Freitag, 3. April 2015

Du denkst, du schiebst, doch du wirst geschoben




Ansicht Straßburgs 1644 von Matthaeus Merian.

Meister Ekkehart war 10 Jahre hier, später kam Calvin und vor allem Martin Bucer, der Reformator des Elsaß; Straßburg schloß sich früh der Reformation an. Aber dann kam der schlimme Louis.


(Bild: Jonathan M./Wiki.)


“Deutschland? Aber wo liegt es? Ich weiß das Land nicht zu finden,
wo das gelehrte beginnt, hört das politische auf.” (Das deutsche Reich, Xenien von Schiller&Goethe)
So verhält es sich allerdings überall. Zu verschieden sind die Menschen, die es in die Politik und in die Wissenschaft zieht, und man kann noch andere Bereiche in die Betrachtung einzubeziehen mit dem gleichen Ergebnis.
Und unmittelbar anschließend findet sich die Xenie “Deutscher Nationalcharakter”:
Zur Nation euch zu bilden, ihr hoffet es, Deutsche, vergebens;
Bildet, ihr könnt es, dafür freier zu Menschen euch aus.”

Auch das ist den meisten weder Ziel noch Möglichkeit. Und Staatsziel ist in der Regel das Gegenteil, nämlich die Ruhigstellung und die Unterwerfung. Nur dort, wo ein Partikularherrscher sich größere Landesteile oder gar das ganze Land unterwerfen konnte, fand auch eine frühe Entwicklung zur Nation statt. Trübe Dialektik.
Wie aber sollten die 1000 deutschen Länder zu einer Nation werden? Wie sollte der starke konfessionelle und kulturelle Gegensatz der beiden führenden deutschen Länder, Preußen und Österreich, wie gefordert, in ein Deutschland münden? Das wußte niemand und blieb lange ein frommer Wunsch. Ganz unfromm vollzog sich dann aber die kleindeutsche Lösung unter der Führung Bismarcks, der sich als Preuße verstand und der nationalen Überschwang bekämpfte.
Seltsame Reichsgründung 1871! Die Kriegserklärung Napoleon III. einte die vielen Germanies, und die nationale Stimmung holte sich - Bismarck war dagegen - Elsaß-Lothringen zurück, das Ludwig IV. erobert hatte. Und von Paris stark ‘französisiert’ wurde, so daß die Elsässer zwar gegen Paris, aber noch mehr gegen die deutsche Oberhoheit waren. Sie waren Franzosen geworden und Paris baute diesen Kriegsverlust zu einem großen Symboltheater und zu einem neuen Kriegsgrund aus.
So ereignet sich Geschichte. In einer Platitüde formulierte Marx, daß die Menschen ihre Geschichte selber machten, aber nicht unter selbstgewählten Bedingungen. Aber viel eher gleicht der Geschichtsprozeß einem Hauen, Stechen und Stolpern mit ungewissem Ausgang und Christopher Clarks Buchtitel “Die Schlafwandler” gibt den Moment des unbewußten Agierens gut wieder. Noch besser aber trifft Max Webers Diktum zu:
"Es ist durchaus wahr und eine ... Grundtatsache aller Geschichte, daß das schließliche Resultat politischen Handelns oft: nein, geradezu regelmäßig, in völlig unadäquatem, oft in geradezu paradoxem Verhältnis zu seinem ursprünglichen Sinn steht."
(Max Weber, 'Politik als Beruf', Reclamausg. S. 64f. )

Und dennoch gibt es Grundzüge, die im Hintergrund dauerhaft wirksam sind. Die Nation als große Kommunikations- und Kultureinheit gehört dazu. Dahinter will niemand zurück. Darüberhinaus führen nur die zwei sehr verschiedenen Wege, die die Schweiz und die USA beschritten haben. Die Euro-Zone befindet sich auf dem Holzweg.


















Donnerstag, 2. April 2015

Hätte er doch die Monarchie abgeschafft!














