Dienstag, 9. Oktober 2012

War vorher im Kanzleramt





     
Faustkampf für die Währungsstabilität? Eine Linke gegen Staatsfinanzierung durch die EZB? Die Rechte gegen die Transferunion schon im Anschlag?
So schlagstark präsentiert sich Bundesbankpräsident Jens Weidmann nur dem Fotografen.




Gestern sprach er in Düsseldorf zum Thema "Stabilitätskultur im Lichte der Staatsschuldenkrise". Letztere sei zuerst eine Vertrauenskrise, die sei nur durch verläßliches Handeln zu heilen. Einer seiner Vorgänger, Karl Blessing, habe schon darauf hingewiesen, daß eine Währungsunion auch eine Fiskalunion verlange; ein  Mehr an Integration sei politisch aber nicht gewünscht in der EU. Daher bleibe zu fordern, daß der Maastricht-Vertrag wieder respektiert und die Haftung der Akteure gestärkt werde. Eine Bankenunion könne hilfreich sein. Dafür sei erstens, ein Abwicklungssystem nötig, ein "Bail-in" für Gläubiger sozusagen, damit die "systematische Risiko-Erpreßbarkeit" entfalle und nicht der Steuerzahler antreten müsse, und, zweitens, sei eine europäische Bankenaufsicht nötig. Wenn die EZB diese Aufgabe übernehmen solle, seien Interessengegensätze möglich. Zudem könne die EZB schwerlich 6000 Banken überwachen.   

Mehr Eigenverantwortung und Stärkung des Eigenkapitals der Banken, das ist gut und schön. Auf die Frage aus dem Publikum, wie Weidmann denn gewährleisten wolle, daß die Politik Verträge einhalte, das sei ja für die Wiedergewinnung von Vertrauen ebenfalls sehr wichtig, mußte der Bundesbankchef leider passen. 


Zu diesem Punkt hatte der ehemalige Doktorvater Weidmanns, Manfred J.W. Neumann, schon eingangs auf den ersten Finanzminister hingewiesen, der eine reine Papierwährung ohne Deckung eingeführt hatte: er wurde 1750 in Dänemark geköpft. 


Heute:
EUR/USD1,2879−0,68%
Dax 7.234,53−0,78%
 
Dow Jones13.473,50−0,81%
Rohöl Brent Crude114,53 $ +2,13%         Gold  1.773,50 $  −0,59%
  

Montag, 8. Oktober 2012

Totschläger im Geiste






Der Gulag - der unpolitische Autor Andrej Sinjawski verbrachte dort über 5 Jahre seines Lebens. Er war 1966 in Moskau angeklagt und zu Arbeitslager unter “strengem Regime” verurteilt worden, weil er im Westen als “Abram Terz” ungenehmigt Erzählungen veröffentlicht hatte.

“Rechtfertigt der Fortschritt Millionen Tote?

Hobsbawm, 1917 in Alexandria geboren, gehörte der Generation der kühlen Männer an. Das kennzeichnete ihn auch noch in einer Zeit, in der Empathie und Individualismus tonangebend waren. Man merkte das in jener legendären BBC2-Sendung aus dem Jahre 1992, als er auf die Frage, ob denn die von ihm erkannten Menschheitsfortschritte durch die Sowjetunion diese Millionen Toten rechtfertigten, mit einem knappen „Ja“ antwortete. …”  2.10.12 FAZ

Tja.
20 Mio. Tote nennt das SCHWARZBUCH DES KOMMUNISMUS von Stephane Courtois (Hg.) für die Sowjetunion. Geschenkt. Wir müssen alle sterben. Um einen Putin hervorzubringen, sind das wirklich nicht zuviel.
Tja, daß der Verstand erst mit den Jahren kommt, glaubt man erst, wenn die Jahre da sind. Oft aber sind die Jahre da, und der Verstand fehlt noch immer.

Eric Hobsbawm, der geistreiche Totschläger im Geiste, ist jetzt tot.

Sonntag, 7. Oktober 2012

Ein Denkmal für den Daumen!







Die Zweibeinigkeit des Menschen und der aufrechte Gang haben natürlich den Sinn, das Tragen von 10-cm-Absätzen zu ermöglichen, soviel dürfte klar sein – man stelle sich einen Bonobo auf allen Vieren mit High-Heels vor, das würde einfach nicht wirken.

Hier präsentiert sich eine zweibeinige Primatin, eine bekannte Jugendskribentin dazu, mit ihrem orthopädischen Verstand und ihrer ganzen sonstigen Klugheit. 


Kurt Bayertz, marxistisch in der DKP sozialisiert, läßt die Frage der Absätze in seinem Büchlein „Der aufrechte Gang“ völlig unbeachtet, obwohl hohe Absätze natürlich Ausdruck einer besonderen menschlicher Weltsicht darstellen, wenn auch nicht unbedingt signalisierend „per aspera ad astra“.

