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Freitag, 26. März 2021

Evolution neuen Wissens

 Evolution neuen Wissens

Selbstreferenzunterbrechung

“Wenn das nicht mehr überzeugt, kann man den Zirkel zulassen, indem man Negation einbezieht und ihn auf seine schärfste Form bringt: den Widerspruch. Dies heißt seit Kant und Hegel in einem neuen Sinne Dialektik. Hier geht es darum, das die Erkenntnis das Härteste, was ihr an Ablehnung zur Verfügung steht, den Widerspruch, herausfordert - und aufhebt. Man denkt ja: Schlimmeres als ihr genaues Gegenteil kann der Wahrheit nicht passieren; und wenn sie dann noch eine Lösung findet, zeigt eben das, daß die Erkenntnis sich selbst mit der Wirklichkeit, die keine Widersprüche kennt, versöhnt hat (oder, wie man auch meinen könnte: daß es gar kein Widerspruch war). … 

Anders als im großen Roman der Philosophie, anders als in der Phänomenologie des Geistes, gibt es deshalb kein Ende, in dem die Erkenntnis mit ihrem Gegenstand, die Vernunft mit der Wirklichkeit eins wird. Auch wird die alte Differenz von Erkenntnis und Gegenstand, die alte ontologische Negativität der Erkenntnis als Operation außerhalb des zu Erkennenden, nicht vorgeführt, um zu zeigen, wie die Erkenntnis in der Geschichte dialektisch zu sich selbst kommt. Es gibt keine Einheit als Ende. Was sich als Erkenntnis beobachten läßt, ist und bleibt die Erzeugung einer Differenz im Ausgang von einer Differenz.” 

Luhmann, Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 498 u. 547)


Sonntag, 21. März 2021

Alte Klage


Der “griechische Philosoph klagte nicht ganz ohne Grund: es ist Schade, daß man alsdann sterben muß, wenn man eben angefangen hat einzusehen, wie man eigentlich hätte leben sollen.”*

Das ändere mal jemand. Manchmal gelingt es ja, selbst bei unklugen Eltern. Aber einfach ist es nicht. 

Und das gilt auch für Gesellschaften. Zuvor heißt es bei Kant:

“Denn wenn der glücklichste Kopf am Rande der größten Entdeckungen steht, die er von seiner Geschicklichkeit und Erfahrenheit hoffen darf, so tritt das Alter ein; er wird stumpf und muß es einer zweiten Generation (die wieder vom A B C anfängt und die ganze Strecke, die schon zurückgelegt war, nochmals durchwandern muß) überlassen, noch eine Spanne im Fortschritte der Cultur hinzuzuthun.”

Das tut die nächste Generation unter Umständen nicht. Kant lebte zur Zeit der industriellen Revolution, in der zahlreiche Erfindungen und Umwälzungen das Leben enorm erleichterten. So verbesserte Andrew Meikle (1719-1811) im calvinistischen Schottland wahrscheinlich einen früheren Dreschmaschinenentwurf Michael Menzies und wurde so der Begründer einer neuen Agrarmaschinen-sparte. 

Aber in reifen Industriegesellschaften können Medien und der Unterhaltungssektor soviel Verwirrung stiften, daß große Entdeckungen und großartige Erfindungen der Altvorderen auf den Müll geworfen werden. So geschehen mit der fortgeschrittensten und sichersten Energieerzeugungstechnik in Deutschland.  

 

*Kant, Immanuel. Mutmaßlicher Anfang der Menschengeschichte. Musaicum Books. Kindle-Version.


Freitag, 29. Januar 2021

Der Enkel

1787 erschien Schillers “Don Carlos”. Der war der Enkel Karls V. und lebte historisch nur kurz von 1545 bis 1568 und starb mit 23 Jahren. Warum nahm sich Schiller gerade dieses Stoffes an? Weil da was los war, wie es Schiller liebte: Liebe, Lug und Trug, Tod und Freiheitskampf. Die protestantischen Flamen kämpften gegen die katholischen Unterdrücker. “Geben Sie Gedankenfreiheit” lautet die zentrale Stelle dafür; der Marquis de Posa fordert sie vom spanischen König Philipp II., dem Vater des Don Carlos, der für die Liebesverwicklungen zuständig ist. Ihn treiben und verwirren die Gefühle bis zum frühen Tod. 

Ja, die Gefühle. Kant fand sie viel zu irrational und sah in ihnen eine große Gefahr für den Verstand, für die Rationalität.






