Mittwoch, 18. Februar 2015

Angriffe von links und rechts



Der von Tucholsky bekämpfte Reichspräsident Friedrich Ebert (1871-1925) hätte als Stabilitätsanker der Weimarer Demokratie länger leben müssen, Paul Hindenburg (1847-1943) dagegen früher sterben sollen - Fatalismus der Geschichte. 

(Bild: Bundesarchiv/Wiki.)






Die Intelligenz steht links, lautet(e) ein Sprüchlein, nicht ohne Berechtigung. Der vor 125 Jahren geborene und vor 80 Jahren an einer Überdosierung von Schlafmitteln gestorbene Tucholsky gehörte zweifellos zur Intelligenz der Weimarer Republik. Wie der ebenfalls aus einer reichen Bankiersfamilie stammende Bertolt Brecht war er ein linksradikaler Gegner der Weimarer Demokratie, der stattdessen für den Klassenkampf plädierte. Auch in seiner schlimmstmöglichen Form:
„Möge das Gas in die Spielstuben eurer Kinder schleichen. Mögen sie langsam umsinken, die Püppchen. Ich wünsche der Frau des Kirchen­rats und des Chefredakteurs und der Mutter des Bildhauers und der Schwester des Bankiers, daß sie einen bitteren, qualvollen Tod finden, alle zusammen. Weil sie es so wollen, ohne es zu wollen.“
Kurt Tucholsky, Werke Bd. 5, (Dänische Felder, Weltbühne 1927)

In der rororo Tucholsky-Ausgabe, die von Mary Gerold-Tucholsky zusammengestellt wurde, hat sie als stoisches Motto vorangestellt:
„Erwarte nichts.
Heute: das ist dein Leben.“

Das bezeichnet den Gegenpol zum Lebensgefühl der linken Intelligenz, wie es auch Tucholsky geplagt hat. Geboren mit einem goldenen Löffel im Mund, genügte ihm nichts, überzog er alles mit Kritik und widmete sich Frauengeschichten. 
Zwei Faktoren spielen dabei eine Rolle, spielen sich gegenseitig in die Hand. Einmal die verwöhnende Prinzenerziehung in einem reichen Hause, die die Erwartungen an das Leben in unerreichbare Höhen treibt und das Erwachsenenleben belastet. Und zum anderen die säkulare Heilserwartung des radikalen Sozialisten, die Arbeiterklasse werde  die Gesellschaft erlösen und befrieden.

Bei einer so problematischen Konstellation - man kennt sie auch von anderen linksradikalen Literaten - verhilft auch keine Intelligenz zur Klugheit. 



Dienstag, 17. Februar 2015

Aber, aber!















Schlagen ist ok, sagt er in der Generalaudienz, aber nicht ins Gesicht. Und wenn jemand seine Mutter beleidigte, müßte er mit einem Faustschlag rechnen. Der Papst aus Argentinien hat ein lockeres Mundwerk. Das ist nicht gut für den größten Teil der Erde, wo Kinder ohnehin nicht fürsorglich behandelt werden. Das Schlagen braucht man den Menschen nicht zu empfehlen, das tun sie von selbst, je primitiver, desto mehr. Die Ziele dürfen nicht zu unerreichbar sein für das Publikum, denn dann werden sie nicht ernstgenommen, aber sie müssen doch eine Anforderung darstellen, sinnvoller zu handeln.


Man sollte keinen Papst aus einem Entwicklungsland küren, der noch nie etwas von Psychologie und Entwicklungspsychologie gehört hat. 

Montag, 16. Februar 2015

So macht man das







Sieht ein bißchen karnevalistisch aus, aber das war der Stil des Barocks: Friedrich Wilhelm (1620-1688), Calvinist und Kurfürst in Brandenburg

(Bild: Wiki.)



Das war ein Paukenschlag: 1613 konvertierte Kurfürst Georg Wilhelm zum Calvinismus! 
Das sahen seine Lutheraner gar nicht gern. 1620 - der Dreißigjährige Krieg währte schon 2 Jahre - kam der kleine Kurfürst Friedrich Wilhelm an, der dann der „Große Kurfürst wurde. Nach Erziehung bei den calvinistischen Verwandten in den Niederlanden übernahm er 1640 die Regierung Brandenburgs, in der Endphase des Kriegs, die deutschen Länder waren zerstört und entvölkert. Es gab viel zu tun. 
1685 hob Ludwig der Aggressor, von den Franzosen auch Louis Le Grand genannt, das Edikt von Nantes auf und eröffnete die Jagd auf die französischen Calvinisten, auch Hugenotten genannt. 
Da griff Friedrich Wilhelm zu: alle nach Brandenburg! Etwa 20.000 der hochqualifiziertesten Handwerker und Unternehmer, das Beste vom Besten in Europa, kam zum calvinistischen Kurfürsten. 
Das war den Lutheranern gar nicht recht. Aber Friedrich Wilhelm boxte das durch. Und Preußens Aufstieg begann. So macht man Einwanderung.

