Sonntag, 26. August 2012

Herbstbefangen





Gut, daß der Pflanzbottich gerade dort ein Loch hat, wo der Ahornschößling wächst.








Gottfried Benn 
Schöner Abend

Ich ging den kleinen Weg, den oft begangenen,
und diesen Abend war er seltsam klar,
man sah ihn schon als einen herbstbefangenen,
obschon es mitten noch im Sommer war.

Die Himmelsblüte hatte weisse Dolden,
die Wolken blätterten das Blau herab,
auch arme Leute wurden golden,
was ihrem Antlitz Glück und Lächeln gab.

So auch in mir, – den immer graute
früh her, verschlimmert Jahr um Jahr
entstand ein Sein, das etwas blaute –
und eine Stunde ohne Trauer war.



Mit Regenschauern bei 15°C ist der Tag nach dem schönen Abend sehr “herbstbefangen”.

Samstag, 25. August 2012

Zeit, Wissen und Karriere





Zeit, Wissen und Karriere, diese drei - das Wichtigste aber ist die Karriere


„Ich habe den Gefahren der friedlichen Kerntechnik im letzten Jahr eine Studie gewidmet und bin zu der Ansicht gekommen, daß gegen die Gefahren eines technischen Versagens technische Abhilfen technisch möglich, wirtschaftlich vertretbar und hoffentlich auch politisch durchsetzbar sind. Nicht überwunden wären damit aber Gefahren, die dem menschlichen Willen entstammen, deren ich drei als Beispiele nenne: Terrorismus, Proliferation von Kernwaffen durch die weltweite Verbreitung der Reaktortechnik, Zerstörung von Reaktoren in einem nicht notwendigerweise nuklearen Krieg. Sollte diese Analyse richtig sein, so läge auch bei den möglichen Gefahren der Kernreaktoren der Kern des Problems im politischen, und zwar im weltpolitischen Feld.“

Carl Friedrich v. Weizsäcker, Der Garten des Menschlichen, Beiträge zur geschichtlichen Anthropologie, Hanser 1977, S. 75

In der seitdem vergangenen Zeit hat sich die Kerntechnik mit 455 Reaktoren weltweit verbreitet. Der Terrorismus konnte bisher von den Kernreaktoren ferngehalten werden, nicht jedoch von Hochhäusern und Zügen. Die Proliferation konnte weitgehend, aber nicht ganz unterbunden werden. Indien, Nordkorea und Pakistan, und wohl auch Südafrika und Israel verfügen über Kernwaffen, der Iran bemüht sich darum. Einen engen Zusammenhang mit der friedlichen Nutzung der Kernenergie gab es dabei mutmaßlich nicht. Diese wird inzwischen global angewendet und anerkannt, eine bestimmte Komikernation einmal ausgenommen. Das Argument scheidet also inzwischen völlig aus. Eine Kriegszerstörung erscheint immer möglich, doch hat sogar eine höchst zweifelhafte Macht wie Pakistan in den Kriegen mit Indien darauf verzichtet. Das Problem wurde bisher vom Klub der Atommächte beherrscht. 

