Freitag, 25. Januar 2013

Margret und Elvis?












Mit dem hätte Margret Boveri ja nie angebändelt





Ernst Jünger fand Boveris "Amerika-Fibel für erwachsene Deutsche" von 1946 prima. Sie helfe ihm, den amerikanischen "Maschinenmenschen in seinem optimalen Lebensraum" besser zu erfassen. (Briefwechsel Boveri/Jünger 1946-73, 2008)
Mir scheint, solche Urteile zeugen vom langlebigen Zauber Platons und dem langen Schatten des Aristoteles. Es gehört wohl viel Metaphysik ins Hirn, um 1944 aus den USA nach Berlin zurückzukehren, wie das die Journalistin und genetisch halbe Amerikanerin Margret Boveri tat, die aber mit ihren Biologen-Eltern in Deutschland aufgewachsen war. Sie hatte eine amerikanische Mutter, pflegte ein Verhältnis mit einem afroamerikanischen Biologen und hatte mehrere Jahre in den USA gelebt - und sah trotzdem alles durch die Brille des platonischen Rational-Totalitarismus der POLITEIA und des rational-kollektivistischen Politikverständnisses des Aristoteles. Angereichert durch die Lektüre Ernst Jüngers. Dabei hätte Boveri durch ihre Biologen-Eltern und ihren Liebhaber gute Voraussetzungen gehabt, ein Vorverständnis dessen zu entwickeln, was Desmond Morris später in seinem Buch "Der nackte Affe" (1967) gebündelt vorlegte. 

Wenig hatte sie verstanden von Biologie und Amerika, meinte aber, sie müßte ihren geisteswissenschaftlich und nationalsozialistisch verbildeten deutschen Zeitgenossen 'die Amerikaner' erklären. Bedarf war offenbar vorhanden, denn das Büchlein wurde ein Verkaufserfolg. Allerdings wohl nur bei Akademikern, denn die amerikanischen Soldaten führten sich selbst ein durch den Swing in ihren Klubs. Diese Musik war bereits viel früher in der jungen Generation beliebt, wie man von Axel Springer und aus anderen Quellen weiß. Der Swing war natürlich außerordentlich unplatonisch, schon, weil Platon Instrumentalmusik und überhaupt diverse Tonarten für seinen kommunistisch-faschistischen Staat (POLITEIA) verboten hatte. Adorno verabscheute den Jazz und bezeichnete ihn als "Negermusik". Aber unakademischen Deutschen gefiel diese rhythmisierte Musik, deutsche Musiker griffen sie auf und spielten sie nach. Kurt Edelhagen gründete 1945 seine erste Combo. In Herne! 
Aber nicht nur Soldaten waren nach Deutschland gekommen, auch private und organisierte Sozialarbeiter wie die Quäkerin M. Asenath Johnson aus Newtown, Mass., die 1947 in Frankfurt-Bockenheim ein Nachbarschaftshaus betrieb, das von der Besatzungsmacht unterhalten wurde und sich um deutsche Jugendliche kümmerte. Diese teilweise verwaisten, teilweise traumatisierten und zu einem gut Teil verwahrlosten jungen Leute brauchten die Fibel der Jünger-Leserin Boveri nicht. Was wunder. Auch die Care-Pakete kommunizierten auf ihre eigene, unplatonische Art und bedurften keiner Anleitung. 

Und dann kam auch noch Elvis! Boveri mußte es erleben. Und was kam noch alles. Heute aber, wo der amerikanische "Maschinenmensch" mit dem teuflischen GOOGLE, dem albernen Apfel und der jüdisch-bolschewistischen Geheimdienstfirma Facebook (alles CIA!) sich die ganze Welt zum "optimalen Lebensraum" machen will, heute brauchen wir dringend eine neue Fibel, ein neues Erklärwerk. Aber Boveri und Jünger sind tot. 

