Dienstag, 18. Juni 2013

Rachmaninow in der Sonne






Hier drängte sich wieder die Jugend vor, kaum daß die Alten über 30 noch einen Platz bekamen.




Das war doch schöner als die vielen polnischen Gehässigkeiten nach dem Diktat von Versailles 1918. (Vgl. Golo Mann, Dt. Geschichte, 10. Kap.) Aus Posen waren sie angereist, die jungen Damen des Klaviertrios, und spielten im schönen ehemaligen Haniel-Herrensitz “Maria in der Aue” im Bergischen Land nahe Köln. Das alte “Mitteleuropa” hat wieder den lang entbehrten Anschschluß nach Westen; der war verlorengegangen, nachdem sich die russischen Panzer bis zur Oder-Neiße vorgeschoben hatten, den “Ostblock” errichteten und durch den “Eisernen Vorhang” einschlossen. Die polnischen Kommunisten raubten einen Teil Mitteldeutschlands, darunter eben auch die alte deutsche Stadt Posen. Der Zusammenbruch der sozialistischen Systeme eröffnete seit 1989 neue Perspektiven und macht vielfachen und nicht nur musikalischen Austausch möglich.
Das Posener Klaviertrio spielte Beethoven op. 70 Nr. 1, Rachmaninow g-moll Nr. 1 und, natürlich, Chopin (g-moll op. 8). So richtig zu dem Sommerwetter und dem neobarocken Spielort paßte nur der Beethoven, wenn man den mittleren “Geister”-Satz nicht zu ernst nimmt. Das “Trio élégiaque” Rachmaninows kann dagegen zu jeder Trauerfeier im dunklen November gespielt werden; aber die Damen spielten es mit Hingabe und mit ausgefahrenem Gefühl. Dies traf auch für das Chopin-Trio g-moll zu, das ebenfalls, zumal mit der tief geführten Violine, auch nicht gerade ein c-dur-Jubelstück ist.
Man muß die Stücke und die Damen nehmen, wie sie kommen. Oder auch dialektisch betrachten: Rachmaninow, “eighty inches of Russian gloom”, so Strawinsky über den Kollegen, das ist die Vergangenheit, der Beginn des “Eisernen Vorhangs”, als Rachmaninow sich vor den Lenin’schen Barbarenhorden, “Sowjets” genannt, in Sicherheit bringen mußte. Er kehrte nie nach Rußland zurück und starb 1943 in Beverly Hills (sic!). Dieses blutrünstige 20. Jahrhundert der beiden Totalitarismen ist durchlitten und überwunden. Im 21. Jahrhundert darf ein polnisches Trio mal eben ins Auto steigen und den elegischen Rachmaninow in neobarockem Sonnenlicht spielen. Gute Dialektik.  

Montag, 17. Juni 2013

Brecht und Bienek











“Im Berliner Ensemble gab es eine Protest-Versammlung
(wie ich später erfuhr) Proteste.
Auch Brecht wollte etwas sagen.
Als sie zu ihm gingen,
hatte er sich in seinem Zimmer
eingeschlossen.” ...
“es war abends gegen acht Uhr,
Wir haben einen Eilbrief für Bienek, sagten sie,
und als ich heraustrat,
rissen sie meine Arme nach vorn
und legten mir Handschellen an.
…
Es dauert nicht lang.
Und dann: Eintausendvierhundertzweiunddreißig Tage
hat es gedauert.”

Bis Adenauer Ende 1955 nach Moskau kam und viele deutsche Kriegs- und Zivilgefangene durch Verhandlungen freibekam.
Auch den jungen Autor und Brechts Dramaturg Horst Bienek, der unberechtigt der Spionage bezichtigt und 1951 zu 20 Jahren Gulag in Workuta verurteilt wurde. Er hatte Glück, er überlebte, auch den Streik von 1953, der blutig zusammengeschossen wurde, und kam durch Adenauer nach nur (!) vier Jahren Sklavenarbeit, Kälte und Hunger vorzeitig frei. In dem Langgedicht “Flucht, vergeblich”, aus dem die obigen Zitate stammen, behandelt er diese Heimsuchung durch den Ostberliner Geheimdienst und die russische Militärverwaltung.   
“Brecht hatte bei der Verhaftung seines Schülers geschwiegen, und Helene Weigel soll gesagt haben: ‘Vielleicht war der Bienek doch ein amerikanischer Spion. Man verhaftet doch bei uns nicht so einfach unschuldige Leute.’”
(F.A.Z. 10.06.2013, Die geheimen Hauptstädte der Welt)  
Brecht und Weigel hielten auch im Juni 1953 den Mund, als vor der Tür ihres Theaters die Arbeiter streikten und Proteste gegen die SED-Diktatur überall in der Sowjetisch besetzten Zone aufflammten. Auch als die russischen Panzer den Aufstand niederwalzten, schwiegen Genosse Bertolt Brecht und seine Lieben. Auch von Genosse Ernst Bloch hörte man nichts. Vernahm jemand den Protest des Walter Jens?


