Bei der Herstellung des Volonté générale (Einheitswillen) müssen alle Opfer bringen.
Wem fiele da nicht Robert Michels ein und sein ehernes Gesetz der Oligarchie, wie er es in seinem Werk zur Parteiensoziologie darlegte: Die Bonzen, zuerst gewählt, erlangen durch ihre Stäbe, die Parteiorganisationsmaschine und Hinterzimmerkommissionen die Herrschaft über die einfachen Parteimitglieder. So festigen sie ihre Macht und stellen die Einheit der Partei her. Wohlwollend, oder weniger wohlwollend. Müntefering soll seine Abgeordneten regelmäßig angewiesen haben, sich daran zu erinnern, wem sie ihr Mandat verdankten. Kanzleramtsminister Pofalla soll bei der Herstellung der Einheit der Fraktion zur Euro-Abstimmung seinem Abgeordneten Bosbach gesagt haben, er könne dessen “Fresse nicht mehr sehen” (web.de-Nachrichten). Die Sozialistische Einheitspartei SED schließlich steckte schon bei Verdacht uneinheitlicher Gedanken ihre Mitglieder ins Gefängnis.
EINHEIT ist nicht nur der Parteienoligarchie wichtig, auch der jeweiligen Regierungsoligarchie, ob gewählt oder nicht. Der Einheitsgedanke sichert ihre Macht über die Beherrschten. Nur ein Dorf- und Naturtrottel wie Rousseau kann annehmen, daß ein Volonté générale der Freiheit diene. Die Freiheit der Bürger bedroht die Macht der Oligarchien, insbesondere in Demokratien, weswegen es der politischen Erziehung bedarf, damit die Bürger richtig, also oligarchiefreundlich wählen. Vielfalt erschwert den Oligarchen den Überblick, sie fühlen sich dann unwohl. Vielfalt bedeutet aber, daß die Bürger ihre Angelegenheiten individuell regeln können, jeder nach seiner Fasson. Diesen Spielraum wollen die Partei- und Regierungsoligarchen aber als Quelle für ihre Machtunsicherheit möglichst gering halten. Deswegen haben sie u.a. den 4-Jahres-Blankoscheck eingeführt, damit die Bürger ihnen wenigstens in dieser Zeit möglichst wenig dreinreden können. Wirklich einheitsstiftend. Und machterhaltend.
Mirabeau übrigens fand die vielen Deutschländer seiner Zeit ganz prima - mehr Freiheit sei in den Deutschländern immer nur eine Tagesreise entfernt - was in x verboten sei, sei in y erlaubt.
Montag, 3. Oktober 2011
Sonntag, 2. Oktober 2011
Vier Etappen sollt ihr sein
Interessanter Lebenslauf, interessantes Buch, keine Rousseau-Schwafelei
Die vierte Rousseau’sche Entwicklungsphase im EMIL umfaßt die Jugendjahre von 15 bis 20. Bei den vorhergehenden Etappen besteht der Hauptmangel darin, daß R. die konkreten Kenntnisse fehlen, die er bei der Erziehung seiner eigenen Kinder, die er nach der Geburt sofort aussetzte, hätte gewinnen können. Dazu zählt auch, daß Kinder sich so unterscheiden, wie es Erwachsene auch tun, sie sind Individualitäten, denen man gerecht werden muß, will man das Kind erfolgreich nach seinen eigenen Systembedingungen wachsen lassen. Was für das eine Kind gut ist, kann für ein anderes schlecht sein. Die Erzieher brauchen kein aufgeblasenes Papierprogramm wie den EMIL, sie brauchen konkrete Beobachtung und Einfühlung, um das individuelle Kind differentiell zu erfassen.
Das gelingt nicht, wenn man bedrucktes Papier im Kopf hat wie R.