Donnerstag, 24. Januar 2013

FIDELIO statt Coke












" Dieses Buch, von einem Deutschen in Amerika geschrieben, spricht das erlösende Wort. Der durch Tradition verpflichteten europäischen, insbesondere der deutschen Kultur droht Zerstörung durch das auf Materialismus und Lebensmechanisierung eingestellte Amerika. Rationalisierung nach amerikanischem Vorbild ist Trumpf, einerlei, ob sie den Menschen im Menschen tötet. Das Buch ist das Ergebnis jahrelanger Sachkenntnis der wirtschaftlichen Verhältnisse und der Mentalität des amerikanischen Volkes. 
Wer dieses Buch gelesen hat, ist dagegen gefeit, den Amerikanismus zu predigen! " 
(Text auf der Umschlagvorderseite)

Für Stendhal waren die Amis gefühllos, und der mußte es ja wissen, denn er war mit der Grande Armee in Moskau gewesen. So ähnlich sieht Adolf Halfeld die Amis auch. "Lebensmechanisierung" droht! Sie tötet "den Menschen im Menschen". Und damit ist natürlich auch die europäische Kultur hin.
Der Journalist Halfeld hatte einige Jahre in den USA verbracht, mutmaßlich dort gut gelebt, als in Deutschland die Franzosen in das Ruhrgebiet einmarschiert waren und dann noch die Mega-Inflation die Deutschen heimsuchte. Die Deutschen froren, weil die Franzosen die Kohle aus den Ruhrbergwerken abtransportierten, die Kalorienzufuhr sank auch noch, weil ein Brötchen eine Billion kostete - aber sie hatten doch Kultur, die Deutschen, wenn auch nichts zu heizen und zu fressen. Den französischen Maschinengewehren in Essen sangen sie den Gefangenenchor aus dem FIDELIO und beim stundenlangen Warten vor der Bäckerei sprachen sie über Hegels "Philosophie der Geschichte". Geschichte konnten die Amis ja nicht einmal buchstabieren, sie soffen Coca-Cola und stanken die Straße voll mit ihren Autos, mag Halfeld 1923 für seine Hamburger Leser notiert haben. 
Interessant ist, wie sich im konservativen Motiv der "Lebensmechanisierung" die Marx'sche "Entfremdung" spiegelt, so wie sich heute bei den Grünen das faschistische Motiv des mittelalterlichen Nährstands versteckt, in dem der Bauer im Märzen naturnah und nachhaltig die Rößlein anspannt und in die Mutter Erde sät.    

Mittwoch, 23. Januar 2013

Junge, Junge, war in Moskau dabei





Gefühlsechter Übermensch, der Herr Stendhal 
(23.1.1783-1842; Bild: Wiki.)  




" ... obgleich uns bei unseren unglücklichen europäischen Zuständen seit Jahrhunderten jede eigene Erfahrung fern ist, so sehen wir doch, daß es den Amerikanern, trotzdem ihnen die Regierung nichts Schlechtes antut, innerlich offenbar an etwas fehlt. Man möchte sagen, die Quelle des Gefühls sei bei ihnen versiegt. Sie sind gerecht; sie sind vernünftig, aber keineswegs glücklich. "
Stendhal, Von der Liebe, 1822  

Kann denn das Gefühl versiegen? Kann der Gefühlsgenerator im Zwischenhirn, das Limbische System, abgeschaltet werden, "versiegen"? Wahrscheinlich nicht einmal im Falle einer schweren Demenz. Es kann sich wohl auf kindliche Zustände zurückbilden. Demente haben oft schwere Wutanfälle, mithin starke Gefühle. Ihre Gefühlskontrolle ist aber defekt. Das ist Teil der Demenz. 
Was meinte Stendhal dann? Hatte er Amerika bereist wie Tocqueville? Hat er zahlreiche Interviews geführt und das Ganze mit ausgedehnten Umfragen konfrontiert? 

Nein, Stendhal  war nie in den USA. Um zu fundierten Urteilen zu kommen, reicht einem Literaten das Bauchgefühl. Seinen eigenen Bauchnabel betrachtet er gern als den Nabel der Welt, das souffliert ihm seine künstlerische Intuition. Daß ihn seine Muse dort oder doch in der Nähe auch gerne kitzelt, bestätigt ihm sein tiefempfundenes Nabelweltgefühl. 
Den Amerikanern fehlt es also an Gefühl. Das ist künstlerisch verbürgt. Stendhal sagt es. Wer wollte der Wahrheit des Künstlers widersprechen? 
Niemand, er wäre denn ein Spießer. Höchstens könnte man fragen, ob Stendhal, der Umgang mit dem Supermann Napoleon pflegte und den Begriff 'homme superieur', 'Übermensch', erfand, einen zu großen Metergefühlsstab verwendete. Was hatte Stendhal nicht alles mit Napoleon erlebt! Allein der Rußlandfeldzug! Das setzt Maßstäbe. Das brennende Moskau! Ganz großes Theater. Da schlief keiner ein. Adrenalin pur. Aus dem gleichen großen künstlerischen Gefühl heraus erklärte Stockhausens Karl-Heinz 2001 die brennenden Zwillingstürme in New York zum größten Kunstwerk. Die Künstler haben einfach dafür das richtige Gefühl. Darauf kommts an. 
Diese langweiligen Yankees dagegen wollen Geld verdienen. Mit Gummistiefeln, Hustenbonbons und Zahnbürsten. Krämerseelen. Wenn da ein richtiger Stendhal, ein 'homme superieur', hinfühlt, ja, da kommt eben nichts rüber, da kommt nichts an. Tote Hose. Kein Glücksempfinden wie nach dem Übergang über die Beresina. Arme Amis. Abgestorben.  

