nur so herum, ungeordnet, inhaltsarm, zu lange, zu geistlos, der Herr Tegethoff, wie kommen solche Leute mit Proseminarreife an ihre Stellen? Am gleichen Ort vor einem Jahr der Medien-Kunst-Mann Siegfried Zielinski ähnlich banal. Wenigstens spielte Tabea Zimmermann.

Sonntag, 16. Mai 2010

Du mußt dein Leben ändern.











Im Unterschied zu den neuen Griechen haben die Alten Griechen Beachtliches auf die Beine gestellt - so wandelbar und vergänglich ist Kultur. Die Alten Griechen hatten sie, die modernen Griechen haben die Museen.
Übrigens gefällt mir der Knabe (ca. 480 vS) rechts besser, Herr Rilke! Da fehlt nichts Wesentliches.




Archaischer Torso Apollos

Wir kannten nicht sein unerhörtes Haupt,
darin die Augenäpfel reiften. Aber
sein Torso glüht noch wie ein Kandelaber,
in dem sein Schauen, nur zurückgeschraubt,

sich hält und glänzt. Sonst könnte nicht der Bug
der Brust dich blenden, und im leisen Drehen
der Lenden könnte nicht ein Lächeln gehen
zu jener Mitte, die die Zeugung trug.

Sonst stünde dieser Stein entstellt und kurz
unter der Schultern durchsichtigem Sturz
und flimmerte nicht so wie Raubtierfelle;

und bräche nicht aus allen seinen Rändern
aus wie ein Stern: denn da ist keine Stelle,
die dich nicht sieht. Du mußt dein Leben ändern.

Rainer Maria Rilke, Frühsommer 1908, Paris


Na, ja. Er hat sein Leben nicht geändert. Er blieb doch lieber bei seinen grazilen, gar nicht archaischen Schloßfreundinnen und schrieb gar keine kolossale, sondern ziselierte Lyrik. Er hat's nur so gesagt, dem Leser, wir sagen den anderen immer gerne, daß sie sich ändern müssen. Und man versteht durchaus den schmächtigen Rilke gebannt vom großen "Bug der Brust" (er schrieb auch gerne Kunstgewerbe).
Aber sonst, müssen wir uns heute am "Museumstag" fragen, dem Tag der "Stätten kultureller Bildung", wie es aus einschlägigem Funktionärsmunde posaunt, was ist und bringt uns die Kultur? Viele "Kultur"-Definitionen gibt es, sehr viele, sie reichen von der Kunst-Religion bis zur "Fußballkultur". Man kann es kurz fassen: Es handelt sich um Unterhaltung unterschiedlicher Art für ein unterschiedliches Publikum. Rilke ging gern ins Museum, sah dort lächelnd dem großen Torso zwischen die Beine, wo Winckelmann, der auch gerne dort hinschaute, "Edle Einfalt und stille Größe" wahrnahm.
Es liegt eben im Auge des Betrachters, so wie dem "Reinen alles rein" ist. Lassen wir es dabei. Schauen wir uns die Dinge einfach an, in den vielen, schon zu vielen Museen, amüsieren wir uns kultiviert, am besten mit dem Thukydides in der Hand, dann wäre sogar etwas zu lernen, wo Rilke und Winckelmann nur phantasierten. Welches Buch für das "Museum am Abteiberg" geeignet wäre? Vielleicht Andersen, "Des Kaisers neue Kleider"?

