Sonntag, 26. Juli 2009

Geist des Kapitalismus



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- Manna fällt nicht vom Himmel und Wohlstand auch nicht: " ... Der Geist des Kapitalismus, ein, wie Weber anmerkt, «etwas anspruchsvoll» klingender Begriff, nimmt nach des Soziologen Diagnose Gestalt an – unter anderem – in dem «uns heute so geläufigen und in Wahrheit doch so wenig selbstverständlichen Gedanken der Berufspflicht: einer Verpflichtung, die der Einzelne empfinden soll und empfindet gegenüber dem Inhalt seiner Tätigkeit, gleichviel, worin sie besteht». Mit diesem für die «kapitalistische Kultur» charakteristischen Gedanken sei eine «innerweltliche Askese» verknüpft, eine Enthaltsamkeit und Selbstdisziplinierung, die sich im Calvinismus als soziales Ethos, als gesellschaftsverkehrstauglicher Habitus ausgebildet habe. Jean Calvin hat sich nicht nur zur Askese geäussert, die er freilich nicht zu übertreiben, sondern in Balance mit dem recht verstandenen Genuss des Lebens zu bringen empfahl. In seinem Hauptwerk, dem «Unterricht in der christlichen Religion», verrät er auch, wie wichtig ihm der Beruf, der so zur Berufung wird, für das gottgefällige Leben sei.
Calvin gilt der Beruf (in der 1559 erschienenen letzten Fassung seiner «Institutio») «gewissermassen als Wachposten, den uns der Herr zugewiesen hat, damit wir nicht unser Leben lang umgetrieben werden». So steht es im Schlussabschnitt des Kapitels «Wie wir das gegenwärtige Leben und seine Mittel gebrauchen sollen», den Weber nicht eigens in den Blick genommen zu haben scheint. Die «brennende Unrast», die den Menschengeist – man darf mit Weber sagen: nach der reformatorischen Entzauberung der Welt – befällt, wird von Calvin in die Bahnen nützlicher, begrenzter wie begrenzender Tätigkeiten gelenkt, die dem Gemeinwohl ebenso dienen sollen wie dem Seelenheil.
Heute
Die einer solchen Berufspflicht entsprechende «ethische Maxime», so erläutert Weber, müsse im «siegreichen» Kapitalismus» nicht mehr subjektiv angeeignet werden. Es läuft, heisst das, auch so. Der Kapitalismus «zwingt dem Einzelnen, soweit er in den Zusammenhang des Marktes verflochten ist, die Normen seines wirtschaftlichen Handelns auf». Er sei, so das legendär-düstere Bild, zu einem «stahlharten Gehäuse» geworden, aus dem jener Geist innerweltlicher Askese, nachdem er seinen Dienst getan hat, entwichen sei, aus dem es für die Menschen aber kein Entrinnen gebe. – Anzufügen bliebe aus heutiger Erfahrung: Berufe sind keine Calvinschen Wachposten mehr, die uns vor dem Umgetrieben-Werden bewahren. Sie sind, in Zeiten des notgedrungen flexiblen Menschen, die Unrast selbst." Stets auf Posten, Max Webers «Geist des Kapitalismus» und Jean Calvins Berufsethik, Wenzel, NZZ 11.7.09

- Niklas Luhmann: Kausalität im Süden

"Zusammenfassung: Politische Entwicklungsplanungen, die rechtliche und monetäre Mechanismen benutzen, haben sich als wenig erfolgreich erwiesen. Widerstand gegen Modernisierung ist, infolge dieser Erfahrung, durch Faktoren wie "Tradition", "Kultur", "Mentalitäten" erklärt worden. Aber solche Erklärungen sind mehr oder weniger tautologisch geblieben. Es wird vorgeschlagen, sie durch einen Faktor zu ersetzen, den man als "soziale Konstruktion" von Kausalität bezeichnen könnte.
Nach jahrzehntelangen Forschungen über Kausalattribution und Wahrnehmung kausaler Beziehungen kann man nicht mehr davon ausgehen, daß Beziehungen zwischen Ursachen und Wirkungen objektive Sachverhalte der Welt seien, über die dann wahre bzw. unwahre Urteile möglich sind. ... " Luhmann, s. http://docs.google.com/Doc?docid=0Af1zNho8N6c8ZGZ4YnByaHBfODM3Z21yNzNoaHA&hl=de