Dienstag, 22. Januar 2013

Wo ist sie denn, die Vernunft?







Schnee und Frost trotz Klimaerwärmung - vermutlich ein Zentralbankkomplott







Sehr geehrter Herr Titus (Partei der Vernunft Bayern), der Sie mißbräuchlich mit der Schweizer Flagge werben,
die Schweiz bietet viele Anregungen und darf mit ihrer Kantonsselbständigkeit als vorbildlich gelten. Sie sollten mal hinfahren und die Zentralbank besichtigen. 

Hayeks Privatgeld ist grundsätzlich ein interessanter Gedanke, aber nicht einmal Gerhard Schwarz von Avenir Swiss denkt konkret über eine Einführung nach. Schon die Verfassungen stehen dagegen. Aber auch viele, sehr viele technische Probleme. Die großen Währungen $, € und Yen berühren sich heute auf dem Weltfinanzmarkt so hautnah, daß keine private Institution mehr für ein Privatgeld in Frage kommt. Außer vielleicht Bernard Madoff, falls er freigelassen würde. Oder Kim Schmitz. Draghi und Weidmann sind mir da aber lieber. Zudem bieten heute bei niedrigen Transaktionskosten individuell gestaltete Währungs- und Rohstoffkörbe die Möglichkeit privater Absicherungen, die es zu Hayeks Zeiten nicht gab. 
Zudem ist inzwischen fraglich geworden, was Friedmans monetaristische Botschaft war, daß nämlich Inflation immer und überall ein monetäres Problem sei, also ein Geldmengenproblem. Ottmar Issing, ein halber Hayekianer und ein halber Monetarist, hat zwar für die EZB bei seinem Zwei-Säulen-Modell die Geldmenge berücksichtigt, aber obwohl die EZB davon abgeht, sieht er den Euro nicht in Gefahr. Der werde ihn lange überleben, sagte er der FAZ, obwohl ihm Friedman bei der Gratulation zu seiner Ernennung zum EZB-Chefvolkswirt nur etwa 5 Jahre Lebensfrist für den Euro vorhergesagt habe. Der theoretische "Vater des Euro", der Ökonomie-Nobelpreisträger Robert Mundell, ist von seinem theoretischen "Kind" nach wie vor auch praktisch überzeugt, warnt aber zurecht vor einer Fiskalunion. 
Haben die Schweizer Kantone eine Fiskalunion? Ja, natürlich, haben sie. Obwohl im französischen Genf effektiv 24% Gewinnsteuern gelten, im schweizerdeutschen Luzern aber nur 12,2% (NZZ 12.1.13). Die Welschschweizer sind auch bei der Einkommenssteuer bereit, mehr zu zahlen, wie Umfragen bestätigen. Die Mentalität ist eine andere, aber die italienischen und die deutschen Schweizer gehen damit pragmatisch um. Sie sind keine libertären Ideologen wie Murray Rothbard (Das Schein-Geld-System), dessen Freunde sich in der sektiererischen Partei der Vernunft tummeln. Die einen Vorsitzenden gewählt hat, der Autor eines Buches voller Verschwörungsphantasien ist (Das Kapitalismus-Komplott). Nicht in privaten Briefen teilte Janich seine kruden Spinnereien mit, sondern er publizierte sie. Die  Partei der Vernunft setzte ihn aber nicht ab, der Sektierer ist weiterhin der Parteichef. Wer soll denn diese Partei ernstnehmen?  
So weit, so schlecht, sehr geehrter Herr Titus. Machen Sie mal einen Schweizer Kurs in Pragmatismus. Schminken Sie sich den Rothbard ab und die Abschaffung des Zentralbankmonopols.  
Und grüßen Sie die Schweizer Nationalbank bei Ihrer Schweizer Erkundungsreise!

