Samstag, 2. März 2013

Lieber klein und zurückgeblieben





Amthauer entwickelte den Intelligenz-Struktur-Test (IST)



Schon interessant, was der rer.nat.-Psychologe Rudolf Amthauer in seinem Buch “Test für Bildung und Beruf” (1985) präsentiert:

“Bei Leistungsuntersuchungen erreichen die in ihrer Entwicklung Vorsprüngigen, die Akzelerierten, im allgemeinen bessere Ergebnisse. Sie haben bessere Schulzeugnisse und erreichen höhere Schulabschlüsse. Die Retardierten, die in ihrer Entwicklung verzögerten, werden weniger günstig beurteilt.  … In früheren Arbeiten konnten wir jedoch nachweisen, daß körperlich akzelerierte Jugendliche im Denken eher gefestigt, rigide, und körperlich retardierte Jugendliche im Denken eher beweglich und flexibel sind. … Insgesamt gesehen haben nach unseren Befunden die Akzelerierten geringere, die Retardierten größere Entwicklungsmöglichkeiten.” (S. 30f.)

Die Hochleistungssportler, dürfen wir annehmen, fallen zum größeren Teil in die Gruppe der Akzelerierten, sonst können sie keine Sportkarriere machen. Wer spät beginnt, findet keinen Leistungsanschluß mehr. Hochleistungssportler sind also im Denken eher gefestigt, rigide. Dazu kommen noch die Sportschäden: Turnergelenke sehen von innen aus wie die von 70jährigen, der Cortisolspiegel von Marathonläufern liegt fast so hoch wie bei chronisch Depressiven, Gewichtheber leiden oft unter Bewußtseinsausfällen etc. Hochleistungssportler “haben statistisch gesehen die geringste Lebenserwartung”. (Biologe Manfred Reitz, Sterben Sportler früher? UNIVERSITAS 648, Juni 2000)   
Die gerade veröffentlichte Sport-Studie widerspricht dem nicht.

Was meint Kafka dazu?

Auf der Galerie


Wenn irgendeine hinfällige, lungensüchtige Kunstreiterin in der Manege auf schwankendem Pferd vor einem unermüdlichen Publikum vom peitschenschwingenden erbarmungslosen Chef monatelang ohne Unterbrechung im Kreise rundum getrieben würde, auf dem Pferde schwirrend, Küsse werfend, in der Taille sich wiegend, und wenn dieses Spiel unter dem nichtaussetzenden Brausen des Orchesters und der Ventilatoren in die immerfort weiter sich öffnende graue Zukunft sich fortsetzte, begleitet vom vergehenden und neu anschwellenden Beifallsklatschen der Hände, die eigentlich Dampfhämmer sind - vielleicht eilte dann ein junger Galeriebesucher die lange Treppe durch alle Ränge hinab, stürzte in die Manege, rief das: Halt! durch die Fanfaren des immer sich anpassenden Orchesters.
Da es aber nicht so ist; eine schöne Dame, weiß und rot, hereinfliegt, zwischen den Vorhängen, welche die stolzen Livrierten vor ihr öffnen; der Direktor, hingebungsvoll ihre Augen suchend, in Tierhaltung ihr entgegenatmet; vorsorglich sie auf den Apfelschimmel hebt, als wäre sie seine über alles geliebte Enkelin, die sich auf gefährliche Fahrt begibt; sich nicht entschließen kann, das Peitschenzeichen zu geben; schließlich in Selbstüberwindung es knallend gibt; neben dem Pferde mit offenem Munde einherläuft; die Sprünge der Reiterin scharfen Blickes verfolgt; ihre Kunstfertigkeit kaum begreifen kann; mit englischen Ausrufen zu warnen versucht; die reifenhaltenden Reitknechte wütend zu peinlichster Achtsamkeit ermahnt; vor dem großen Salto mortale das Orchester mit aufgehobenen Händen beschwört, es möge schweigen; schließlich die Kleine vom zitternden Pferde hebt, auf beide Backen küßt und keine Huldigung des Publikums für genügend erachtet; während sie selbst, von ihm gestützt, hoch auf den Fußspitzen, vom Staub umweht, mit ausgebreiteten Armen, zurückgelehntem Köpfchen ihr Glück mit dem ganzen Zirkus teilen will - da dies so ist, legt der Galeriebesucher das Gesicht auf die Brüstung und, im Schlußmarsch wie in einem schweren Traum versinkend, weint er, ohne es zu wissen.

