Sonntag, 14. März 2021

Ehe so oder so?

Man erinnert sich an Odysseus und Penelope, Helena und Paris, Daphnis und Chloe - deswegen sieht Mitterauer immer auch zurecht die antiken Grundlagen für die europäische Entwicklung der gattenzentrierten Ehe. Die nordischen Verhältnisse beachtet er weniger, aber es ist durchaus bemerkenswert, was Tacitus in der GERMANIA schreibt:

“Die Morgengabe bringt nicht das Weib dem Manne, sondern dem Weibe der Mann. Bei der Ueberreichung finden sich Eltern und Verwandte ein und mustern die Geschenke. Geschenke – aber nicht weibliche Luxusdinge oder Schmucksachen für die Neuvermählte, sondern Rinder und ein gezäumtes Roß und ein Schild mit Schwert und Speer. Gegen diese Gaben wird die Frau dem Manne zutheil, dem sie selbst ihrerseits einige Waffen zubringt. Diese Dinge gelten als das festeste Band, als das heilige Geheimniß, als die Schirmgötter der Ehe. Das Weib soll nicht wähnen, daß sie außerhalb der männlichen Gedankenwelt, außerhalb der kriegerischen Ereignisse stehe. Darum wird sie schon auf der Schwelle des Ehestands belehrt, daß sie eintritt als Genossin von Mühsal und Gefahr, im Frieden und im Kriege mit dem Manne zu dulden und zu wagen. Also verkünden ihr die gejochten Rinder, das gezäumte Roß, die dargebrachten Wagen; so muß sie leben, so muß sie sterben; was sie heut empfängt, das soll sie unentweiht und in Ehren dereinst ihren Söhnen übergeben, von diesen sollen es ihre Schwiegertöchter entgegennehmen, ihre Enkel es erben.”

(Tacitus, Die Germania.)


Tacitus war jedoch selbst nicht in Germania, sondern schöpft aus Quellen wie Caesar und Titus Livius. 

Dennoch kann diese Darstellung mit erklären, warum zwar das orientalische Christentum mit Paulus und Thomas die asiatische Vorstellung von dem Weib als “verfehltem Mann” (Thomas von Aquin) transportiert, aber diese nicht umfänglich dem Norden überstülpen kann. Mit Tacitus lassen sich viele okzidentale Erscheinungen gut vereinbaren, seien es die Kaiserinnen wie Theophanu oder die Witwe Loretta von Salm, die den aggressiven Erzbischof von Trier gefangensetzt. (Fischer-Fabian, Die Deutschen im späten Mittelalter, S. 219ff.) Auch das merkwürdige Phänomen des Minnesangs sei erwähnt.  

Mitterauer betont die große Bedeutung der christlichen Konsensehe und die Parallelisierung der Verwandschaftsbedeutung beider Ehepartner, sieht aber auch, daß im Osten “trotz Christianisierung patrilineare Traditionen der vorchristlichen Zeit vielfach weiterhin wirksam” blieben.* Das dürfte auch für die Vergleichsräume China und islamische Länder gelten, sie “erweisen sich im historischen Rückblick  als stark abstammungsorientierte Kulturen - den jeweiligen Wurzeln nach wohl aus sehr unterschiedlichen Gründen. Der Effekt ist aber weitgehend derselbe. Patrilineare Strukturen bedeuten für die Ordnung der Familie starke Bindungen - insbesondere die Notwendigkeit, die männliche Linie fortzusetzen.”*   (Mitterauer, Warum Europa? S. 103)

Freitag, 12. März 2021

Die westliche Kernfamilie schon bei den Karolingern


Peter Laslett, Characteristics of the Western Family considered over Time, 1977

“Alle vier der von Laslett genannten Characteristika der ‘westlichen Familie’ reichen historisch sehr weit zurück. Alle vier deuten auf grundherrlichen Einfluß. Alle vier lassen sich mit der Hufenverfassung in Verbindung bringen. Alle vier verweisen auf verschiedene Facetten der gattenzentrierten Familie: Im ‘simple family household’ bildet das Gattenpaar das Kernstück der Familie. Das einmalig hohe Heiratsalter hängt damit zusammen, daß man mit der Heirat die Selbständigkeit als Hausherr bzw. Hausfrau erreicht. Die Bedeutung der Wiederverehelichung erklärt sich aus der Notwendigkeit, die beiden zentralen Rollen von Hausherr und Hausfrau immer wieder zu besetzen. Der Gesindedienst ist das Korrelat zur späten Heirat. So lange man nicht heiraten kann, verbleibt man in abhängiger und im wesentlichen kindesgleicher Stellung - wenn nicht bei den Eltern, so als Knecht oder Magd unter Nichtverwandten in fremdem Haus.”       

(Mitterauer, Warum Europa? S. 76) 


Die Propagierung der Einehe durch das Christentum dürfte hier unterstützend gewirkt haben. Dies ist in allen anderen Religionen auch heute noch anders.

