Mittwoch, 23. Juni 2010

Zeit, Schule und Verstand



" Denn dies habe ich seit jeher für die vollkommene Philosophie gehalten, fähig zu sein, über die wichtigsten Fragen gedankenreich und schön zu reden. "

Cicero, Gespräche in Tusculum, I, 7



- Non vitae, sed scholae discimus: „Nicht für das Leben, sondern für die Schule lernen wir.“ (Moralische Briefe an Lucilius (Epistulae morales ad Lucilium), Buch XVII, Brief 106, 12)

"Selbst wenn noch eine lange Lebensdauer übrigbliebe,
müßte man sie sparsam aufteilen, damit sie für
notwendige Dinge ausreiche: Doch welch ein Wahnsinn
ist es nun, Überflüssiges zu lernen bei diesem großen
Zeitmangel! Leb wohl!" (49. Brief an Lucilius, Seneca)

"Zeit, die nicht einmal für notwendige Dinge
ausreichen kann ... Vale" Seneca

Da ist es doch erfreulich, daß sich Bundesbildungsministerin Schavan, die zeitlebens nach dem Theologiestudium nur ein Beamtenleben gefristet hat, daran erinnert, daß nicht Gott das Leben der Bürger bezahlt, auch nicht das Landesamt für Besoldung und Versorgung, sondern daß die Bürger für ihren Lebensunterhalt selbst Geld verdienen müssen. Und also sollen "Bildungslotsen" den Schülern ab der siebten Klasse in den Beruf helfen. Hießen sie dann nicht besser "Berufslotsen"? Das klingst der Theologin wohl nicht gut genug. Egal, es ist eine gute Initiative, die man besser schon 1970 ergriffen hätte. Und mit einer Herabsetzung der Schulpflichtjahre begleiten würde. Denn die Desorientierung von beamteten Lehrern ist groß, und je kürzer ihr desorientierender Einfluß währt, desto besser für den Schüler.

- Kein Mathematiker und Philosoph als Präsident in Kolumbien gewünscht: Mockus bekommt keine Chance, die Untauglichkeit seiner pädagogischen Methoden gegenüber den Terroristen der FARC vorzuführen.
Vielleicht sagten sich die Wähler, daß Bildung leicht dumm macht.

- Islam-Debatte: Patrick Bahners ist ein sehr gebildeter FAZ-Feuilleton-Chef und gibt uns Bericht von einer Veranstaltung der Naumann-Stiftung zum Islam mit Kelec, Lindner, und dem auch ausgesprochen gebildeten Herrn Safranski ("
Na, na, na, Herr Safranski!", FAZ 20.6.10) Die am wenigsten gebildete Teilnehmerin Kelec hatte dafür etwas zu sagen, vielleicht, weil sie die Leute kannte, über die gesprochen wurde, und den Koran gelesen hatte. Karl Heinz Bohrer meinte werbend: " Wissen aneignen kann sich jeder Vollidiot - im Merkur dagegen geht es um Reflexion. " Gut, gut! Aber, wenn wir genau hinsehen, kann nicht auch die Reflexion arg idiotisch sein?