Montag, 6. Juni 2011

Jungbrunnenstrahlen?





Ob das die deutsche Geschichtsmuse ist?
Jedenfalls kümmert sie sich angelegentlich um die Spinnen, man sieht es an ihrem Leibesumfang.




"Die Tradition aller toten Geschlechter lastet wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden."
Was Marx seinem "Achtzehnten Brumaire des Louis Bonaparte" voransetzt, wird zur gleichen Zeit von Nietzsche in seiner Schrift "Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben" thematisiert:
"Es gibt einen Grad von Schlaflosigkeit, von Wiederkäuen, von historischem Sinne, bei dem das Lebendige zu Schaden kommt und zuletzt zugrunde geht" (Schlechta I, S. 214)
Dieses Motiv findet sich schon, ganz ohne Ironie, in Goethes Zeilen:

Dich stört nicht im Innern,
Zu lebendiger Zeit,
Unnützes Erinnern
Und vergeblicher Streit.

(Den Vereinigten Staaten)

Goethe schätzte den alteuropäischen Rattenschwanz von Orthodoxien, Abschreibereien und Wiederkäuen nicht allzu sehr, daher diese Widmung von 1827. Die Botschaft lautet einfach: nicht zuviel Rückblick. Nach vorne sehen. Die Gegenwart gestalten und die Zukunft in den Blick nehmen. Näheres dazu hat Goethe im Faust II gestaltet.
Natürlich hatte Goethe nichts gegen die Erinnerung, gegen die Mitteilung gemachter Erfahrungen. Otto Hahns "Mein Leben" hätte er wahrscheinlich gerne gelesen. Dort heißt es zum Beispiel auf S. 108f.:
" Wir haben unsere Präparate immer mit den Händen angefaßt; wir haben darin gerührt; und unter dem Tisch, an dem ich mit Lise Meitner arbeitete, stand eine Kiste, die immer 150 bis 250 kg Uransalz enthielt. Chemiker und Physiker würden sich heute bekreuzigen, wenn sie sich jeden Tag von 150 kg Uransalz bestrahlen lassen müßten. Uns hat das nichts geschadet. … Ich bin immer etwas mißtrauisch, wenn Leute furchtbar ängstlich sind. … Wenn es damals schon scharfe Strahlenschutzbestimmungen gegeben hätte, dann hätte ich alle meine Arbeiten nicht machen können …”
Das stellte Hahn 1960 fest. Da konnte er nicht ahnen, daß die Strahlenschutzwerte fünfzig Jahre später in Phantasie-Bereiche verschoben sein und weite Teile der deutschen Bevölkerung von Voodoo-Vorstellungen von Radioaktivität beherrscht sein würden.
1968 starb der Pionier Otto Hahn mit 89, im gleichen Jahr, etwas später, verstarb auch die kongeniale Lise Meitner. Sie wurde mit 90 Jahren ebenfalls sehr alt.

Sonntag, 5. Juni 2011

Willi besucht Otto




Radium läßt den Wecker strahlen

(Bild Mettness at de.wikipedia)



- Besuch vom Kaiser 1912: Dafür zeigt Otto Hahn Willi II. 300 Milligramm reines Radium. Auf dem Tablett. Ohne Schutz und Schleier gegen die starke Strahlung!
“Wenn ich das heute täte, käme ich ins Gefängnis. Nun, der Kaiser hat die Szene überlebt, und ich lebe auch noch, obwohl ich ständig mit solchen Präparaten gearbeitet habe.”
Otto Hahn, Mein Leben, S. 108 (Hahn wurde 89 Jahre alt.)

Samstag, 4. Juni 2011

“Who needs yesterday’s papers, who needs yesterday’s girls”







- “Westerwelle rügt Merkel. ‘Harte Regeln für einen harten Euro’. Auch EZB beharrt auf automatischen Sanktionen. Kanzlerin: Der Kompromiß ist gut”.
“Who needs yesterday’s papers, who needs yesterday’s girls”, sang Herr Jagger vor vierzig Jahren. Der obige FAZ-Aufmacher stammt vom 22.10.10. Da wissen wir doch, was von den Politiker-Erklärungen und den Forderungen der EZB zu halten ist.
Der EZB-Präsident verlangt keine automatischen Sanktionen mehr. Er ist lernfähig und originell:
Trichet schlägt europäisches Finanzministerium vor.
Dafür bekam der französische Stratege gestern den deutschen Karls-Preis.

- “Standpunkt: Martin Wiesmann (J.P. Morgan Deutschland)
Höchste Zeit für Realismus in der Griechenland-Debatte
Ein Jahr nach der Verabschiedung des ersten Griechenland-Pakets ist die Auseinandersetzung um eine Lösung der Krise in eine neue Phase getreten: …” 3.6.11
Es fließen nämlich neue Milliarden. Wiesmann meint, der Maastricht-Vertrag sei unrealistisch gewesen. Das stimmt wohl. Man hätte bei der DM bleiben sollen. Wiesmann meint das aber nicht. Ein echter Angestellter.

Freitag, 3. Juni 2011

Kräftig einatmen





Henri Bq (Becquerel)
(Bild Wiki.)