Wilhelm II. verkörpert, wie heute Prinz Charles, daß das monarchische Prinzip ein ziemlich untaugliches ist: eine genetische Lotterie bekommt politischen Einfluß in die Wiege gelegt

Bismarck war geistreich, Friedrich Wilhelm IV. ebenfalls, so kam der Junker vom Lande als Günstling des Königs nach Berlin, wurde Diplomat, dann preußischer Ministerpräsident, dann Reichskanzler. 27 Jahre gestaltete er preußisch-deutsche Politik mit einem König, Wilhelm I., dem Nachfolger Friedrich Wilhelms IV., der ihn nicht mochte, aber brauchte, und dem er sich unterwarf, auch bei der ungeliebten Reichsgründung 1871, da mußte sich Wilhelm I. sogar gegen seine Überzeugung die Kaiserkrone aufsetzen lassen. Dieses konträre Tandem machte es lange miteinander, Wilhelm wurde, kaum glaublich, 91 Jahre alt, Bismarck immerhin 83 und mußte von Wilhelm II. aus dem Amt entlassen werden, von allein ging er nicht. Der Kaiser konnte ihn rauswerfen, weil Bismarck der Monarchie eine starke, antiparlamentarische Macht erhalten hatte, aus monarchischer Überzeugung und zum eigenen Nutzen. Vielleicht war dieser Antiparlamentarismus das folgenreichste Erbe der Bismarckzeit, weil dadurch die Entwicklung von Parteien und politischen Führern behindert wurde. Auch ein Bismarck hätte an die Zeit nach Bismarck denken müssen.


Wer aber heute die Parteiführer Merkel, Gabriel, Hofreiter, Lindner und Gysi sieht, mag auch auf den Gedanken verfallen, daß Parlamentarismus ins Alberne abgleiten kann. Da waren Bebel, Bennigsen und Windthorst andere Formate.





Mittwoch, 1. April 2015

Nach den preußischen Reformen



Er war kein Aprilscherz, der am 1.4.1815 in Schönhausen geboren wurde: Bismarck. Im Zeitalter der Kabinettspolitik in Europa. Im Deutschen Reich mit rund 1000 reichsunmittelbaren Herrschaften. Bedroht vor allem von Frankreich, das ganz Deutschland besetzt hatte und bis Moskau marschiert war. Waterloo, Napoleon endgültig besiegt, Frankreich ausgeblutet, Wiener Kongreß, Metternich’sche Restauration, Deutschland nur noch gut 300 Stätlein, davon nur Preußen und Österreich von Statur, aber in ständiger Rivalität. Und zerrissen auch konfessionell. Paris hatte den Hochadel unterworfen und die Protestanten ausgerottet oder vertrieben. Und damit ein zentralisiertes Eintopfland hervorgebracht. Österreich verfuhr ähnlich und war die deutsche Vormacht.  
Wie sollte die Politik in Preußen in einer solchen bedrohten Mittellage bei solcher Zersplitterung aussehen? 

Diese Frage besitzt keine schlüssige Antwort.  













Dienstag, 31. März 2015

Und ewig währet die Verdinglichungsphantasie

Das System 1 weiß sofort, welche Linien kürzer sind - liegt aber immer falsch. Müller-Lyer-Täuschung, Graphik: Wikip.


LIEBE UND GESCHÄFT  "Menschen wie Waren auf einem Tisch ausgelegt“!
Diese Überschrift wählte Torsten Teichmann für sein Interview (DLF 29.3.15) mit Eva Illouz, die einen Lehrstuhl für Soziologie in Jerusalem besetzt hält, aber auch Adorno-Vorlesungen am einschlägig bekannten „Institut für Sozialforschung“ in Frankfurt hält.

"Menschen wie Waren“, das kannte Teichmann wohl aus seiner Ost-Berliner Polytechnischen Oberschule, denn bekanntlich verwandeln sich im Kapitalismus die menschlichen Beziehungen in Warenbeziehungen. Sagte Marx. Sagten Horkheimer und Adorno, die Begründer des einschlägig bekannten „Instituts für Sozialforschung“ in Frankfurt. Sagten auch Erich Fromm und viele andere freudianische Neomarxianer der „Kritischen Theorie“.
Symptomatisch für diese antibürgerliche Geisteshaltung bezieht sich Illouz auf den Psychoanalytiker Fromm, der mit seinem Buch „Haben oder Sein“ viel Lob in ZEIT, SPIEGEL, SZ, konkret etc. erntete. Tenor der Schrift war: Güter essen Seele auf. Diese Simpl-Sicht scheint auch in dem Titel auf. Als ob das Leben ohne HABEN zu haben sei!

