Sonntag, 5. September 2021
Samstag, 4. September 2021
3 Ebenen
“Schauplatz der komplexesten, verwirrendsten und umfassendsten Abfolge von Bruchlinienkriegen Anfang der neunziger Jahre war das frühere Jugoslawien. Auf der primären Ebene kämpften in Kroatien die kroatische Regierung und Kroaten gegen die kroatischen Serben und in Bosnien-Herzegowina die bosnische Regierung gegen die bosnischen Serben und bosnischen Kroaten, die sich auch gegenseitig bekämpften. Auf der sekundären Ebene trat die serbische Regierung für ein “Großserbien” ein, indem sie die bosnischen und kroatischen Serben unterstützte. Die kroatische Regierung strebte ein “Großkroatien” an und unterstützte die bosnischen Kroaten. Auf der tertiären Ebene kam es zu einer massiven kulturellen Sammlungsbewegung: Deutschland, Österreich, der Vatikan, andere katholische Länder und Gruppierungen Europas und später die USA engagierten sich zugunsten Kroatiens; Rußland, Griechenland und andere orthodoxe Länder und Gruppen stellten sich hinter die Serben; der Iran, Saudi-Arabien, die Türkei, Libyen, die islamistische Internationale und islamische Länder generell begünstigten die bosnischen Muslime. Diese erhielten Unterstützung auch von den USA - eine kulturell nicht zu erklärende Anomalie in dem ansonsten einheitlichen Bild ‘Kin-Gruppe stützt Kin-Gruppe’ (Verwandten-Gruppe, WD). Die kroatische Diaspora in Deutschland und die bosnische Diaspora in der Türkei kamen ihrer jeweiligen Heimat zu Hilfe.”*
Diese drei Ebenen machen Bruchlinienkriege leicht unüberschaubar, weil die Agenten aller drei Ebenen selbständig agieren und teilweise auch neben- und gegeneinander; der schiitische Iran verfolgte eigene Nebeninteressen gegenüber den sunnitischen Saudis und Türken. In Afghanistan gab es ähnliche Allianzen, die sich nach dem Abzug der Russen im Bürgerkrieg bekämpften. Derzeit formiert sich Widerstand gegen die Taliban unter dem Tadschiken Ahmad Masoud. Nicht nur auf russische Hilfe wird er zählen können.
*Huntington: Kampf der Kulturen Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert S. 460
Dienstag, 31. August 2021
Afghanistan, das gefeierte Desaster. Ein Studiobeitrag von Imad Karim
Montag, 30. August 2021
Klimaschau #62: Das Geheimnis der Wolken
Sonntag, 29. August 2021
Kultur?
Das ist ein weites Feld! Auf dem begegnet einem zuerst Fontane, von dem der Ausdruck stammt: ›Ach, Luise, laß ... das ist ein zu weites Feld.‹ (Effi Briest)
Weit oder zu weit? Das Feld ist schwer zu überschauen, und viele Parzellen gibt es da. Wir setzen mutig einen Fuß darauf und sagen: alles Geschaffene, alles Geformte ist Kultur; Kultur bezeichnet das Menschliche schlechthin, denn wo der Mensch aufscheint, dort hat er auch geformt und geschaffen. Denken wir an den Laokoon der griechischen Antike. Ein trojanischer Legendenstoff läßt den Bildhauer - es waren wohl drei - zu Fäustel (geformt) und Meißel (geformt) greifen und einen großen Marmorblock zu einer mit Bedeutung aufgeladenen Figurengruppe formen, die ihre Wirkung durch die Jahrhunderte entfaltet und zu vielen Sinngebungen anregt. In einem kulturellen Umfeld jedenfalls, das den Menschen ansieht und Abbilder formt, die symbolische Wirkung entfalten. Diese Wirkung hat Rilke in Sprache geformt, angeregt ebenfalls von einem geformten Marmorblock:
Archaïscher Torso Apollos
Wir kannten nicht sein unerhörtes Haupt,
darin die Augenäpfel reiften. Aber
sein Torso glüht noch wie ein Kandelaber,
in dem sein Schauen, nur zurückgeschraubt,
sich hält und glänzt. Sonst könnte nicht der Bug,
der Brust dich blenden, und im leisen Drehen
der Lenden könnte nicht ein Lächeln gehen
zu jener Mitte, die die Zeugung trug.
Sonst stünde dieser Stein entstellt und kurz
unter der Schultern durchsichtigem Sturz
und flimmerte nicht so wie Raubtierfelle
und bräche nicht aus allen seinen Rändern
aus wie ein Stern: denn da ist keine Stelle,
die dich nicht sieht. Du mußt dein Leben ändern.
Rainer Maria Rilke
