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Freitag, 17. Dezember 2021

Milde Winter standen Pate

 Nachtrag zu “Mitterauer, Warum Europa?” 

Die klimatisch unfreundlichen Breiten Europas führten zu einer späten Besiedlung und forderte große Entbehrungen im Vergleich zu den warmen Breiten. Von Mitterauer wird die neue Großtierhaltung als ein bedeutender Faktor in der mittelalterlichen Agrarrevolution benannt, die wohl den Aufstieg des von zwei Seiten bedrängten Europas bewirkte. Für die Kriegsfähigkeiten spielte die Pferdehaltung eine entscheidende Rolle in der Abwehr der Araber und Mongolen, für die Ernährung aber im Winter war die Rinderhaltung von Bedeutung. Solange die Fortpflanzung fest an den Herbst gebunden war, blieb die Kuhmilch ein Saisonprodukt des Sommers. Das änderte sich wohl erst zu Beginn der Bronzezeit (ca. 3000-1000), als auch das Winterfutter erwirtschaftet wurde, zunächst wahrscheinlich durch Laubsammeln unterstützt. Winterliche Kuhmilch erleichterte dann auch die Ernährung der Bauern. 


Vgl. Diemut Klärner, Zeit für Milch, Archäologen zeigen: Einst war Milch ein typisches Saisonprodukt (FAZ 9.6.21)

Mittwoch, 4. August 2021

Die lange Jugendphase

Der Gesindedienst im Rahmen der mittelalterlichen Grundherrschaft sorgte für eine lange Jugendphase und späte Heirat. Das scheint tatsächlich ein sehr wesentlicher und weltweit einzigartiger Faktor zu sein für die Stärkung der weiblichen Seite in der ebenfalls einzigartigen konsensuellen Gattenfamilie. Dazu paßte die von der christlichen Kirche propagierte Einehe und deren Aufhöhung als Sakrament. Merowingische und karolingische Herrscher pflegten noch die Polygamie, fanden damit aber keine kirchliche Anerkennung. Fürstenverhalten hat zudem keine breitenwirksame Ausstrahlung, während der Gesindedienst und die späte Heirat landauf, landab wirksam waren und ihr Freiheitspotential entfalteten. Ein spätes Heiratsalter stärkt die konsensuelle Partnerwahl. 

Vgl. M. Mitterauer, Sozialgeschichte der Familie, S. 22f.








Montag, 24. Mai 2021

Brot-und-Butter-Perspektive fehlte bisher

Michael Mitterauer, Warum Europa?, Mchn. 2003


Die Zahl der Bücher zum Mittelalter ist Legion. Mußte Mitterauer auch noch eines vorlegen? Das kann man nur wärmstens begrüßen. Seine Brot-und-Butter-Perspektive fehlte bisher. Das läßt sich fast wörtlich verstehen. Die mittelalterliche Agrarrevolution macht Mitterauers Argumentationsfundament aus, auf diesem stellen sich die anderen Faktoren dar: bessere Versorgung der Bevölkerung, insbesondere auch der Armeen, deren Panzerreiter nicht nur Pferde und den Hafer für diese brauchten, sondern auch elaboriertes Schmiedehandwerk erforderten; die Vergetreidung setzte auch Impulse für die Mechanik der Mühlentechnik, die Zukunftspotential für die technische Entwicklung auch anderer Bereiche wie der Wasserkraftnutzung überhaupt entfaltete; und schließlich bildete die Erfindung der Vasallität und der feudalen Grundherrschaft einen starken Anstoß für die Arbeitsteiligkeit und die soziale Organisation von Familie und Haushalt - weg von einer stark patrilinearen Familienordnung hin zur europäischen gattenzentrierten Familie mit später Heirat und konsensualem Potential.

Es leuchtet ein, daß gerade der letzte Punkt auch heute noch ein kapitaler Trennungsfaktor zu anderen Kulturen darstellt. 

Diese Wirkfaktoren in ihrer sich gegenseitigen begünstigenden Verkettung dargelegt zu haben ist das große Verdienst dieses Buches.

 









Freitag, 26. Februar 2021

Der Roggen ist’s!

David Landes wählte in seiner Monographie “Armut und Wohlstand der Nationen” ebenfalls einen vergleichenden Ansatz, allerdings streift er nur allgemein die Landwirtschaft des frühen Mittelalters. Michael Mitterauer setzt just da an. “Roggen und Hafer, die Agrarrevolution des Frühmittelalters” ist sein erstes Kapitel überschrieben. Natürlich ist die Ernährungsfrage das Fundament für alles andere, wie leicht einzusehen ist. Aber ernährt haben sich alle Populationen rund um die Welt. Sollte der Roggen als Hauptgetreide - statt Weizen wie im Mittelmeerraum und Reis in China - eine so bedeutende Rolle gespielt haben? Roggen sei haltbarer, meint Mitterauer, erlaube die Dreifelderwirtschaft, die Heuwirtschaft auf dem Brachland und verlange nach den Wassermühlen mit vertikalem Rad, was wiederum zur Nockenwelle führe. 

Abb.: Roggenähre (Wiki.)