Samstag, 7. August 2021

Innerfamiliale Rolle des Christentums im Vergleich


“Obwohl sicher auch in der europäischen Gesellschaftsentwicklung die Religion die jeweiligen Rollen der Geschlechter beeinflußt hat, so läßt sich doch im interkulturellen Vergleich sagen, daß das Christentum für die innerfamiliale Stellung von Frau und Mann von relativ geringer Bedeutung war. Selbst in der altägyptischen Kultur, in der die Geschlechterrollen sehr ausgeglichen waren, konnten nur männliche Familienmitglieder die Totenopfer für die verstorbenen Eltern darbringen. In Indien, China und Japan erscheint der Vorrang der Männer im Hinblick auf ihre ausschließliche  Kultfähigkeit beim Ahnenopfer noch stärker ausgeprägt. Im Christentum fehlt jeder Ansatz zu einem solchen Unterschied. Auch im Vergleich zum europäischen Judentum zeigt sich, daß die religiösen Bedingungen der Geschlechterrollen sowie der innerfamilialen Stellung der Frau und Mann in christlichen Gesellschaften eine relativ geringe Rolle spielten. Im Judentum hat die auf die Männer beschränkte Verpflichtung zum Studium der heiligen Schriften die Unterschiede der Rollenbilder sehr stark beeinflußt - von der Unterschiedlichen Ausbildung von Knaben und Mädchen über die innerfamiliale Arbeitsteilung bis hin zu den Idealvorstellungen des äußeren Erscheinungsbildes. Im Judentum spielte auch der häusliche Kult eine viel stärkere Rolle, wodurch sich eine sakrale Fundierung der Stellung des Hausvaters ergab. Im Christentum als einer ausgeprägten Gemeindereligion fehlen solche Ansätze.”Die christliche Kirche spielt hier nach Mitterauer eine passive, insofern nicht blockierende Rolle. Das ist auch hier, jenseits der proaktiven Faktoren von mittelalterlicher Agrarrevolution, zweigeteilter Grundherrschaft und später Heirat kein ideengeschichtlicher Ansatz wie bei Larry Siedentop in “Die Erfindung des Individuums: Der Liberalismus und die westliche Welt“ und erscheint damit erklärungskräftiger.    


*M. Mitterauer, Sozialgeschichte der Familie, S. 25


Freitag, 6. August 2021

Führt die lange Jugendphase des europäischen Heiratsmusters zum “Single”?

Michael Mitterauer, der sich u.a. auf John Hajnal bezieht, sieht überall das europäische Heiratsmuster am Werk. Zumindest ist das ein wesentliche Faktor, denn die konsensuale gattenzentrierte Familie - man kann sich dabei immer Storms Paar aus dem “Schimmelreiter” vor Augen stellen - ist kein schottischer Klan am Rande des Landes oder eine türkische Großfamile oder ein Zulu-Stamm. So, wie diese Familienmuster mit Frühheirat weiterhin in der Moderne existieren und gerade in Afghanistan spektakulär gegenüber der westlichen Begriffsstutzigkeit reüssieren, so verhält es sich auch mit dem europäischen Muster. Das allerdings an Verletzlichkeit stark zugenommen hat, was die hohen Scheidungszahlen belegen. Zuneigung kann eben leicht umschlagen in Abneigung, und der Sozialstaat öffnet dafür alle finanzielen Türen. Noch nie gab es so viele Alleinerziehende, Geschiedene und Singles in Einzelhaushalten. Und den chronifizierten Junggesellen zieht es massenhaft in die Stadt, in die Großstadt, wo er sein Lebenskonzept der anhaltenden Pubertät pflegen kann und eine Partei vorfindet, die sich den pubertären Geist auf die grüne Fahne geschrieben hat. 

Vgl. M. Mitterauer, Sozialgeschichte der Familie, S. 22ff.


Donnerstag, 5. August 2021

15°C kälter!

 Wir erinnern uns:

RÄTSELHAFTES KLIMAFLATTERN.

"...Während sich die Nordhalbkugel nach mehr als 100.000 Jahren der Vereisung allmählich zu erwärmen begonnen und sich das Eis der Weichsel-Eiszeit endgültig in die hohen Breiten zurückgezogen hatte, gab es vor etwa 12.900 Jahren plötzlich einen Rückfall in extrem kalte Verhältnisse. Für annähernd 1300 Jahre kehrte der Dauerwinter noch einmal zurück.
Im Durchschnitt wurde es dabei innerhalb nur eines Jahrzehnts um 15 Grad kühler als heute, die Jahresmitteltemperatur in England betrug minus 5 Grad.”

Horst Rademacher, Laßt Pilze sprechen, Klimaflattern am Ende der Eiszeit weiterhin rätselhaft, FAZ 6.10.10

Es wurden Ausscheidungen von Pilzen unter dem Eis gefunden, daher die Überschrift.

Mittwoch, 4. August 2021

Die lange Jugendphase

Der Gesindedienst im Rahmen der mittelalterlichen Grundherrschaft sorgte für eine lange Jugendphase und späte Heirat. Das scheint tatsächlich ein sehr wesentlicher und weltweit einzigartiger Faktor zu sein für die Stärkung der weiblichen Seite in der ebenfalls einzigartigen konsensuellen Gattenfamilie. Dazu paßte die von der christlichen Kirche propagierte Einehe und deren Aufhöhung als Sakrament. Merowingische und karolingische Herrscher pflegten noch die Polygamie, fanden damit aber keine kirchliche Anerkennung. Fürstenverhalten hat zudem keine breitenwirksame Ausstrahlung, während der Gesindedienst und die späte Heirat landauf, landab wirksam waren und ihr Freiheitspotential entfalteten. Ein spätes Heiratsalter stärkt die konsensuelle Partnerwahl. 

Vgl. M. Mitterauer, Sozialgeschichte der Familie, S. 22f.








Dienstag, 3. August 2021

Eine Wurzel des Jugendkults

 Ahnenkult

“Komplexe Großfamilienformen, patrilineares Verwandtschaftssystem bzw. Klanverfassung sind in außereuropäischen Kulturen häufig mit religiösen Systemen verbunden, in denen die Verehrung der Ahnen eine große Rolle spielt. Für die Entwicklung der europäischen Familienverfassung dürfte es von großer Bedeutung gewesen sein, daß die diesen Großraum prägende Religion den Ahnenkult nicht kennt. Überall, wo in Europa in frühen Entwicklungsphasen Ahnenverehrung bestand, wurde sie durch die Christianisierung zurückgedrängt.”*


Großmäulige Pubertätsrebellionen wie 1968 stehen da auf der Sollseite. Das Fehlen des Ahnenkults wirkt zunächst befreiend, heute wirkt es infantilisierend.     


*M. Mitterauer, Sozialgeschichte der Familie, S. 17