PS: Euro heute 1,3344 zum USD

Montag, 21. Januar 2013

War er wirklich ein deutscher Voltaire?




Platz 16 mit Italien, Rußland Platz 2 - die Methodik dieses dubiosen Dortmunder Instituts würde mich näher interessieren - ich würde bei Oberstufe-Gymnasiasten einfach mal diesen Wieland-Text nehmen zum Leseverständnis




Christoph Martin Wieland      

Wie man ließt - Eine Anekdote
(...)
Das Unglük, obenhin, unverständig, ohne Geschmak, ohne Gefühl, mit Vorurtheilen, oder gar mit Schalksaugen und bösem Willen gelesen zu werden - oder, wie die meisten Leser, die nur zum Zeitvertreib in ein Buch gucken - oder zur Unzeit, wenn der Leser übel geschlafen, übel verdaut, oder unglüklich gespielt, oder sonst ein Mangel an Lebensgeistern hat - oder gelesen zu werden, wenn gerade dieses Buch, diese Art von Lectüre unter allen möglichen sich am wenigsten für ihn schikt, und seine Sinnesart, Stimmung, Laune, mit des Autors seiner den vollkommensten Contrast macht - das Unglük, so gelesen zu werden, ist nach der Meynung des besagten Autors, keines von den geringsten, welchen ein Schriftsteller (zumal in Zeiten, wie die unsrige, wo Lesen und Bücherschreiben einen Hauptartikel des National-Luxus ausmacht) sich und die armen ausgesezten Kinder seines Geistes täglich und unvermeidlich bloßgestellt sehen muß. Unter hundert Lesern kann man sicher rechnen von achtzig so gelesen zu werden; und man hat noch von Glük zu sagen, wenn unter den Zwanzig übrigen etwan Einer ganz in der Verfassung ist, welche schlechterdings dazu gehört, um dem Werke das man ließt (und wenn's auch nur ein Madrigal wäre) sein völliges Recht anzuthun. Was Wunder also, wenn den besten Werken in ihrer Art, und in einer sehr guten Art, oft so übel mitgespielt wird? Was Wunder, wenn die Leute in einem Buche finden was gar nicht drinn ist; oder Aergernis an Dingen nehmen, die, gleich einem gesunden Getränke in einem verdorbenen Gefäße, bloß dadurch ärgerlich werden, weil sie in dem schiefen Kopf oder der verdorbnen Einbildung des Lesers dazu gemacht werden? Was Wunder, wenn der Geist eines Werkes den Meisten so lange, und fast immer unsichtbar bleibt? Was Wunder, wenn dem Verfasser oft Absichten, Grundsätzen und Gesinnungen angedichtet werden, die er nicht hat, die er, vermöge seines Charakters, seiner ganzen Art zu existiren, gar nicht einmal haben kann? Die Art, wie die Meisten lesen, ist der Schlüssel zu allen diesen Ereignissen, die in der litterarischen Welt so gewöhnlich sind. Wer darauf acht zu geben Lust oder innern Beruf hat, erlebt die erstaunlichsten Dinge in dieser Art. Die ungerechtesten Urtheile, die widersinnigsten Präventionen, die oft für eine lange Zeit zur gemeinen Sage werden, und zuletzt, ohne weitere Untersuchung, für eine abgeurtheilte Sache passiren, wiewohl kein Mensch jemals daran gedacht hatte, die Sache gründlich und unpartheiisch zu untersuchen - haben oft keine andre Quelle als diese. Der Autor und sein Buch werden, mit Urtheil und Recht, aber nach eben so feinen Grundsätzen, nach einer eben so tumultuarischen und albernen Art von Inquisition, kurz mit eben der Iniquität oder Sancta Simplicitas verdammt, wie ehemals in ganz Europa, und noch heutigs Tages in einigen hellen Gegenden unsers lieben teutschen Vaterlandes - die Hexen verbrannt werden. Hier ist das Exempelchen, womit wir diese kleine vorläufige und vergebliche Betrachtung krönen wollen. 
Rousseaus Neue Heloise war vor kurzem ans Licht getreten. In einer großen Gesellschaft behauptete Jemand, Jean-Jacques hätte in diesem Buche den Selbstmord gepredigt. Man hohlte das Buch herbey; man laß den Brief vom St. Preux wo die Rede davon ist. Alle Anwesenden schrien überlaut, man sollte ein solches Buch durch den Henker verbrennen lassen; und den Autor - es fehlte wenig, daß sie nicht auch den mit ins Feuer geworfen hätten. Indessen, da J. J. Rousseau gleichwohl für einen großen Mann passirt, so fanden sich einige, denen es billig dünken wollte, ehe man zur Execution schritte, die Sache näher zu untersuchen. Sie lasen den vorgehenden Brief, und dann den folgenden: und da fand sich, daß gerade dieser Brief ganz entscheidende Gründe gegen den Selbstmord gab, und daß J. J. Rousseau über diesen Punct ganz gesunde Begriffe hatte. Aber die Sage des Gegentheils hatte nun einmal überhand genommen; die Gansköpfe hielten fest, und fuhren fort mit ihrer eignen Dummdreistigkeit zu versichern, Jean-Jacques predige auf der und der Seite seines Buchs den Selbstmord, wiewohl er auf der und der Seite just das Gegentheil that.» 
Was ist nun mit solchen Leuten anzufangen?«  Nichts. 
 »Was soll ein Schriftsteller, der das Unglük hat in einen solchen Fall zu kommen, zu Rettung seiner Unschuld und Ehre sagen?«  Nichts. 
»Was hätte ihn davor bewahren können?« Nichts. 
»Sollte denn kein Mittel seyn?« O ja, ich besinne mich - er hätte selbst ein Ganskopf seyn - oder auch gar nichts schreiben - oder, was das sicherste gewesen wäre, beym ersten Hineingucken in die Welt den Kopf gleich wieder zurükziehen und hingehen sollen woher er gekommen war - 
»Das sind Extrema -«  So denk ich auch.
  Ja, freylich ist der Menschen kurzes Leben 
  Mit Noth beschwert, wie Avicenna spricht.
Mit den Autoren ist kein Mitleiden zu haben - und den Lesern ist nicht zu helfen. Aber gleichwohl wäre zu wünschen, daß die Leute besser lesen lernten."-

