Posts mit dem Label Seneca werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Seneca werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Sonntag, 30. Januar 2022

Mehr Jungpolitiker im Bundestag

 Der Berufspolitiker aus dem Kinderzimmer, gutbezahlt

Wenn der Anteil junger Abgeordneter im Bundestag gestiegen ist, dann hat die Kompetenz des Hauses beträchtlich abgenommen. Jeder weiß aus eigener Erfahrung, wie klein sein Kenntnisstand mit 25 Jahren war, und jeder Lehrer- und Hochschullehrer weiß das besonders gut, wenn das Niveau der Neuen von Semester zu Semester sinkt. Das betrifft die fachliche Seite, viel bedeutsamer aber ist die Berufs- und Lebenserfahrung, die zu allererst politisches, allgemeines Urteilsvermögen ermöglicht. Der Jungspund, der in seinem bisherigen Leben nur Schulen besucht hat, konnte keine Reife entwickeln, denn die Schule ist eine sehr einseitige und geschützte Vorbereitungseinrichtung. Wie Seneca aber treffend bemerkte:

Nicht für das Leben lernen wir, sondern für die Schule.*

Von der Schule in den Bundestag, das ist ein schlechter Witz.


* (Moralische Briefe an Lucilius (Epistulae morales ad Lucilium), Buch XVII, Brief 106, 12)

Freitag, 20. August 2021

Die Lösung oder was Gulliver bei den Liliputanern fand

“Bei der Besetzung der Ämter nehmen sie mehr Rücksicht auf gute Sitten als auf Fähigkeiten, denn da eine Regierung für die Menschen einmal notwendig sei, genüge auch das gewöhnliche Maß des Verstandes für die eine oder andere Stellung; die Vorsehung habe die Behandlung der Staatsangelegenheiten nicht zu einem Geheimnis gemacht, das nur von wenigen Personen erlesenen Geistes verstanden werden könne … Dagegen hegen sie die Meinung, Wahrhaftigkeit, Gerechtigkeit, Mäßigung und andere Tugenden könnten von jedem Menschen geübt werden. ...

Dagegen könne der Mangel an moralischen Tugenden durch überlegene Geistesgaben keineswegs ersetzt werden, und sie sind der Meinung, daß kein Amt so gefährlichen Händen anvertraut werden dürfe”.* 

Unverkennbar gibt hier der Frühaufklärer Swift den Engländern dringende Hinweise für ein demokratisches und gutes Regiment. Schon Seneca tat das als Erzieher Neros in der Schrift “De Clementia” (Von der Milde), genutzt hat es nichts. Auch den in der Zeit folgenden Fürstenspiegeln als Anweisungen für gutes Regieren - heute good Government geheißen - war nicht mehr Erfolg beschieden. Auch nicht Barbara Tuchmans historische Abrechnung von 1983 “Die Torheit der Regierenden”. 

Woran könnte das liegen? “Unsere Regierungs- und Gesetzesinstitutionen spiegelten deutlich unseren großen Mangel an Vernunft und somit auch an Tugend wider, denn Vernunft allein genüge schon, ein vernünftiges Geschöpf zu regieren”**, erfährt Gulliver von den Houyhnhnms, England betreffend. Und so sieht das auch die Historikerin Tuchman und der Kognitionspsychologe Steven Pinker. Mehr Aufklärung, mehr Vernunft! rufen sie uns zu. Da schmunzeln die Taliban. 


*Swift, Reisen in verschiedene ferngelegene Länder der Erde von Lemuel Gulliver, BDW 1983, S. 60; **S. 285f.


