Donnerstag, 22. Juli 2010

Das Auge, das Sehhirn und der Augenzeuge





Schnitt durch das Gehirn, etwa in der Mitte, Sicht von unten, vereinfachte Darstellung: Das rechte Auge liefert überwiegend nach links hinten und umgekehrt


Die Lichtstrahlen treffen auf die Netzhaut, werden dort in elektrische Impulse umgewandelt und über den Sehnerv auf der Sehbahn weitergeleitet in den Hinterkopf; erst dort, nach dem Weg durch den ganzen Kopf, werden die Rohdaten interpretiert und mit Bedeutung versehen. Die Bedeutungsmuster liegen bereit und werden den eintreffenden Rohdaten zugeordnet - oft teilweise oder gar ganz falsch - daher weichen die Aussagen von Augenzeugen in der Regel voneinander ab, besonders in emotional aufregenden Situationen.
Die im Gedächtnis gespeicherten Bilder sind keine fixierten Fotografien, sondern den normalen Gedächtnisvorgängen unterworfen. Bei jeder Erinnerung können sie modifiziert werden, Einzelheiten verblassen oder werden gänzlich vergessen, andere Bedeutungen können sich einschleichen und mitunter ändern sich nach vielen Bildaufrufen sogar die Hauptbedeutungen .
Goethe hat den Vorgang prägnant formuliert: "man sieht nur, was man weiß". In diesem Sinne ist es hauptsächlich die Sehrinde (Videocortex) im Hinterkopf (dort, wo es ganz dunkel ist), die etwas "sieht", indem sie nämlich aus den physikalischen Impulsen ein bedeutungshaltiges Bild erstellt, also konstruiert.


- Das Auge, das Sehhirn und der Augenzeuge:
"Mordfall Brunner
„Ich bring dich um, ich bring dich um!“
Traten sie gegen den Kopf? Oder gegen den Oberkörper? Alle beide? Im Brunner-Prozess haben die Richter viele Fragen an die Augenzeugen - nur weichen die allesamt von ihren ursprünglichen Aussagen ab. ..." FAZ 21.7.10

- Die sexuelle Revolution von 1968 ist überall angekommen:
"Brutale Übergriffe in einer Ferienfreizeit
nbel. Frankfurt, 21. Juli. In einer zweiwöchigen Ferienfreizeit des Stadtsportbundes Osnabrück auf einer westfriesischen Insel soll es zu mehreren Fällen von sexuellem Missbrauch und Vergewaltigung gekommen sein. "

Mittwoch, 21. Juli 2010

Angela Friederici und 300 ms, Kernkraft, Jeanne Hersch

Über 430 Kernkraftwerke liefern weltweit in 30 Ländern Strom (rote Punkte, Bild International Nuclear Safety Center at ANL) (www.kernenergie.de/kernenergie/Themen/Kernkraftwerke/Kernkraftwerke_weltweit/) 

 - Angela Dorkas Friederici ( Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften) ist eine deutsche Neuropsychologin und fand mit ihren Mitarbeitern heraus, daß Frauen in der Kommunikation 300 Millisekunden früher die Mimik wahrnehmen und verarbeiten, erst danach die Bedeutung einer Mitteilung. Der Arbeitstitel des Projekts lautete: Warum Frauen und Männer sich nicht verstehen. (Podcast hr2 "Doppelkopf", etwa Ende Juni 10 gesendet) Heute in hr2 "Doppelkopf" ebenfalls interessant: der Berliner Psychologe und Hirnforscher Professor John-Dylan Haynes, der sich u.a. mit unbewußten Gedanken des Gehirns beschäftigt. 

 - Gut ist das! Immer!: "man muss wissen, wovon man redet": Ein alter, kleiner Druckwasserreaktor von 1967 wird in der Normandie zerlegt. " Auf dem Rückweg ins Freie verrät Werksleiter Dziopa, worauf es bei seiner Tätigkeit ankomme: „Man benötigt ein bisschen Professionalismus, und man muss wissen, wovon man redet.“ Wenig zuvor hat er ängstliche Besucher mit dem Hinweis beruhigt, dass die Radioaktivität hier niedriger als vielerorts in der Natur sei. Tatsächlich zeigt das Messgerät bei der abschließenden Kontrolle am Ausgang keine erhöhte Strahlenbelastung an. " FAZ 5.7.10 

