Donnerstag, 14. Juni 2012

Hoch die freien Blümchen


Das Europäische Parlament hat beschlossen, hieß es in den Nachrichten, und dann folgt eine Liste von teurem, grünen Blödsinn. Ähnliches kommt aus dem Einheitsparteienbundestag. Längst sind die Zeiten vorbei, daß man eine Parlamentsdebatte verfolgte. Die Fensterreden der Gegenwart werden meist auf dem "Alternativlos"-Niveau Merkels gehalten gehalten. Das Kartell aus rotgrünen Redaktionen, Organisationen und Parteien hat in der repräsentativen 4-Jahre-Blankoscheckdemokratie die Bevölkerung fest im Griff. Die Parlamente wurden von den Parteiapparaten degradiert. Ernsthafte Debattenbeiträge wie das FAZ-Gespräch mit Hans-Werner Sinn (13.6.12) erfolgen fast nur noch außerhalb des Parlaments. Der Bedeutungsverlust ist mit Händen zu greifen. Entsprechend steht es um die individuellen Freiheitsrechte, die von den Parlamenten degradiert wurden. Gesetze und Vorschriften ohne Ende. Ein solches Ausmaß ist geschichtlich einzigartig. Demokratie braucht Parlamente, da kann es keinen Zweifel geben. Wenn aber Parlamente demokratisch die Gestaltungsfreiheit des Bürgers reduzieren, oder gar, wie derzeit in Tunesien, Ägypten und Libyen eine Mehrheitsdiktatur errichten anstelle der alten autokratischen Diktatur, die aber, wie beschränkt auch immer, mehr individuelle Freiheitsrechte zuließ, dann stößt man auf die Hauptsache. Nicht die Demokratie ist das, sondern es sind die individuellen Bürgerfreiheiten. Die sind zwar in der Regel in parlamentarischen Demokratien am besten gesichert, aber die Demokratie kann sich ohne die direkte und häufige Abstimmungsbeteiligung der Bürger sehr weitgehend selbst entwerten.  


Diese freien Blümchen haben sich ohne jede Förderung und abseits aller EU-Richtlinien selbst ausgesät - bekommt ihnen offenbar gut   



Mittwoch, 13. Juni 2012

Unschicke Lewy-Körperchen


Blick von oben auf die beiden Gehirn-Hälften. In den gelben Bereichen läuft es prima, in den grünen steht jemand auf der Leitung. Hier sind es Aufmerksamkeitsnetzwerke bei Gesunden.- 
Die Lewy-Teilchen setzen offenbar im Falle einer Lewy-Körper-Demenz den Informationsaustausch zwischen Hirn-Zellen herab. Dadurch wird die Leistung gemindert.  


Helga Rohra, die Buchautorin von "Aus dem Schatten treten", wird derzeit bei den Sendern herumgereicht. Sie leidet mit 58 Jahren an Lewy-Körper-Demenz, spricht aber im Radio-Gespräch sehr flüssig, gewandt und logisch konsistent, so daß man nur durch ihre Darstellung die Defizite erfährt: zeitweilige Orientierungslosigkeit, Lern- und Gedächtnisprobleme, Zittern. Das Leiden ist nicht heilbar. 
Die Lewy-Körper bestehen aus winzigen Zellfasern (intermediären Filamenten) und finden sich bei dieser Demenz in der Substantia nigra, dem Locus coeroleus und der Großhirnrinde. 
Träfe man die Frau Rohra in einer Situation mit Orientierungsverlust an, etwa auf dem Weg zur U-Bahn, fiele es schwer, sie sich als beredsame Gesprächspartnerin und Erklärerin ihrer Demenz vorzustellen. 
Einmal mehr wird man durch solche Beispiele von dem modularen Aufbau des Gehirns überrascht, dem kein einheitliche "Charakter" entspricht. Hohe Leistung in dem einen Bereich kann kombiniert sein mit starken Defiziten oder Fehlleistungen direkt daneben, wie sich das extrem bei den "Idioten-Genies" findet, den "idiot savants", die zB das Telefonbuch auswendig aufsagen können, doch den Weg zum Bäcker nicht finden.  

Dienstag, 12. Juni 2012

Issing zum Dritten




Diesen Jungs hätte man den Euro nicht abgenommen, und Kohl und Waigel auch nicht - Ideologen allesamt und wirtschaftlich völlig unterbelichtet. 
Ganz anders Otmar Issing als Geldspezialist und Bundesbank-Volkswirt. Er hat viele Skeptiker erreicht und davon überzeugt, dem Wagnis der Währungsunion zuzustimmen. Jetzt hat er sich wieder zu Wort gemeldet:   
“ Schuldenkrise. Europa in Not - Deutschland in Gefahr 
FAZ 11.06.2012 ·  Nach Griechenland und Irland sind Portugal und jetzt Spanien in den Mittelpunkt der Schuldenkrise gerückt. Deutschland soll immer mehr für die Misswirtschaft in anderen Ländern haften. Doch falsch verstandene Solidarität kann die Deutschen immer weiter von der europäischen Idee entfernen. Ein Standpunkt. 
Von OTMAR ISSING”   
Seine Warnungen werden immer eindringlicher. Derweil wurde in Paris ein hemmungsloser Schuldenpolitiker Präsident. Seine teure und völlig verantwortungslose Rücknahme des französischen Renteneintrittsalters von 62 auf 60 Jahre wurde gerade von der sozialdemokratisch beherrschten OECD gerügt.   