Carl Friedrich v. Weizsäckers Bedenken gegenüber der politischen Beherrschbarkeit der zivilen Kernkraftnutzung bedürfen vielleicht auch einer familiären Einbettung. Vater Ernst v. Weizsäcker, Jahrgang 1882, hatte sich dem Nationalismus gegenüber als anfällig erwiesen. 1937 wurde er Leiter der Politischen Abteilung im Außenamt der Nazis, 1938 Staatssekretär dortselbst.
Bei belasteten Eltern rückt die nächste Generation gern nach links, vor allem nach dem Scheitern der Eltern. Sohn Carl Friedrich v. Weizsäcker, Jahrgang 1912, führte der Weg dann an die Seite des Neomarxisten Habermas, mit dem er in Starnberg als Max-Planck-Institutschef die „Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt“ erforschen wollte.
Von Habermas ist der Schritt dann nicht weit zur universitären Massenbasis der Antikernkraftbewegung. Habermas hatte sich bereits Ende der fünfziger Jahre am Rande der Ostermarschbewegung, der Kampagne für Demokratie und Abrüstung und der Antinotstandsbewegung engagiert. Den organisatorischen harten Kern dieser Organisationen bildeten Funktionäre der verbotenen KPD, die hauptberuflich wirkten (zB Manfred Kapluck, Dr. Hans Brender) und von der Ostberliner Staatssicherheit bezahlt wurden. Die gaben die Parole aus, daß die friedliche Nutzung der Kernenergie nur im Sozialismus sicher sei, in den „Händen der Monopole“ aber zur Gefahr für den Weltfrieden werde. Das war dann wenig später, um 1970, an den Universitäten allgemeiner Glaubenssatz. Die Allgemeinen Studentenausschüsse und studentischen Gruppen, mit Ausnahme des RCDS, organisierten Demonstrationen und Aktionen aller Art gegen die zivile Kernkraftnutzung. Auch heute noch hängen vor den Castor-Transporten Plakate in den Unis: „Kommt schottern“, d.h., untergrabt die Bahngeleise.

In den siebziger und achtziger Jahren wurde auch Carl Friedrich v. Weizsäcker als ‚bürgerlicher Atom-Wissenschaftler’ gern zitiert.
Man hat bei ihm den Eindruck, daß er gern nachlieferte, hochgeehrt und hochbezahlt unter gemütlichen, gefahrlosen Bedingungen in der Bundesrepublik, was Vater und Söhne Weizsäcker unter gefährlichen Bedingungen nicht aufbrachten: politische Erkenntnis und mutiges Handeln. 

Freitag, 24. August 2012

Zwei ungleiche Schwestern






Kathedrale in Ciudad Juarez, Nordmexiko   

(Bild: François Hirsch / Wiki.)   

El Paso und Ciudad Juarez liegen nah nebeneinander, sie sind nur durch einen Fluß getrennt. Aber Welten trennen sie. Die eine fällt durch überbordende Gewalt auf, die andere gilt als sicherste Stadt der USA. In El Paso zählt sich zwar die Hälfte der Bevölkerung zu den Katholiken, ein für die USA sehr hoher Anteil, was an der früheren spanischen Kolonisierung liegt, doch die Mentalität der Stadt wird durch den calvinistischen bzw. reformierten Norden bestimmt. Einen ähnlichen Effekt gibt es in Paraguay, wo die Wirtschaft durch die reformierten Mennoniten dominiert wird inmitten einer katholischen Mehrheit.  
Durch Lohnfertigungen u.a. aus El Paso wuchs das mexikanisch-katholische Ciudad Juarez stark, blieb aber eine besonders gefährliche Stadt, sie trägt gar den traurigen Titel “Welthauptstadt des Mordes”. Die hohen Mordraten verdanken sich vor allem der Bandenkriminalität, aber auch einer langjährigen Mordserie an Mädchen und jungen Frauen. Von 700 Opfern ist die Rede, die Journalistin Lydia Cacho recherchiert dazu, wie sie auch ein Buch über das Verbrechen in ihrer südmexikanischen Heimatstadt Cancun veröffentlicht hat.  
Manches erinnert an das mafiöse Süditalien, wo das langjährige Müllproblem andauert, weil die Verflechtung von Mafiafamilien, Politik und Bevölkerung offenbar eine zivilisierte Lösung verhindert. Aber auch im sonstigen Italien herrscht eine Kultur der Lässigkeit, des Wegsehens und Vergessens, im Norden weniger als im Süden, in ganz Mexiko wie in Süditalien.  