Dienstag, 10. September 2019

Je länger die Schulzeit, desto intelligenter


Länger in der Schule - und intelligenter! Prima! Das liest der Lehrer gern. Verglichen wurde hier G8 und das alte Gymnasium mit 9 Jahren. Allerdings hätten die Testaufgaben Seneca, auf den im Titel Bezug genommen wird, nicht überzeugt. 
„Nicht für das Leben, sondern für die Schule lernen wir.“ (Moralische Briefe an Lucilius (Epistulae morales ad Lucilium), Buch XVII, Brief 106, 12)
Und in einem früheren Brief heißt es:
"Selbst wenn noch eine lange Lebensdauer übrigbliebe,
müßte man sie sparsam aufteilen, damit sie für
notwendige Dinge ausreiche: Doch welch ein Wahnsinn
ist es nun, Überflüssiges zu lernen bei diesem großen
Zeitmangel! Leb wohl!" (Seneca, 49. Brief an Lucilius)

Seneca ging es um Lerngegenstände, die für das Leben klug machen, nicht nur um einen Zuwachs an Intelligenz. Zur Klugheit soll es der Mensch bringen, Intelligenz ist willkommen, aber zu wenig. 
Vielleicht kann man hilfsweise zwei sehr intelligente Figuren vor Augen stellen: Luther und Erasmus. Klug war nur letzterer. 

Ob bei G8 und G9 in dieser Hinsicht ein Unterschied auszumachen wäre, bleibt herauszufinden. Die Lebens-Zeit von einem Jahr zusätzlicher Schule ist verbraucht, ist futsch, ist weg. 












Samstag, 10. Dezember 2016

Rein damit!





Der Nürnberger Trichter
(Bild: Wikip.)



Die Schule! Eine Wunderanstalt. Aber nur, wenn man daran glaubt. Lesen, Schreiben, Rechnen und das Lernen als solches soll man darin lernen, Geschichte, Kultur und Friedfertigkeit. Da muß der Glaube schon riesengroß sein, oder man hat eine Vorstellung von Lernen, wie sie der Nürnberger Trichter repräsentiert: der Schullehrer schüttet die Lernziele in den Kopf, und dann sind sie drin.
Der Jurist und spätere Soziologe Niklas Luhmann arbeitete zunächst in der Schulverwaltung. Dort fiel ihm auf, daß die Schulpolitik nach Art des Nürnberger Trichters allerhand Konflikte und Disfunktionalitäten produzierte. Und er begann, den Schülerkopf und dessen Lernvorgänge zu analysieren. Als systemischen Vorgang. Der Schülerkopf muß aktiv sein, um Lerninhalte aufzunehmen. Diese werden in einem dreifach gestuften Vorgang abgespeichert, d.h., es bilden sich Makromoleküle aus zum Synapsenbau. Nach dem Lernvorgang gibt es mehr Protein im Kopf als vorher. Deswegen u.a. braucht das Gehirn soviel Energie.

Wie erfolgreich der Lernvorgang ausfällt, hängt an mehreren Bedingungen. Die Anschlußfähigkeit sowohl des Lehrstoffes als auch des Empfangssystems sind entscheidend. Je weniger Anknüpfungspunkte ein Lernziel erfordert, desto leichter fällt das Lernen. Addieren und Subtrahieren ist daher ziemlich einfach, das Lernen zivilisatorischer Einstellungen sehr komplex und deswegen schwierig. Zugespitzt formuliert: Rechnen ist einfach, wenn die genetischen Grundvoraussetzungen vorhanden sind, Kulturinhalte ziemlich unmöglich. Wenn dafür keine Anschlußfähigkeiten aus der langjährigen Lebenswirklichkeit vorliegen, d.h., aus dem Leben der Familie. Dort wird die Lebensmusik gemacht. Näheres s. Gabriel Tarde („Gesetze der Nachahmung“, 1890)  Luhmann sah aber auch, daß die pädagogische Provinz ein System SCHULE&SCHULVERWALTUNG darstellt, dessen Agenten hauptsächlich Schulbeamte sind, die Schüler laufen so mit. Weswegen immer noch Senecas Befund gilt, den die Lehrer gerne umdrehen:
„Nicht für das Leben, sondern für die Schule lernen wir.“
(SENECA, Moralische Briefe an Lucilius (Epistulae morales ad Lucilium), Buch XVII, Brief 106, 12)












Montag, 27. April 2015

Schule verdirbt Schüler











Wer sich selber kennt, ist erleuchtet;
Wer andere Menschen besiegt, hat Gewalt;
Wer sich selbst besiegt, der ist stark.
Laotse (604-531)

Ach, Lao, was würdest du zu unseren Schulen sagen?
Lernen Schüler dort Menschenkenntnis? Kaum, denn in den Textfächern geht es um Milieu und Gesellschaft, und die höchste Einsicht ist dort, daß der Täter das Opfer von Elternhaus und Gesellschaft sei.