  - Frankreich betreibt derzeit 58 Druckwasserreaktoren an 19 Standorten. 85% (! 85% !) des Stroms erzeugt Frankreich nuklear. Das ist ein riesiger Wettbewerbsvorteil. In Faymonville in der Normandie entsteht der erste, mit dt. Beteiligung entwickelte EPR (europäische Druckwasserr.) mit einer Leistung bis 1650 Megawatt. (Prestigeobjekt, FAZ 3.7.10) - Kanada: New Brunswick hat mit dem französischen Kernkraftwerksbauer Areva eine Absichtserklärung zum Bau eines neuen Kernkraftwerks geschlossen. (FAZ 10.7.) - 50% abzocken ohne Gegenleistung und das Geld zum Fenster hinauswerfen: Brüderle will bei Laufzeitverlängerung der Kernkraftwerke Schutzgeld erpressen und es für teuren, unberechenbaren und umweltschädlichen Wind- und Solarstrom vergeuden. - Solarzellen: Jede dritte chinesische Zelle geht nach Deutschland (FAZ 20.7.10) und wird hier subventioniert verbaut. Da freut sich Rotgrünschwarz. 

  - Finnland will 2 neue Kernkraftwerke bauen mit einer Leistung zwischen 1250 und 1700 Megawatt, Stromproduzenten genießen Steuervorteile (Atomstrom auf Finnisch, FAZ 3.7.10) 

 - Uranvorräte: Robert Stadler: "Obwohl die Konzentration von Uran im Meerwasser (ca 0.003ppm (part per million)) natürlich verschwindend gering ist im Vergleich zu der in Uranminen, ist die Gesamtmenge mit > 10^9 (größer 10 hoch 9) Tonnen deutlich groesser als alle bekannten (und geschaetzten) Uranvorraete im Boden und reicht länger als 1000 Jahre (bei heutigem Verbrauch). Verfahren zur Extraktion von Uran aus Meerwasser sind bekannt (siehe, zB, I. Tabushi et al, Nature 280 (1979) 665) und deren großtechnische Realisierung lohnt sich bei Preisen ab ca 250 $/kg fuer Uran (M. Tamada et al, Nippon Gensh. Gakkai. Wabun Ronb. 5 (2006) 358). Des weiteren sind verbesserte Extraktionsmethoden in der Erforschung und Entwicklung (für interessante neuere Resultate cf. zB S. Beer et al, Chem. Sci. 1 (2010) 43)." + Horst Trummler: "Die Reichweite der Uranvorraete ist nahezu unbegrenzt. Gegenwärtig kostet 1 Kg Uran etwa 70 €, entsprechend 0.1c/Kwh. Wenn man 1c/Kwh als Preis für das erforderliche Uran akzeptieren würde, entsprechend etwa 750 €/Kg, der Preisaufschlag enspricht 1/39 der Solarsubvention, so könnte man beispielsweise die 4 Mrd to Uran, die die Meere enthalten, nutzen, u.v.m. Das heisst man könnte die heutigen Reaktoren ein paar 1000 Jahre lang betreiben. Wenn man Reaktoren mit hoher Brutrate installiert, kann man das Uran 100 x besser nutzen. Damit könnte man Uranvorkommen bis hin zum durchschnittlichen Gehalt des Urans in der Erdkruste nutzen. Das Nuklearzeitalter kann demzufolge viele Millionen Jahre währen, wenn man bis dahin nichts Besseres gefunden hat. Meines Erachtens werden sich in den kommenden Jahrzehnten Flüssigkernbrennstoffreaktoren, als Schnelle Brüter, oder moderierte Reaktoren mit Thorium Brennstoff, durchsetzen. Dies ist gewiss keinem Uranmangel geschuldet, sondern der Tatsache, daß diese ein erhebliches Kostensenkungspotential versprechen. Ich habe auf meiner Homepage - http://oekoreligion.npage.de/ - einen Artikel zu den Zukunftskonzepten der Kernenergie geschrieben. Technisch steht die Kernenergie am Anfang. Das Entwicklungspotential ist gewaltig. " + Thomas Berger " In Hoch-Temperatur-Reaktoren, die sich bei fallender Temperatur automatisch abschalten, lässt sich aus Thorium Uran erbrüten. Damit hätten wir für die nächsten Jahrtausende hinreichend Energie. Aber den Deutschen reicht es ja, wenn man Facebook bei Sonnenschein und leichtem Wind nutzen kann ..." Anm. WD: Der HochTemperaturReaktor (HTR) ist eine deutsche Entwicklung (Jülich), nach der politischen Aufgabeentscheidung wurde die Lizenz nach Südafrika und China verkauft, wo Reaktoren entstehen. + Harry Hain: "In den 1970ern wurde uns in der Schule ernsthaft erklärt, daß das Erdöl kaum über das Jahr 2000 reichen würde. War alles nur geschätzt. Sorry, so ist das mit den Schätzungen und sogenannten Dunkelziffern. Durch nichts, aber auch rein gar nichts belegbar, sondern nur willkürliches Geschwätz von Weltuntergangspropheten, die mit Ihren Fahrrädern und Umwelttickets die Welt retten wollen. KKW sind die einzige preiswerte, technisch hocheffektive und "ökologisch" sinnvolle "Stromenergieerzeugungsmaschine". Vor allem wenn wir uns bald mit Stromautos beglücken sollen. Die Franzosen machen es richtig (und nicht nur die). Sie rüsten schon für die 5. Generation der KKW, während wir mit dem Windmühlen- und Solarschrott die Deindustrialisierung Deutschlands weiter vorantreiben. 30 Jahre grüne Antiatomideologie hat nüchternes Denken und sachliche Faktenanalyse an den Rand gedrängt. In dieser Hinsicht erinnert mich dieses "grüne Getue" sehr an das Mittelalter, als die Erde noch eine Scheibe war." Kommentare auf faz.net zu "Wie Frankreich einen Reaktor zerlegt", FAZ 5.7.10. 

