Posts mit dem Label Kahneman werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Kahneman werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Dienstag, 15. September 2020

Verfügbarkeitskaskade

 

“Eine Verfügbarkeitskaskade ist eine sich selbst tragende Kette von Ereignissen, die vielleicht mit Medienberichten über ein relativ unbedeutendes Ereignis beginnt und zu öffentlicher Panik und zu massiven staatlichen Maßnahmen führt. Manchmal zieht ein Medienbericht die Aufmerksamkeit eines Teils der Öffentlichkeit auf sich, die dadurch aufgerüttelt und beunruhigt wird. Diese emotionale Reaktion wird selbst zu einer Geschichte, die ihrerseits weitere Berichte in den Medien auslöst, was noch größere Besorgnis und Engagement hervorruft. Dieser Kreislauf wird manchmal gezielt von ‘Verfügbarkeitsunternehmern’ beschleunigt; das sind Einzelpersonen oder Organisationen, die daran arbeiten, einen beständigen Fluß beunruhigender Nachrichten aufrechtzuerhalten. Die Gefahr wird in dem Maße überzeichnet, wie die Medien um reißerische Schlagzeilen konkurrieren.” (Kahneman, Denken, S. 179)

Wenn sich Teile der Wissenschaft mit beliebig gefütterten Computermodellen einklinken, kann das ganze Länder stillegen. 







Sonntag, 7. Mai 2017

Da hat der Alte wieder recht



Sorge
Wen ich einmal besitze,
Dem ist alle Welt nichts nütze;
Ewiges Düstre steigt herunter,
Sonne geht nicht auf noch unter,
Bei vollkommnen äußern Sinnen
Wohnen Finsternisse drinnen,
Und er weiß von allen Schätzen
Sich nicht in Besitz zu setzen.
Glück und Unglück wird zur Grille,
Er verhungert in der Fülle;
Sei es Wonne, sei es Plage,
Schieb er's zu dem andern Tage,
Ist der Zukunft nur gewärtig,
Und so wird er niemals fertig.

Goethe, Faust II

Was sagt Kahneman dazu?
„Wenn Sie genetisch mit einer optimistischen Einstellung ausgestattet wurden, braucht man Ihnen kaum zu sagen, daß Sie sich glücklich schätzen können - Sie fühlen sich bereits vom Glück begünstigt. Eine optimistische Einstellung ist größtenteils erblich bedingt, und sie ist Teil einer allgemeinen Disposition zum Wohlbefinden, die auch die Tendenz umfassen mag, bei allem die positive Seite zu sehen. Wenn Sie für Ihr Kind einen Wunsch frei hätten, sollten sie ernsthaft in Betracht ziehen, ihm Optimismus zu wünschen. Optimisten sind normalerweise fröhlich und zufrieden und daher beliebt; sie kommen gut mit Fehlschlägen und Notlagen zurecht, sie haben ein geringeres Risiko, an einer klinischen Depression zu erkranken, ihr Immunsystem ist stärker, sie achten besser auf ihre Gesundheit, sie fühlen sich gesünder als andere und sie haben tatsächlich eine höhere Lebenserwartung.“ (Kahneman, Denken, S. 315)

Ich setze hier „Sorge“ mit „Pessimismus“ gleich, und dazu meinte der Vermögensverwalter Heiko Thieme seinerzeit stereotyp: „Pessimismus ist der einzige Mist, auf dem nichts wächst.“ Das ist nun auch ein Beruf, der als Eingangsvoraussetzung eine optimistische Einstellung erfordert.
Dies gilt aber grundsätzlich auch für Erfinder, Unternehmer und - Wissenschaftler.
„Bis jetzt bin ich noch keinem erfolgreichen Wissenschaftler begegnet, dem die Fähigkeit fehlt, die Bedeutung seiner Arbeit hochzuspielen.“ (Ebd., S. 326)

Der Optimismus verleiht ihnen Durchschlagskraft.
Doch gibt es von allem ein Zuviel. Die SORGE kann man allerdings als ein zuwenig an Optimismus ansehen, als Defizit, wie es Goethe am Ende des Faust II tut.
Die zitierten Studien sehen als Vorteil des Sorgens vor allem mehr Arztbesuche und wahrgenommene Vorsorgeuntersuchungen, von denen sie annehmen, daß sie in der Regel nützlich sind. Der Saldo dieser Untersuchungen dürfte allerdings unklar sein, wie Brust-Durchleuchtungen und Prostata-Untersuchungen andeuten.

