Freitag, 4. Oktober 2013

Wir erzählen uns was




Albrecht von Haller (1668-1748), Anatom, Botaniker und Wissenschaftspublizist; zudem Calvinist.


Der Erste Weltkrieg, war, wie Sie zeigen, alles andere als unvermeidlich. Warum ließen sich alle Beteiligten dennoch in ihn hineinziehen?
- Weil alle das Narrativ der Unvermeidlichkeit für sich akzeptierten. Ein weiterer Faktor ist, dass die Ententemächte stark unter Druck sind. Im Sommer 1914 spielen die Briten mit der Idee, die anglo-russische Konvention von 1907 im Folgejahr auslaufen zu lassen und sie durch eine Art Verständigung mit Berlin zu ersetzen. Die Briten waren durch die deutsche Flottenrüstung viel weniger beunruhigt, als immer behauptet wird. Von 1908 an ist klar, dass das Deutsche Reich den Rüstungswettlauf auf den Meeren verloren hat. Umso genauer beobachten die Briten die russische, amerikanische und japanische Flotte.”

Das Narrativ der Unvermeidlichkeit. (Lat. narrare - erzählen) Was der australische Historiker Christopher Clark hier im Interview anspricht (“Alle diese Staaten waren Bösewichte“, FAZ 23.9.13), scheint mir der Kern der Problematik von 1914 zu sein. Darüberhinaus aber auch der Kern aller Erkenntnisbedingung. Erkenntnis ist ein langer Vorgang, und meist ist es wirklich nur ein Narrativ. Eine Erzählung. Die Sonne kreise um die Erde, war so ein Narrativ. Der Rhein sei die natürliche Grenze Frankreichs, das war jahrhundertelang ein historisches Narrativ, immer wieder Deutschland anzugreifen. Historische und außenpolitische Betrachtungen folgen besonders gern besonders einfach gestrickten Narrativen. Dort können die Folgen sehr schlimm sein. Aber Narrative beherrschen überall das Feld. Und selbst in den Naturwissenschaften kommt nicht alle Tage ein Galilei daher, der den aristotelischen Unsinn kritisch nachmißt und dekonstruiert. Viel schwieriger ist das in den Geistes- und Sozialwissenschaften, deren Methoden den Moden folgen. Dabei wäre es ganz einfach: Jedem Narrativ stehe die Prämisse voran, daß alles, was gesagt wird, auch anders gesagt werden kann. (Luhmann) Und die Präambel hat schon Lichtenberg formuliert: “Wir irren allesamt. Nur jeder irret anders.”

Lichtenberg übernahm diese Formulierung von seinem Schweizer Kollegen Albrecht von Haller aus dessen Lehrgedicht “Die Alpen”; dort heißt es recht eindrucksvoll:



Wir irren allesamt, nur jeder irret anderst.
So wie, wann das Gesicht gefärbtem Glase traut,
Ein jeder, was er sieht, mit fremden Farben schaut;
Nur sieht der eine falb und jener etwas gelber;
Der eine wird verführt, und der verführt sich selber;
Der glaubt an ein Gedicht und jener eignem Tand;
Den macht die Tummheit irr und den zuviel Verstand;
Der hofft ein künftig Glück und lebt darum nicht besser;
Und jenes Unglück wird durch seine Tugend größer;
Der Pöbel ist nicht weis', und Weise sind nicht klug;
Soweit die Welt sich streckt, herrscht Elend und Betrug:
Nur daß der eine still, der andre rasend glaubet,
Der sich allein die Ruh und jener andern raubet.
Und:
Der Pöbel hat sich nie zu denken unterwunden,
Er sucht die Wahrheit nicht und hat sie doch gefunden;
Sein eigner Beifall ist sein bündigster Beweis,
Er glaubet kräftiger, je weniger er weiß.
Ihm wird der Weiseste zu schwache Stricke legen,
Er spricht ein trotzig Ja und löst sich mit dem Degen.

So kommen dann auch allerhand Kriege zustande.

Donnerstag, 3. Oktober 2013

Front drive mower - Frontantriebsmäher



Front drive mower - good traction up the slope? Or not so, as a test reads. Actually front drive should be better up the hill than rear drive. Has anyone experience? 
Hat jemand Erfahrung mit einem Frontantriebsmäher am Hang? Zum Beispiel mit dem Mulcher Husqvarna WB 48S e?

Artung und Entartung




Glarner Landsgemeinde (Schweiz) 2006 - wie seinerzeit in Athen 


(Foto: M. Schlumpf / Wiki.)