Bayertz klappert die Autoren seit Platon ab, die alle nichts, wie Bayertz, oder dummes Zeug, wie Aristoteles, zu sagen haben. Die ätherische Seele, so schwadroniert Aristoteles, ermögliche dem Menschen den aufrechten Gang, deren Fehlen drücke das Tier zu Boden. Ja, ja.

Die Freisetzung der Hände kommt immerhin vor bei den gelehrten Herrn, doch der Daumen wird nicht gewürdigt! Dabei hielt doch Sokrates auf dem Perserfeldzug das Schwert nicht nach Art der Schimpansen – die können das mit ihrer Anatomie gar nicht – sondern mit dem oppositionellen Daumen und den vier Gegenfingern. Er wäre sonst vielleicht nicht nach Athen zurückgekehrt. Nicht die Opposition Platons gegen die Demokratie war geschichtsmächtig, nein, die einzigartige Opposition des Daumens hat die Weltgeschichte gemacht, jedenfalls seit der Zeit der Hominiden. Und gerade die Daumen versenkt die weltbekannte Jugendskribentin in ihren geräumigen Rocktaschen! Ihre Bleistiftabsätze dagegen stellt sie ins Scheinwerferlicht. Ohne ihren oppositionellen Daumen hätte die Dame aber gar nicht schreiben gelernt! Was allerdings der Jugendbildung möglicherweise genutzt hätte. Mit dem menschlichen Daumen läßt sich nicht nur viel begreifen, sondern auch anfangen. Die ganze Technik beginnt mit dem Daumen, sitzend meist, nicht im aufrechten Herumlaufen.   
Wenn Platon das gewußt hätte, er hätte es trotzdem nicht begriffen. Zuckerberg von Facebook ist da schlauer. 


Samstag, 6. Oktober 2012

Viel Hallo um Halo








Wenn hier nicht der heilige Geist persönlich anwesend ist, dann halte ich den Papst für einen spiritistischen Hallodri






Brechungen und Spiegelungen des Lichts sind auffällig wie ein Regenbogen und recht reizvoll. Mit wenig Verstand und viel Glauben kann den Betrachter ein heiliger Schauder durchfahren. Mit viel Intelligenz und ebensoviel Glauben läßt sich daraus die Offenbarung des Johannes stricken. 

So viel Intelligenz besaß unsere Hilde nicht, enthielt doch ihre Heilkunst ein bißchen arg schlichte Rezepte: Wer ein krankes Herz hat, nehme einen Hyazinth und schlage damit das Kreuz über dem Herzen, und die Schmerzen werden verschwinden. Hat Dirk Bach wahrscheinlich nicht probiert. Hilde war aber durchtrieben und selbstbewußt genug, mit solchen Sperenzchen ihre mittelalterliche Welt teilweise zu beeindrucken. Und ihre Halo-Sucht benutzte sie geschickt, um sich selbst zu überzeugen und die Mystiksüchtigen in ihrem Umkreis noch dazu. Sie bot auch sonst allerlei:

>> "Ungewöhnliche Nachrichten über eure Gewohnheit gelangten zu uns: Eure Ordensfrauen tragen beim Psalmsingen lange, gelöste Haare, sie hüllen sich in Gewänder aus Seide, die bis zum Boden herabfallen, auf dem Kopf tragen sie Kronen aus Gold und ihre Finger schmücken goldene Ringe."

Die Äbtissin Tenxwind von Andernach kann die Empörung in ihrem Brief an Hildegard von Bingen kaum verbergen. Seidengewänder und goldene Kronen gehören nicht ins Kloster, sondern werden von den adeligen Frauen an den Fürstenhöfen getragen. Zudem ist Tenxwind entsetzt darüber, dass die Nonnen in Hildegards Kloster lange, gelöste Haare tragen und sich nicht an die vorgeschriebene Tonsur halten.

"Außerdem - und das scheint uns nicht weniger verwunderlich als all das - nehmt ihr in eure Gemeinschaft nur Frauen aus angesehenen, adeligen Familien auf. Wohingegen ihr Frauen mit weniger Vermögen und geringere Herkunft den Eintritt ins Kloster verweigert. Darüber sind wir überaus erstaunt, hat nicht Christus selbst arme Fischer und einfache Leute als Apostel auserwählt. Wir haben auch die Kirchenväter durchforstet und nirgendwo einen Beleg für eure Gewohnheiten gefunden." >>
(Rüdiger Achenbach, Die Klosterfrau und Prophetin aus der Sicht der religionsgeschichtlichen Forschung, Teil 3, 4.10.12, Manuskript im DLF nachzulesen)

Mit Dieter Bohlen zusammen wäre sie Deutschlands Superstar geworden, aber ohne Bohlen wurde sie erst einmal lange vergessen. Die rationalen Theologen der Scholastik behielten die Oberhand. Aber römisch-katholische Dunkelmänner gruben die adelsstolze Schamanin wieder aus, und der Chef aller römisch-katholischen Dunkelmänner befördert sie heute zur Kirchenlehrerin. Das ist die Stärke der Katholen: Zwielichtiges Spektakel gekonnt zu inszenieren. Das kann Benedikt noch besser als Bohlen. 