 

Mittwoch, 10. März 2021

Konservatismus

 


Geschichtsschreibung ist der Zeit unterworfen. Die Politik mischt dabei auf vielen Wegen mit. Besonders brutal sind Diktaturen darauf aus, die Historiker zu lenken. In der Honecker-und-Gysi-Diktatur flüchteten viele Historiker in die frühe Geschichte, deswegen bekamen sie von der SED einen politischen Kommissar und Stasi-Agenten vorgesetzt, hier Joachim Streisand, der alles auf SED-Konformität kontrollierte.


Keine Theorie, keine Ideologie kann alle Bereiche des Lebens abdecken. Insbesondere gilt das für politische Theorien.

Der Mensch selbst ist ein von der Evolution zusammengewürfeltes System. 

Sein Körper bestimmt grundlegend sein Leben. Egal, ob es sich um den Blutdruck oder das endokrinologische System handelt.

Fünf Grundbedürfnisse hängen mit der Physis eng zusammen: existenzielle Sicherheit, körperliche Integrität, Selbstentfaltung und Leistung.

Hier ist der eigentliche Urgrund des Konservatismus. Da sollten Experimente eher vermieden werden.  

Im politischen und sozialen Raum kommen und gehen die Theorien (Religionen inbegriffen) und Verrücktheiten. Die Geschichte bietet dafür reiches Anschauungsmaterial, sie gibt aber keine Lehren, da die Zeitumstände ständig wechseln und Gesellschaften nicht zu steuern sind wie etwa ein Schiff. Das “Staatsschiff” als Vergleichsbild ist nicht nur falsch, sondern auch gefährlich. 

Das Ordnungsbedürfnis der Bürger dominiert hier alles andere. Daher spielen Nation, Staat,  Wohlstand und politisch-soziale Freiheiten eine gewisse Rolle; diese Bestandteile stehen im Verbund miteinander und bedürfen der ständigen Aufmerksamkeit und Austarierung. Wird ein Bestandteil zu dominant, so geraten die anderen Bestandteile in Gefahr bis hin zur Auslöschung. Auch hier empfiehlt sich stets, von einem konservativen Standpunkt auszugehen, aber bei allem Handeln stets die Unsicherheit allen menschlichen und politischen Urteilens zu veranschlagen.






Dienstag, 9. März 2021

Aus Sklaven werden Bauern

 “Die auflösende Wirkung grundherrschaftlicher Ordnungen auf Stammesgesellschaften liegt nicht zuletzt darin begründet, daß sie Unfreie einbeziehen. Die fränkische Villikationsverfassung hat aus Sklaven ‘servi casati’ mit eigener Bauernwirtschaft gemacht. Sklaven und Unfreie stehen in einer starken personalen Beziehung zu ihren Herren, nicht zu ihrer Verwandtschaft. Die grundherrliche ‘familia’ des Frühmittelalters schließt vielfältige Gruppen von Unfreien, Leibeigenen, Hörigen, Schollengebundenen zu einem neuen Personenverband zusammen. Für eine sachenrechtliche Konzeption des Sklaven wie in der Antike ist hier kein Platz mehr. Die fundamentale Unterscheidung zwischen Freien und Sklaven verschwimmt bei diesen neuen Formen personaler Abhängigkeit. In der europäischen Landwirtschaft spielt Sklavenarbeit seither  keine Rolle mehr.” (Mitterauer, Warum Europa? S. 67)  

Diese Organisationsform entwickelt eine größere Flexibilität des Arbeitseinsatzes mit größerer Eigenverantwortung des Individuums. 

Es bedeutet aber auch mehr Dezentralisierung und ländliche Fokussierung. Die großen Städte verloren an Bedeutung und die zentralen Einrichtungen der Römer wie Brücken, Aquädukte, Straßen und Bewässerungskanäle verfielen und verschwanden größtenteils. 


Montag, 8. März 2021

Byzanz, Kern- und Randeuropa

 “Zwar setzt Byzanz bruchlos die spätantike Tradition der Sklaverei fort, zu einer Ansiedlung als “servi casati” mit selbständiger Bauernwirtschaft kommt es hier aber auf dieser Grundlage nicht.”

Das ist bedeutsam, erstens, weil sich daraus ergibt, daß das Christentum, hier die orthodoxe Kirche, nicht automatisch die Sklaverei abschafft; und zweitens, daß dieser Sklavenstatus des Sklaven ohne eigenes Haus und eigener Versorgung auch den Status stabilisiert. Der Weg in die Lockerung, wie er sich in der fränkischen zweigeteilten Grundherrschaft ergibt, unterbleibt. Pflugdienste werden in der traditionellen byzantinischen Landwirtschaft nicht gebraucht, eine Vergetreidung findet nicht statt.  

Dergestalt bildet sich ein fränkisches bzw. fränkisch beeinflußtes Kerneuropa und ein Randeuropa, das Irland, Wales, Schottland, Osteuropa östlich der Linie Petersburg/Triest, den ganzen Balkan, das ehemalige byzantinische Süditalien sowie das ehemalig maurische Südspanien beinhaltet. “Im Anschluß an abweichende Traditionen der Agrarverfassung hat sich in vielen Regionen ‘Randeuropas’ die politische, wirtschaftliche und soziale Entwicklung anders gestaltet.”

(Mitterauer, Warum Europa? S. 63-66)