- Doleys : "In Deutschland werden pro Jahrca. 25.000 Herzklappen ersetzt. ..." beginnt ein Artikel über die Verwendung von Matrix-Transplantaten (LABORWELT Nr. 4/09, S. 28ff., www.corlife.eu) Da befindet sich Deutschland zweifellos in der Moderne: spezialisierte Ärzte, Wissenschaftler und Techniker verlängern massenhaft das Leben von Patienten, die anderswo, in nicht-modernen Ländern, sterben würden. Dieser Massenmarkt unterhält sich selbst, auch das ein wichtiges Merkmal von Moderne, die Individuen muten sich lange, entbehrungsreiche und mühselige naturwissenschaftliche Ausbildungen, danach Weiterbildungen zu, die fortwährend immer neu Disziplin fordern und festigen. Kann man da nicht von einer disziplinierten, okzidentalen Berufsmentalität sprechen? Von einer Disziplinkultur? Schließt das nicht an die Berufsgesinnung des Protestantismus, speziell des Calvinismus an? Für Süditalien ist natürlich die lange orientalische Besetzung durch die Türken von großer Bedeutung (was auch für den Balkan und Griechenland gilt).
Warum funktioniert die Industrialisierung in Süditalien so schlecht, warum gibt es in den Montagewerken Fiats so viele Arbeitsausfälle? Hier müßte doch Luhmann ansetzen: die Süditaliener beschweren sich nicht über ihren lässigen Lebensstil, sondern darüber, daß sie weniger Wohlstand pro Kopf und Gemeinde besitzen als ihre weniger lässigen norditalienischen Landsleute, die in der Moderne leben und im Dreischichtensystem. Wohlstand ist an die Industrie geknüpft, die nicht von römischen Beamten organisiert wird, die ab 14h Kaffee trinken gehen, sondern von professionellen Unternehmern vom norditalienischen Schlage der Agnellis, also "kapitalistisch" organisiert. Nicht von "durchregierenden" Politkommissaren wie dem SED-Fachkommunisten Mittag, die den Niedergang nur geringfügig verlangsamen, sondern von ruhelosen Betriebswirten ohne Pensionsberechtigung nach 2 Ministerjahren. Können wir nicht sagen, daß dem "Mezzogiorno" Italiens eine industriegeeignete "Arbeitskultur" fehlt, so daß große, politisch induzierte Industrieinvestitionen
seit Jahrzehnten bis heute nicht den Erfolg gezeitigt haben, den sich alle erwartet haben, einschließlich der Anstoßeffekte bis hin zu kleinen Medizintechnikfirmen, obwohl die Löhne im Süden geringer sind? Das gleiche wird aus Südafrika, Zimbabwe, Nigeria etc. berichtet. In Südostasien, namentlich in Südchina funktionieren Industrieinvestitionen aber seit der Abschaffung des Maoismus recht gut, besser als in Indien mit seinen Gewerkschaften, wo es aber auch besser gedeiht als in Rußland und in Nordkorea.
In allen diesen Ländern fehlt es an industriegeeigneter "Arbeitskultur" mit Anschlußfähigkeit an calvinistische Orientierungen (vgl. für Japan Analoges bei David Landes, Armut u. Wohlstand der Nationen) , obwohl heute an jeder Ecke der Welt rechenhafte, "calvinistische" Betriebswirtschaft massenhaft gelehrt wird, also über das Kopieren einfach übernommen werden kann und dies zuerst Japan in großem Stil erfolgreich und beispielhaft durchgeführt hat und jetzt durch China exerziert wird.
Ähnlich pragmatisch wie beim Begriff der KULTUR kann man bei dem der KAUSALITÄT verfahren. Ohne lange Diskussion des Begriffs und seiner Auffächerungen und der Beobachtungsbedingungen kann man feststellen, daß das katholische Lateinamerika zwar nicht ärmer geworden ist seit 1700, daß es aber viele Male von dem protestantischen, um 1700 viel ärmeren Nordamerika im Hinblick auf Technik, Naturwissenschaft, Wohlstand, Individualismus und politische Stabilität überholt wurde. Innerhalb Lateinamerikas sind die Mennoniten und ihre Wohlstandsinsel, an der ganz Paraguay ökonomisch hängt, besonders auffällig. Ähnliches, aber weniger stark gilt für in der Geschichte protestantisch beeinflußte Landesteile Osteuropas im Vergleich zu katholischen und orthodoxen Stammlanden. Obwohl sich die Unterschiede in Deutschland, die Max Weber anstießen, sich mit dem Thema zu befassen (M. W, Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus), inzwischen verwässert haben, fand Meinh. Miegel "Arbeitskulturelle Unterschiede in Deutschland", so der Titel der lesenswerten Studie.
Warum also vermeidet Luhmann den Blick auf die konkreten Phänomene und verliert sich in theoretischen Überlegungen, die am Ende wenig erklären?