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Sonntag, 29. August 2021

Kultur?

Das ist ein weites Feld! Auf dem begegnet einem zuerst Fontane, von dem der Ausdruck stammt: ›Ach, Luise, laß ... das ist ein zu weites Feld.‹ (Effi Briest) 

Weit oder zu weit? Das Feld ist schwer zu überschauen, und viele Parzellen gibt es da. Wir setzen mutig einen Fuß darauf und sagen: alles Geschaffene, alles Geformte ist Kultur; Kultur bezeichnet das Menschliche schlechthin, denn wo der Mensch aufscheint, dort hat er auch geformt und geschaffen. Denken wir an den Laokoon der griechischen Antike. Ein trojanischer Legendenstoff läßt den Bildhauer - es waren wohl drei - zu Fäustel (geformt) und Meißel (geformt) greifen und einen großen Marmorblock zu einer mit Bedeutung aufgeladenen Figurengruppe formen, die ihre Wirkung durch die Jahrhunderte entfaltet und zu vielen Sinngebungen anregt. In einem kulturellen Umfeld jedenfalls, das den Menschen ansieht und Abbilder formt, die symbolische Wirkung entfalten. Diese Wirkung hat Rilke in Sprache geformt, angeregt ebenfalls von einem geformten Marmorblock:

Archaïscher Torso Apollos

Wir kannten nicht sein unerhörtes Haupt,

darin die Augenäpfel reiften. Aber

sein Torso glüht noch wie ein Kandelaber,

in dem sein Schauen, nur zurückgeschraubt,

 

sich hält und glänzt. Sonst könnte nicht der Bug,

der Brust dich blenden, und im leisen Drehen

der Lenden könnte nicht ein Lächeln gehen

zu jener Mitte, die die Zeugung trug.

 

Sonst stünde dieser Stein entstellt und kurz

unter der Schultern durchsichtigem Sturz

und flimmerte nicht so wie Raubtierfelle

 

und bräche nicht aus allen seinen Rändern

aus wie ein Stern: denn da ist keine Stelle,

die dich nicht sieht. Du mußt dein Leben ändern.


Rainer Maria Rilke


Mittwoch, 27. Dezember 2017

Wer sandte das Fax?


Wolf Biermann
Rilke Rilke
(für Heinrich Senfft, der’s auch besser weiß)
Der riesendunkle Rilke. Leere Puderdose. Reimer!
Ein ewig unbestimmtes Ahnen weht verzückt
Ein evangelisch abgehärmtes Raunen
Verliebte Innenwelt im goldnen Abfalleimer
Der Weltgeschichte fürs Elitepack. Doch glückt 
Dem Dichter manches Strophenbündel, das mich wild 
Vor Neid macht, und mit kindlichem Erstaunen
Trifft mich mein grobes Deutsch, so biegeschlank
Wie kommt das bloß, daß aus der welken Hand
So Rosen wirklich blühn und jung die Sprache quillt
In dieses einzige und ganz verdorbne Vaterland
... 
So schenkt er Schatten seines Seelendämmerlichts
An Sonnensüchtige, teilt elegante Schmerzen aus
Und reiß ich mir auch Steine aus der Torte raus
Hab ich am Ende doch die Hände voll mit nichts
Nichts. Nichts zum Schmeißen, nichts zu essen. 

Quelle: Ein Fax v. 5.11.96, ohne Fax-Kennung

Wie immer nahm Biermann hier die Schnauze voll, zu voll an einigen Stellen, mundfertig an anderen. Es ist wohl ein frühes Gedicht Biermanns. Damals war er noch ein linker Spinner von Gnaden Brechts - der bei dem SED-Diktator Ulbricht, der ihn bezahlte, zweifellos auch zum “Elitepack” zählte - heute ist Biermann ein geläuterter Reimer, der den Kommunismus nicht mehr singt. Lebenserfahrung macht auch aus Spinnern mehr, als sie in jüngeren Jahren waren.- Was Rilke betrifft, so trifft manches der Tendenz nach zu, wenn auch stark vergröbert. 
Vor allem aber: “Doch glückt 
Dem Dichter manches Strophenbündel”. 
Das ist so.