Dienstag, 5. April 2022
Respekt
Wenn man Hannah Arendts VITA ACTIVA zur Hand nimmt, dann begibt man sich in eine Denkwelt der Vergangenheit. “Weltlosigkeit”, “Verlassenheit des Massenmenschen” und dergleichen atmen eine vergangene Diskussion, wenn auch der alte Adam sich in manchem gleichgeblieben ist. “Respekt” kommt auch vor: “So ist ja offenbar der moderne Respektverlust, bzw. die Überzeugung, daß wir Respekt nur schulden, wo wir bewundern oder schätzen, ein deutliches Zeichen für die fortschreitende Entpersonalisierung des öffentlichen und gesellschaftlichen Lebens.”*
Das dürfte ein Irrtum sein. Der Rückgang des Respekts hängt als verbreitetem Phänomen mit der zunehmendem Gleichheit zusammen und dem Niedergang des Adels, mit dem Übergang von verbindlicher Schichtung der Gesellschaft zu einer Gesellschaft der Chancengleichheit und Funktionssysteme. Der Rapper ohne Ausbildung kann mit seinen Millionen Unternehmer werden und seine Frau Berühmtheitskönigin mit eigenem Millioneneinkommen. Und schon zuvor wurden Monarchen gestürzt und die Rockefellers und Carnegies besetzten die freigewordenen Plätze. Heute sind viele so respektlos wie seinerzeit nur wenige, so respektlos etwa wie ein Luther, der den Papst “eine Sau” nannte.
*Hannah Arendts, VITA ACTIVA, 1957, Piper S. 238
Montag, 4. April 2022
Wie’s so kommt
Ähnliche Betrachtungen müssen Pascal zu folgenden Gedanken angeregt haben:
(Pascal, Gedanken, Dieterich Nr. 178 (136))
- "... daß der Mensch die überspanntesten Meinungen leicht annehmen kann" Pascal (1623 - 1662), Gedanken (33/374)
Pluralität wurde von der Studentenbewegung als “bürgerlich” diffamiert, auch im persönlichen Bereich.
Donnerstag, 31. März 2022
Ja, gut gesagt, Herr Kant
“Da die Menschen in ihren Bestrebungen nicht bloß instinctmäßig wie Thiere und doch auch nicht wie vernünftige Weltbürger nach einem verabredeten Plane im Ganzen verfahren: so scheint auch keine planmäßige Geschichte (...) von ihnen möglich zu sein. Man kann sich eines gewissen Unwillens nicht erwehren, wenn man ihr Thun und Lassen auf der großen Weltbühne aufgestellt sieht und bei hin und wieder anscheinender Weisheit im Einzelnen doch endlich alles im Großen aus Thorheit, kindischer Eitelkeit, oft auch aus kindischer Bosheit und Zerstörungssucht zusammengewebt findet: wobei man am Ende nicht weiß, was man sich von unserer auf ihre Vorzüge so eingebildeten Gattung für einen Begriff machen soll.”
Kant, Immanuel. Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht, 1784. Kindle-Version, Pos. 18
Dienstag, 29. März 2022
Klarer Sieg nach Punkten!
Friedrich Schlegel und Hegel
Schlegel predigt gegen Hegel,
für den Teufel schieb’ er Kegel
Hegel spottet über Schlegel
Sagt, er schwatzt’ ohn’ alle Regel
Schlegel spannt der Mystik Segel;
Hegel faßt der Logik Flegel.
Kommt, ihr Deutschen, Kind und Kegel,
Von der Saar bis an den Pregel!
Schaut, wie Schlegel kämpft mit Hegel!
Schaut, wie Hegel kämpft mit Schlegel!
1827 August Wilhelm Schlegel
Es werden zwischen Saar und Pregel in Ostpreußen nicht ganz so viele zugesehen haben, aber die konfessionellen Gegensätze und der Kampf um ein geeintes Deutschland - groß mit Österreich, klein ohne - trieb nicht nur Metternich und Schlegel um. Politisch relevant wurde diese Frage aber erst 1848/9, und Bismarck entschied sie 1870/1. Das katholische Österreich wurde eine eigene Nation.
Montag, 28. März 2022
Wie kommt ein Hannoveraner Pastorensohn in katholische Wienerische Dienste?
Gute Frage! Es ist ein verworrener Weg, bei dem Napoleon und sein Gegenspieler Metternich aus dem Rheinland eine Rolle spielen und auch die Frau de Stael. Sie reiste 1809 mit August Wilhelm Schlegel nach Wien, woraus sich eine Hofsekretärsstelle für den stellungslosen Bruder Friedrich ergab, die dann auch - für Österreich - zum Wiener Kongreß führte. Arbeitgeber Metternich war zufrieden mit Friedrichs dokumentarischer und publizistischer Arbeit und schickte ihn - für Österreich - zum Deutschen Bundestag nach Frankfurt. Denn Friedrich Schlegel vertrat die großdeutsche Lösung, Wiens Kaiser Franz I. sollte in die Fußstapfen seines Vorfahren Karls V. treten und das alte Reich, das es nur in der Phantasie gab, wiederbeleben. Das erboste den preußischen Hegel aus Tübingen:
“wogegen die gegenteilige, nämlich die Friedrich Schlegelsche Befreiung und Katholisierung unser aller, geradezu vor die Schweine gegangen ist und derselbe es für Glück wird anzusehen haben, wenn nur der Galgen von ihm befreit bleibt.”
(Ernst Behler, Friedrich Schlegel, 1966, S. 165)(Auf FB hätte Hegel das nicht schreiben dürfen!)