Montag, 28. Juni 2010

Der Weimaraner





Der Weimaraner

Er war dann mal weg vom Nebentisch auf der Restaurantterrasse und lief mit. Mal voraus, mal hinterher, wie die Börse der Realwirtschaft. Aber er lief mit. Schnupperte hier, markierte dort. Bei der Umkehr drehte er auch, beim Abzweig links ebenso wie beim Abzweig rechts. Kein Zweifel, er war ein echter Mitläufer, ein echtes Rudeltier, nicht direkt ein Mensch, aber doch sehr menschlich.

Sonntag, 27. Juni 2010

Gipfel





Gräser, Schlangenknöterich und Hornklee dominieren die Wiese Ende Juni - 9 bis 27°C



Das ist der Gipfel

Es ist der Gipfel, wenn schon morgens im Zeitzeichen des Rotfunks der Bergschrat Messner gewürdigt wird, der seinem jüngeren Bruder zu einem frühen Tod verhalf. Wenn solche Idioten das Risiko suchen und ihre Zeit mit Gipfelstürmerei totschlagen, dann bedarf das höchstens der Kritik.

Mehr als Gipfelklamauk und Spesenritterei gab es wohl in Kanada bei G-20 auch nicht. Der französische Staatsschauspieler Sarkozy und die deutsche Steuererhöherin (M.st. von 16 auf 19% Juli 2006) Merkel sind mit ihrer Steuererhöhungsinitiative gescheitert. Sie wollen ihren Unsinn aber in der EU durchdrücken. Auf daß die EU eine SEU werde, eine SteuerEhöhungsUnion.
Die keynesianisch gesonnene Obama-Verwaltung will weiter Schulden machen zur Konjunkturankurbelung und keine Steuern erhöhen. Der Ökonomie-Nobelpreisträger Krugman begleitet die US-Position mit entsprechendem akademischen Geschrei. Recht hat er aber darin, eine weltweit einheitliche Regulierung der Finanzmärkte nicht anzustreben, weil dann eventuell die gleichen Fehler global gemacht würden.
Das ist ein hayekianisches Argument und fand bei der abschließenden Podiumsrunde "Regulierung der Finanzmärkte - aber wie?" der Hayek-Tage in Münster die Zustimmung aller Podiumsredner (Thorsten Polleit, Klaus-Werner Schatz, Joachim Starbatty, MdB Frank Schäffler, Walch). Ansonsten gingen die Positionen etwas auseinander. Das konnte kaum anders sein, auch wenn die Standpunkte nicht fundamental gegensätzlich waren wie im Falle Keynes und Hayek, Hayek und Myrdal, Krugman und Sinn. Grundsätzlich ist es bei den Volkswirten nicht anders als bei den Juristen: 5 Fachvertreter präsentieren 6 Meinungen. Kants "Streit der Fakultäten" ist längst zu einer internen Auseinandersetzung innerhalb der Fächer geworden und erstreckt sich auf alle geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächer mit der Tendenz zur Ausdehnung auch auf die naturwissenschaftlichen (CO2-Legende zB).
Dabei wird es bleiben und Hayek bestätigen: es gibt kein allgemein gültiges zentrales Wissen. Globale Vereinbarungen bedürfen einer großen Offenheit, nicht nur, weil die Unterschiede weltweit groß sind, sondern auch, weil niemand über ein sicheres Wissen verfügt, welche Lösungen die besten sind. Erare humanum est, wußte bereits die Antike. Diesen Erkenntnisvorbehalt stets mitzudenken, ist der Gipfel aller Erkenntnis.

- Neues VW-Werk: Wer hätte 1980 gedacht, daß das größte VW-Werk 2010 in Schanghai stehen würde? Es ist auch weltweit die größte Autofabrik.