Samstag, 15. Mai 2010

Multikulti in Israel









13.12.2009 Juedische Allgemeine:

SCHARIA Wie eine Deutsche in Israel durch das islamische Religionsgesetz ihre Kinder verlor

An der Hauptstraße steht ein hoher Pfosten mit Wegweisern. Die Farbe ist abgeblättert, die Schrift von der prallen Sonne
verblasst. Doch die Namen sind noch gutzu lesen: Nach Moskau geht’s rechts herum, geradeaus nach Kopenhagen und
links nach New York. Berit Kessler würde jede Route nehmen. Egal wohin, Hauptsache weg von hier. Ihre Realität aber ist Kiriat Gat, eine schmucklose Kleinstadt im südlichen Israel. Hier sitzt sie fest. Vor 13 Jahren verliebte sich die Deutsche
in einen Beduinen aus der Negevwüste, heiratete, bekam Kinder mit ihm. Was anmutet wie ein romantisches Abenteuer
mit einem Hauch Wagemut, endete nicht
nur im persönlichen Desaster für sie und
ihre Söhne, sondern auch vor dem Kadi.
Weil Berit zum Islam übergetreten ist, gilt
für sie die Scharia, das Religionsgesetz der
Muslime – mitten im jüdischen Staat. Auf israelischem Boden werden
keine Steinigungen durchgeführt,
auch wird niemand ausgepeitscht. Dennoch
gelten in bestimmten Bereichen ausschließlich
die Gesetze des Islam. Es gibt
keine Trennung von Staat und Religion, in
vielen Familienangelegenheiten, vor allem
bei Heirat und Scheidung, liegt die Zuständigkeit
allein bei den geistigen Oberhäuptern.
Das betrifft alle Bewohner Israels,
auch Muslime, Drusen und Christen. Jede
dieser Gruppen hat ihre Gerichtsbarkeit.
Für Juden gilt die Halacha, für Muslime die
Scharia, die in eigens dafür geschaffenen
Gerichten verhandelt wird. Sie ist in Israel
nicht nur offiziell anerkannt in allem, was
muslimische Familienbelange betrifft – die
Richter, genannt Kadis, werden zudem von
einem Knessetkomitee bestimmt und vom
Staat bezahlt.
Das System hat seinen Ursprung 1917
während der osmanischen Zeit und ist von
den Briten während des Mandats übernommen
worden. Allen anerkannten religiösen
Gruppen wurde damals erlaubt, bei
Angelegenheiten wie Heirat, Scheidung,
Erbe und Adoption vor ihre eigenen Gerichte
zu ziehen. Viele meinen, es sei liberal,
jeder religiösen Gruppe ihre Jurisdiktion
zuzusprechen, sagt Hamutal Gat, Anwältin
und Expertin für das Scharia-Recht,
»doch eigentlich ging es nur darum, dass
sich niemand mit den komplexen Details
der Religionen beschäftigen wollte. Also
wurde gesagt: Macht ihr das mal unter
euch aus.« Nach der Staatsgründung 1948
bestand das Recht weiter. Per Gesetz haben
die Scharia-Gerichte denselben Status wie
die rabbinischen. Für Christen existieren
private kirchliche Gerichte, deren Entscheidungen
de facto anerkannt werden.
ANGST Die 32-jährige Berit ist eine hübsche
Frau mit wachen Augen und einem
zarten Lächeln. Wenn sie es denn zeigt.
Geboren wurde sie in Jena, der Vater ist tot,
die Beziehung zur Mutter schwierig. ...
Mittlerweile sind die beiden größeren
Söhne acht und sechs Jahre alt – und nicht
mehr bei ihr. Ein Scharia-Gericht sprach
dem Vater das Sorgerecht zu, ohne dass sie
selbst als Mutter dazu gehört worden wäre,
erzählt Berit. Nur der Vierjährige lebt noch
bei ihr. Doch auch für ihn hat der Vater das
Sorgerecht. »Er könnte ihn jederzeit abholen
«, sagt die junge Mutter, »vielleicht hat
er kein Interesse an ihm, weil er kein Arabisch