Freitag, 1. März 2013

Ägypten an 47. Stelle, nach 15 Jahren Bildungsexpansion an 48.




Der Jux "Harlem Shake" hat Kairo erreicht - hier vor der Zentrale der "Muslimbrüder", die das gar nicht witzig finden 


http://youtu.be/nZq3OczZUCI 
(s. auch inkairo.blogspot.de/2013/02/haram-shake-in-kairo.html)




“ 1980 stand Ägypten an 47. Stelle in der Liste der armen Länder, gemessen am Pro-Kopf-Einkommen, das bei 580 USD lag. 15 Jahre später lag es an 48. Stelle, mit knapp 2% Wachstum jährlich in dieser Zeit. Jedoch stieg die Beteiligung an der Grundschulbildung von 1970 bis 1995 auf über 90%, die an der Sekundarschulbildung von 32% auf 75% der Altershohorte; gleichzeitig stieg auch die Universitätsausbildung zwischen 1970 und 1980 von 9% auf 17% eines Jahrgangs, verdoppelte sich also fast. 

Wenn man das mit Süd-Korea vergleicht, dann zeigt sich als einzige Gemeinsamkeit die Ausweitung der Ausbildung. Süd-Korea verzeichnete ein Wachstum im Pro-Kopf-Einkommen von gut 7% jährlich von 1960 bis zur Asienkrise 1998, von der es sich inzwischen erholt hat. In diesem Zeitraum steigerte Süd-Korea die Primarbildung von gut 90% auf 100%, die Sekundarschulbildung stieg von 25% auf 100% eines Jahrgangs; und während 1979 das Ausmaß der Universitätsausbildung unter dem Ägyptens lag, so lag es 1993 viel höher. 

Es zeigt sich, daß mit dem ökonomischen Erfolg parallel auch der Ausbildungssektor wächst, oder, wie in Ägypten, daß der ökonomische Erfolg ausbleibt trotz riesiger Expansion des Ausbildungssektors.  

(Alison Wolf, Does education matter?, Myths about education and economic growth, S. 39; Übersetzung Doleys)   

Donnerstag, 28. Februar 2013

Hart im Raume stoßen sich die Sachen









Mathematik ist eine schöne Sache. Angewandte Mathematik ist noch schöner. Kein Zweifel. Aber sie ist eine Geisteswissenschaft. Es fehlen ihr beide Beine, dafür ist der Kopf etwas größer. Als die Römer Syrakus einnahmen, so erzählt die Legende, habe Archimedes gerade Geometrie im Sand betrieben und einen unfreundlichen Legionär aufgefordert, seine Kreise nicht zu stören. Offenbar besaß der militante Mann keinen Sinn für Geometrie und erschlug Archimedes. Luftig frei sind mathematische Konstruktionen, aber hart im Raume stoßen sich die Sachen, könnte man mit Schiller anmerken.

Da erging es Achilles Macris besser. Er entwarf aber nicht im Sandkasten geometrische Figuren, sondern komplexe Finanzprodukte bei Dresdner Kleinwort, wo ein großer Verlust im Kapitalmarktgeschäft des Investmentbankings entstand. Mitverantwortlich war Macris, “ein Finanzgenie, ein hochkarätiger mathematischer Fachmann, der komplexe strukturierte Produkte konzipieren konnte, vor allem Derivate”, so Kollegen über ihn. (FAZ 19.5.12) 
Die Allianz, zu der die Dresdner Kleinwort 2006 gehörte, reduzierte das Derivategeschäft, und der fixe Finanzmathematiker wechselte zu J.P. Morgan. Dort baute er eine Gesamtposition von 100 Mrd. USD auf, ja, und dann war so einiges los 2008, nämlich die von den famosen Finanzmathematikern nicht ganz richtig berechnete Finanzkrise, die immer noch nicht gänzlich überwunden ist. In den USA waren ebenfalls mutige Mathematiker tätig, die wunderbare Körbe von zweitrangigen Häuser-Krediten ausgeklügelt hatten. Alles sauber berechnet, sagten sie, und verwiesen auf ihre Mathe-Diplome.