Samstag, 26. Juni 2010

Ein Wiener in der Welt- Hayek




Friedrich August von Hayek



- Ein Wiener in der Welt: Friedrich August von Hayek - ein liberaler Ökonom aus Wien, der nach London ging, dann nach Chicago, schließlich nach Freiburg. Sein WEG IN DIE KNECHTSCHAFT von 1944 analysierte er die Bedingungen fuer das Aufkommen des Totalitarismus und machte ihn über die Ökonomie hinaus bekannt. Er bekam 1973 den Nobelpreis fuer Volkswirtschaft zusammen mit Gunnar Myrdal. Die Hayek-Gesellschaft pflegt sein Erbe - er starb 1992 - unter anderem mit den jährlichen Hayek-Tagen.
Hayek war ein breit interessierter Ökonom, ein fundierter Gegenspieler gegen Keynes und den Staatsinterventionismus, der weit in die Sozialphilosophie und Erkenntnistheorie hineindachte.
Die Hayek-Tage fanden dieses Jahr in Münster statt. Im Mittelpunkt standen die Lehren aus der Finanzkrise.

Mittwoch, 23. Juni 2010

Zeit, Schule und Verstand

" Denn dies habe ich seit jeher für die vollkommene Philosophie gehalten, fähig zu sein, über die wichtigsten Fragen gedankenreich und schön zu reden. " Cicero, Gespräche in Tusculum, I, 7 - 

Non vitae, sed scholae discimus: „Nicht für das Leben, sondern für die Schule lernen wir.“ (Moralische Briefe an Lucilius (Epistulae morales ad Lucilium), Buch XVII, Brief 106, 12) "Selbst wenn noch eine lange Lebensdauer übrigbliebe, müßte man sie sparsam aufteilen, damit sie für notwendige Dinge ausreiche: Doch welch ein Wahnsinn ist es nun, Überflüssiges zu lernen bei diesem großen Zeitmangel! Leb wohl!" (49. Brief an Lucilius, Seneca) "Zeit, die nicht einmal für notwendige Dinge ausreichen kann ... Vale" Seneca 

 Da ist es doch erfreulich, daß sich Bundesbildungsministerin Schavan, die zeitlebens nach dem Theologiestudium nur ein Beamtenleben gefristet hat, daran erinnert, daß nicht Gott das Leben der Bürger bezahlt, auch nicht das Landesamt für Besoldung und Versorgung, sondern daß die Bürger für ihren Lebensunterhalt selbst Geld verdienen müssen. Und also sollen "Bildungslotsen" den Schülern ab der siebten Klasse in den Beruf helfen. Hießen sie dann nicht besser "Berufslotsen"? Das klingst der Theologin wohl nicht gut genug. Egal, es ist eine gute Initiative, die man besser schon 1970 ergriffen hätte. Und mit einer Herabsetzung der Schulpflichtjahre begleiten würde. Denn die Desorientierung von beamteten Lehrern ist groß, und je kürzer ihr desorientierender Einfluß währt, desto besser für den Schüler. - 

Kein Mathematiker und Philosoph als Präsident in Kolumbien gewünscht: Mockus bekommt keine Chance, die Untauglichkeit seiner pädagogischen Methoden gegenüber den Terroristen der FARC vorzuführen. Vielleicht sagten sich die Wähler, daß Bildung leicht dumm macht. - Islam-Debatte: Patrick Bahners ist ein sehr gebildeter FAZ-Feuilleton-Chef und gibt uns Bericht von einer Veranstaltung der Naumann-Stiftung zum Islam mit Kelec, Lindner, und dem auch ausgesprochen gebildeten Herrn Safranski (" Na, na, na, Herr Safranski!", FAZ 20.6.10) Die am wenigsten gebildete Teilnehmerin Kelec hatte dafür etwas zu sagen, vielleicht, weil sie die Leute kannte, über die gesprochen wurde, und den Koran gelesen hatte. Karl Heinz Bohrer meinte werbend: " Wissen aneignen kann sich jeder Vollidiot - im Merkur dagegen geht es um Reflexion. " Gut, gut! Aber, wenn wir genau hinsehen, kann nicht auch die Reflexion arg idiotisch sein?