- Dem Aachener Geophysiker Christoph Clauser geht es um die Vergrößerung der Erdwärmenutzung in Deutschland. Nach den Kleinbeben im Raum Basel traten stärkere Vorbehalte gegenüber den Tiefbohrungen (4-5 km) der Geologen auf.
Clauser verweist darauf, daß bei diesen Mikrobeben keine Menschen zu Schaden gekommen seien, nur Sachschäden seien aufgetreten. Demgegenüber fordere der Bergbau allein in Deutschland jählich etwa 5 Tote, das werde aber gar nicht zur Kenntnis genommen.
Da hat er sicher recht. Allerdings bleibt die Energiedichte des heißen Wassers aus der Tiefe weit hinter dem Öl zurück, noch weiter hinter Kernenergie.
Die Erdwärme wird übrigens durch den radioaktiven Zerfall im Erdinnern erzeugt.
Scherhaft: Man könnte ohne Tiefenbohrungen die Wasserrohre über den Abklingbecken der Kernkraftwerke verlegen und so die Nachwärme nutzen.

- Strahlend: “ Zum Vergleich für die im Umgang mit Radioaktivätsmesswerten etwas Unerfahrenen:
Durch natürliche radioaktive Isotope im Körper eines jeden gesunden Menschen (etwa 6 bis 7 l Blut) wird eine Strahlung von ca. 8000 bis 9000 Becquerel erzeugt. In den modernen Forschungslaboratorien der Isopenmarkierung in der Biochemie wird mit Substanzen umgegangen, die in Megabecquerel gemessen werden. “
Dr. Wolf-Dieter Schwidop
1 Megabecquerel = 1.000.000 Becquerel

- 1 Becquerel (Bq) bedeutet, daß sich pro Sekunde 1 Atomkern eines radioaktiven Stoffes umwandelt.
Im Radon-Heilstollen von Bad Gastein zum Beispiel ist was los: 44.000 Becqerel pro Kubikmeter Luft. Dafür zahlen die Besucher.
1 Becquerel (Bq) heißt hier, daß sich pro Sekunde 1 Radonatom in ein ebenfalls radioaktives Poloniumatom umwandelt und dabei ein Alphateilchen aussendet. (Vgl. Dipl.-Phys. Dr. Hermann Hinsch, Radioaktivität. Aberglaube und Wissenschaft, 2010, S. 14)

Donnerstag, 2. Juni 2011

Knirschender Kalk





Tolles Herzchen
(Bild Wiki.)



- Ablagerungen innen an den Adern, den Blutgefäßen, können zu Verengungen führen und zu Schwierigkeiten der Blutversorgung, was am Herzen besonders unangenehm ist. Die Herzmedizin sprengt dann gegebenenfalls die Ablagerungen ab und setzt eine weitende Metallpassage, eine Gefäßstütze. Das sind medizinische Meisterleistungen, auch wenn das Verfahren nicht ungefährlich ist und sich erneut lebensbedrohende Ablagerungen bilden können. (S. Gerd Heusch, Uni Essen)

Ein interessanter Hinweis von anderer Herzmedizinerseite: Beim Aufschneiden großer Gefäße nach Ableben kann es laut knirschen wegen starker Innenverkalkung, aber der Patient sei nicht an einem Herzinfarkt verstorben und habe nicht an Gefäßverengungen gelitten.
Eine ungeklärte Frage sei, warum bei solchen Patienten trotz starker Verkalkung keine Infarkte wie bei anderen aufträten.
Die gleiche Frage stellt sich auf vielen Gebieten, etwa beim Rauchen, das teilweise erstaunlich gut vertragen wird (Ehepaar Schmidt), während es andere Menschen erheblich schädigen kann.
Bei allem angehäuften Wissen bleibt eben viel unbekannt. Bei der Medizin muß man jedoch die großartige Entwicklung als Naturwissenschaft beachten. Noch bis in das 19. Jahrhundert verhalfen sog. Ärzte durch unsinnigen Aderlaß zum Tode. Man sollte daher erst nach dem Einzug der Naturwissenschaften in die Medizin vom Beruf des “Arztes” sprechen, davor von “Quacksalbern” und “Heilern”, meist waren sie beides ununterscheidbar und oft waren sie tödlich. Goethe läßt deswegen seinen Faust sagen:

Hier war die Arzenei, die Patienten starben,
Und niemand fragte: wer genas?
So haben wir mit höllischen Latwergen
In diesen Tälern, diesen Bergen
Weit schlimmer als die Pest getobt.
Ich habe selbst den Gift an Tausende gegeben:
Sie welkten hin, ich muß erleben,
Daß man die frechen Mörder lobt.
Faust I, Osterspaziergang

Noch zu Lebzeiten Goethes bot die Weimarer Apotheke haarsträubende Produkte an, die mit heutigen Arzneimitteln fast nicht zu vergleichen sind.
Daher hielt man sich am besten an alte Hausmittel, die zwar auch nicht verläßlich waren, aber stärker auf Erfahrungswissen beruhten. Um Quacksalber wie den jungen Schiller machte man am besten einen großen Bogen, wenn einem sein Leben lieb war. Schillers Berufswechsel war ein großer Gewinn für alle, vielen Menschen rettete dieser Wechsel das Leben.

Mitte Mai gab es ein ZEITZEICHEN (WDR5) zu einer alten Apotheke des 11. Jahrhunderts. Dabei wurde, vermutlich aus Unkenntnis, der Eindruck erweckt, als habe die alte Quacksalbermedizin etwas mit der modernen, naturwissenschaftlichen Medizin zu tun. Die mittelalterliche Apotheke wurde sogar als Errungenschaft für einfache Leute dargestellt, die sich keinen Quacksalber leisten konnten. Sehr abwegig. Wer den Kontakt mit Quacksalber (alias "Arzt") und Quacksalber-Apotheke vermied, lebte länger. Siehe Faust. Siehe noch Ignaz Semmelweis.