Und Selbsterkenntnis, führt der Unterricht in den vielen langen Jahren dazu, daß Schüler ihre eigene Person, ihre Begabungen und Reaktionsweisen für ihren Lebensweg besser kennenlernen? Gerade das Gegentei ist der Fall. Der Kunstraum Schule verzögert die Reife und desorientiert die Schüler, wie man schon an den meist infantil-blöden Abi-Scherzen ablesen kann. Schon Seneca erkannte: Nicht für das Leben, für die Schule lernen wir. (106. Brief an Lucilius)


Und Selbstbeherrschung, wird die gelehrt? Ach, die Spaßschule mit Gutnoteninflation ist angesagt, und die Schulstrafen wurden fast gänzlich abgeschafft. Das Smartphone sorgt für zusätzliche Unterhaltung.


Und alles das zu riesigen Kosten, die ständig gesteigert werden bei kontinuierlich sinkenden Kenntnissen.
Ja, Lao, mit deinen Sprüchen würdest du heute in der pädagogischen Provinz als Spaßbremse und Rechtspopulist eingestuft.


Samstag, 7. Juni 2014

Wo guckst du denn wieder hin?!









Psychologin Anna Schubö beschäftigt sich in Marburg mit der Auswahl von Objekten in der optischen Wahrnehmung. 
Damit hat sich Goethe schon gedanklich befaßt in der Feststellung, man sehe nur, was man wisse. 
Schubö interessiert dabei die Rolle der Bewertung bei der Lenkung der Aufmerksamkeit. Sie nennt es launig „Koordination von visueller Salienz und Top-down-Signalen zur Festlegung von Priorität in der visuellen Selektion“(NEUROforum 2.14/S. 231)

In Nietzsches ZARATHUSTRA heißt es dazu:
„»Dem Reinen ist alles rein« – so spricht das Volk. Ich aber sage euch: den Schweinen wird alles Schwein!“(III,14)

Psychologin Schubö beschäftigt sich also mit einem wichtigen Thema. Wir sind gespannt auf die Ergebnisse. Denn Aufmerksamkeit verbraucht Zeit, und unsere Zeit läuft ab, was SENECA als wichtigstes Thema der Lebenskunst erschien:

„(1)  Tue es so, mein Lucilius; rette Dich Dir selbst; sammle und bewahre die Zeit, die Dir jetzt bald geraubt, bald entwendet wurde, bald entschlüpfte. Glaube mir, es ist so, wie ich schreibe: ein Teil der Zeit wird uns entrissen, ein anderer unbemerkt entzogen, ein dritter zerrinnt uns. Doch der schimpflichste Verlust ist der, der aus Nachlässigkeit erwächst; und betrachten wir's genauer, so verfließt den Menschen der größte Teil der Zeit, indem sie Übles tun, ein großer, indem sie nichts tun, das ganze Leben, indem sie andere Dinge tun als sie sollten.“ 1. Brief an Lucilius


Samstag, 6. April 2013

Wie meinte Seneca?











Kleine Umfrage für Klassentreffen

(Nichtzutreffendes bitte durchstreichen oder eine Prozentangabe hinzufügen)

·      1. Ich habe von den Unterrichtsstoffen viel verstanden und habe sie bis heute im Gedächtnis
JA    NEIN       NUR DORT, WO ICH INTERESSE HATTE

·      2. Für meine persönliche Klugheit und Berufsfindung habe ich von der Schule viel profitiert
JA    NEIN       TEILWEISE     IM GEGENTEIL

·      3. Die Schulzeit war ein paar Jahre zu lang und hat mir Lebenszeit gestohlen 
JA    NEIN       TEILWEISE     IM GEGENTEIL