Die völlig andersartige Situation im texanischen El Paso ist schwer erklärbar, wenn man nicht auf die konfessionell bedingten Traditionsunterschiede sieht: die gemütliche Sündenkultur im Katholizismus mit ihrer Vergebung der Sünden nach der Beichte durch Priester und, auf der reformierten Seite, dem Disziplinaufbau durch ein unmittelbares Verhältnis zu dem imaginierten Gott, der das ICH des Gläubigen unmittelbar anblickt und der keine vergebenden Funktionäre beschäftigt. Die religionspsychologischen Folgen bewirken in der Traditionsbildung ganz offenbar große Unterschiede, während die geglaubten Inhalte als solche keine Rolle spielen.   


Blick auf El Paso, Texas

(Bild: Wiki.)

Donnerstag, 23. August 2012

Da lachten die Kapetinger






Diese zusammenhanglosen Fleckchen in Altrosa vom Niederhein bis Ostpreußen um 1700 sollten tatsächlich einmal ein Staat werden – wäre ohne den calvinistischen Turbo kaum gelungen.
Erst 1660 hatte sich das Herzogtum Preußen aus dem polnischen Lehensverband gelöst, es gehörte aber nicht zum Deutschen Reich.

(Karte: Harms Geschichts- u. Kulturatlas)




„In einem alten französischen Konversationslexikon steht unter dem Namen Preußen die Beschreibung: ‚Ein Königreich, das durch Kriege und Räubereien gewachsen ist.’
Nun, das sind alle Königreiche - und die meisten Republiken. Friedrich der Große hat hier nichts anderes getan als Ludwig von Frankreich oder Peter von Rußland oder Präsident Polk von den Vereinigten Staaten von Amerika.“
(Golo Mann, Dt. Geschichte, S. 41)

Allerdings war Preußen im 16. Jahrhundert nur ein unbedeutendes, zerrissenes Fürstentum ohne homogene Bevölkerung. Es bestand aus den unzusammenhängenden kleinen Gebieten der Mark Brandenburg, dem Herzogtum Preußen und den winzigen rheinischen Gebieten Kleve, Mark und Ravensberg. Eine Lächerlichkeit verglichen mit Frankreich und den Kapetingern, die sich dieses homogene Gebiet unterwarfen. Aber bereits 1539 schloß sich Joachim II. dem Luthertum an und Johann Sigismund trat 1618 zum Calvinismus über. Dabei blieb es unter dem Kurfürsten Friedrich Wilhelm, der aber seine katholischen und lutherischen Bürger respektierte und keine Bartholomäusnacht anrichtete. König Friedrich Wilhelm I., ebenfalls Calvinist, führte das Werk des Großen Kurfürsten, die Staatsbildung, fort und machte Disziplin und Sparsamkeit zur Staatsraison. So gedieh Preußen, wobei auch die protestantische Neigung zu Schule und Wissenschaft eine Rolle spielte, während es mit dem katholischen Bayern und dem katholischen Österreich nicht recht weiterging. 

So wie es in Südamerika auch heute noch nur sehr holperig weitergeht und zwischendurch Chikago Boys importiert werden müssen. Katholische Länder unter säkular-religiöser Verwaltung wie Kuba verelendeten allerdings. Wo der Katholizismus noch eine gewisse Zurückhaltung übt, im Wirtschaftsleben, dort gebärdet sich die politische Säkularreligion (Eric Voegelin) Marxismus totalitär und setzt alle 5 Grundsätze der Wohlstandsmehrung außer Kraft:
1.  Berechenbare politische Rahmenbedingungen
2.  Herrschaft des Gesetzes
3.  Anreize, sich produktiv zu verhalten
4.  Marktwirtschaft, Haftung
5.  Klare Grenzen für die Staatstätigkeit
Aus solcher Mißachtung folgt Armut. Auch Zusammenbruch. Das schaffen aber totalitäre metaphysische Religionen auch. Persien steht am Rande des Ruins.


Mittwoch, 22. August 2012

"Were you Doers, or Talkers only?”