Man könnte fast sagen, daß inzwischen das Doppelstudium Wirtschaft und Mathematik zur Regel geworden ist. Seit jeher leiden die Ökonomen daran, daß ihre Wissenschaft eine Weichwissenschaft ist, weil sie mit Menschen, Menschengruppen und deren Moden und unvorhersehbaren Entwicklungen zu tun hat. Immer gab es fünf Meinungen bei vier Ökonomen. Aber mit der Mathematik und ihrem Formelwerk glauben sie, einen besseren Eindruck machen zu können. Die Volkswirtschaft wurde vermathematisiert bis in die Socken. Bis zu Figuren wie Achilles Macris und der Subprimekrise. Vorsicht also, wenn die Mathematiker den Sandkasten verlassen und Ökonomie studieren. Rechnen können sie, aber vor lauter mathematischen Modellen sehen sie die Wirtschaft nicht mehr, den Raum, wo sich die Sachen hart stoßen.

Mittwoch, 27. Februar 2013

Ein Glückspilz oder per aspera ad astra









Statue Tarataglias in Rom (wo sie heute noch nicht rechnen können)
(Bild: http://www-history.mcs.st-and.ac.uk/Biographies/Tartaglia.html)

Mit zwölf Jahren erlebte er ein fürchterliches Massaker französischer Truppen in seiner Heimatstadt Brescia (bei Venedig), er flüchtete in eine Kathedrale, wo ihm ein Soldat mit dem Schwert Unterkiefer und Gaumen spaltete. Für tot gehalten, überlebte er, und da die Familie arm war, der Vater wurde ermordet, bekam er keine medizinische Hilfe. 
Da die Ärzte in der guten alten Zeit zumeist kenntnislose Scharlatane waren, die zuletzt selbst Ludwig 14. mit seiner doppelten Pferdenatur durch Aderlässe umbrachten, überlebte er noch einmal. Und zum Dritten: ohne Antibiotika, ohne Schmerzmittel heilte diese schreckliche Wunde des jungen Nicolo. Man kann sich kaum die grauenhaften Schmerzen vorstellen, die dieser Knabe erlitten haben muß. Armer Nicolo, glücklicher Nicolo.
Für die Schule reichte das Geld auch nicht, schlechte Lehrer, lernunwillige und dreiste Mitschüler - das blieb dem jungen Tarataglia erspart, all das blöde Geseire, von dem schon Seneca in seinen Lucilius-Briefen handelt. Er nahm das Lernen selbst in die Hand, das Lesen und Schreiben und das Rechnen besonders!  
Keine dummköpfigen Mitschüler bremsten sein Lerntempo, keine begriffsstutzigen Lehrer. Das lief und lief und am Ende löste er kubische Gleichungen (x3 + ax = b) und übersetzte den Archimedes und den Euklid.

Zuletzt starb er doch, 1557, in Venedig. Schade.   

- Prima Lernklima:
"
Als Schülerin der damals 8. Klasse legte sie 2011 im Erdgeschoss des Gymnasiums in Ballenstedt zwei Brände. Anschließend ging sie mit einem Messer auf einen Mitschüler los." (FAZ 27.2,13) 

Jetzt, mit 15, knallte das lernfreudige Mädchen mit einer Schreckschußpistole einem Mitschüler ins Ohr und einem anderen ins Gesicht. So wünschen wir uns doch das neudeutsche Gymnasium!  Locker und nicht so stoffbezogen. Zur Belohnung bekommt sie sicher ein pädagogische Exkursion im Wert von 30.000 Euro.   

Dienstag, 26. Februar 2013

Sisyphos





Nichts Neues aus Italien - die Arbeitsmarktreform, die die Gewerkschaften seit 40 Jahren bekämpfen, bleibt weiter unerledigt. Gewerkschaftsfreund Bersani steht dafür.

Wenn Sozialstaaten einen Schuldenberg aufgetürmt haben, wartet eine Jahrhundertaufgabe.


(Bild: Franz Stuck, Wiki.)