Donnerstag, 14. Dezember 2017

Subjektivierung der Religion


"Aufklärung als Ersetzung der Religion durch Moral: Michel de Certeaus Deutung  Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.04.2008, LORENZ JÄGER
Wie die Frömmigkeit privat wurde
…  Nun hat die Zeitschrift des Frankfurter Zentrums zur Erforschung der Frühen Neuzeit ihm ein ganzes Doppelheft gewidmet (Zeitsprünge. Forschungen zur Frühen Neuzeit, Jg. 12, Heft 1/2. Lire Michel de Certeau/Michel de Certau lesen. Verlag Vittorio Klostermann, Frankfurt 2008).

Man findet darin einen gewichtigen und ungemein reichhaltigen Beitrag des Denkers, der in Frankreich schon vor mehr als dreißig Jahren erschien und nun erstmals auf Deutsch vorliegt (Die Förmlichkeit der Praktiken. Vom religiösen System zur Aufklärungsethik: 17. bis 18. Jahrhundert). … die Aushöhlung der Offenbarung durch Moral.

Den Endpunkt des Prozesses lokalisiert de Certeau in der bündigen Formulierung aus einem Brief Rousseaus an Voltaire: "Das Dogma ist nichts, die Moral ist alles." … Die Rede von den "Werten", die wie kaum etwas anderes für die Gegenwartsgesellschaften bezeichnend ist, hat hier ihren Ursprung.
… Die Fassaden der Religion blieben erhalten, aber ihre Institutionen wurden von der Staatsräson "unterwandert", wie de Certeau schreibt. In der Erziehung traten bürgerliche Tugenden in den Vordergrund, die Religion wurde zur "Frömmigkeit" privatisiert und verinnerlicht. "Heiliges Leben" modellierte fortan ",subjektive' und ,psychologische' Laufbahnen, die sich nicht mehr auf dem Spielbrett einer zivilen oder politischen Ordnung abspielen".

…“

Interessanter Gesichtspunkt, der das auffällige Interesse einiger Aufklärer an Moral erklären kann. Kant hat diesem Aspekt eine ganze Kritik gewidmet, die „Kritik der praktischen Vernunft“, eine saure Pflichtethik.
Die Subjektivierung der Moral und Wendung nach innen entkleidet die Religion ihrer aggressivsten Züge. Die mohammedanische Ideologie kennt eine solche Entwicklung nicht und gehört schon deswegen nicht nach Europa.  




















Claudio Arrau: Debussy - Préludes Book I, 'La fille aux cheveux de lin'

Montag, 11. Dezember 2017

A. Rolla Little Duo for Violin and Viola, Op. 13

Reinigungsdrang


Bei Licht betrachtet ist die “Reinigungslehre” (Katharsis) bei den alten Griechen eine Merkwürdigkeit und nur mit der Vorstellung von “Sauberkeit” verständlich, wie sie Mary Douglas in “Impurity and Danger” in primitiven Gemeinschaften gefunden und herausgearbeitet hat. Mit dem Thema befaßte sich auch eine Althistoriker- und Altphilologentagung, von der Gustav Falke berichtete (Griechische Katharsislehre, Reinigungsdrang, FAZ, 22.06.2005) Insbesondere bei Platon findet sich historisch Bemerkenswertes:
“Christian Wildberg wies auf den Stellenwert hin, den die Begriffe von Reinheit und Reinigung etwa im Phaidon haben. Wer sich von der Stadtmauer stürzt, hätte Sokrates ja ganz mißverstanden. Sterbenlernen meint nur, von Furcht und Leid befreit zu werden, mit denen die Körpergebundenheit der Seele einhergeht. Und für Plato ist es die kathartische Aufgabe der Philosophie, nicht den eigenen Körper zu negieren, sondern die Identifikation mit ihm aufzulösen.”

Ich habe mich schon länger gefragt, warum in der Schule allerhand Unnützes gelehrt wird, speziell, warum der Mensch und sein Körper in der Biologie eine so nebensächliche Rolle spielt und er früher gar nicht vorkam, etwa in den Lateinschulen. Der Körper galt den Platonikern und Religiösen als unreinlich, als verderblich und peinlich. Rituelle Waschungen besitzen hier ihre Wurzel und daher stammt auch der monströse Zölibat der Katholiken, der nicht nur den Priestern eine schwere Bürde zumutet, sondern auch die erbliche Weitergabe von Intelligenz behinderte und verhinderte, dies noch heute. Zugunsten des protestantischen Pfarrhauses übrigens.
Für den Normalbürger aber ist diese leibfeindliche Haltung das Schlimmste, weil es die Identifikation mit dem Körper stört und die Aufmerksamkeit von ihm abzieht. In der Schule werden keine Anatomie, keine Innere Medizin, keine Orthopädie und keine Psychiatrie gelehrt, der Schüler verläßt die Schule weitgehend als physiologischer Analphabet. Das verursacht für das Individuum Leiden und für die Gesellschaft hohe Gesundheitskosten.
“Reinheit” und Katharsis waren daher von Beginn an unsinnige, destruktive Begriffe.