Montag, 11. Juni 2012

Yusuf al Qaradawi ruft bei Al Dschazira zum "Dschihad gegen die Alawiten" auf










Golo Mann 1978  
(Bild: Bundesarchiv / Wiki.)



“Große Kriege, geschichtliche Krisen überhaupt können unter verschiedenen Aspekten gesehen werden. Es gibt nicht den einen, einzigen, rechten Schlüssel zu ihrem Verständnis. So hat man von dem sogenannten Ersten Weltkrieg gesagt, er sei vor allem ein Duell zwischen Deutschland und England gewesen, oder zwischen Deutschland und Rußland, ein neues Kapitel in dem uralten Kampf zwischen Germanen und Slawen, ein Krieg zwischen Demokratie und Autokratie, der letzte in einer langen Kette von Konflikten zwischen Deutschland und Frankreich, und so fort. Vielleicht war er alles das und noch manches andere. Vielleicht war er im Grunde nichts von alledem und überhaupt nichts Sinnvolles, sondern eben - Unsinn."   

Man sieht hier gleich, Golo Mann ist kein deutscher Patenthistoriker der Gegenwart. Bestimmte Perspektiven werden gerne in der Philosophischen Fakultät ausgeheckt und dann über die Medien verbreitet. Oft erweisen sie sich als - Unsinn. 
Wer in Manns DEUTSCHER GESCHICHTE weiterliest, wird die "Unsinnsthese" hochhalten, ich jedenfalls tue es. Man hat vor ein paar Jahren im Archiv eine Notiz Wilhelms II. an seinen Kanzler gefunden, die Ausführung des Schlieffenplans zu stoppen. Es sei zu spät dafür, habe ihm Theobald von Bethmann-Hollweg geantwortet.  


Überall in Europa waberte damals der Nationalismus, so wie heute der Multikulturalismus wabert. Und damals wie heute fallen darauf viele eminente Köpfe herein. Erschütternd, daß sogar ein Max Weber sich zeitweise im Zeitgeist verlor; bei einem Habermas wundert es nicht weiter.

Handeln ist immer auch anders möglich, und oft sind es Zufallsketten, die wie Handeln aussehen. Alternativen sind stets denkbar, und wenn ein Köpfchen von “alternatvlos” redet, dann geht es entweder um Täuschung oder um Dummheit. Oder um beides? Der britische Außenminister Hague will den Militäreinsatz in Syrien zugunsten der sunnitischen Banden nicht ausschließen. Sollte ihm nicht jemand die Lektionen der islamistischen Siege in Tunesien, Ägypten und Libyen weitersagen?
Revolutionen sind etwas von gestern, besonders gewaltsame Umstürze. Sie sind Kriege, die das Eigenleben von Kriegen besitzen. Die Unplanbarkeit von Kriegen in ihren einzelnen Ereignissen konstatierte schon Clausewitz. So verhält es sich auch bei Umsturzversuchen. Sie setzen Kräfte frei, die mehr zerstören können, als die alte Herrschaft es tat und tut.    

Sonntag, 10. Juni 2012

John Bull sah zu und gründete Boston (1630)


 


Otto I. (912-973) hätte Richelieu etwas geflüstert
 




Die Perser zogen gegen die Griechen, Sparta kämpfte gegen Athen. Athen massakrierte die Melier, die Schoschonen kämpften gegen alle Nachbarstämme, die Sioux ebenso, das Gleiche in Papua und sonstwo. Immer das Gleiche. Ein Krieg bot mal etwas ganz Neues:  


“ Von allen Kriegen der Neuzeit ist der Dreißigjährige der verworrenste, verrückteste, ein Wirbel sich überkreuzender, nie ganz deckender Gegensätze, aufeinanderstoßender großer und kleiner Machtwillen, Fanatismen und Ängste. Er war ein Krieg zwischen den Konfessionen, den Katholiken und Protestanten, und in diesem Krieg standen die katholischen Teilmächte, Bayern voran, auf seiten der katholischen Habsburger. Es war auch ein Versuch Österreich-Spaniens, sich das Reich zu unterwerfen, und gegen diesen Versuch standen die katholischen Fürsten, Bayern voran, mit den protestantischen zusammen. Die französische Intervention war nicht so sehr gegen Deutschland wie gegen die große internationale Habsburger-Macht gerichtet, die ihren Schwerpunkt in Madrid hatte. Dagegen galt die schwedische Intervention nicht Spanien, sondern der Gefahr einer Erneuerung und Kräftigung des Deutschen Reiches in Norddeutschland und an der Ostsee. Der Mann, der eine solche Erneuerung und Konzentrierung erstrebte, von einer deutschen Flotte träumte, den Fürsten ' ihr Hütlein abziehen ' und aus Deutschland einen Staat machen wollte wie Frankreich und Spanien, Wallenstein selber, war kein Deutscher, sondern ein böhmischer Finanzier und Freibeuter von abenteuerlichem Genius, der mit seinen Vertrauten auf tschechisch korrespondierte; der deutsche Kaiser verstand seine Pläne nicht und ließ ihn fallen.”  

Golo Mann, Deutsche Geschichte, S. 36

Am Ende dieses Krieges, der sich ausschließlich auf deutschem Territorium abspielte, waren weite Teile Deutschlands zerstört und entvölkert. Den Nachbarländern war das sehr recht.   
So blieben Deutschland und die deutsche Nation weiter ohne Staat, während es in Frankreich und England schon früh auf einen Nationalstaat hinauslief. Über die Schwäche des Nachbarn freute sich besonders Frankreich, das alles Kriegerische unternahm, Frankreich zu vergrößern und den Rhein zur französischen Grenze zu machen ("Reunion").