Samstag, 24. Februar 2018

Damasio und das Gegenglück



Die Gefühle - grob gesagt - sind Melde- und Bewertungsinstanz, und daß sich ein solches System weit vor dem Menschen entwickelt hat, leuchtet ein. Auch, daß es alle anderen Systeme dominiert und beeinflußt. Natürlich schließen kulturelle Phänomene an sie an, sie entwickeln sich nicht im luftleeren Raum. Aber bei der Tätigkeit der Großhirnrinde wird es schwieriger, wie hier bei Benn im Gedicht von 1936 “Einsamer nie” ausgedrückt:
...

Die Seen hell, die Himmel weich,
die Äcker rein und glänzen leise,
doch wo sind Sieg und Siegsbeweise
aus dem von dir vertretenen Reich?
Wo alles sich durch Glück beweist
und tauscht den Blick und tauscht die Ringe
im Weingeruch, im Rausch der Dinge −:
dienst du dem Gegenglück, dem Geist.

Dieses Thema hat Benn lebenslang beschäftigt, besonders den jungen Mann. Die Großhirnrinde beeinflußt die Parameter der Gefühlsbewertung. Aus Einsamkeit und geistiger Tätigkeit kann eine gewisse Lust entspringen, wie auch aus Verzicht und dem Lauschen von trauriger Musik. Das war besonders in der Romantik ein Hauptmotiv: “Horch, es klagt die Flöte wieder”, heißt es in Brentanos “Abendständchen”. Die Großhirnrinde vermag mit den Bewertungspolen zu spielen und sie umzukehren. Läßt sich da nicht behaupten, daß die Großhirnrinde - zumindest im individellen Fall - große Möglichkeiten besitzt und den Körper zur Askese zwingen kann? Wie überhaupt eine reflektierte geistige Elite hergebrachte Muster modifizieren und die kulturelle Sphäre ändern kann. Eine solche recht tiefgreifende Änderung reflektiert das pompejanische Fresko des Bäckerpaares Neo, das eine arbeitsteilige Gleichberechtigung zeigt, die in Griechenland nicht existierte, noch viel weniger in Asien.
Damasio spart dieses Thema - bei dem es erst spannend wird - vielleicht für sein nächstes Buch aus. Es könnte dann den Titel tragen “Süße Melancholie”.














Wooden Fish Ensemble - Dirge for violin and piano by Hyo-shin Na

Freitag, 23. Februar 2018

Vom Mythos zum Logos - und zurück?




Damasio, Gefühl, S. 273




Wie viele Menschen gehen zum Fußball?
Wie viele gehen zum Rockkonzert?
Wie viele gehen zum Vortrag “Bakterieller Schwefelstoffwechsel - Eine Reise vom Gartenteich über sibirische Sodaseen in den menschlichen Darm”?

Der Neurologe Damasio besteht mit seinem letzten Buch “Am Anfang war das Gefühl. Der biologische Ursprung menschlicher Kultur” die Plausibilitätsprüfung. Der Originaltitel lautet genauer “The strange Order of Things. Life, feeling and the making of cultures”, 2017. Er beginnt nicht bei Adam und Eva, Damasio startet seine Überlegungen bei den ersten Lebensspuren vor 3,6 Milliarden Jahren, bei den Bakterien.
“Wie können wir die offenkundig vernünftige Idee, daß Gefühle das Motiv der intelligenten kulturellen Lösungen für Probleme waren, die aus der Natur des Menschen erwachsen, mit der Tatsache in Einklang bringen, daß geistlose Bakterien effiziente soziale Verhaltensweisen an den Tag legen, die in Umrissen manche kulturellen Reaktionen der Menschen vorausahnen lassen?” (Damasio, Am Anfang war das Gefühl, S. 33f.)
Er sieht die Homöostase am Werk, eine Fließgleichgewicht, daß die einzelne Zelle mit dem Gesamtorganismus verbindet und am Leben und Überleben erhält. Spinoza hat es von philosophischer Seite aus “conatus” benannt, Maturana aus biologischer Perspektive “Autopoiesis”.
“Mangelnde Homöostase drückt sich im Wesentlichen in Form negativer Gefühle aus, während positive Gefühle ein Anzeichen für ein angemessenes Niveau an Homöostase sind und den Organismus aufgeschlossen für vorteilhafte Möglichkeiten macht. Gefühle und Homöostase stehen zueinander in einem ganz prinzipiellen, widerspruchsfreien Zusammenhang.”  (Damasio, Am Anfang war das Gefühl, S. 34)
Die Gefühle sind Meldungen aus dem Gesamt des Organismus zum Zustand des Fließgleichgewichts - ob Bauchschmerzen, Hunger, Wohlbefinden, Begeisterung. Schmerz und Begeisterung motivieren zu Handlungen, sowohl beim Bakterium mit einfachem Signalmuster (da wird man es anders benennen), als auch beim sehr viel komplexeren Menschen entsprechend den Billionen Zellen und Neuronen. Da kann es in den Signalwegen “Knoten”, also Probleme geben, daß zum Beispiel zuwenig Neurotransmitter gebildet werden, zu wenig Serotonin vielleicht, oder Dopamin etc. So funktioniert das, aber nicht immer gleich gut. Homöostase ist es also, was die belebte Welt im Innersten zusammenhält, meint Damasio. Recht hat er.
Manche nennen’s Seele, aber das geht in den Bereich verunklarender, abwegiger Mythologie.
Hier sollte Damasio weiterarbeiten. Denn die Frage stellt sich, wie eine auf Kognition und Wissenschaft setzende Zivilisation sich gegen die Übermacht der Gefühlswelt - im weitesten Sinne verstanden - dauerhaft behaupten kann. Atavistische Gefühle sind stark und genetisch kodiert, nicht jedoch Lesen, Schreiben, Rechnen, Textanalyse und die Erforschung des bakteriellen Schwefelstoffwechsels. Wissenschaft war immer bedroht durch Mythen und Magie, auch heute, aber in den letzten 100 Jahren war kein solcher Abbau des Schulniveaus bereits in den Grundschulen zu verzeichnen.