Vgl.
http://www.faz.net/aktuell/wissen/medizin-ernaehrung/der-vorteil-des-sorgens-14995863.html

http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/spc3.12311/full




















Samstag, 30. Mai 2015

Da hatte Goethe wieder recht














Hemingway. Nicht gerade mein Typ. Ende der Mittelstufe wurde „Der alte Mann und das Meer“ gelesen, die Parabel, den Fisch und das Leben nicht loszulassen. Das war damals Mode, bevor Breitmaulschwätzer wie Günter Grass mit ihrem Unsinn kamen. Ein bißchen zu viel Kampf herrscht bei Hemingway immer, Goethe hätte ihm geraten, sich einmal zurückzulehnen und sich ergötzen zu lassen. Hat er den Deutschen auch empfohlen. Das Kampfmotiv könnte Mittelstufler bei Hemingway ansprechen, doch ein alter Fischer? Mit einem Fisch? Kaum. Man kann die Novelle natürlich dröge aufdröseln und dann vergessen, wie den meisten Schulstoff. Die Problemlage versteht man erst später, wenn die Jahre da sind: am Ende bleibt das Skelett. Was bei Hemingway sehr verbohrt daherkommt, besitzt aber doch einen wichtigen Kern, den Optimismus. 
Ihn erklärt Daniel Kahneman zum Benzin der „Maschine des Kapitalismus“. Er schreibt:
„Wenn Sie genetisch mit einer optimistischen Einstellung ausgestattet wurden, braucht man Ihnen kaum zu sagen, daß Sie sich glücklich schätzen können - Sie fühlen sich bereits vom Glück begünstigt. Eine optimistische Einstellung ist größtenteils erblich bedingt, und sie ist Teil einer allgemeinen Disposition zum Wohlbefinden, die auch die Tendenz umfassen mag, bei allem die positive Seite zu sehen.“ (Kahneman, Denken, S. 315)
Wenn es bei der RAF-Mordgehilfin Susanne Albrecht heißt, sie habe jahrelang Schulschwierigkeiten gehabt, dann deutet das zunächst einmal darauf hin, daß ihre Begabung nicht zum Gymnasium paßte, aber auch darauf, daß sie die immer vorhandenen positiven Seiten der unpassenden Schulform nicht ausreichend zum Motivationsaufbau nutzte, um sich beim Schulstoff durchzuwursteln, wie es viele Schüler handhaben. Sie zählen nach Legionen, die überforderten Schüler, die die eigentlich für sie trübe Schulsache gut zu überstehen wissen und nach der Schulzeit ihre Bücher fröhlich verbrennen. 
Die Albrecht bohrte sich in ihre Negativsicht immer weiter hinein - Salinger beschreibt diesen Vorgang in seinem „Fänger im Roggen“ anschaulich - und als Studentin suchte sie die für ihre Negativsucht passenden Freunde - primitiv gestrickte Hausbesetzerrandalierer. Um etwas aufzubauen, wie es der Unternehmer mit hohem Risiko tut, braucht es die Kraft des Optimismus. Man muß nur die Spalte INSOLVENZEN in der Zeitung beachten, um von dem Unternehmensrisiko einen Eindruck zu bekommen. Nur der Optimismus verleiht die Kraft, die vielen Hindernisse zu überwinden, die insbesondere dem Firmengründer im Wege stehen. 

