Freitag, 24. August 2012

Zwei ungleiche Schwestern






Kathedrale in Ciudad Juarez, Nordmexiko   

(Bild: François Hirsch / Wiki.)   

El Paso und Ciudad Juarez liegen nah nebeneinander, sie sind nur durch einen Fluß getrennt. Aber Welten trennen sie. Die eine fällt durch überbordende Gewalt auf, die andere gilt als sicherste Stadt der USA. In El Paso zählt sich zwar die Hälfte der Bevölkerung zu den Katholiken, ein für die USA sehr hoher Anteil, was an der früheren spanischen Kolonisierung liegt, doch die Mentalität der Stadt wird durch den calvinistischen bzw. reformierten Norden bestimmt. Einen ähnlichen Effekt gibt es in Paraguay, wo die Wirtschaft durch die reformierten Mennoniten dominiert wird inmitten einer katholischen Mehrheit.  
Durch Lohnfertigungen u.a. aus El Paso wuchs das mexikanisch-katholische Ciudad Juarez stark, blieb aber eine besonders gefährliche Stadt, sie trägt gar den traurigen Titel “Welthauptstadt des Mordes”. Die hohen Mordraten verdanken sich vor allem der Bandenkriminalität, aber auch einer langjährigen Mordserie an Mädchen und jungen Frauen. Von 700 Opfern ist die Rede, die Journalistin Lydia Cacho recherchiert dazu, wie sie auch ein Buch über das Verbrechen in ihrer südmexikanischen Heimatstadt Cancun veröffentlicht hat.  
Manches erinnert an das mafiöse Süditalien, wo das langjährige Müllproblem andauert, weil die Verflechtung von Mafiafamilien, Politik und Bevölkerung offenbar eine zivilisierte Lösung verhindert. Aber auch im sonstigen Italien herrscht eine Kultur der Lässigkeit, des Wegsehens und Vergessens, im Norden weniger als im Süden, in ganz Mexiko wie in Süditalien.  

Die völlig andersartige Situation im texanischen El Paso ist schwer erklärbar, wenn man nicht auf die konfessionell bedingten Traditionsunterschiede sieht: die gemütliche Sündenkultur im Katholizismus mit ihrer Vergebung der Sünden nach der Beichte durch Priester und, auf der reformierten Seite, dem Disziplinaufbau durch ein unmittelbares Verhältnis zu dem imaginierten Gott, der das ICH des Gläubigen unmittelbar anblickt und der keine vergebenden Funktionäre beschäftigt. Die religionspsychologischen Folgen bewirken in der Traditionsbildung ganz offenbar große Unterschiede, während die geglaubten Inhalte als solche keine Rolle spielen.   


Blick auf El Paso, Texas

(Bild: Wiki.)

Donnerstag, 23. August 2012

Da lachten die Kapetinger






Diese zusammenhanglosen Fleckchen in Altrosa vom Niederhein bis Ostpreußen um 1700 sollten tatsächlich einmal ein Staat werden – wäre ohne den calvinistischen Turbo kaum gelungen.
Erst 1660 hatte sich das Herzogtum Preußen aus dem polnischen Lehensverband gelöst, es gehörte aber nicht zum Deutschen Reich.

(Karte: Harms Geschichts- u. Kulturatlas)




„In einem alten französischen Konversationslexikon steht unter dem Namen Preußen die Beschreibung: ‚Ein Königreich, das durch Kriege und Räubereien gewachsen ist.’
Nun, das sind alle Königreiche - und die meisten Republiken. Friedrich der Große hat hier nichts anderes getan als Ludwig von Frankreich oder Peter von Rußland oder Präsident Polk von den Vereinigten Staaten von Amerika.“
(Golo Mann, Dt. Geschichte, S. 41)

Allerdings war Preußen im 16. Jahrhundert nur ein unbedeutendes, zerrissenes Fürstentum ohne homogene Bevölkerung. Es bestand aus den unzusammenhängenden kleinen Gebieten der Mark Brandenburg, dem Herzogtum Preußen und den winzigen rheinischen Gebieten Kleve, Mark und Ravensberg. Eine Lächerlichkeit verglichen mit Frankreich und den Kapetingern, die sich dieses homogene Gebiet unterwarfen. Aber bereits 1539 schloß sich Joachim II. dem Luthertum an und Johann Sigismund trat 1618 zum Calvinismus über. Dabei blieb es unter dem Kurfürsten Friedrich Wilhelm, der aber seine katholischen und lutherischen Bürger respektierte und keine Bartholomäusnacht anrichtete. König Friedrich Wilhelm I., ebenfalls Calvinist, führte das Werk des Großen Kurfürsten, die Staatsbildung, fort und machte Disziplin und Sparsamkeit zur Staatsraison. So gedieh Preußen, wobei auch die protestantische Neigung zu Schule und Wissenschaft eine Rolle spielte, während es mit dem katholischen Bayern und dem katholischen Österreich nicht recht weiterging. 