Bei der vierten Erziehungsetappe nun begreift Rousseau praktisch nichts mehr. Sie steht unter dem Ziel der Eingliederung in die Gemeinschaft, womit er eigentlich die Gesellschaft meint. Mitglied von Gemeinschaften ist das Kind von Beginn an, seine Beziehungen wachsen von der Mutter, die es schon während der Schwangerschaft kennenlernt, in die Familie, zu den Großeltern, Nachbarn, Kameraden und Spielgefährten, zu vielen Personen des Nahbereichs einer Siedlung.
Mit Beginn einer Lehre, zu Rousseaus Zeiten also mit etwa 12 Jahren, treten fremde Personen auf, denen es sich in ungewohnt hohem Maße anpassen muß, oft verbunden mit einem Wechsel an einen fremden Ort, vielfach angehängt an die fremde Familie des Lehrherrn (vgl. Karl Ph. Moritz, Anton Reiser). Die Gestaltung dieses Hinausgehens in die Gesellschaft, die nach anderen, abstrakteren und allgemeineren Regeln funktioniert als die Gemeinschaft, stellt erhebliche Ansprüche an den jungen Menschen. Dieses Problem erkennt R. gar nicht, weil er nicht zwischen Gemeinschaft und Gesellschaft unterscheidet (vgl. Ferd. Tönnies, Gemeinschaft und Gesellschaft; Max Weber, Soziologische Grundbegriffe).
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Samstag, 1. Oktober 2011
Er konnte es einfach und hatte nicht einmal “Robinson Crusoe” gelesen

Zwischen 12 und 15 soll der junge Mensch seine geistigen Fähigkeiten ausbilden, in der dritten Entwicklungsetappe, meint Rousseau in seinem EMIL.
Geographie und Mathematik soll er lernen, “Robinson Crusoe” lesen, und sich auch ein Handwerk aneignen. Auch ein blindes Huhn stolpert gelegentlich über ein Korn. Praktische Fertigkeiten zu erlernen, das gehört zur Lebenskompetenz für alle. Für manche ist es sogar das Wichtigste und das alleinige Tor des Begreifens. Aber hätte sich Rousseau nicht pausenlos um sich selbst gedreht, hätte er wohl bemerken können, daß die Kinder sehr unterschiedlich sind und zu verschiedenen Zeiten Verschiedenes lernen.
Mindestens hätte er das aus den Lebensläufen seiner berühmten und früh entwickelten Landsleute Villon (1431-63) und Pascal (1623-62) erschließen können. Villon lernte nicht auf dem Land, sondern in den Gassen von Paris eine Menge, und der junge Pascal, der keine Schule besucht hat, interessierte sich nicht für die Sprachen, zu denen sein Vater ihn zwingen wollte, sondern erfand freiwillig für sich als Zwölfjähriger die Euklidische Geometrie. Mit 16 verfaßte er einen Aufsatz über Kegelschnitte. Man kann also früh mit allen Unterrichtsgegenständen beginnen, wofür ein Kind Interesse zeigt, völlig unabhängig vom Alter. Dagegen trägt es nicht weit, Gegenstände zu lehren, die auf kein Interesse stoßen. Einen Rousseau hätte niemand dazu bringen können, eine Rechenmaschine zu erfinden, Pascal machte das mit 19 aus eigenen Stücken.
Selbst für scheinbar ganz selbstverständliche Dinge wie das Laufen gilt das. Angela Merkel, die sich heute blitzschnell um 180° drehen kann, war noch mit 12, nach eigenem Bekunden, ein “Bewegungsidiot”.
Freitag, 30. September 2011
Kühe haben einfach mehr zu bieten

Der Hermann-Lietz-Gehilfe Andreesen dachte Rousseau weiter und gründete 1928 eine Hermann-Lietz-Schule auf der Insel Spiekeroog
(Bild: Huebi / Wiki.)
“ Ich lese in meinem Herzen, und ich kenne die Menschen.
Ich bin nicht wie einer von denen geschaffen, die ich gesehen habe; ich wage sogar zu glauben, daß ich nicht wie einer der Lebenden gebildet bin.