spricht oder weil er noch recht jung
ist.« Die Angst, dass auch das kleinste Kind
auf einmal fort sein könnte, ist ständig da.
Dass es wieder so wird wie damals, im Mai
2008. Als sie ihre anderen Kinder verlor,
die der Vater auf dem Nachhauseweg vom
Spielplatz entführte.
Ihren Anfang nahm Berits Israel-Geschichte
1996 im Kibbuz Ein Gedi am Toten
Meer. Hier traf sie einen beduinischen
Mann, der in der Tourismusbranche arbeitete
und »sich überhaupt nicht von den
modernen Juden unterschied. Er war kosmopolitisch,
hatte in London gelebt und
machte sich über Polygamie in seiner Gesellschaft
lustig.« Die beiden verliebten
sich. Nach einem Jahr flog sie nach
Deutschland zurück, begann ein Studium
in Trier. Vier Jahre Fernbeziehung folgten,
bis Berit 2000 in Deutschland bemerkte,
dass sie schwanger war. »Zuerst wollte er
das Kind nicht, aber letztlich akzeptierte er
es.« Ein Jahr später reiste Berit mit ihrem
neugeborenen Sohn nach Israel. Um von
der Sippe akzeptiert zu werden, heiratete
die damals 24-Jährige den Beduinen in der
Wüste und trat vorher zum Islam über.
»Ich habe die Religion aber nie gelebt, was
mit meinem Ex so ausgemacht war«, sagt
sie, »es war rein der Form halber.«
Was so schön werden sollte, wurde zur
Hölle. Die Wohnung in der Wüstenstadt
Mizpe Ramon war mehr Loch denn Heim,
der Ehemann entweder abwesend oder gewalttätig.
Als Berit, mittlerweile zum zweiten
Mal schwanger, herausfand, dass er
noch mit einer anderen Frau verheiratet
war, verlangte sie die Scheidung. Dann
aber kippte die Stimmung im Hause gänzlich.
Nachdem der Sohn geboren war, wurden
die Übergriffe immer schlimmer.
Schließlich habe ihr Mann gedroht, sie
umzubringen. Berit flüchtete mit den Kindern
ins Frauenhaus. Daraufhin lenkte er
ein, wollte ihr die Wohnung überlassen
und die Kinder nur ab und zu sehen.
Nach sechs Wochen Frauenhaus sagte
sie zu. Doch kaum kehrte die junge Frau
zurück, war auch die Gewalt wieder da.
»Die ganze Sippe hat mich rund um die
Uhr überwacht, mein Ex-Mann schlug und
vergewaltigte mich mehrfach. So wurde
ich schwanger mit meinem dritten Sohn.«
Mehrfach zeigte Berit ihren Mann an.
Doch die Polizisten hätten nach Beweisen
gefragt, ob sie die Vergewaltigungen auf
Video aufgenommen habe.
Polygamie ist in Israel illegal, dennoch
ist sie bei den Beduinen in der Negevwüste
weit verbreitet. Offizielle Zahlen liegen
nicht vor, da viele Heiraten lediglich vor
zwei Zeugen im Zelt abgehalten werden
und nicht in den zivilen Registern vermerkt
sind. Experten gehen davon aus,
dass ein Viertel bis die Hälfte aller Männer
der 180.000 israelischen Beduinen mehrere
Frauen haben.
»Ein komplizierter Fall«, erklärt Berits
neue Rechtsanwältin Irit Gazith von der
Organisation WIZO, die sich unentgeltlich
um die rechtlichen Belange der Deutschen
kümmert. Zum einen wisse man nicht
genau, ob Berit überhaupt verheiratet sei,
weil sie im israelischen Innenministerium
nicht als solche registriert ist, zum anderen
seien Sprachprobleme oft ein Hindernis.
Berit spricht kein Arabisch, kaum Hebräisch,
und auch ihr Englisch reicht für die
oft schwierigen Verfahren nicht aus. Hinzu
komme, dass sich der Vater nicht an die
Gerichtsentscheide halte und die beiden
Kinder von ihrer Mutter mittlerweile völlig