Sonntag, 15. Februar 2015

Game over


GAME OF THRONES ist jetzt auch im Feuilleton der NZZ angekommen (Macht und Gefühl, 7.2.15). Ich habe weder die Serie gesehen noch die feuilletonistische Betrachtung dazu gelesen. Die Serie bedient offenbar das Bedürfnis, Häuptlingsfiguren mit Sex- und Gewaltgeschichten zu sehen. Möglicherweise ist diese Motivlage auch noch wirksam bei Monarchisten, die es ja immer noch gibt. In Deutschland sind sie sehr selten geworden, in England nicht. Ein Mann an der Spitze entscheidet, da weiß man eben bescheid. Auch die starke Stellung der französischen und amerikanischen Präsidenten verdankt sich dem Muster des Monarchen. 
Christopher Clark fragt in seiner Weltkriegsschrift “Die Schlafwandler” auch nach der Rolle der Dynasten in den Entscheidungsprozessen der Regierungen. Sie sieht sehr unterschiedlich aus, selbst in ein und dem gleichen parlamentarischen System. So habe Eduard VII. eine viel aktivere Rolle gespielt als dann sein zurückhaltender Nachfolger Georg III., der sich gern von Außenminister Grey den Weg weisen ließ. Eduard hatte aber die deutschfeindliche Gruppe Hardinge, Crowe, Bertie, Nicolson und Grey wesentlich unterstützt gegen andere Gruppen der englischen Politik. 

Auch Wilhelm II. war ein aktiver Monarch, doch war er unstet und konfus und bewirkte wenig. ‚„Es ist merkwürdig“, beobachtete Jules Cambon, der französische Botschafter in Berlin im Mai 1912 in einem Brief an einen hohen Mitarbeiter im französischen Außenministerium, „zu erleben, wie dieser Mann, der in seinen Worten so unvermittelt, so leichtfertig und impulsiv wirkt, in seinen Taten voller Zurückhaltung und Geduld ist.“‘
 (Clark, a.a.O., S. 246) 
In Berlin wurde er deshalb, auch nicht von seinem engen Vertrauten und Ratgeber Eulenburg, besonders ernst genommen; man „lenkte“ den Kaiser, der immerhin nach der Verfassung eine stärkere Stellung besaß als der englische König. 
Insgesamt war die entscheidende Rolle der Monarchen aber überall abgelaufen, wie auch das Treffen Wilhelms II. mit Nikolaus II. 1905 in Björkö im finnischen Meerbusen zeigte. Der unterzeichnete Vertrag zu einer Annäherung zwischen Berlin und Petersburg scheiterte an dem Widerstand der russischen Beamten. 
Die Rolle der Monarchen verunklarte die Wahrnehmung und die Entscheidungswege in den Staaten, Intriganten und Höflinge lieferten sich Grabenkämpfe um den Einfluß auf den Monarchen, und niemand wußte genau, welche Gruppe gerade erfolgreich war und es in Zukunft sein würde. 

Solche Gruppenkämpfe herrschten auch zwischen den Zivilbeamten und den Militärs, was die Lage noch undurchsichtiger machte.


















Samstag, 14. Februar 2015

Konrad Lorenz und die Impulskontrolle


“Es liegt tiefe Wahrheit im Symbol der Früchte vom Baume der Erkenntnis. Erkenntnis, die dem begrifflichen Denken entsprang, vertrieb den Menschen aus dem Paradies, in dem er bedenkenlos seinen Instinkten folgen und tun und lassen konnte, wozu ihm die Lust ankam ... Das begriffliche Denken verschaffte dem Menschen die Herrschaft über seine außer-artliche Umwelt … Das begriffliche Denken verlieh dem Menschen mit der Wortsprache die Möglichkeit zur Weitergabe über-individuellen Wissens...;diese...bewirkte so schnelle Änderungen, dass die Anpassungsfähigkeit seiner Instinkte an ihnen scheiterte ...

Fast möchte man meinen, es müsse grundsätzliche jede Gabe, die dem Menschen von seinem Denken beschert wird, mit einem gefährlichen Übel bezahlt werden ... Zu unserem Glück ist dem nicht so, denn dem begrifflichen Denken entspringt auch die vernunftmäßige Verantwortlichkeit des Menschen, auf der allein seine Hoffnung beruht, die ständig wachsenden Gefahren steuern zu können.” 

K. Lorenz, Das sogenannte Böse, S. 357f., frühe Auflage


Dieses Zitat fehlt in meiner 26. Auflage des “Sogenannten Bösen”; Konrad Lorenz hat wohl später bemerkt, daß er hier ins Schwafeln gekommen ist und hat die Pastorszeilen dann gestrichen. Zu tun, was die Lust vorschlägt, muß als höllischer Zustand gelten: Diebstahl, Raub, Vergewaltigung, Totschlag und Mord - der Krieg aller gegen alle jeden Tag außerhalb der Gruppen hat die Frühzeit des Menschen völlig bestimmt und tut das in Afrika noch heute. Die Ausformung einer Großhirnrinde ermöglichte die Impulskontrolle und die Instinktdistanz, und damit die Möglichkeit, Regeln zu befolgen, sich zu disziplinieren und die Unlust in Kauf zu nehmen, die es bereitet, sich nicht jederzeit zu nehmen, worauf man Lust hat. Es dauerte lange in Europa, Krieg und Kleinkrieg einzugrenzen und primitive Naturen leiden unter der Regelunterwerfung stets stark, weswegen es viele junge Männer in den syrischen Bürgerkrieg zieht, wo sie nach Lust und Laune schießen, foltern, töten und vergewaltigen können. Daß das vor allem junge Orientalen sind, die in Berlin, London und Paris aufgewachsen sind, deutet an, daß eine Kultur der zivilen Regelbefolgung erst langwierig wachsen muß. Daher ist die orientalische Einwanderung eine große Gefahr für den friedlichen Zivilisationsstatus Europas.