Dienstag, 15. Juni 2021

Von Memphis nach Athen



Theologie des Rechts ist Stadtsache


Gestraft wurde immer. Ob Kinder oder Erwachsene, Strafe war omnipräsent. Offenbar bildete sich eine universelle Strafprojektion heraus, wie sie im ägyptischen Alten Reich greifbar wird. Gericht wird gehalten, die Herzen gewogen und Strafen ausgesprochen. (s. Abb. aus dem Totenbuch des Hunefer um 1280 vuZ, Wikip.)


Und so ähnlich findet sich das etwa 1000 Jahre später auch bei Platon:

“Diese Kunde denn nun, o Glaukon, ist bewahrt worden und ging nicht verloren, und sie möchte wohl auch uns bewahren, wenn wir ihr Folge leisten, und dann werden wir den Fluß der Lethe glücklich durchschreiten und unsere Seele nicht beflecken; sondern wenn wir dem von mir Gesagten folgen und daran festhalten, daß die Seele unsterblich und befähigt sei, alles Schlimme und alles Gute über sich ergehen zu lassen, so werden wir immer dem nach Oben führenden Wege folgen und in Gerechtigkeit, verbunden mit Verständigkeit, auf jede Weise uns bethätigen, damit wir sowohl uns selbst, als auch den Göttern befreundet seien, mögen wir hier auf Erden verweilen, oder nach Empfang des Kampfpreises hiefür wie die Sieg-Gekrönten Lohn einsammeln, und damit es auch bei jener tausendjährigen Wanderung, welche wir durchgegangen haben, uns wohl ergehe." 


Platon. Der Staat (Kindle-Positionen 6958-6963). Kindle-Version.


Montag, 14. Juni 2021

Wir bauen einen Staat!

“Und in der That, sprach ich, sowohl in vielen anderen Beziehungen denke ich über jenen Staat nach, daß wir ihn auf das richtigste einrichten, als auch insbesondere erwäge ich es betreffs der Dichtkunst und sage – Was denn? sprach er. – Daß man in keiner Weise alle diejenige unter derselben aufnehmen solle, welche nachahmend ist". 

Platon. Der Staat (Kindle-Positionen6297-6299). Kindle-Version. 

Einen Staat bauen? Und dann noch den richtigen?

Darauf muß man erst einmal kommen. Platon kam darauf, “Der Staat” (POLITEIA) 

dreht sich nur darum; anderswo war das nicht der Fall.



Sonntag, 13. Juni 2021

Das hätten wir aber nicht gedacht!

“Deutlich zeigt sich die Schichtgebundenheit des geselligen Verkehrs. Der Geselligkeitsindex beträgt, wenn man ‘Mittelstand’ (Selbständige, Beamte und Angestellte) und ‘Arbeiterschaft’ gegenüberstellt, nur 0,53, d.h., es besteht eine starke ‘Gruppenfremdheit’, obwohl Angestellte und Facharbeiter zwischen den zwei gegnübergestellten Gruppen die Verbindungsbrücke schlagen. 

Interessant sind die Ergebnisse einer Untersuchung in Long Beach in Kalifornien, die C.C. Zimmerman … auf einem Kongreß mitteilte. In dieser in den letzten zwanzig Jahren entstandenen Großstadt sind praktisch sämtliche Einwohner Zuwanderer. Die Verkehrs- und Freundeskreise, die sich herausgebildet haben, zeigen eine starke Homogenität in Bezug auf Religion, Herkunftsland, sozialen Erfolg, Stabilität der Familie und jugendliche Kriminalität: Gleiches findet sich zu Gleichem. Untersucht wurden nur die Familien von Schülern der High Schools, so daß eine gewisse Vorauslese gegeben war.” 


Elisabeth Pfeil, Soziologie der Großstadt, Der Verkehrskreis des Großstädters, in: Gehlen, Schelsky (Hg.), Soziologie, 1955, S. 256f.








Samstag, 12. Juni 2021

Stadtarchitektur


Corbusier in Berlin 

(Pachali/Wiki.)

“Stadtluft mach frei” war schon früh ein Schlagwort zur Übersiedlung in die Stadt. Die Stadt kannte keine Frondienste und keine Erbuntertänigkeit. In diesem Entwicklungsgang steht sehr viel später - erst im 20. Jahrhundert - auch das Phänomen, das der Stadt-Soziologe Lewis Mumford “from habit to choice” benannte. Der Großstädter besitzt mehr Wahl- und Freundschaftskontakte als der Dorfbewohner, den stärkere Verwandtschafts- und Nachbarschaftskontakte auszeichnen. 

Bauen in der Stadt war immer ein Problem, die Hygiene war schlecht, die Fläche sehr  begrenzt, der Zuzug stark. Diesen gordischen Knoten zerhieb Le Corbusier mit seinen “Wohnmaschinen”. Da gibt es keinen Streit über die Nutzung der gemeinsamen Einfahrt, und die Abriegelung bei realen oder fiktiven Epidemien gelingt reibungslos - in China ist diese Wohnform in abgespeckter Ausführung daher die erste Wahl der Kommunistischen Partei. 


Freitag, 11. Juni 2021

8. Mai 1936 - Untergang Spenglers

 


“Und nun geht aus der Tatsache, daß das Dasein immer wurzelloser, das Wachsein immer angespannter wird, endlich jene Erscheinung hervor, die im stillen längst vorbereitet war und jetzt plötzlich in das helle Licht der Geschichte rückt, um dem ganzen Schauspiel ein Ende zu bereiten: die Unfruchtbarkeit des zivilisierten Menschen. Es handelt sich hier nicht um etwas, das sich mit alltäglicher Kausalität, etwa physiologisch, begreifen ließe, wie es die moderne Wissenschaft selbstverständlich versucht hat. Hier liegt eine durchaus metaphysische Wendung zum Tode vor. Der letzte Mensch der Weltstädte will nicht mehr leben, wohl als einzelner, aber nicht als Typus, nicht als Menge; in diesem Gesamtwesen erlischt die Furcht vor dem Tode.”

Oswald Spengler, Der Untergang des Abendlandes, Die Seele der Stadt, S. 247


Spengler lebte 1880 und starb früh 1936 an Herzversagen. In München. Ob da die Metaphysik der Stadtseele ihre Hand im Spiel hatte? Nein, es war ein schwerer Herzfehler. Ganz prosaisch. Aber er hatte ja sein Hauptwerk bereits geschrieben. Mathematik, Chemie, Botanik, Biologie und Philosophie hatte er studiert und als Gymnasialfächer vertreten, bevor er sich ganz auf die Geschichte stürzte. Was hätte er wohl gesagt, wenn er die Ovulationshemmer und die negative Geburtenbilanz der Deutschen und Chinesen erlebt hätte? Bestimmt wäre ihm als Feuilletonisten noch viel eingefallen. Denn dem Feuilletonisten fällt immer etwas ein; er sieht irgendetwas, bläst es auf Überlebensgröße auf, erfindet einen Zusammenhang und phantasiert gravierende Folgen. In diesem Sinne sind heute die Klima-Experten die führenden Feuilletonisten.