Richtig, richtig, Wieland, der du starbest den 20.1.1813 in Weimar, dem Autorennest. Ganz Europa war zwischen Portugal und Rußland von den französischen Invasionstruppen unterworfen worden, erst im Oktober erlebte der größenwahnsinnige Eroberer Napoleon die kriegsentscheidende Niederlage in der Völkerschlacht bei Leipzig, nachdem Rußland ihn bei Borodino abgeschlagen hatte. 70.000 Tote soll die Schlacht gekostet haben, 52.000 fielen bei Leipzig. Auch Weimar war 1808 besetzt und geplündert, Wieland jedoch verschont worden. Er war, zusammen mit Goethe, von Napoleon zum Ritter der Ehrenlegion ernannt worden. Solche Aktionen zierten die französischen Kriegszüge und waren Teil der psychologischen Kriegführung, während gleichzeitig Kunstschätze zusammengeraubt und nach Paris gebracht wurden. Wieland, Pfarrerssohn und Philhellene, lebte und wirkte im deutschen Idealismus, der europäischen Aufklärung und im klassischen Altertum. Er übersetzte Cicero, Lukian, Horaz und Shakespeare. Als Übersetzer war ihm das korrekte Lesen eine große Aufgabe, und natürlich wollte er selbst ernsthaft gelesen sein. 

Das Problem sauberen Lesens, das er in diesem Text anspricht, ist geblieben. Der schlampige Umgang mit der Sprache bedingt auch ein entsprechendes Verstehensdefizit beim Lesen. In den Nachrichten etwa wird jeder schlimme Unfall oder ein Verbrechen mißbräuchlich "tragisch" genannt. Der zeitgenössische Leser kennt den Begriff des Tragischen gar nicht mehr, läse er die ANTIGONE des Sophokles oder irgendeine andere Tragödie, müßte er sich diesen Begriff neu aneignen. 
Und ohnehin ist das Verstehensproblem nicht nur in der Literatur ein fundamentales, weil sich die Millionen Zeicheneinträge in jedem Kopf und ihre Bedeutungsfolien unterscheiden. Daher Luhmanns Bemerkung, daß gelingende Kommunikation unwahrscheinlich sei. 
Dennoch bleibt Wielands Forderung grundlegend: " Aber gleichwohl wäre zu wünschen, daß die Leute besser lesen lernten."