Wenn ich nicht besser bin, dann bin ich wenigstens anders. “
Rousseau, Bekenntnisse
So ein Halbgott weiß alles, und da bestimmt er die zweite menschliche Entwicklungsperiode im EMIL ODER DIE ERZIEHUNG auf die Jahre 5-12, die die Kinder auf dem Lande naturnah verbringen sollen. Im Mittelpunkt steht die Auseinandersetzung mit der Umwelt, meint Rousseau.
Das leuchtet spontan ein, denn vorher ist das Kind bekanntlich taub und blind, es schreit nur dauernd, weswegen unser Erziehungsexperte R. seine fünf Schreihälse gleich auf Nimmerwiedersehen aus dem Haus verbannte.
Sokrates und seine Freunde sahen den Ort für Weisheit und Zivilisation damals allein in der Stadt, viele schlossen sich dieser Sicht an, und der Unterschied zwischen Stadt und Land war groß bis in das 20. Jahrhundert.
Aber Rousseau entdeckte eben kraft seines Genies, daß Kühe und Apfelbäume einen bedeutenderen Beitrag für die menschliche Reifung besitzen als das Leben in der Stadt, das die jungen Menschen mit der städtischen Zivilisation bedroht.
Daraus schöpfte die Landschulbewegung in Deutschland und Europa, zahlreiche Land-Schulen entstanden, Salem am Bodensee, der Birklehof im Schwarzwald, und, ja, die Odenwaldschule auch. Von der wissen wir inzwischen viele Interna, und wir können jetzt erst richtig verstehen, wie gesund das Internatsleben auf dem Lande ist. Fern der Stadt kann man mit den Kindern einfach mehr machen.
Donnerstag, 29. September 2011
Boswell verhilft zu einem lichten Moment

Montaigne (1533-1592) empfahl: "Im übrigen muß meine Erziehungsweise mit zwar strenger, aber freundlicher Güte betrieben werden".
(Essais, Über die Knabenerziehung, Stilett S. 90)
Alle Erkenntnis ist Konstruktion, nicht Wahrheit. Durch Beobachtung lassen sich aber viele Daten erheben, die nicht falsch zu sein brauchen, die sogar richtig im Sinne einer systemischen Richtigkeit sein können. So hat es der Entwicklungspsychologe Jean Piaget gehalten, indem er seine eigenen Kinder genau beobachtete und ihr Verhalten dokumentierte. Man mag einwenden, daß es diesem Zugriff an Breite fehle und daß Piagets Perspektive zu eingeschränkt kognitiv sei, aber das kann nur als Hinweis verstanden werden, daß Forschung eben vieler Forscher bedarf, um komplexen Sachverhalten durch möglichst viele Perspektiven annäherungsweise gerecht zu werden.
Ein intelligenter Kopf wie Rousseau braucht natürlich keine Beobachtungen, weswegen er seine fünf Kinder direkt ins Findelhaus bringen konnte. In seinem EMIL ODER DIE ERZIEHUNG teilt Rousseau die Entwicklung in vier Abschnitte, der erste endet mit fünf Jahren, ihn sieht er im Zeichen der zwanglosen körperlichen Kräftigung. Echolalie, Mutter-Kind-Interaktion, Krabbeln und Raumerkundung, Begreifen, Spracherwerb, Laufenlernen, Nahraumerkundung, Kind-Kind-Interaktion, instrumentelles Verhalten - all das, was alle Eltern immer beobachten konnten, wonach sich gute Eltern instinktiv richten, all das kommt bei dem Sesselschreiberling nicht vor.
So kenntnislos und undifferenziert kann wohl nur ein Rousseau sein. Seine Stärke war das eloquente Schwafeln, das bis heute die Schwafelwissenschaften beeindruckt.
“Ach, das ist alles bloß Gefasel”, erwiderte Rousseau auf Boswells Frage, wie er zu seinen eigenen Büchern stünde.
(James Boswell, Besuch bei Rousseau und Voltaire, EVA 1981, S. 81)
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