Fatal ist, daß auch der Pessimismus, wenn er nicht übergroß und depressiv wird, seine Kraft besitzt; er kann zerstören und morden. Siehe RAF. 
Daher kann man Kahneman nur zustimmen in seiner Würdigung der Optimisten: 
„ Wenn Sie für Ihr Kind einen Wunsch frei hätten, sollten sie ernsthaft in Betracht ziehen, ihm Optimismus zu wünschen. Optimisten sind normalerweise fröhlich und zufrieden und daher beliebt; sie kommen gut mit Fehlschlägen und Notlagen zurecht, sie haben ein geringeres Risiko, an einer klinischen Depression zu erkranken, ihr Immunsystem ist stärker, sie achten besser auf ihre Gesundheit, sie fühlen sich gesünder als andere und sie haben tatsächlich eine höhere Lebenserwartung.“ (Kahneman, Denken, S. 315)
Man sehe sich dagegen einmal den Lebenslauf des Pessimisten Heinrich von Kleist an, der nicht nur sich selbst 1811 mit 34 Jahren, sondern auch seine Freundin Henriette Vogel (31) tötete. 1809 äußerte Goethe über Kleist: „Sein Hypochonder ist zu arg; er richtet ihn als Menschen und Dichter zugrunde.“ (Gespräch mit Falk, zit. n. Hohoff, Kleist)

Man muß als Eltern, zurück zu Susanne Albrecht, möglichst früh die Persönlichkeit des Kindes erkennen, um gegensteuern zu können. Daher ist der Kern der menschlichen Bildung die Persönlichkeitspsychologie. Die kommt in der Schule praktisch nicht vor, weswegen die Schule nur eine Lernanstalt darstellt, keine Bildungsinstitution. 

Samstag, 11. April 2015

Anker werfen und geankert werden





Was soll das Häuschen denn kosten? Die Haustür ist sehr hübsch, beste Tischlerarbeit. Gehört der BMW dazu?


Je weiter von den Basis-Trieben entfernt eine Orientierung erfolgt, desto schwerer fällt sie. Die Unsicherheit wird dann durch Anker, kognitive Anhaltspunkte, bewältigt. Zum Beispiel einfach durch Nachahmung, wie schon durch Gabriel Tarde beschrieben. Das Verhalten der Eltern wird kopiert, die Kinder erlernen die Berufe der Eltern oder anderer Familienmitglieder. Im Gehirn erfolgt durch die Wahrnehmung eine Vorbahnung (Priming), die sich durch Wiederholung verstärkt und stabilisiert. Je weniger Vorbahnung durch Erfahrung vorhanden ist, desto wirksamer sind gesetzte Anker. Bei Preisen wird inzwischen gewohnheitsmäßig ein höherer Preis durchgestrichen und ein niedrigerer Preis ausgewiesen. Das funktioniert auch bei Sachverständigen, jedenfalls bei komplexen Gütern wie Immobilien. Jedenfalls ist das ein Ergebnis bei Kahneman:
“Jeder Makler äußerte seine Meinung über einen angemessenen Preis für das Haus und den niedrigsten Preis, zu dem er das Haus verkaufen würde, wenn er der Eigentümer wäre. … Der Ankereffekt betrug 41%. Tatsächlich waren die fachkundigen Praktiker fast genau so anfällig für Ankereffekte wie BWL-Studenten ohne Immobilienerfahrung, deren Ankerungsindex 48% betrug.” (Daniel Kahneman, Denken, S. 158)
Dieses Ergebnis überrascht, und als Makler würde ich einem Psychologen nicht mehr Glaubwürdigkeit zubilligen als einem Juristen o.ä. 


Das Beispiel erinnert mich an zwei mäßig begabte Nachhilfeschüler während meiner Studienzeit, die, Vorbahnungseffekt!, in die Schuhe des Vaters aus dem Baufach schlüpften und sich, ohne einschlägiges Studium, auf die gewinnträchtige Sanierung von Altbauten spezialisierten und mit ihren Kaufangeboten an Altbaubesitzer ganz erfolgreich waren bzw. sind. Immobilienpreise sind keine einfach zu bestimmenden Preise, die Praxis dürfte eine große Rolle spielen bei der erfolgreichen Preiseinschätzung, und das müßte sich gegenüber unbedarften BWL-Studenten ohne diese Erfahrung stärker bemerkbar machen als im Unterschied von nur 7% Ankerungseffekt. Möglicherweise war der Test schlecht konstruiert, so daß der Erfahrungsaspekt minimiert wurde. Das aber würde wenig Sinn machen, denn die Kenntnis des sich stets verändernden Marktes macht den Makler wertvoll.