 - Jeanne Hersch: «Wer hat je versprochen, dass Menschsein leicht ist? In unserer Zeit hat eine Mehrheit von Menschen das Gefühl, sie hätten ein Recht darauf, nicht zu leiden, keine Probleme zu haben (. . .). Wer hat das je versprochen? (. . .) Niemand hat uns das versprochen. (. . .) Es ist so, Menschsein ist schwierig. (. . .) Ich weiss nicht, warum wir dieses Gefühl haben, dass wir ein Recht auf Leichtigkeit hätten. Wir haben kein Recht darauf! (. . .) Wenn wir nicht fähig sind, (die Beschwerlichkeiten unseres Existierens) anzunehmen, dann (verdoppeln sie sich). Menschsein heisst, seine Freiheit zu üben an dem, was man so schwer erträgt.» "Jeanne Hersch, die am kommenden 13. Juli hundert Jahre alt würde, war als Philosophin nicht nur am Katheder engagiert, sondern auch in der politischen Öffentlichkeit." NZZ 10.7.10

Dienstag, 20. Juli 2010

Vermeidungslernen durch Strafe bei Säugetieren





- Auch Alice Schwarzer hat einmal recht: Sie fordert heute im Feuilleton der FAZ ein Burka-Verbot. ("Der Schleier der Fundamentalisten. Die muslimische Totalverschleierung ist nicht nur zutiefst menschenverachtend, sie bedeutet auch den endgültigen Sieg des politisierten Islam. ...")

Als das französische Parlament am Vorabend des 14. Juli das Verbot der Burka in der Öffentlichkeit beschloß, enthielten sich - bis auf zwanzig Abweichler - die Sozialisten, Kommunisten und Grünen der Stimme.


- Vermeidungslernen durch Strafe bei Säugetieren: "... daß sich die Erwachsenen unter Umständen gegen den Willen eines Kindes durchsetzen müssen: dies ist unvermeidlich, wenn das Kind einen Machtkampf von sich aus provoziert oder wenn es zu seinem eigenen Schutz ... Eine Grundlehre der Menschenkenntnis, angewandt auf Kinder, lautet: Schlechte Erfahrungen und Strafen wirken durch ihr SOFORT und nicht durch ihre Härte. ..." Bernhard u. Helma Hassenstein, Verhaltensbiologie des Kindes, S. 109f. Dann nämlich verknüpft sich im Gehirn ein bestimmtes Verhalten mit einer Endhandlung, die über eine Lust- oder Unlustempfindung abgespeichert wird. Durch Wiederholung wird die neuronale Verbindung gestärkt, hier liegt die große Bedeutung einer konsequenten Erziehung. Für lernschwache Kinder gilt, daß eine Vielzahl von Wiederholungen nötig ist, wo eventuell zwei Wiederholungen bei sensiblen Kinder schon ausreichen.
Vgl. auch "Fordern statt fördern" , Felix von Cube und Dietger Alshuth (Piper 1989), S. 83ff.

Montag, 19. Juli 2010

Volksbegehren zur Grundschule in Hamburg





Ob er ein guter Didaktiker war? Lehrer Lämpel von Wilhelm Busch (Bild Wiki.)