“die natürliche grazie der stellung entartet in eine beugung”, 
oder “wie könnten ihre kinder entarten”, wird Schiller bei den Grimms zitiert; 
oder Klopstock:
“entartet Romulus enkel, und gleicht bei dem wollustmahle dem thier”;
und weitere Beispiele aus dem Grimm: “dieses streben entartete zu geheimniskrämerei”, “entartete mutter”, “von ihrer guten eigenschaft entartet”, “der stamm entartet” u.a.m.


Der Medienkritik entnahm ich, daß ein Fernsehfuzzi dem Vorsitzenden Lucke der ALTERNATIVE für DEUTSCHLAND (AfD) vorwarf, er habe das Verb “entarten” gebraucht; das hätten die Nazis erfunden und daran könne man ersehen, daß Lucke und seine Partei … u.s.w., was Fernsehfuzzis in diesem Zusammenhang so an Blödsinn ausstoßen.


Das Medium Fernsehen ist ein Massenformat mit dem entsprechenden Niveau.Und dieses Niveau bewegt sich ständig weiter nach unten. Darin liegt auch seine propagandistische Kraft für die herrschende Kaste der Chefredakteure. 
Im antiken Athen waren etwa 20% der Bürger wahlberechtigt, Versammlungen und Debatten wurden auf dem Versammlungsplatz, der Agora, veranstaltet. Jeder konnte die Kandidaten hören, sehen und persönlich befragen.

In der Übertragung der Demokratie auf große Flächenstaaten liegt ein sehr großes Entartungspotential, dem nur durch Bürgerbegehren vor Ort und große regionale Selbständigkeiten wie in der Schweiz und den USA begegnet werden kann. Die repräsentative Demokratie mit dem 4-Jahre-Blankoscheck in einem großen Flächenland ist in jedem Fall eine schwerwiegende Entartungsform der Demokratie. Sie ermöglicht auch die mächtige Große-Bruder-Kaste der Chefredakteure, die, selbst ungewählt, die Themen der Politik allein schon durch die Nachrichtenauswahl bestimmen. Jeden Tag. Ungewählt. Selbstherrlich und arrogant.

Mittwoch, 2. Oktober 2013

Eure Etüden





Was hält die Flügeldame denn da in der Hand? Was steht da drauf?





“Malu Dreyer schickt Brief voller Fehler an Merkel

Ein Schreiben der rheinland-pfälzischen Ministerpräsidentin an die Bundeskanzlerin bringt die Mainzer Staatskanzlei in Erklärungsnot. In dem Dokument wimmelt es nur so von Rechtschreibfehlern.” WELT online 2.10.13  
Bei der Dreyerin und ihrer SPD stand das Wort jedenfalls nicht am Anfang. Auch sonst sind da Zweifel angebracht. Die Viren und Bakterien standen mutmaßlich am Anfang. Aber das Wort und die Wörter kamen dann, als es richtig spannend wurde, nämlich bei Erscheinen des Menschen. Der nämlich ist kein zoon politikon, sondern ein Schwatlapp. Und beim Schwätzen verfertigt er auch Kultur aller Art. Das ist doch was, wenn man das auch nicht überschätzen sollte. Denn: “Die Kultur vermag nichts und niemanden zu erretten, sie rechtfertigt auch nicht. Aber sie ist ein Erzeugnis des Menschen, worin er sich projiziert und wiedererkennt; allein dieser kritische Spiegel gibt ihm sein eigenes Bild.” Meint der Sartre in seinen “Wörtern” (S.144), und da hat der Sartre mal recht, was ja nicht alle Tage vorkam. Allerdings muß man das noch in den Plural setzen und mit einem Zusatz versehen:
Allein diese Spiegel der Wörter verhelfen den Menschen zu genaueren Bildern von sich selbst, auch wenn die meisten davon ziemlich falsch sind.
Die Arbeit an der Sprache, an den Wörtern, am präzisen Ausdruck ist daher verdienstvoll und wichtig. Sonst bleibt nur der dümmliche Sprachbrei der meisten Journalisten und Fernsehleute.

Dienstag, 1. Oktober 2013

Wenn der Papa mit der Tochter









Das Fagott mit Rie Koyama - paßt!

(Foto: www.rie-koyama.com/rk/wb/pages/de/willkommen.php)




Wer spielt das tiefe Fagott? Im Zweifelsfall Gottvater. Auf eine junge Japanerin würde man nicht auf Anhieb kommen. Aber auch das gibt es. Rie Koyama spielt Fagott. Und wurde im schwäbischen Trossingen geboren. Nicht gerade von einer Fagottistin, aber doch von einem japanischen Fagottisten gezeugt. Ob er dabei Fagott gespielt hat? Wahrscheinlich nicht. Aber anschließend immer wieder und nicht zu knapp. Offenbar. Das hat gewirkt. Und dann studiert sie auch noch bei ihrem Papa an der Trossinger Musikhochschule. Da kann man nur gratulieren. Wem? Papa oder Tochter? Wohl beiden.