Aus dem Nachlaß Bieneks erschien jetzt:

Horst Bienek „Workuta“, mit einem Nachwort von Michael Krüger, Wallstein-Verlag, Göttingen 2013, 80 Seiten, 14.90 Euro 
“Flucht, vergeblich” in H.B., Gleiwitzer Kindheit, 1978, S. 84ff.

Sonntag, 16. Juni 2013

Macht Sinn




“Verspielt nicht eure Zukunft!“, ruft uns die Stimme. Ja, wer wollte das schon. Aber wie macht man das am besten? Es müßte ganz einfach sein, denn es liegen schon abertausend Vorschläge auf dem Tisch. Vom “Zurück ins islamische Mittelalter” über “Mehr Moral bitte” bis “Vorwärts ins grüne Mittelalter” ist alles dabei. Das erschwert natürlich die Entscheidungsfindung beträchtlich. Deswegen hat ein Autor sich noch einmal zu Wort gemeldet, der den Sinn schon im Namen trägt. Und tatsächlich hat der Promi-Ökonom 8 sinnvolle Vorschläge unterbreitet. Bei Nr. 7 bleibt mir der Sinn allerdings einstweilen noch verborgen: Kinderwahlrecht für Eltern, um mehr Langfristperspektive in das Denken zu bringen. Wer hätte denn da die meisten Stimmen und wie wäre die Auswirkung?

Da gibt es diese halb schwachsinnigen Frauen, die 8 Kinder von 10 verschiedenen Männern haben. Das ergäbe schon ein ordentliches Stimmenpaket. Da sie von Wahlen und auch sonst nichts wissen, blieben die Stimmen wertlos, es sei denn, jemand würde sie für die Wahl bezahlen. Sieht nicht nach mehr langfristigem Denken aus. Schon weil das Denken wegfällt in diesem Fall.

So viele Stimmen bekäme der Katholik im Sauerland nicht zusammen, obwohl die katholische Familie mehr Kinder auf die Stimm-Waage bringen würde als die protestantische in Bremen. Aber 5 Stimmen könnten drin sein. Wofür würden die abgegeben? Mehr Einfluß für Papst, Bischof und den Pfarrer vor Ort? Diese Leute lassen sich aus der Kirchensteuer bezahlen und sind einer alten Ideologie verpflichtet, die das Rad nicht erfunden hat, auch nicht die Sonntagsöffnung von Geschäften.
Was würde der orthodoxe Jude tun? In Israel wird das Problem gerade debattiert. Die Orthodoxen gehen nicht arbeiten, haben aber viermal so viele Kinder wie die zivilisierten Israelis. Irgenwie auch nicht sehr zukunftsträchtig.
Der türkische Gentleman in Esslingen mit den drei Frauen und fünfzehn Kindern bekäme einiges Gewicht. Da alle 19 Familienmitglieder von der Sozialhilfe leben, wie weiland der “Kalif von Köln”, Metin Kaplan (150.000 Euro), wäre er natürlich für die Erhöhung der Sozialhilfe und würde seine 19 Stimmen Rotgrün geben, weil Rotgrün gerne die Sozialhilfe erhöht. Ob das die Zukunft sichern würde?

Herr Sinn, Vorschlag Nr. 7 erinnert mich an den Vorwurf gegenüber Keynes, sein wirtschaftliches Denken sei kurzfristig orientiert, weil er homosexuell sei und entsprechend keine Kinder habe. Ich halte das für Unsinn. Man kann behaupten, daß die kurzen Legislaturperioden das längerfristige Denken in den Parteien nicht fördere. Trotzdem gibt es in den Parteien unterschiedliche Köpfe. Solche wie Helmut Schmidt, die die Staatsschulden hemmungslos hochfahren und dann darüber hinwegschwadronieren. Oder solche wie Konrad Adenauer, die das Rentenumlagesystem einführen, weil er davon ausging, daß es zukunftsstabil sei, denn er meinte, “Kinder kriegen die Leute immer”. Das war vor der Einführung der “Pille”. Es kann eben niemand in die Zukunft sehen. Deswegen hat Ludwig Erhard rechtbehalten, der vor der Umlage-Rente warnte. Die schwäche die individuelle Verantwortung und persönliche Vorsorgebereitschaft.

Man braucht die Zukunft nicht zu kennen, um zu wissen, daß dies das einzige zukunftsfeste Handlungs-Prinzip ist. Bei den Eltern und bei den Kinderlosen. Bei Eichhörnchen und bei Homosexuellen.