So wie es in Südamerika auch heute noch nur sehr holperig weitergeht und zwischendurch Chikago Boys importiert werden müssen. Katholische Länder unter säkular-religiöser Verwaltung wie Kuba verelendeten allerdings. Wo der Katholizismus noch eine gewisse Zurückhaltung übt, im Wirtschaftsleben, dort gebärdet sich die politische Säkularreligion (Eric Voegelin) Marxismus totalitär und setzt alle 5 Grundsätze der Wohlstandsmehrung außer Kraft:
1.  Berechenbare politische Rahmenbedingungen
2.  Herrschaft des Gesetzes
3.  Anreize, sich produktiv zu verhalten
4.  Marktwirtschaft, Haftung
5.  Klare Grenzen für die Staatstätigkeit
Aus solcher Mißachtung folgt Armut. Auch Zusammenbruch. Das schaffen aber totalitäre metaphysische Religionen auch. Persien steht am Rande des Ruins.


Mittwoch, 22. August 2012

"Were you Doers, or Talkers only?”





“It will not be said: did you believe? - but: were you Doers, or Talkers only?” John Bunyan, Eines Christen Reise nach der seeligen Ewigkeit

Bunyan (1628-1688) lernte erst einmal bei seinem Vater das Kesselflicken, bevor er predigte und schrieb. 





“Das sittlich wirklich Verwerfliche ist nämlich das Ausruhen auf dem Besitz, der Genuß des Reichtums mit seiner Konsequenz [S. 167] von Müßigkeit und Fleischeslust, vor allem von Ablenkung von dem Streben nach »heiligem« Leben. Und nur weil der Besitz die Gefahr dieses Ausruhens mit sich bringt, ist er bedenklich. Denn die »ewige Ruhe der Heiligen« liegt im Jenseits, auf Erden aber muß auch der Mensch, um seines Gnadenstands sicher zu werden, »wirken die Werke dessen, der ihn gesandt hat, solange es Tag ist«. Nicht Muße und Genuß, sondern nur Handeln dient nach dem unzweideutig geoffenbarten Willen Gottes zur Mehrung seines Ruhms. Zeitvergeudung ist also die erste und prinzipiell schwerste aller Sünden. Die Zeitspanne des Lebens ist unendlich kurz und kostbar, um die eigene Berufung »festzumachen«. Zeitverlust durch Geselligkeit, »faules Gerede«, Luxus, selbst durch mehr als der Gesundheit nötigen Schlaf – 6 bis höchstens 8 Stunden – ist sittlich absolut verwerflich. Es heißt noch nicht wie bei Franklin: [S. 168] »Zeit ist Geld«, aber der Satz gilt gewissermaßen im spirituellen Sinn: sie ist unendlich wertvoll, weil jede verlorene Stunde der Arbeit im Dienst des Ruhmes Gottes entzogen ist. Wertlos und eventuell direkt verwerflich ist daher auch untätige Kontemplation, mindestens wenn sie auf Kosten der Berufsarbeit erfolgt. Denn sie ist Gott minder wohlgefällig als das aktive Tun seines Willens im Beruf. Ueberdies ist für sie der Sonntag da, und es sind nach Baxter immer diejenigen, die in ihrem Berufe müßig sind, welche auch für Gott keine Zeit haben, wenn die Stunde dafür da ist.
[169] Demgemäß zieht sich eine immer wiederholte, zuweilen fast leidenschaftliche Predigt harter, stetiger, körperlicher oder geistiger Arbeit durch Baxters Hauptwerk.“
Weber, Max, Schriften zur Religionssoziologie, Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus, II. Die Berufsethik des asketischen Protestantismus, 1. Die religiösen Grundlagen der innerweltlichen Askese, 2. Askese und kapitalistischer Geist
(Text bei www.zeno.org/) (Seitenzahlen: UTB-Ausgabe)

Das ist nicht der Geist des Katholizismus oder gar der intellektuell depravierten orthodoxen Kirche. Mit dieser Mentalität überholte Nordamerika in 200 Jahren rasant das katholische Südamerika mit weiter zunehmendem Abstand.

Dazu paßt auch das neue Buch von John B. Taylor: FIRST PRINCIPLES. FIVE KEYS TO RESTORING AMERICA’S PROSPERITY. Norton 2012.
Taylor lehrt in Stanford und schuf die Taylor-Regel für die Geldmenge, die er bei FED-Chef Bernanke verletzt sieht. Im ersten Kapitel nennt Taylor fünf Prinzipien, die schon bei Adam Smith galten und die USA wohlhabend machten:
  1. Berechenbare politische Rahmenbedingungen
  2. Herrschaft des Gesetzes
  3. Gute Anreize
  4. Marktwirtschaft
  5. Klare Grenzen für die Staatstätigkeit

Länder mit mit katholischer Tradition tun sich damit schwer, Länder der Orthodoxie noch schwerer. In anderen Kulturkreisen werden diese Prinzipien kaum verstanden. Entsprechend sieht ihr Armutsniveau aus.  