“It will not be said: did you believe? - but: were you Doers, or Talkers only?” John Bunyan, Eines Christen Reise nach der seeligen Ewigkeit

Bunyan (1628-1688) lernte erst einmal bei seinem Vater das Kesselflicken, bevor er predigte und schrieb. 





“Das sittlich wirklich Verwerfliche ist nämlich das Ausruhen auf dem Besitz, der Genuß des Reichtums mit seiner Konsequenz [S. 167] von Müßigkeit und Fleischeslust, vor allem von Ablenkung von dem Streben nach »heiligem« Leben. Und nur weil der Besitz die Gefahr dieses Ausruhens mit sich bringt, ist er bedenklich. Denn die »ewige Ruhe der Heiligen« liegt im Jenseits, auf Erden aber muß auch der Mensch, um seines Gnadenstands sicher zu werden, »wirken die Werke dessen, der ihn gesandt hat, solange es Tag ist«. Nicht Muße und Genuß, sondern nur Handeln dient nach dem unzweideutig geoffenbarten Willen Gottes zur Mehrung seines Ruhms. Zeitvergeudung ist also die erste und prinzipiell schwerste aller Sünden. Die Zeitspanne des Lebens ist unendlich kurz und kostbar, um die eigene Berufung »festzumachen«. Zeitverlust durch Geselligkeit, »faules Gerede«, Luxus, selbst durch mehr als der Gesundheit nötigen Schlaf – 6 bis höchstens 8 Stunden – ist sittlich absolut verwerflich. Es heißt noch nicht wie bei Franklin: [S. 168] »Zeit ist Geld«, aber der Satz gilt gewissermaßen im spirituellen Sinn: sie ist unendlich wertvoll, weil jede verlorene Stunde der Arbeit im Dienst des Ruhmes Gottes entzogen ist. Wertlos und eventuell direkt verwerflich ist daher auch untätige Kontemplation, mindestens wenn sie auf Kosten der Berufsarbeit erfolgt. Denn sie ist Gott minder wohlgefällig als das aktive Tun seines Willens im Beruf. Ueberdies ist für sie der Sonntag da, und es sind nach Baxter immer diejenigen, die in ihrem Berufe müßig sind, welche auch für Gott keine Zeit haben, wenn die Stunde dafür da ist.
[169] Demgemäß zieht sich eine immer wiederholte, zuweilen fast leidenschaftliche Predigt harter, stetiger, körperlicher oder geistiger Arbeit durch Baxters Hauptwerk.“
Weber, Max, Schriften zur Religionssoziologie, Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus, II. Die Berufsethik des asketischen Protestantismus, 1. Die religiösen Grundlagen der innerweltlichen Askese, 2. Askese und kapitalistischer Geist
(Text bei www.zeno.org/) (Seitenzahlen: UTB-Ausgabe)

Das ist nicht der Geist des Katholizismus oder gar der intellektuell depravierten orthodoxen Kirche. Mit dieser Mentalität überholte Nordamerika in 200 Jahren rasant das katholische Südamerika mit weiter zunehmendem Abstand.

Dazu paßt auch das neue Buch von John B. Taylor: FIRST PRINCIPLES. FIVE KEYS TO RESTORING AMERICA’S PROSPERITY. Norton 2012.
Taylor lehrt in Stanford und schuf die Taylor-Regel für die Geldmenge, die er bei FED-Chef Bernanke verletzt sieht. Im ersten Kapitel nennt Taylor fünf Prinzipien, die schon bei Adam Smith galten und die USA wohlhabend machten:
  1. Berechenbare politische Rahmenbedingungen
  2. Herrschaft des Gesetzes
  3. Gute Anreize
  4. Marktwirtschaft
  5. Klare Grenzen für die Staatstätigkeit

Länder mit mit katholischer Tradition tun sich damit schwer, Länder der Orthodoxie noch schwerer. In anderen Kulturkreisen werden diese Prinzipien kaum verstanden. Entsprechend sieht ihr Armutsniveau aus.