Mittwoch, 22. August 2018
Riesenschultern
“Es ist lustig zu lesen und zu bemerken, welchen sonderbaren Einfluß der böse Nebel auf Menschenköpfe gehabt hat. Ein neuer Beweis liegt vor uns: In … ist ein Auszug eines Schreibens … von lauter Unwahrheiten vollgepropft.”
Nein, da ist nicht von Müller-Jung (FAZ) die Rede, nicht von Michael Odenwald (Focus), sondern von Frankfurter Journalisten von 1783. Die phantasierten über den Höhenrauch im Frühsommer, einen aggressiven Trockennebel, der von mehreren Vulkanausbrüchen in Island stammte. Es stank auch nach Schwefel. Da wären ja unsere Spezialjournalisten im Viereck gesprungen.
Und dann erst die Sommerhitze von 1783: Es “stellte sich eine außergewöhnliche Hitze und langanhaltende Trockenheit ein, die den ganzen Sommer über andauerte.”
Da wären Michael Odenwald (Focus) und Müller-Jung (FAZ) mit Schildern ausgezogen, mit Aufschriften wie DAS ENDE IST NAHE! und DIE HÖLLE WILL UNS VERSCHLINGEN! Bis Schilda wären sie gelaufen, weinend und jammernd.
Merke: Wir Jammerzwerge stehen auf den Schultern von Riesen!
(Zitate: Rüdiger Glaser, Klimageschichte Mitteleuropas, 2001, S. 204f.
Dienstag, 21. August 2018
Invasion 1968
Alle Wege des Sozialismus führen zu Armut oder Gewalt. Oder zu Armut und Gewalt: Moskau 1917, Spartakusaufstand Hamburg Oktober 1923, Berlin 1953, Mauermorde, China 1927-1949, Baltikum 1945, Tschechien 1948, Ungarn 1949 und 1953, Kim-Putsch 1948 und Invasion Südkoreas 1950, Polen 1952, Kuba 1959, Kambodscha 1957, Nikaragua 1079, Venezuela 1999. Hungeropfer und Gewaltopfer zählen nach Abermillionen.
https://www.deutschlandfunk.de/vor-50-jahren-als-der-prager-fruehling-niedergeschlagen.871.de.html?dram:article_id=425910
Montag, 20. August 2018
Vererben war Amtssache
Die Syphilis war neu im Ottomanischen Reich, da wollte der Sultan seinen Horizont erweitern durch Lektüre. 1655 bekam er eine Zusammenstellung von Texten aus dem Westen, zumeist Übersetzungen, die jedoch alle rund hundert Jahre alt waren.
Wissen kaufte man ein, entwickelte es aber nicht selbst. Am einfachsten gestaltete sich das bei Fertigprodukten wie Kanonen und Musketen, die der westliche Freihandel frei Sultan lieferte. Das waren die bevorzugten Güter, aber auch andere westliche Erzeugnisse waren begehrt, allen voran Uhren, wie amtliche Erblisten ausweisen.
Brillen rangierten am hinteren Ende, vermutlich, weil der Anblick so fremdartig war. Wenn man an die Mechaniker denkt, dann macht das einen großer Nachteil aus, denn die fähigsten Handwerker sind die älteren, die bereits altersbedingt eine Nahsichtbrille brauchen, um genau arbeiten zu können. Uhrmacher brauchen sogar zusätzliche Lupen. Bücher und Karten rangieren ganz am Ende, was für das 18. Jahrhundert nicht erstaunt. Allerdings sieht das in den meisten türkischen Haushalten heutzutage in Deutschland auch nicht anders aus. Da steht der Fernseher, der oft den ganzen Tag läuft. Eine Wissenskultur ist fremd, denn - das war seinerzeit ein wirkmächtiges Argument gegen die Übernahme des Buchdrucks - ein Buch, der Koran, reicht. Hätte Herr A. gewollt, so das fromme Verständnis, daß die Muslime mehr erfahren, dann hätte er es in den Koran gegeben.
Vgl. Lewis, What went wrong, 2010, S. 39f.
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