Samstag, 15. Juni 2013

Die ewige Wiederkehr des Gleichen

Und so wechselt man die Zündkerzen am Thunderbird - die Präsidentengattin Lady Bird Johnson besucht 1966 eine HEAD-START-Klasse und liest vor. Die beiden Jungs im Vordergrund bersten vor Interesse.  
(Bild: Wiki.)  


Auch der Volkswirt James J. Heckman (Uni Chikago) plädiert für mehr Gleichheit. In den USA. In seinem Buch “Giving kids a fair chance” plädiert er für eine großflächige frühkindliche Förderung bei Problemgruppen wie alleinerziehenden Müttern und bildungsfernen Familien.
Das ist eine alte Debatte. Die “Headstartprogramme” der sechziger Jahre haben nicht die Ergebnisse hervorgebracht, die man sich erhoffte. Manche afroamerikanischen Milieus verblieben bis heute problematisch, während asiatische Milieus diese Probleme nicht aufweisen. Offenbar kommen Koreaner, Japaner, Chinesen, Vietnamesen etc. mit der amerikanischen Gesellschaft und dem amerikanischen Bildungssystem weit besser zurecht als die alteingesessenen Afroamerikaner. Ähnliches lehrt ja auch der Blick nach Afrika. Es wäre also zu fragen, ob nicht andere Schulformen mit großen praktischen Anteilen und eine Verkürzung der Schulzeit mit anschließender dualer Ausbildung zielführender wären. Heckmann ist Nobelpreisträger. Da sollte man doch etwas mehr erwarten als das Wiederkäuen des alten Krams.  

Zu HEADSTART-Programmen s. Eysenck S. 153ff.

Freitag, 14. Juni 2013

Revolution ist das Opium der Intellektuellen









Auf die Frage eines Schülers nach dem Existenzialismus Sartres:
Jeder Mensch weiß, wie er sich für sich fühlt, schon als Säugling fühlt er sich existent. Kierkegaard hat diesem Existenzgefühl philosophisch Ausdruck gegeben und alles andere, bei ihm den Christenglauben (“Essenz”), daran angeknüpft.
Sartre verbindet das Existenzgefühl mit politischen Phänomenen. In "Das Spiel ist Aus" geht es aber eher um existenzielle Routinen, Pfadabhängigkeiten und alltägliche Zwangsläufigkeiten; die Evolutionsbiologen würden vom stammesgeschichtlichen Erbe sprechen.
Wie Camus sieht Sartre aus der Monadenhaftigkeit der Existenz einen Ausweg im gesellschaftlichen Handeln, Sartre wird Marxist und findet dann auch Stalin und Mao prima. Zuviel denken kann eben auch dumm machen.
“Der existierende Mensch kann von einem Ideensystem nicht verschlungen werden; denn was immer man auch über das Leid sagen und denken mag, es entzieht sich doch dem Wissen genau in dem Maße, in dem es an sich und für sich erlitten wird und das Wissen es nicht abzuändern vermag. ... Diese Innerlichkeit, die sich aller philosophischen Bemühung gegenüber in ihrer Beschränktheit und in ihrer unendlichen Tiefe zu behaupten sucht, diese jenseits des sprachlichen Ausdrucks - als persönliches Wagnis jedes einzelnen gegenüber den anderen und Gott - liegende Subjektivität, genau das hat Kierkegaard EXISTENZ genannt.”
Sartre, Marxismus und Existenzialismus, 1964, S. 12f.
Ich finde, Kierkegaard wird bei Sartre gut erfaßt. Diese Kierkegaard’sche Existenzdimension fehle im umlaufenden Marxismus, den er einem mechanischen Determinismus huldigen sieht, so Sartre. Der sei aber bei Marx selbst nicht angelegt: “Und doch enthielt … der eigentlich Marx’sche Marxismus mit der Hervorhebung des dialektischen Gegensatzes von Erkennen und Sein die unausgesprochene Forderung auf eine existenzielle Grundlegung der Theorie.”
Das war leider nur Philosophenunsinn, aber immerhin sah er dieses Problem und er versuchte eine Lösung. Gelungen ist ihm das nicht. Sartre wurde Parteigänger der KP, distanzierte sich aber von den rollenden Sowjet-Panzern in Budapest 1956. Traurig für seine Statur war 1974 der Besuch des miesen kleinen Killers Andreas Baader in Stammheim, den er allerdings hinterher ein „trou du cul“ genannt haben soll.

Würde Sartre, wenn er von einer ‚Direktion’, wie in seinem Stück „Das Spiel ist aus“ von 1947, eine erneute Lebenschance bekäme, aus dem Sumpf der theologisch gelagerten Philosophie herausfinden und den marxistischen Blödsinn vermeiden können?