Freitag, 5. Oktober 2012

Die Kultur machts, nicht die Milch



Ein ganz besonderer Stoff:
Strukturformel des Testosterons




Das Leben des Menschen währet siebzig Jahr, und wenn's hoch kommt, so sind's achtzig Jahre, und wenn's köstlich gewesen ist, so ist es Mühe und Arbeit gewesen, heißt es im Psalm 90. 


Wenn es aber nicht köstlich war, dann beendete Gewalt das Leben früh; Krieg war in der Geschichte ein Dauerzustand, und bis 1945 war er auch normal und legitim, wie Hegel das in seiner Rechtsphilosophie feststellt. Dazu kommen Krankheiten, die schon die Hälfte der Kinder dahinrafften, so daß die durchschnittliche Lebenserwartung viele Jahrtausende lang unter dreißig Jahren lag, wie heute noch in Teilen Afrikas. Erst im 19. Jahrhundert stieg die Lebenserwartung, nur im Okzident allerdings, weil die Kurpfuscher durch die Entwicklung der Naturwissenschaften tatsächlich zu Ärzten wurden. Durch Liebigs Chemie verbesserte sich auch die Ernährungslage stetig, so daß dieser Tage das Statistikamt für Deutschland verlautete, daß neugeborene Jungen durchschnittlich mit 77 Jahren und 9 Monaten, Mädchen mit 82 Jahren und 9 Monaten Lebensalter rechnen könnten. Naturwissenschaften und Technik machen es möglich. Traumhaft. Da kann man viel arbeiten und viele Sachbücher lesen.  
Aber woher kommt die Differenz von ganzen 5 Jahren zwischen den Geschlechtern? Spielen Frauen weniger Rock, weniger Handball und kraxeln weniger auf Idioten-Tour im Himalaya? Zweifellos. Das hilft. Aber in der Breite gibt es folgende Vermutung:
“Einen Hinweis darauf, dass männliche Sexualhormone möglicherweise die Lebenserwartung beeinflussen, kommt aus Korea: Dort hat man die sterblichen Überreste von 385 Eunuchen aus der Zeit der Chosun-Dynastie von 1392 bis 1910 untersucht und gezeigt, dass die 81 kastrierten Männer, deren Lebensspanne ermittelt werden konnte, im Schnitt rund 70 Jahre alt wurden - und damit zwischen 14 und 19 Jahre länger lebten als ihre sexuell aktiven, gesunden Zeitgenossen. …” FAZ 29.9.12  
Sie lebten auch länger als die anderen Palastbewohner, den König eingeschlossen. Testosteron steckt ja auch hinter riskantem Verhalten schlechthin. Aber vermutlich kommen noch ein paar andere Faktoren hinzu, sowohl beim Individuum als auch bei Gruppen. Die größte Zahl von Hundertjährigen soll es in einer ländlichen Region Japans geben. Viel Bewegung und wenig Kalorien sind dort üblich, dies hat man auch bei vielen Mäuseversuchen festgestellt.  
Grundsätzliche physiologische Unterschiede scheint es bei verschiedenen Menschengruppen, früher "Rassen" genannt, nicht zu geben. US-Neger werden älter als haitianische oder afrikanische. Offenbar liegt das an den besseren Lebensbedingungen in den USA. Sie unterscheiden sich aber hinsichtlich der Verträglichkeit bestimmter Medikamente, wie man festgestellt hat. Aber auch Individuen unterscheiden sich da bekanntlich. Was Kant in seinem Aufsatz "Von den verschiedenen Rassen der Menschen", wie auch Montesquieu, noch mit Landesbeschaffenheit und Klima in Verbindung bringt, ist zwar nicht völlig überholt, aber doch durch Darwin und die Entwicklung der Genetik als nur marginal wirksam anzusehen. Interessant ist, wie besonnen beschreibend Kant vorgeht und sich des geringen Wissensstandes des 18. Jahrhunderts bewußt ist:

"Die Naturbeschreibung (Zustand der Natur in der jetzigen Zeit) ist lange nicht hinreichend, von der Mannichfaltigkeit der Ahartungen Grund anzugeben. Man muss, so sehr man auch, und zwar mit Recht, der Frechheit der Meinungen Feind ist, eine Geschichte der Natur wagen, welche eine abgesonderte Wissenschaft ist, die wohl nach und nach von Meinungen zu Einsichten fortrücken könnte." 
(Kant, Rassen, VI, S. 30, Ende d. Textes)
  Die Ergebnisse großer Experimente wie das Israels und seiner Nachbarn und überhaupt die verschiedene Entwicklung der Kontinente standen ihm noch nicht zur Verfügung.
Die israelische Bevölkerung, ursprünglich einer arabischen Gruppe entstammend wie auch die anderen Nachfahren der Region, ging durch die Schule der Diaspora und genießt heute, ganz anders als die semitischen Nachbarn, das im Psalm 90 genannte Alter nicht nur als individuelle Möglichkeit, sondern als ein massenhaftes Durchschnittsalter.