- Volksbegehren zur Grundschule in Hamburg: Die Verlängerung der Grundschulzeit auf 6 Jahre wurde mit einer klaren Mehrheit abgelehnt (276T zu 218T).
Das ist gut so, auch wenn sich Erziehungswissenschaftler wie Micha Brumlik darüber beschweren.
Für meine beiden Staatsexamen habe ich auch Scheine in Erziehungswissenschaft erwerben müssen. Mit Texten von Rousseaus EMILE bis Klafkis "Didaktische Analyse als Kern der Unterrichtsvorbereitung."
Während Rousseau für den größten Blödsinn steht, läßt sich mit Klafki sicher etwas Konkreteres anfangen. Allerdings kranken alle diese geisteswissenschaftlichen Texte an einem großen Mangel an Empirie, obwohl aus der empirischen Psychologie (Hans Jürgen Eysenck) und inzwischen auch aus der Neurowissenschaft (Henning Scheich, Niels-Peter Birbaumer) konstruktive und belastbare Hinweise vorliegen, wie das Gehirn lernt. Extrovertierte und Introvertierte zB lernen unterschiedlich, davon hat Klafki noch nie etwas gehört, wie überhaupt die Erziehungswissenschaftler von Hellmuth Becker über Heinrich Roth bis zum Sexkriminellen Gerold Becker sich durch Ignoranz hinsichtlich empirischer Psychologie auszeichnen.
Natürlich kommt auch Luhmann bei ihnen nicht vor, der vor seiner Soziologenkarriere in der Schulverwaltung arbeitete und daher immer einen Blick auf die Paradoxien der Schule behielt und der das Dilemma des schulischen Lernens für unauflösbar hielt. So sollen etwa alle Schüler in der Klasse das Gleiche lernen, obwohl jeder Schüler unterschiedlich ist in Bezug auf genetische Begabung, Vorwissen, Lerntyp, Disziplin, Aufmerksamkeitsvermögen, akute Empfänglichkeit, Seh- und Hörvermögen, Schreibfähigkeiten, Parallelverarbeitung, Interessenlage etc.
Ich erinnere mich an einen mathematisch besonders begabten Mitschüler, der im Mathematikunterricht nur wach wurde, wenn ihm andere Lösungsmöglichkeiten als die von dem Lehrer angebotenen einfielen. Dieser arme Mensch mußte viele Jahre mit mathematischen Schnecken zubringen, während er den Stoff in der hundertfachen Geschwindigkeit und wahrscheinlich auch ohne Lehrer und ohne Qualen der Langeweile hätte absolvieren können. Und sollen. Tüchtige Leute sollen schnell an ihren Platz kommen und der Gesellschaft ihre Fähigkeiten zur Verfügung stellen. Das gilt für alternde Gesellschaften besonders, da der Anteil der aktiv Beschäftigten sinkt.
Daher sollten die Schulzeiten ganz allgemein sinken, noch wichtiger aber ist, das Lernen individuell zu flexibilisieren. Die Schüler sind unterschiedlich begabt und können nicht nur in den verschiedenen Fächern verschieden schnell lernen, sie lernen auch in machen Fächern trotz jahrelangen Unterrichts fast nichts. Sie versitzen ihre Lebenszeit in der Schule, während sie mit ihrem Begabungsprofil draußen im Leben etwas Sinnvolles leisten und die entsprechenden Erfolgserlebnisse erzielen könnten.

Das dreigliedrige Schulsystem ist ein Kompromiß, die in ihrem Lernverhalten ähnlichen Schüler besser ansprechen zu können in didaktischer Analyse und in angepaßten Unterrichtsformen. Darüberhinaus muß zusätzlich eine Binnendifferenzierung erfolgen, denn auch die Lerngruppen innerhalb eines Schultyps differieren stark, auch in der Hauptschule, auch im Gymnasium unterscheiden sich die einzelnen Schüler. Jede Auflösung dieser Schulformen schadet allen, den schwachen Schülern wie den starken, während das Unterrichten für den Lehrer schwieriger wird. Das Lehren wurde bereits sehr viel schwieriger durch mangelnde Erziehung im Elternhaus.

Die willkürliche Verlängerung einer Schultypetappe wie die Verlängerung der Grundschulzeit muß in diesem Licht als völlig absurd erscheinen. Der Hamburger Ideologenangriff auf das individuelle Schülerlernen fand die richtige Elternantwort.

