Freitag, 21. Mai 2021

Der Bologna-Prozeß

“Um 1300 existierte Europa bereits als identifizierbare kulturelle Einheit. Diese ließe sich auf vielerlei Weise beschreiben, doch gehörten zu den gemeinsamen Zügen im kulturellen Gesicht des mittelalterlichen Europas sicherlich die Heiligen, die Namen, die Münzen, die Urkunden und das Bildungswesen … Im Spätmittelalter waren Europas Namen und Kulte wesentlich einheitlicher als je zuvor; überall prägten die Herrscher Europas Münzen, überall stützten sich sich auf Kanzleien; und Europas Beamte teilten einen gemeinsamen Erfahrungsschatz an höherer Bildung. In all diesen Punkten zeigt sich die Europäisierung Europas.”*

Das ist kaum zu bezweifeln, und diese grundlegende Einheitlichkeit soll im Rahmen der EU bewahrt und vor allem weiterentwickelt werden, wozu der Bologna-Prozeß angeschoben wurde. 

Bologna war die juristische Elite-Universität und Paris die theologische; inzwischen sind viele Fächer und viele Unis dazugekommen. Das Kalkül dabei bleibt, daß die im Bologna-Verbund ausgebildeten Führungskräfte auch die politischen Prozesse in einer gewissen Einheitlichkeit gestalten werden. Das ergibt Reibungspotential mit demokratischen Vorstellungen. “We, the people” als Kern der Demokratie sind nicht deckungsgleich mit Akademiker-Schichten, die von den Brüsselkraten heute als Weltverbesserungsagenten gedacht sind. War das große Werk Europas im Mittelalter und danach die effiziente Abwehr von Plünderern und Eroberern, so ist von der seinerzeitigen militärischen Stärke wenig übriggeblieben. Europas Macht liegt hinter China, Rußland und den USA weit zurück. Mit fixen Ideen wie der CO2-Bepreisung schwächt es sich selbst nachhaltig. Man könnte diese Entwicklung einen Bologna-Zerfallsprozeß nennen. 


*Bartlett, “Die Geburt Europas aus dem Geist der Gewalt”, S. 350


Donnerstag, 20. Mai 2021

Karls Silberpfennig und Schreibkanzlei machen Karriere


Alles fängt ganz langsam an, aber dann geht es ziemlich schnell weiter. Und dann geben auch die Ranen, ein wendischer Stamm, ihre Leinentücher als Währung auf. Die karolingischen Silberpfennige erwiesen sich als praktischer. Und Urkunden ebenfalls, denn was man schwarz auf Pergament besitzt, kann man getrost nach Hause tragen und dort vererben, bei Bauernstellen ist das sehr wichtig. Auch bei päpstlichen Großbetrügereien wie der “Konstantinischen Schenkung”. Und die Kreuzzüge wiederum sorgten für eine Verbreitung in ganz Europa, ‘Europäisierung Europas’ genannt. 


(Vgl. Bartlett, “Die Geburt Europas aus dem Geist der Gewalt”, S. 327ff.) 


Mittwoch, 19. Mai 2021

Der Königsweg der Anpassung? If you can’t beat them, join them?

 

“Im 11. und 12. Jahrhundert begann in dieser kleinräumlich geprägten Welt ein Wandel. Die Namen und die Heiligen gerieten innerhalb eines größeren System in Bewegung. Manchmal war dies das Ergebnis von Eroberungen, wofür England ein schönes Beispiel bietet. Im Jahre 1066 wurde das Land von einer Armee aus Nordfrankreich erobert, deren Krieger Französisch sprachen. Innerhalb weniger Jahre verwandelte sich diese Armee dann zu einem neuen Landadel - eine französischsprachige Aristokratie, die über eine englischsprachige Bauernbevölkerung herrschte. … Und so hat es ganz den Anschein, als hätte sich die englische Bevölkerung Englands schon sehr bald entschieden, die Namen der Eroberer zu übernehmen. … Schließlich griff sogar die Landbevölkerung die neue Namenmode auf. Eine Liste der Landpächter des Bischofs von Lincoln aus dem Jahr 1225 zeigt, wie anderthalb Jahrhunderte nach der normannischen Eroberung auch die bäuerliche Unterschicht die Namen ihrer Herren übernommen hatte.”*

Diese Namensübernahme muß man sich wohl eingebettet in eine weitgehende Sprachübernahme vorstellen, die dem Englischen seinen französisierten Mischcharakter gibt. Es wird sehr viele Reibereien gegeben haben, denn die Gruppen haßten einander: “In der Abtei St. Albans leitete der erste normannische Abt, der seine angelsächsischen Vorgänger nur als ‘rudes et idiotas’ bezeichnen konnte, ‘als grobschlächtige, ungebildete Tölpel’, eine vollständige Zerstörung der vornormannischen Heiligenschreine ein.”*  


Da die weitere Geschichte Englands als überwiegend erfolgreich angesehen werden kann, muß man das unterliegende Muster beachten: eine kulturell überlegene Einwandererschicht, die ihre Dominanz ausspielt, setzt sich durch und befriedet das Land.