Dienstag, 21. August 2012

Erfahrungswissen: Alle Hochschuldenländer sind katholisch oder orthodox






In diesem Zeichen wirst du arm sein und bleiben, was aber keine Schande ist


(Die Ikone Gottesmutter von Wladimir, Konstantinopel um 1100, Wiki.)  





Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis, und was Anderes gibt es nicht  
 



Pyrrhon meinte, man solle sich der Urteile enthalten, sie seien zu unsicher. Auch Lichtenberg formuliert skeptisch:
„ Man kann würklich nicht wissen ob man nicht jetzt im Tollhaus sitzt.“
[J 520]
Man weiß es nie so genau, man kann nicht ganz sicher sein. Daher warnt auch Hayek vor einer „Anmaßung von Wissen“. McGinn vergleicht die menschliche Hoffnung auf Erkenntnisgewißheit mit der Erwartung, eine Katze könne die Relativitätstheorie begreifen. Die Gehirne haben ihre Grenzen. Schamanen und Priester wissen das. Auf Kosten von Technik, Wohlstand und Wissenschaft bieten sie ihre irrationalen Verbände an. Pluralismus und Erkenntniswettbewerb sind jedoch angesagt, Denkverbote und Denkverfolgung nicht. 

Aber wenn auch Menschen sich nicht das Erleben einer Katze vorstellen können, so sind ihnen doch innerhalb der eigenen Art ein paar einfache Dinge erkennbar. Etwa die Unterschiedlichkeit der Lebensalter. Mit zwanzig ist man ein anderer als mit Fünfzig. Die Lebenserfahrung, die wahrhaft hohe Schule, bewirkt das. Man lernt dazu. Selbst ein Joschka Fischer würde heute nicht mehr als Straßenschläger auftreten. Das Strafrecht trägt dem Lebensalter entsprechend Rechnung. 
Wenn ein Mann mit 45 noch als hyperaggressiver Mehrfachtäter verbal andere Menschen angreift, dann kann man einigermaßen sicher urteilen, daß man den Angegriffenen durch Wegschließen des Angreifers Schutz schuldet. 
Die Welt ist voller querulantischer Männer, manche von ihnen gleichen tollen Hunden, die sich in etwas verbeißen wollen, sei es, was es wolle. Horst Mahler ist ein solcher Typ, intelligent, aggressiv, konstitutionell lernunfähig, erst linksradikal, jetzt rechtsradikal, demnächst vielleicht totalitärer Sektengründer. 
Die meisten Extremisten sind harmloser und verbeißen sich nur bei bestimmten Themen. Dort können sie aber leicht die psychiatrische Grenze überschreiten. Sie halten dann ihren eigenen  kleinen Verstand für das Maß aller Dinge und schwafeln von Leben und Welt, und wie sie am besten einzurichten seien, geben sie vor, genau zu wissen. Sei es drum. 

Auch die Extremisten, hat die Gruppensoziologie herausgefunden, haben eine Funktion. Sie stärken nämlich die Mehrheitsmeinung. Die Herde auf der Weide blökt gerne gemeinsam, ein Putin gibt den Einsatz. Das ist wenig erkenntnisfördernd. Durch ihre Einwände, die klug, idiotisch oder skurril sein können, setzen sie einen Impuls, das Gruppenurteil zu überprüfen. Im Hofnarren fand sich dafür eine institutionalisierte Form. Für Narren sollte ein gewisser, nicht ausufernder Bestandsschutz gelten. 

Von aggressiven Querulanten aber muß man sich nicht auf den Nerven herumtrampeln lassen. Bei allem pyrrhonesischen Gleichmut.

Montag, 20. August 2012

Gerhard Schröder schmeißt hin!



Kleines Ländchen - Norwegen besitzt viel Öl und Gas - ohne Zar, mit zivilisierter Justiz - geht er jetzt zu Statoil? 







Schröder findet es einfach widerwärtig, daß drei junge Frauen, davon zwei mit kleinen Kindern, seit einem halben Jahr im russischen Gefängnis sitzen. Wegen einer kurzen, einminütigen Jugendprovokation gegen Putin in einer Kirche. Ohne jeden Sachschaden. Verhüllt. Eine politische Tanzperformance ohne Ton. Gefilmt, mit Ton unterlegt, ins Internet gestellt.

Schröder sagte seinem Freund Putin, daß vor einigen Jahren ein Fotograf ein nacktes Pärchen auf den Altar des Kölner Domes gelegt hätte. Dafür habe der Fotograf eine geringfügige Bewährungsstrafe von 4 Monaten einschließlich einer Geldstrafe von 700 DM erhalten, der nackte Mann habe eine Geldbuße von 900 DM zahlen müssen und die Nackte sei verwarnt worden. Keiner der drei hätte auch nur einen einzigen Tag im Gefängnis gesessen. Gegen eine so brutale Bestrafung junger Leute für eine Bagatelle müsse er, Schröder, protestieren: 
er wolle nicht länger Gasprom-Agent sein.  
Schluß, Putin! 


Stimmt nicht? Stimmt. Stimmt nicht.