entfremdet seien.
Der Kadi hat festgelegt, dass Berit ihre
Söhne zweimal wöchentlich in einem
Wohlfahrtszentrum zusammen mit Sozialarbeitern
sehen darf. In der Vergangenheit
verliefen diese Treffen allerdings katastrophal.
Die Jungs schlugen und bespuckten
ihre Mutter, wie Filmaufnahmen zeigen.
Mittlerweile bringt der Vater die Kinder
nicht mehr. Drei Monate hat Berit ihre Söhne
nicht gesehen. Wo sie leben, weiß sie
nicht. Vielleicht in einem Zelt der Sippe irgendwo
in der Wüste. Der zuständige Sozialarbeiter,
vom Kadi bestimmt, schweigt.
Gespräche mit der Presse lehnt er ab.
Wenn Berit über die Treffen mit ihren
Kindern erzählt, wird die Stimme kämpferisch:
»Mein Ex-Mann hetzt sie gegen mich
auf, erzählt ihnen, alle helläugigen Menschen
seien böse Geister. Er unterzieht sie
einer regelrechten Gehirnwäsche.« Sie ist
sicher, dass ihre Söhne unter Eltern-Kind-
Entfremdung leiden. Mittlerweile sind einige
Sozialarbeiter davon überzeugt, dass der
Vater die Kinder manipuliert.
Berit erhebt zudem Vorwürfe der körperlichen
und seelischen Misshandlung der
Kinder durch ihren Mann sowie dessen andere
Frau. Außerdem glaubt sie, dass ein
Onkel zumindest einen Jungen sexuell
missbraucht. Alles hat sie zur Anzeige bei
der Polizei gebracht – sämtliche Akten wurden
geschlossen, oder es wurden erst gar
keine eröffnet. Nicht ein einziges Mal sei
ihr geholfen worden. Die Anwältin: »Entweder
gab es Sprachprobleme oder Berits
Mann hat dort gehörigen Einfluss.«
Berit selbst ist von Letzterem überzeugt.
»Die Angst vor den Beduinen ist groß«,
sagt sie. Auch an die Erfahrungen vor dem
Kadi erinnert sie sich mit Schrecken: »Ich
wurde vor Gericht nur runtergemacht. Als
Frau hatte ich keine Chance, noch dazu als
Ausländerin. Zudem bin ich meist gar
nicht informiert worden, wenn verhandelt
wurde, sogar von meinem Scheidungstermin
habe ich nichts erfahren. Obwohl sich
mein Ex an keine Abmachung hält und keinen
Unterhalt zahlt, wird alles gegen mich
ausgelegt.« Mithilfe der deutschen Botschaft
in Tel Aviv bekommt sie Sozialhilfe
aus Deutschland. Um sich etwas hinzuzuverdienen,
näht sie Babytragen, die sie in
Israel und im Internet verkauft. Dennoch
reicht das Geld kaum zum Leben.
RECHTSPRECHUNG Gibt es überhaupt
Hoffnung, dass Berit ihre beiden Kinder je
wiederbekommt? »Ja, die habe ich, sonst
hätte ich mich der Sache nicht angenommen
«, sagt Gazith. »Wir versuchen jetzt
alles, um den Fall vom Scharia-Gericht vor
ein ziviles Gericht zu verlegen.« Das aber
ist schwierig, sagt Expertin Gat: »Im israelischen
Recht gilt, dass vor dem Gericht
verhandelt wird, an dem eine der beiden
Parteien zuerst einen Antrag stellt.« Da
Berits Mann vor das Scharia-Gericht zog,
als sie im Frauenhaus war und dort keinen
Anwalt kontaktieren konnte, ist der Kadi
zuständig. »Diese Art von Rechtswesen
birgt enorme Probleme«, sagt Gat. »In den
meisten westlichen Staaten gibt es eine
zivile Rechtsprechung, in vielen muslimischen
Ländern eine rein religiöse. Ob es einem gefällt oder nicht: Man weiß, woran man ist. Hier in Israel aber existieren zwei Systeme nebeneinander, die sich mit demselben Problem beschäftigen können.«
...
Die Scharia-Richter werden vom israelischen Staat bezahlt.

von Sabine Brandes (http://kindesmissbrauch-il.blogspot.com/)