Schon in der Antike galt das rechte Maß als die Kardinaltugend. Und das richtige Maß für sich selbst herauszufinden, das ist auch heute noch die Grundlage der Lebenskunst. Einfach ist das nicht. Und die passende Partnerwahl gehört dazu. Wer erst in der Partnerschaft merkt, daß der Partner labil ist und säuft und kifft, braucht für die Schläge zusätzlich wahrscheinlich nicht zu sorgen.
Daher sind Partnerbörsen eine große zivilisatorische Errungenschaft. Überlegen! heißt da die Devise, nicht hineinstolpern. In der empirischen Psychologie wird zwischen dem intuitiven, schnellen System 1 und dem langsameren, betulichen, rationaleren System 2 des Denkens unterschieden (vgl. Kahneman, Denken). Während in der direkten Begegnung das System 1 dominiert und zu schnellen Urteilen drängt, die aber falsch sein können, bekommt das überlegende System 2 eine bessere Chance in der Partnerbörse. Das ist eine große Verbesserung.
Fehler allerdings macht auch das System 2, denn die Vielzahl der Partnerschaftseinflußfaktoren von der Genetik bis zur Endokrinologie, von dem Familieneinfluß während des Aufwachsens bis zur Bestimmung der Persönlichkeitsreife läßt sich nicht einfach erfassen. Da müssen beide Systeme gut zusammenarbeiten. Sonst kann es im schlimmsten Fall passieren, daß man neben einem Andreas L. sitzt.












Montag, 30. März 2015

Griechenland




Eine Reihe von europäischen Staaten hat Mindestlöhne eingeführt:
Estland: 488 Euro monatl.
Lettland: 507
Litauen 464
Polen 738
Tschechei: 502
Slowakei: 536
Ungarn: 593
Slowenien: 949
Kroatien: 584
Rumänien: 384
Bulgarien: 380
Griechenland: 764
Quelle: FAZ 28.2.15 (Kaufkraftbereinigt)

Mindestlöhne dämpfen die Beschäftigung vor allem bei unqualifizierten Jugendlichen. Bei den Menschen also, für die eine Anstellung besonders wichtig ist. Ein hoher Mindestlohn hat viel mit Wählerkauf zu tun, daher überrascht zwar der hohe griechische Mindestlohn von 764 Euro in einem rückständigen Balkanland, aber man versteht die Logik.  Die Logik der Korruption.
Da gibt es eigentlich nicht viel Spielraum für  Verständnis. Zudem hat sich Athen den Beitritt zum Euro durch gefälschte Statistiken betrügerisch erschlichen, weswegen die Bundesbank Schröder warnte.
Das alles ist bekannt, und das ist für die Athener Regierung aus Links- und Rechtsradikalen nicht hilfreich. Deswegen schieben sie und ihre Unterstützer in Europa die Gesundheitsversorgung nach vorn: die Leute sterben in Griechenland wegen der deutschen Katastrophenpolitik, ja, die griechischen Säuglinge schon. So auch Volker Reiche in der FAZ.
Da stockt den Schlechtinformierten der Atem. Tote griechische Säuglinge wegen der „Sparpolitik“. Schrecklich, Herr Reiche.
Allerdings muß man wissen, daß auch das griechische Gesundheitssystem seine Besonderheiten aufweist. Die griechischen Krankenhäuser dienen nämlich nicht in erster Linie der Krankenversorgung, sondern der Klientelpolitik. Stellenversorgung für Wahlfreunde ist der Hauptzweck. Die Gesundheitsversorgung ist angeschlossen. Nachgeordnet. Zuerst kommen die Gärtner, Hausmeister und Verwaltungsangestellten, sie stellen 2/3 der Krankenhausbediensteten. Ein Drittel der Stellen entfällt auf das medizinische Personal, auf Ärzte und Krankenschwestern. Das griechische Korruptionsverhältnis.

Noch Fragen, Herr Volker Reiche? 


Nicht nur beim Mindestlohn zum Wählerkauf ist Athen führend. Auch beim Pro-Kopf-Einkommen: Rang 2 mit 28.000 Euro jährlich (2008). Fallend 2013 auf 17.000. Danach kommen mit rund 20.000 Slowenien, Tschechei mit gut 15.000, dann Slowakei. Steigend Estland, Slowakei, Litauen, Lettland, Polen, Rumänien, Bulgarien (ca. 2300 auf 5500).

Unangefochten auf dem 1. Schulden-Platz rangiert Griechenland mit 175% des Bruttoinlandsprodukts (28.700 € pro Kopf).
Über dem Maastricht-Grenzwert von 60% liegen noch Ungarn, Kroatien und Slowenien, alle bei 75%.
Darunter liegen Polen, Slowakei, Lettland, Rumänien, Litauen, Tschechei, Bulgarien und, mit nur 10% Verschuldung (!), Estland. (FAZ 28.2.15)

Noch Fragen, Herr Volker Reiche?