Dienstag, 22. Juni 2010

Wolf Doleys, Hauptsache: Studium, Ein Dialog diesseits von Tusculum





Wer zwei Paar Hosen hat, mache eins zu Geld und schaffe sich diese Bücher an.
Georg Chr. Lichtenberg



Wolf Doleys, Hauptsache: Studium,
Ein Dialog diesseits von Tusculum
(aus: Wolf Doleys, Enfant perdu, Essays)

"Du auf dem SiemensNixdorf-Stand - das ist eine Überraschung!"
"Und umgekehrt - du auf der CeBIT!"
Die beiden begrüßten sich über den Info-Tisch hinweg und sahen sich skeptisch erfreut an. Man war sich damals auf der Schule nicht besonders nahe gekommen; aber Zufälle wie ein gemeinsamer Stau am Biebelrieder Kreuz, das gleiche Krankenhauszimmer nach einem sportlichen Bänderriß oder eben gar Jahre in einer Schule und Klasse sind in der Lage, zwei Individuen miteinander zu verbinden; in einer masse-nervösen Messe-Landschaft schafft das eine intime Insel. Praktisch seit dem Abitur hatte man sich nicht mehr gesprochen. Da erwacht Neugier auf fremde Lebensläufe.

Was wird nach Vektorrechnung, Cäsar-Übersetzung, Eigenkirchenrecht, "Macbeth" auf ShakespeareEnglisch, Celan und den anderen Köstlichkeiten, was wird nach dem Abitur?