Dieses Muster hat sich, wenn ich mich nicht irre, unter erschwerten Bedingungen in den Amerikas wiederholt, im angelsächsisch dominierten Nordamerika sehr viel erfolgreicher als im romanisch dominierten Südamerika. Die Abwendung vom Katholizismus im Reformationszeitalter in England spielt da offenbar eine Rolle.  


Ob sich dieser Befund auf Einwanderergesellschaften allgemein und auf Gesellschaften mit heterogenen Bevölkerungsgruppen übertragen läßt? 

 

*Bartlett, “Die Geburt Europas aus dem Geist der Gewalt”, S. 328f.


Dienstag, 18. Mai 2021

Ja, so war’s, oder so ähnlich


Im 15. Jahrhundert unternahm die Ming-Dynastie ein paar Ausflüge über See bis nach Afrika, stellte diese aber wieder ein. Das eigene Staatsgebiet war genug. Einzelaktionen, wie sie die Normannen unternahmen, waren im zentralistischen China undenkbar. Erfüllt von großer Selbstherrlichkeit, die alles Fremde abwertete, erstarrte China und verfiel in Armut für die Mehrheit seiner Bewohner. 

Wie anders sah das im Nahen Osten und Europa aus! Rom entwickelte Ingenieurskunst und Kriegshandwerk, was das Reich zu weiten Eroberungen im Norden und Süden befähigte. Die römischen Beamten waren Juristen und Feldherren, die chinesischen waren Literaten. Nach dem Niedergang des Reiches übernahmen die kriegerischen Karolinger die Eroberungsrolle - und die Araber taten es. 

Erfolgreicher waren zunächst die Araber, die bis Poitiers vordrangen (732), und die erst im Verlauf von Jahrhunderten von den Karolingern zurückgedrängt wurden. 

Der dezentrale christliche Expansionismus auf der Grundlage der fränkischen Agrarrevolution und der Vasallität erwies sich gegenüber der patrilinearen Untertanenmentalität der Araber als leistungsstärker in Kriegstechnik, Bürokratie, Handelskompetenz und Verwaltungsgeschick. Dabei spielten auch die Mönchskrieger eine europaweite Rolle, denn sie besaßen überall Klöster und Ländereien. Sie bildeten 1207 in Livland - die Schwertbrüder - den ersten Ordensstaat der Geschichte.   


Montag, 17. Mai 2021

Neue Jungmännergruppen




Die Entwicklung der Klosterwesens erfolgte in vier Etappen. Die Benediktiner pflegten den mönchischen Klausurstil und besaßen riesige Ländereien mit deren Abgaben. 


Die Cluniazenser pflegten ebenfalls die Klausur und waren Großgrundbesitzer, bildeten aber bereits ein Klosternetzwerk. 


Die Zisterzienser wuchsen unter Bernhard von Clairvaux aus dem Cluny-Verbund heraus und expandierten mit einer expliziten Filiationspolitik europaweit. Über 500 Gründungen erfolgten zwischen dem burgundischen Mutterhaus Citeaux und  den Töchtern Tutero in Norwegen und Falkenau/Kärkna in Estland.  


Noch sehr viel mobiler präsentierten sich die neuen Bettelorden, die Franziskaner und Dominikaner, die zunächst ihre Mitglieder zur Besitzlosigkeit verpflichteten; die Franziskaner brachten es auf mehr als 1400 Klöster und verschickten auch ihre Mönche in Neugründungen. 


Damit werden die Grenzen des lateinischen Europas deutlich, die Ostpolen und Ungarn kamen noch dazu. Die Militärmönche der Kreuzritterorden trugen ihr Teil bei zur gens latina, zur “lateinischen Rasse”. 


Vgl.Bartlett, a.a.O., S. 309ff. 

Bartlett, “Die Geburt Europas aus dem Geist der Gewalt”, S. 313