 

Freitag, 27. Dezember 2019

Hebamme Sprache


Worüber man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen. War das eine tiefgründige Weisheit, mit der Wittgenstein seinen „Traktatus“ beschloß? 
Wohl eher nicht. Aber jedenfalls ist die Sprache ein Kommunikationsmittel, das die menschliche Kulturentwicklung ermöglicht und vorangetrieben hat, insbesondere auch die einzigartig potente Form der Schriftsprache, die das Gedächtnis der Menschheit ermöglichte. Hieroglyphen und Keilschrift geben erste Hinweise auf die Kulturgeschichte, die mit der Eindeutigkeit und Vereinfachung des altgriechischen Alphabets die Schatzkammer der antiken griechischen Texte von Archimedes bis Zenon füllte. Die Rückbesinnung auf die griechisch-römische Antike in der Renaissance setzte Impulse für die Überwindung des dunklen Mittelalters und seiner geistigen Erstarrung im Christentum. Von da an ging’s bergauf, und die geistige Elite kommunizierte europaweit neue Erkenntnisse in Anatomie, Pharmazie und Zahnheilkunde. Ganz worauf Kant mit seiner Vorstellung von der Selbstaufklärung des Publikums zielte. Kleist widmete der Hebammenfunktion des Sprechens seinen kleinen Aufsatz „Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden”. Das Sprechen über einen Gegenstand aktiviert die angesprochenen Hirnzellen und -Bahnen, so daß sich das Gedächtnis öffnet und zweckdienliche Worte, Wörter und Begriffe freigibt. In diesem Sinne verfehlt Wittgenstein im Vorwort seiner Logisch-philosophischen Abhandlung (Traktatus) völlig die Möglichkeiten des Sprechens, wenn er schreibt: 
„Man könnte den ganzen Sinn des Buches etwa in die Worte fassen: Was sich überhaupt sagen läßt, läßt sich klar sagen; und wovon man nicht reden kann, darüber muß man schweigen.“
Etwas klar zu sagen, gelingt meist nicht, aber hirnliche Vorformen von Wörtern und Begriffen im denkenden Gehirn nähern sich im Verlauf der Ausdrucksform der Sprache. Und können dann sinnvolle Sätze bilden wie: Die Grenzen meiner Sprache bedeuten nicht die Grenzen meiner Welt. 
















Freitag, 4. Januar 2019

Stochern im Nebel






Was kann man wissen? fragte bekanntlich schon Kant. Mit seiner “reinen Vernunft” kam er da nicht so sehr weit, das Ding an sich sei unerkennbar. Immerhin entzog er damit den Glaubensbrüdern den Gottesbeweis. Kant und seine Zeitgenossen verfügten nur über eine ganz kleine Menge von Wissen, insbesondere hatte Kant Darwin noch nicht gelesen, denn der wurde erst 1809 geboren, während Kant schon 1804 starb. Biologie und Medizin gehörten eher noch zum Aberglauben.
Das ist bei dem Neuro-Biologen Humberto Maturana (geb. 1928) schon ganz anders. “Das Nervensystem ist als Netzwerk interagierender Neuronen gegeben, das eine Erscheinungswelt erzeugt, die im Dienste der Autopoiese des Organismus steht, in den es eingebettet ist.” (Maturana, Erkennen, Die Organisation und Verkörperung von Wirklichkeit, 1982, S. 142) Die Katze sieht also eine andere Welt als der Mensch, aber die Welt als solche bleibt natürlich die gleiche. Nur die Perspektiven sind andere, die beim Menschen in eine große Dimension hineinwachsen, insbesondere bei den Theorien. Sie sind sämtlich vorläufig, unvollständig oder gar falsch, wie bei der Erde als Scheibe. In der physikalischen Welt mit Beobachten, Messen, Experimentieren und Anwenden gelingen Verbesserungen und Revisionen, die in den philosophischen Erkenntnissen (Poppers Welt 3) eher selten sind. Sie unterliegen grundsätzlich der Skepsis.  Weswegen Sextus Empiricus (1. Jahrh.) seine Schrift "Gegen die Wissenschaftler" nannte. Die damalige Wissenschaft befand sich zu 90% in schlimmstem Aberglauben, Sextus stand wahrscheinlich besonders der philosophierende und quacksalbernde Galenos vor Augen, den die stumpfsinnigen Mönche ca. 1300 Jahre abschrieben, bis in der Renaissance die ernsthafte, empirische Wissenschaft langsam, sehr langsam erwachte. Erkennen bleibt abhängig von Subjekt (IQ sowie Lebenserfahrung), Kultur und Zeit und bleibt immer zweifelhaft.