"Ich will mich 'mal breit und anonym informieren; die CeBIT ist eine gute Gelegenheit, viele Anbieter gleichzeitig zu besuchen, nicht nur SNI; nach eurer Vor-Messe-Werbung seid ihr natürlich die einzigen für den Mittelständler; was für eine Konfiguration würdest du denn meinem Möbelbetrieb verpassen wollen?"
"Was, du bist bei den Möbeln gelandet? Hattest du nicht Betriebs- oder Volkswirtschaft studiert?"
"Das weißt du noch? Tatsächlich habe ich Betriebswirtschaft angefangen; als mir ein entfernter Onkel aber die Nachfolge und seinen Betrieb dazu anbot, nach Training on the job natürlich, hab' ich das Studium abgebrochen und die Betriebs- und Volkswirtschaft den Akademikern überlassen; ich hab's nicht bereut, Sesselpuper ist nicht mein Temperament, eher hätte ich gleich im Betrieb an fangen sollen. Wie bist denn du zu SNI gekommen, hast du nicht Geographie und Englisch oder so studiert?"
"Ja, stimmt, Werner, allerdings Französisch, durchaus studiert, mit heißem Bemühn, und heiße Doktor gar, sieh'ste hier auf'm Schild, gab aber nach dem Examen keine Stellen mehr für solche Fächer, war dann länger arbeitslos, bis zur Umschulung bei Nixdorf, und klebe hier immer noch, bis mich die Umstrukturierung doch noch erwischt - die damals mit umgeschult haben, ins gesamt viereinhalbtausend hoffnungsfrohe Staatsexaminanden, sind schon alle wieder draußen, hatten schon wie der auf's falsche Bildungspferd gesetzt, du weißt, die Nixdorf-Pleite und der Zusammenbruch der Hardwarepreise. Die Personaleinsparungen laufen noch immer. Bevor ich dran bin, verkauf' ich dir aber noch die passenden Möbel-Work-Stations."
"Sachte, sachte, Michael, bis mir dein Vorname wieder da war, hat's etwas gedauert; erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt - kann man ja auch für unsere Karrieren sagen. Ich weiß noch gar nicht so genau, ob ich was Neues brauche - mehr EDV schafft auch mehr Probleme. Falls ich nichts kaufe oder bei IBM, wie bisher, und du deinen Verkäuferjob gleich verlierst, kannst du ja zu mir kommen und die Betriebsgeographie übernehmen."
"Ich nehm' dich beim Wort, wenn du mir die EDV dazugibst; allerdings, genau betrachtet, kann ich auf die eigentlich ganz gern verzichten - aber im Ernst, ich bin kein schlechter Verkäufer, das hält mich in dem Job hier - sowas muß man nach Abitur und Studium merken."
"Ja, ja, sich erstmal strebend bemühen, die höheren Gefilde anpeilen, Kind, mach' doch noch ein Studium, die Kinder müssen ja immer was Besseres werden, 'was Besseres durch Bildung, das ist vor allem der Mütterfimmel, und bei den kleinen Leuten, und speziell den Beamten, grassiert die Vorstellung, daß du halt ab Abitur und Studium 'was Besseres bist, das alte Schlips-und-Kragen-Syndrom, nicht wegzukriegen, dabei: was sind schon zehn Regierungsräte gegen einen guten Koch?"
"Insofern stellt der spitze Lafontaine unter Beweis, daß auch Spitzenpolitiker dazulernen können.- Das einzige, was mich damals im Geschichtsunterricht wesentlich beeindruckt hat, ich hätte mir das vorher gar nicht vorstellen können, war das königlich-väterliche Bildungsverbot, als der junge Friedrich, der dann der alte Fritz wurde, Interesse fürs Gelehrte zeigte. Aber es hat nichts genutzt, in keiner Richtung, weder hat der junge Fritz auf seinen rü­den Erzeuger gehört, noch war das Ergebnis seines von der Mutter inspirierten Bildungstrips sehr überzeugend: nach dem Anti-Machiavell hat er erstmal Raubkriege geführt, Va-banque-Kriege, die er nur durch das Glück des Spielers gewonnen hat; sein Alter war zwar ungebildet und gewalttätig, aber politisch ein Friedenstäubchen.- Das ist wahrscheinlich der Geburtsmakel von Bildung überhaupt, sie nutzt nichts, immerhin, sie schadet vielleicht auch nicht viel, den Zeitfaktor einmal außer acht gelassen, und wirkt ganz dekorativ, paßt gut zu weißer Rauhfaser, Schleiflack und Richard Sapper."
"Sei nicht ungerecht, Bildung hat `was echt Universelles, paßt auch zu Eiche und Spitzendeckchen, ein wunderbares Passe-partout.-
Wenn für dich eine Veränderung wirklich in Frage kommt, sollten wir vielleicht Kontakt halten; wir sind in der Akquisition und Kundenbetreuung nicht besonders stark. Das macht mir vor allem ein Innenarchitekt, der außer einem sehr guten Diplom nicht übermäßig viel vorzuweisen hat. Wenn du bei Nixdorf überlebt hast, kannst du nicht so schlecht sein wie damals in Mathematik."
"Oder du in Deutsch; du hast recht, Nixdorf war eine Lektion, sozusagen überlebensgroß, learning by doing; Mathematik hab` ich übrigens seit dem Abitur nicht mehr gebraucht; mein haushälterischer Umgang damals mit dem numerischen Stoff war inspiriert durch die Lektüre des Braven Soldaten Schwejk; das hat sich als richtig erwiesen; leider ist diese fächerübergreifende Befruchtung ein Einzelfall geblieben; ich vermute, du hast seitdem auch keine Lyrik mehr auf Alliterationen und ihre strukturbildende Funktion hin abgeklopft oder auktoriale von anderen Erzählern abklamüsert.-
Wie wär's, wenn du mich 'mal in deinen Betrieb einlüdest, ich mach' dir einen EDV-Status mit konkreten Angeboten; vor Ort läßt sich dann auch über alles andere besser reden; ich muß durchaus nicht noch zehn Jahre Computer verkaufen."
"Einverstanden, seien wir nicht akademisch, laß 'uns gleich einen Termin machen, du siehst dir den Laden an und machst mir konkrete Vorschläge; hier gibst du mir einen kurzen Überblick über das, was ihr grundsätzlich für kleine Betriebe anbietet." "Gemacht; wie wär's eigentlich, wenn wir die Betriebsbesichtigung etwas auffüttern würden, so in Richtung Klassentreffen, vielleicht sogar mit Exlehrer-Beteiligung, war ja damals auch ganz nett, vielleicht unter dem Arbeitstitel 'In der Schule lernt man eh bloß Quark' ? Sollte jemand Seneca für bedeutender halten als Marius Müller-Westernhagen, bieten wir natür lich alternativ an: Non vitae, sed scholae discimus."

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Non vitae, sed scholae discimus: „Nicht für das Leben, sondern für die Schule lernen wir.“ (Moralische Briefe an Lucilius (Epistulae morales ad Lucilium), Buch XVII, Brief 106, 12)