·      4. Die Lehrer waren überwiegend konstruktiv                                                                                      JA       NEIN       TEILWEISE     IM GEGENTEIL

·      5. Für meine Berufstätigkeit war die Schule eine gute Vorbereitung                                                                JA    NEIN       TEILWEISE     IM GEGENTEIL

·      6. Die Schule hat mir ein Bild der Welt vermittelt, das ich später oft bestätigt fand                                                                            JA    NEIN       TEILWEISE     IM GEGENTEIL

·      7. Die Schule hat mir ein Menschenbild vermittelt, das ich später oft bestätigt fand          
JA    NEIN       TEILWEISE     IM GEGENTEIL


Raum für eigene Anmerkungen: 




Goethe: Vergebens, daß Ihr ringsum wissenschaftlich schweift,
Ein jeder lernt nur, was er lernen kann.
Faust V. 2015f.
Seneca: Nicht für das Leben, für die Schule lernen wir (Brief 106 an Lucilius, Buch 17)



Mittwoch, 23. Juni 2010

Zeit, Schule und Verstand

" Denn dies habe ich seit jeher für die vollkommene Philosophie gehalten, fähig zu sein, über die wichtigsten Fragen gedankenreich und schön zu reden. " Cicero, Gespräche in Tusculum, I, 7 - 

Non vitae, sed scholae discimus: „Nicht für das Leben, sondern für die Schule lernen wir.“ (Moralische Briefe an Lucilius (Epistulae morales ad Lucilium), Buch XVII, Brief 106, 12) "Selbst wenn noch eine lange Lebensdauer übrigbliebe, müßte man sie sparsam aufteilen, damit sie für notwendige Dinge ausreiche: Doch welch ein Wahnsinn ist es nun, Überflüssiges zu lernen bei diesem großen Zeitmangel! Leb wohl!" (49. Brief an Lucilius, Seneca) "Zeit, die nicht einmal für notwendige Dinge ausreichen kann ... Vale" Seneca 

 Da ist es doch erfreulich, daß sich Bundesbildungsministerin Schavan, die zeitlebens nach dem Theologiestudium nur ein Beamtenleben gefristet hat, daran erinnert, daß nicht Gott das Leben der Bürger bezahlt, auch nicht das Landesamt für Besoldung und Versorgung, sondern daß die Bürger für ihren Lebensunterhalt selbst Geld verdienen müssen. Und also sollen "Bildungslotsen" den Schülern ab der siebten Klasse in den Beruf helfen. Hießen sie dann nicht besser "Berufslotsen"? Das klingst der Theologin wohl nicht gut genug. Egal, es ist eine gute Initiative, die man besser schon 1970 ergriffen hätte. Und mit einer Herabsetzung der Schulpflichtjahre begleiten würde. Denn die Desorientierung von beamteten Lehrern ist groß, und je kürzer ihr desorientierender Einfluß währt, desto besser für den Schüler. - 

Kein Mathematiker und Philosoph als Präsident in Kolumbien gewünscht: Mockus bekommt keine Chance, die Untauglichkeit seiner pädagogischen Methoden gegenüber den Terroristen der FARC vorzuführen. Vielleicht sagten sich die Wähler, daß Bildung leicht dumm macht. - Islam-Debatte: Patrick Bahners ist ein sehr gebildeter FAZ-Feuilleton-Chef und gibt uns Bericht von einer Veranstaltung der Naumann-Stiftung zum Islam mit Kelec, Lindner, und dem auch ausgesprochen gebildeten Herrn Safranski (" Na, na, na, Herr Safranski!", FAZ 20.6.10) Die am wenigsten gebildete Teilnehmerin Kelec hatte dafür etwas zu sagen, vielleicht, weil sie die Leute kannte, über die gesprochen wurde, und den Koran gelesen hatte. Karl Heinz Bohrer meinte werbend: " Wissen aneignen kann sich jeder Vollidiot - im Merkur dagegen geht es um Reflexion. " Gut, gut! Aber, wenn wir genau hinsehen, kann nicht auch die Reflexion arg idiotisch sein?