- Helfen unter Schülern: Oft wird angegeben, daß eine stark unterschiedlich zusammengesetzte Lerngruppe den schwachen Schülern den Vorteil biete, daß ihnen von stärkeren Schülern geholfen werden könne, während die stärkeren Schüler von der Wiederholung und Formulierung profitierten. Das kommt im Einzelfall vor, insbesondere bei einfachen Sachverhalten. Doch sind Schüler zu einer didaktischen Analyse des Lehrstoffes nicht in der Lage und ebensowenig zu einer Zerlegung desselben in didaktische Schritte. Ein Eindenken in das spezifische Problem eines Schülers, die Analyse seiner Fehler sind Anforderungen, die auch für einen Lehrer schwierig zu erfüllen sind, Schüler aber werden damit völlig überfordert.
Für die Lehr-Erfahrung gilt zudem, was auch für die Lebenserfahrung insgesamt zutrifft: nach einer guten Ausbildung muß man die Hauptsache in einer Reihe von Jahren in der Praxis lernen.
Und manche lernen es nie. Es fällt immer wieder auf, daß hervorragende Forscher sehr schlechte Lehrer sind, daß mancher Nobelpreisträger keinen didaktisch strukturierten Vortrag erstellen kann. Nicht, weil sie keine Lust dazu hätten, sondern weil es ihnen ganz einfach an der didaktischen Begabung fehlt. So wie einem didaktisch guten Lehrer eine starke Fachbegabung fehlen kann und oft tatsächlich fehlt.

Sonntag, 18. Juli 2010

"O sprich mir nicht von jener bunten Menge"




Noch nicht 500, aber schon säuisch wohl: Auerbachs Keller
(Foto WD aus Anmerkung 61, Faustbilder 8.4.1990, Goethe-Museum Düsseldorf)





- Alleinsein ist erst möglich, wenn die Einsamkeit überwunden ist, formulierte Krishnamurti. Las ich zufällig in einer Todesanzeige.
Was immer er damit gemeint haben mag, es steht heute nicht als Motto über der A40. Die ist heute auf 60 km gesperrt für ein "Megaevent der Kulturhauptstadt Essen", so ein bekannter, in Köln ansässiger Kultureventsender "für Vordenker", wie er sich selbst sieht. Sein ehemaliger Chef Pleitgen, ein rühriger Platitüdenproduzent, hat als Chefschaumschläger allerhand Wörter abgelassen zur Werbung für das A40-Spektakel. Mehr als 1 Mio. Besucher werden erwartet, so der Werbesender WDR. Das wird bestimmt sehr gemütlich und sehr kulturell. Nur einem SPD-unfreundlichen Barbaren wie Goethe könnte da einfallen:
O sprich mir nicht von jener bunten Menge,
Bei deren Anblick uns der Geist entflieht.
Verhülle mir das wogende Gedränge,
Das wider Willen uns zum Strudel zieht.
(Faust I, Vorspiel)
Wer so etwas schreibt, kann natürlich nicht ordentlich von einer ordentlichen nordrheinwestfälischen Gesamtschule für kulturelle "Megaevents" konditioniert worden sein. "Wir in NRW", so Joh. Raus SPD seinerzeit als Langfrist-Programm verkündend, wir arbeiten am Ameisenmenschen, der sich so richtig wir-wohlfühlt, wenn die Masse dicht gepackt ist und man den Achselschweiß der Nebenameise als Wir-Wohlduft wohlig wahrnimmt. Das ist dann der höchste Augenblick, zu dem die Ameise dann sagen darf: "Verweile doch, du bist so schön".
Und für die Politik sind solche Ameisen natürlich auch sehr schön. Man schickt sie in die Gesamtschule, möglichst lange, damit ihre natürliche Intelligenz etwas abgebaut wird und sie das richtige, solidarische Johannes-Rau-Wir-Gefühl konditionieren, das sie dann auch echt und authentisch megaeventfähig macht, auf daß sie nicht auf dumme, individuelle Gedanken kommen. Individuelle Gedanken sind einfach nicht solidarisch. Und machen nicht glücklich. Das weiß auch die neue rotgrüne Minderheitsregierung von Gnaden der Linksextremisten. Ihre Untertanen sollen nicht viel herumdenken, sie sollen sich amüsieren und wohlfühlen wie in "Auerbachs Keller" oder auf der A40:
"Uns ist ganz kannibalisch wohl,
Als wie fünfhundert Säuen!"
Dann klappt auch bestens die Verwendung als GEZ-Zwangsgebühren- und, noch wichtiger, als Stimmvieh.